Donnerstag, 26. April 2018

Kent Haruf: Lied der Weite

Quelle: Pixabay/skeeze
Holt, Great Plains, Colorado - eine fiktive Kleinstadt mit allen Bosheiten, Antipathien und Auseinandersetzungen, aber auch Freundschaften, Nettigkeiten und Geborgenheit, die das Zusammenleben von Menschen mit sich bringt. Holt ist der Schauplatz des Romanes "Lied der Weite" von Kent Haruf, erstmalig erschienen im Jahr 1999 und jetzt von Diogenes wieder entdeckt. 

Die Geschichte spielt in den 60er Jahren und wird in mehreren Handlungssträngen erzählt. Zum Einen ist da die 17-jährige Victoria Roubideaux. Das Mädchen ist schwanger und wird daher von ihrer lieblosen Mutter vor die Tür gesetzt wird. Victoria will das Kind behalten und sucht Hilfe bei der Lehrerin Maggie Jones. Sie bringt Victoria bei den beiden Mc Pheron-Brüdern unter. Die Brüder haben ihr ganzes langes Leben miteinander verbracht. Sie betreiben eine Rinderfarm, sind am liebsten gemeinsam einsam und leben zusammen wie ein altes Ehepaar. Sie sind nicht gewohnt, Fremde um sich zu haben. Nach anfänglichen Bedenken, eine schwangere 17-Jährige bei sich wohnen zu lassen, willigen sie schließlich doch ein. Victoria zieht bei den Männern ein, und die Drei raufen sich mit der Zeit zusammen, gewöhnen sich aneinander, so dass sie am Ende das Zusammenleben nicht mehr missen wollen.
"Die beiden sind so gutherzig, wie Männer überhaupt nur sein können. Sie sind vielleicht schroff und ungehobelt, aber das hat nichts zu bedeuten, es liegt nur daran, dass sie schon so lange allein sind. Stell dir vor, du müsstest ein halbes Jahrhundert allein leben, so wie sie. Das würde nicht spurlos an dir vorübergehen. Lass dich also von ihrer rauhbeinigen Art nicht abschrecken. Ja, sie haben ihre Ecken und Kanten. Die sind eben nie geglättet worden." (S. 156)
Quelle: Diogenes
Maggie ist die Kollegin von Tom Guthrie, der mit seinen beiden Jungs, 9 und 10 Jahre, ebenfalls in Holt lebt. Seine Ehefrau, die man anfangs als seelisch angeschlagene Person kennenlernt, verlässt ihre Familie und zieht nach Denver. Das Zusammenleben zwischen den beiden Eheleuten scheint nicht zu funktionieren. Kent Haruf rückt leider nicht mit den Hintergründen zu den Problemen der Eheleute heraus. Die beiden Jungs halten zusammen wie Pech und Schwefel. Auch wenn sie ihre Mutter vermissen, versuchen sie an den Alltagsroutinen festzuhalten. Jeden Morgen Zeitungen austragen, danach Schule, nachmittags die Tiere zuhause füttern. Kindsein in Holt scheint nicht leicht zu sein. Es gibt Erwachsene, die behandeln die Kinder sehr verächtlich und spielen ihre angebliche Überlegenheit aus. Den beiden Jungs steht ihre gute Erziehung im Weg, um sich gegen diese Erwachsenen zur Wehr zu setzen. Glücklicherweise gibt es auch Mitbewohner in Holt, die den Kindern sehr wohlwollend begegnen und sie ernst nehmen.
Der Vater Tom hat neben den Mühen, seinen Kindern ein ansprechendes Zuhause zu bieten, Probleme an seiner Arbeitsstätte. Er gerät mit einem Schüler aneinander, der die schwangere Victoria (hier schließt sich der Kreis wieder) gemobbt hat. Am Ende erntet der Schüler einen Schulverweis, was wiederum dessen Eltern auf den Plan ruft, die im Übrigen ein identisches asoziales Verhalten zeigen wie ihr Sproß. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
"Sie sah sich um. Häuser und kahle Bäume. Sie ließ sich in der Kälte auf den Verandaboden sinken, lehnte den Rücken an die kalten Bretter der Hauswand. Ihr war, als verflüchtigte sie sich, als wanderte sie ziellos umher in kummervoller, ungläubiger Benommenheit. Sie schluchzte ein wenig. Sie starrte zu den stillen Bäumen hinaus, auf die dunkle Straße, zu den Häusern gegenüber, in denen sich Menschen in den hellen Zimmern ganz normal bewegten, und wenn der Wind seufzte, wanderte ihr Blick hinauf in die schwankenden Bäume. Sie saß da, schaute hinaus, rührte sich nicht." (S. 41)
Auch wenn es sich durch die gerade geschilderten Schicksale vielleicht nicht so anhören mag, aber das Leben in Holt ist unaufgeregt. Wahrscheinlich sind die persönlichen Dramen, das Einzige, was in Holt für Abwechslung sorgt. Ein unaufgeregtes Kleinstadtleben wird von Kent Haruf auch in einem unaufgeregten Sprachstil geschildert. Seine Sprache strahlt sehr viel Ruhe aus - keine einschläfernde Ruhe, sondern eine wohlige Ruhe, die einen melancholisch macht und ganz warm ums Herz werden lässt.

Da sich während der Lektüre viele Fragen zu den Charakteren auftun, die jedoch nur selten beantwortet werden, verlangt dieses Buch nach einer Fortsetzung, in der die Unklarheiten hoffentlich bereinigt werden. Und siehe da, die Fortsetzung ist vom Verlag bereits für Januar 2019 angekündigt. Ich bin gespannt.

Eine Anmerkung noch zum Titel: Ich habe mich gefragt, wie man solch ein wundervolles Buch mit einem kitschigen Titel versehen kann und habe ein wenig recherchiert: "Lied der Weite" kommt in die Nähe der Übersetzung des Original-Titels "Plainsong" (wenn man die wortwörtliche Übersetzung zugrunde legt), wobei "plain" als Substantiv "Ebene" oder "Flachland" bedeutet. "Plainsong" ist jedoch auch ein musikalisch-religiöser Begriff und bedeutet "Cantus Planus" (= ebener Gesang, lat.), was im Zusammenhang mit diesem Buch passender erscheint. Ein Cantus Planus ist ein gregorianischer einstimmiger Choral, der rhythmisch gleichförmig vorgetragen wird; Gleichförmigkeit bedeutet Unaufgeregtheit - genau das Merkmal, welches ich in diesem Buch so genossen habe, und welches sich hoffentlich auch im kommenden Roman um die Bewohner des Städtchens Holt wiederfinden wird.

© Renie





Über den Autor:
Kent Haruf (1943–2014) war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Wallace Stegner Award und dem Mountains & Plains Booksellers Award (für ›Lied der Weite‹) ausgezeichnet. Sein letzter Roman, ›Unsere Seelen bei Nacht‹, wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. (Quelle: Diogenes)


Den ersten Teil aus der Holt-Trilogie habe ich ebenfalls gelesen: Unsere Seelen bei Nacht ...

Freitag, 20. April 2018

Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn

Quelle: Pixabay/brogers718
Ein Buch über Freundschaft und das Erwachsenwerden in New Yorks Brooklyn der 70er Jahre. Im Mittelpunkt dieses sehr einfühlsamen Romans "Ein anderes Brooklyn" der Amerikanerin Jacqueline Woodson, stehen 4 Freundinnen, die ihre Kindheit und Jugend in diesem Viertel verbringen. Sie erleben die Veränderung von Brooklyn. Die ehemals beliebte Wohngegend verkommt, die Weißen fühlen sich in einem hispano- und afroamerikanisch-geprägten Umfeld nicht mehr wohl und ziehen weg. Das Straßenbild ändert sich. Kriminalität und Drogen bestimmen den Alltag. Nicht gerade eine ansprechende Umgebung für Kinder. Wie schaffen es also die Mädchen in Brooklyn zurecht zu kommen? Die Antwort lautet: Gemeinsam. Denn gemeinsam sind sie stark, sind für einander da und bilden eine Einheit gegen die Anderen.
Sylvia, Angela, Gigi und August - vier Mädchen mit unterschiedlichen Begabungen und einem Traum - Herauszukommen aus Brooklyn und aus ihrer Begabung etwas zu machen.
Ob es den Mädchen gelingt, ihren Traum zu leben, hofft und wünscht man ihnen.
Quelle: Piper

Ich-Erzählerin August erzählt von der gemeinsamen Kindheit im Rückblick, anhand von Erinnerungsfragmenten. Sie konnte etwas aus ihrem Leben machen, ist sie doch heute Anthropologin und bereist die ganze Welt. Sie kommt zur Beerdigung ihres Vaters wieder nach Brooklyn. Damit beginnt der Roman. Der Gegensatz zwischen dem Brooklyn von heute und damals könnte nicht krasser sein. Sie erinnert sich an die ersten Jahre in Brooklyn, als die Kinder noch auf der Straße spielen konnten und das Leben auf der Straße noch mit großer Leichtigkeit ablief. Mit den Jahren wird das Straßenleben feindseliger: Drogen, Verbrechen, Bandenkriege. Und mittendrin die 4 Mädchen, die sich gegenseitig Kraft und Mut geben.
"In der großen Hitze des Sommers beobachteten wir, wie Kinder die Heroinsüchtigen umkreisten und darauf wetteten, ob sie umfielen oder nicht. Einmal rannte ein kleiner Junge die Straße entlang und hielt eine verbogene Spritze, die er eben gefunden hatte, wie einen Revolver gezückt."
August erzählt mit großer Wärme von ihren drei Freundinnen. Sie scheint die Einzige in dem Quartett zu sein, die sich nicht durch eine besondere Fähigkeit hervortut. Sie ist weder besonders hübsch, noch besonders schlau, noch tänzerisch oder schauspielerisch begabt. Das spielt jedoch keine Rolle. Denn den Freundinnen ist jeglicher Neid fremd. Ganz im Gegenteil. Sie träumen gemeinsam davon, dass jede von ihnen es schafft, aus Brooklyn herauszukommen.
Der Roman könnte ein Tagebuch sein, welches den Leser an den Gefühlen und Ängsten der Ich-Erzählerin teilhaben lässt. In kleinen, manchmal nur 5 Zeilen großen Abschnitten, gibt sie ihre Erinnerungen wieder. Das wirkt bruchstückhaft, bleibt es aber nicht. Denn am Ende ergeben diese Bruchstücke ein großes Ganzes, das ein eindrucksvolles Bild von dieser Kindheit in Brooklyn widerspiegelt.
"Mein Bruder und ich wuchsen zwar ohne Mutter, aber dennoch wohlbehütet auf. Mein Bruder hatte den Glauben, an den mein Vater ihn herangeführt hatte, und ich hatte lange Zeit Sylvia, Angela und Gigi, mit denen gemeinsam ich das Aufwachsen als Mädchen in Brooklyn schulterte wie einen Sack voller Steine, den wir uns weiterreichten: Da. Hilf mir tragen."
Der Sprachstil ist dabei sehr poetisch, fast schon magisch. Denn Jacqueline Woodson versteht es, den Leser mit ihrer eindringlichen Sprache zu fesseln. Ich habe mich mit diesem Buch sehr wohl gefühlt und war am Ende schon ein bisschen traurig, dass die Geschichte zu Ende war.
Jacqueline Woodson hat bisher Kinder- und Jugendliteratur geschrieben. "Ein anderes Brooklyn" ist ihr erster Roman für Erwachsene, und ich bin neugierig, was sie sonst noch an Romanen zaubern wird.

© Renie



Dienstag, 17. April 2018

Christina Röckl: Kaugummi verklebt den Magen

Quelle: Kirchner PR/kunstanstifter
"Wenn man einen Apfelkitsch (=Kerngehäuse eines Apfels) isst, wächst einem ein Apfelbaum aus dem Popo."
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"Vorsicht vor Ohrenkneifern - die krabbeln ins Ohr, fressen sich bis zum Gehirn durch und kommen am Ende aus der Nase wieder raus."
......
"Wenn du nicht aufisst, gibt es morgen schlechtes Wetter."
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"Wenn eine Frau mit 30 Jahren noch nicht verheiratet bist, kriegt sie nie einen Mann."
.....
Manche Gerüchte halten sich hartnäckig und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Denn Erwachsene sind sehr traditionsbewusst, wenn man bedenkt, welchen liebevollen Blödsinn sie Kindern erzählen. Und was noch komischer ist: Trotzdem die Kinder irgendwann herausfinden  werden, dass ihre Eltern geflunkert haben, werden auch sie die gleichen Lügenmärchen ihren Kindern einmal erzählen. Na ja, vielleicht nicht alles, aber vieles davon. Und selbst, wenn sie sie nicht weitererzählen, werden sie die Prophezeiungen ihrer Eltern und Großeltern niemals vergessen. Und die Unwahrheiten werden bei jeder sich bietenden Gelegenheit wieder präsent sein. (So wie bei mir, s. Einleitung)

Christina Röckl räumt mit diesen Flunkereien in ihrem sehr kurzweiligen Buch "Kaugummi verklebt den Magen" auf sehr amüsante Weise auf. Sie treibt es mit diesen besonderen Geschichten auf die Spitze, durchleuchtet jede These, fragt nach Hintergründen und sucht nach dem Fünkchen Wahrheit, das hinter der einen oder anderen Behauptung stecken könnte. Dabei sucht sie sich Hilfe bei 3 Erwachsenen - ich nenne sie Prof. Dr. Dr. Gernegroß, Prof. Dr. Alleswisser und Dr. Dr. Pinocchio (der mit der langen Nase). Die Drei sind auf Sendung. Live im Fernsehen warnen sie den Zuschauer (und natürlich den Leser dieses Buches) vor den Gefahren, die im Alltagsdschungel auf uns lauern. Themen der Sendung in Christina Röckls Buch sind:
  • der Kaugummi
  • das Schielen
  • Fernsehkonsum und seine Folgen
  • das Nasepopeln
Dank intensiver Recherche klären die drei Akademiker den Zuschauer (und Leser) über alles Wissenswerte im Zusammenhang mit diesen Gefahren auf - natürlich mit Unterstützung überbordender Phantasie, die den Zuschauer (und Leser) lachen und zweifeln lässt. Denn wer weiß, vielleicht ist doch das eine oder andere Fünkchen Wahrheit dabei ;-)

Ich habe mich auf jeden Fall köstlich amüsiert und hatte viele Aha-Erlebnisse. Am Ende habe ich in meinen Erinnerungen gekramt und habe außer den bereits genannten Behauptungen in der Einleitung noch einige andere zutage gebracht, die ich zu meiner Schande auch bereits schon an meinen Sohn weitergegeben habe (was ich nicht glauben wollte, aber er hat es mir bestätigt).

Dank der unbändigen Fabulierfreude von Christina Röckl ist das Buch ein Riesen-Vergnügen. Man wird den Eindruck nicht los, dass sie sich geradezu in das Ausschmücken der Unwahrheiten sowie das Drumherum-Erzählen hineingesteigert hat und dabei selbst viel Spaß hatte. Dies äußert sich auch in einem wahren Farbrausch, mit denen sie ihre Texte illustriert. Da ist viel los in den Bildern. Daher sollte man sich Zeit für dieses Buch nehmen, denn es wäre schade um jedes Detail, das man übersehen könnte.

Dieses lustige Buch ist für jede Altersklasse geeignet: für Erwachsene, damit sie sich erinnern und an die eigene Nase packen; für Kinder, damit sie früh genug lernen, dass auch Erwachsene viel Blödsinn erzählen können. Und dass man nicht alles für bare Münze nehmen soll, was ein Erwachsener erzählt.

Und was die Flunkereien angeht, die man mir als Kind aufgetischt hat

- Bisher musste ich mein Sitzverhalten nicht ändern, geschweige denn Löcher in meine Unterbuxen und Hosen schneiden. Der Wald aus Apfelbäumen lässt immer noch auf sich warten.

- Ohrenkneifer heißen eigentlich Ohrwürmer und wurden von der Antike bis zur Neuzeit in pulverisierter Form als Medizin gegen Ohrkrankheiten und Taubheit verabreicht. Sie fressen andere Insekten und Pflanzenteile. Nur derjenige, der Stroh im Kopf hat, läuft Gefahr, ein gefundenes Fressen für einen Ohrenkneifer zu sein.

- Manche Gerüchte halten sich hartnäckig ... das mit dem Wetter und dem Aufessen ist so eines.

- Und was das Heiraten bis 30 angeht: Tja liebe Omi, ich habe trotzdem einen Mann abgekriegt, und was für einen!

© Renie




Über die Autorin:
Mit "Und dann platzt der Kopf" schloss Christina Röckl ihr Masterstudium in Illustration bei ATAK/Georg Barber ab. Das Bilderbuch wurde für den Giebichenstein Designpreis nominiert und zusammen mit Ergebnissen eines von ihr geleiteten Comicworkshops im Vogtlandmuseum Plauen ausgestellt. Auslöser für das Projekt war für sie die große Frage, weshalb Slimer eine Seele hat, ein Haufen Schleim aber nicht.

Christina Röckl lebt und arbeitet in Leipzig. (Quelle: kunstanstifter)

Freitag, 13. April 2018

Alper Canigüz: Secret Agency

Quelle: Pixabay/LisaRedfern
Als man mir auf der Leipziger Buchmesse das Buch "Secret Agency" von Alper Canigüz vorstellte, dachte ich, ich höre nicht richtig: Katzen können berufstätig sein und Karriere machen !?!

Verrückt! Kein anderer Begriff ist zutreffender für diesen Roman als dieser: VERRÜCKT!!!

Der Protagonist in diesem Buch ist Musa, Texter, der einen neuen Job in einer Werbeagentur in Istanbul antritt - in eben dieser Secret Agency. Der Chef ist eine Katze. Die anderen Mitarbeiter sind auch irgendwie merkwürdig, und es ist kalt. Kälte erhöht bekanntlich die geistigen Fähigkeiten sowie die Effizienz bei der Arbeit. Und gemessen an der Kälte in der Secret Agency müssten die Mitarbeiter zur Höchstform auflaufen. Man ahnt es, in der Secret Agency geht nicht alles mit rechten Dingen zu.
"Ich begab mich an meinen Platz zurück und versuchte eine Weile, im Internet etwas über die Agentur in Erfahrung zu bringen, dann wartete ich darauf, dass mir jemand Arbeit brachte, mein Telefon klingelte oder eine E-Mail eintraf. Alles umsonst. Ich fragte mich, warum ich mich nicht langweilte und fand sofort die Antwort. Ich fror dermaßen, dass mein Gehirn mir angesichts der lebensbedrohlichen Lage einen Luxus wie etwa das Gefühl von Langeweile natürlich vorenthielt."
Ich hatte sehr viel Spaß mit diesem Roman, und noch mehr Aha-Erlebnisse. Der Autor liefert Überraschungsmomente, die unbezahlbar sind. Der Ich-Erzähler Musa ist ein lustiges Kerlchen: ein trinkender Romantiker, der nicht auf den Mund gefallen ist. Schließlich ist er nicht umsonst Texter. Seine Erzählweise ist originell. Er überzeugt durch Schlagfertigkeit. Das führt zu einigen witzigen Szenen. Mehr oder weniger freiwillig schliddert Musa mitten hinein in die mysteriösen Geheimnisse um die Secret Agency.
Natürlich verliebt sich der Romantiker Musa. Denn es gibt da diese unglaubliche Arbeitskollegin. Seine Angebetete versüßt ihm das Leben, kann ihm dieses jedoch auch zur Hölle machen, insbesondere, wenn ihn die Eifersucht überkommt. Und die Eifersucht überkommt ihn häufig.
Die anderen Charaktere dieses Romanes wirken fast schon skurril und bieten daher sehr viel Potenzial, um den Leser zum Lachen zu bringen. Herrlich.
"Es ist leichter jemanden zu mögen, der tot ist. Noch dazu nach vier, fünf großen Bieren."
Wenn man diesen Roman liest, wird man den Verdacht nicht los, dass nichts ist, wie es scheint. Es wird auch nicht gelingen, diesen Roman einem Genre zuzuordnen, denn hier sind unterschiedliche Richtungen vereint: Krimi, Thriller, Fantasy, Science Fiction, Liebesroman, Satire und, und, und. Es gibt Liebe, es gibt Tote, es gibt Unerklärliches, und der europäische Hochadel ist auch vertreten. VERRÜCKT, anders kann man es wirklich nicht bezeichnen.
Freunde des Skurrilen werden auf jeden Fall ihren Spaß an diesem Buch haben.

© Renie





Dienstag, 10. April 2018

Michael Hugentobler: Louis oder der Ritt auf der Schildkröte


Quelle: Pixabay/OpenClipart-Vectors
Ein Schelmenroman über einen Schweizer, der in die weite Welt hinauszog und allerlei Abenteuer erlebte. Oder auch nicht.

Als Hans Roth Mitte des 19. Jahrhunderts in einem kleinen Dorf in der Schweiz auf die Welt kommt, ist er bereits anders als andere Kinder. Ein großer Kopf, ein kleiner Körper. Scheinbar hat er den Aufenthalt im Mutterleib vorzeitig abgebrochen. Ihn zieht es hinaus in die Welt. Mit den Jahren erweist sich sein Dorf als zu klein für ihn, auch wenn er irgendwann das Wachsen einstellt und fortan als Kleinwüchsiger durch die Weltgeschichte geht. Er verbringt einige Jahre seines Lebens als Diener und Butler in unterschiedlichen Anstellungen, die ihn jeweils ein Stückchen weiter weg von seiner Heimat und seiner Vergangenheit bringen. Aus Hans Roth wird Louis de Montesanto, der sein Glück in der Ferne sucht. In weiter Ferne. Um genau zu sein in Australien. Er bereist den roten Kontinent, landet schließlich im tiefsten und unerforschtesten Busch Australiens in einem Eingeborenen-Dorf, in dem er einige Zeit verbringen wird. Wieder zurück in der Zivilisation macht er seine Erlebnisse zu Geld. Er publiziert seine Abenteuer. Die Menschen lieben seine Geschichten. Und so wird er herumgereicht, erzählt den Leuten das, was sie hören wollen. Doch er hat nicht nur Fans. Auch seine Kritiker melden sich zu Wort, mit erheblichen Konsequenzen für Louis.
"'Bloß weil wir ihm unsere Ansicht von richtig und falsch aufdrücken, verlieren wir gerade einen der größten Erzähler unserer Zeit.'" (S. 161)
Quelle: dtv
Die Figur des Louis de Montesanto ist in Anlehnung an einen Entdecker und Abenteurer namens Louis de Rougemont (ebenfalls Schweizer) entstanden. Der Autor Michael Hugentobler macht es dem Leser allerdings nicht leicht, sich mit "seinem" Louis anzufreunden. Louis bleibt seltsam anonym, seine Beweggründe für seine Reisen sind kaum zu verstehen. Hinzu kommen ein paar Wesenszüge von Louis, die ihn als egoistisch und verächtlich gegenüber anderen Menschen erscheinen lassen. Sollte ich Louis darüberhinaus charakterisieren, ich könnte es nicht. Louis bleibt dem Leser fremd.
Nun brauche ich als Leser nicht unbedingt einen Sympathieträger als Protagonisten. Ich komme auch mit Fieslingen zurecht. Aber auch das ist Louis nicht. Ich gebe zu, dass mich diese Anonymität von Louis ein wenig irritiert hat.

Im Verlauf der Handlung entwickelte sich der Roman für mich zu einem Schelmenroman, der mich sehr stark an Münchhausens Geschichten erinnert hat und mir einen anderen Ansatz bot, die Geschichte zu verstehen. Die Handlung ist ein Spiel mit der Wahrheit. Louis ist ein Geschichtenerzähler, wobei er seinem Publikum genau das erzählt, was es hören will. Er präsentiert sich seinem Publikum auch in derjenigen Rolle, in der es ihn sehen will: als Abenteurer, als Tierbändiger, als Forscher, als Liebhaber einer Wilden. Aber er zeigt nie seine wahre Person - auch nicht dem Leser. Das lässt viel Interpretationsspielraum. Zu einem Ergebnis wird man jedoch nicht kommen.
"Das Problem war, dachte er, dass der Grat zwischen Fakt und Fiktion schmal und verwirrend und unnötig sei. Die einzig zulässige Version der Wahrheit sei jene, die den Leser sofort in ihren Bann ziehe, die auf die Sehnsüchte der Menschen abziele - nach Größe, Humor und Stärke in diesem tristen Leben. Eine seltsame Wahrheit, ja: eine absurde Wahrheit." (S. 110)
Die stilistischen Mittel, die Michael Hugentobler für seinen Roman gewählt hat, fordern den Leser auf eine sehr ansprechende und amüsante Art: kurze Kapitel, Wechsel in den Erzählperspektiven, Sprünge innnerhalb unterschiedlicher Zeitebenen, Wechsel der Schauplätze. Das hält den Leser auf Trapp. Denn Michael Hugentobler gibt keine Hinweise darauf, wer, wann und wo gerade erzählt. Das Wer-wann-und-wo erschließt sich erst, wenn man ein paar Sätze eines Kapitels gelesen hat. Hinzu kommt eine gute Portion Humor sowie rätselhafte Andeutungen, die neugierig machen und sich erst im Verlauf des Romans auflösen.

Fazit:
Es fällt mir nicht leicht, eine Wertung für diesen Roman abzugeben. Die Buchbeschreibung suggeriert einen Roman über einen Exzentriker, der die Welt bereist und über seine Abenteuer berichtet. Doch für mich steckt mehr dahinter. Für mich steht das Spiel zwischen Wahrheit und Fiktion im Vordergrund, so dass der Charakter des Protagonisten fast zur Nebensache wird. Ich fühlte mich von Michael Hugentobler in die Rolle des Publikums hineinversetzt, das nur dann zufrieden ist, wenn es genau das zu hören bekommt, was es hören möchte. Ich wollte einen Abenteuerroman, den ich nicht bekommen habe und müsste deshalb enttäuscht sein von diesem Buch. Doch das bin ich nicht. Ganz im Gegenteil. Mir hat das Spiel mit der Wahrheit mindestens genauso gut gefallen. Ich muss kein Freund des Protagonisten sein. Ich mochte Louis' Geschichten. Und ob er jetzt auf der Schildkröte geritten ist, oder nicht, ist mir egal. Aber der Gedanke, dass er es getan haben könnte, wie so viele andere Dinge, von denen er berichtet, ist einfach nur schön.

© Renie



Über den Autor:
Michael Hugentobler wurde 1975 in Zürich geboren. Nach dem Abschluss der Schule in Amerika und in der Schweiz arbeitete er zunächst als Postbote und ging auf eine 13 Jahre währende Weltreise. Heute arbeitet er als freischaffender Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine, etwa ›Neue Zürcher Zeitung‹, ›Die Zeit‹, ›Tages-Anzeiger‹ und ›Das Magazin‹. Er lebt mit seiner Familie in Aarau in der Schweiz. ›Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte‹ ist sein erster Roman. (Quelle: dtv)

Samstag, 7. April 2018

Anthony McCarten: Jack

Quelle: Wikipedia*
"Denn die einzig wirklichen Menschen sind für mich die Verrückten, die verrückt danach sind zu leben, verrückt danach zu sprechen, verrückt danach, erlöst zu werden, und nach allem gleichzeitig gieren - jene, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen, sondern brennen, brennen, brennen wie phantastische gelbe Wunderkerzen."  - aus "On the road" ("Unterwegs") von Jack Kerouac
Und Jack Kerouac brannte. Er war ein Getriebener, dem es darum ging, nicht eine Sekunde seines Daseins zu verschwenden. Leben am Limit, das war seine Devise. Sex, drugs, rock'n roll, durch die Weltgeschichte reisen und das tun, was einem Spaß macht. Mit seiner Einstellung zum Leben ist er zum Vorbild einer ganzen Generation geworden, der sogenannten Beat Generation. Sein Roman "On the road", dem man autobiografische Inhalte nachsagt, erschien 1957 und wurde zur Bibel seiner Anhänger.
Aber auch Helden altern. Jack wird der Rummel um seine Person irgendwann zu viel. Seine Fans lieben ihn, die Literaturkritiker hassen ihn. Psychisch und körperlich angeschlagen verschwindet er aus der Öffentlichkeit. Die letzten 3 Jahre seines Lebens verbringt Jack Kerouac, alkohol- und drogenabhängig, in einem kleinen Ort in Florida, wo er am 21. Oktober 1969 im Alter von 47 Jahren stirbt.
Quelle: Diogenes

Anthony McCartens Roman "Jack" beginnt am Tag von Kerouacs Beerdigung.
Die Ich-Erzählerin Jan wohnt der Beerdigung ihres Idols bei. Sie ist Literaturstudentin und hat sich intensiv mit dem Leben Kerouacs befasst. Sie möchte seine Biographie schreiben. In einer Rückblende schildert sie die letzten fünf Monate Kerouacs; wie sie ihn ausfindig gemacht hat; wie sie ihm das erste Mal gegenüber steht; wie sie sich näher kommen, sie nach und nach sein Vertrauen erlangt und schließlich sein Einverständnis bekommt, seine Biographie zu schreiben.

Jack Kerouac hat nichts mehr von dem schillernden Idol einer ganzen Generation. Er ist ein menschliches Wrack. Das Leben am Limit sowie permanenter Alkohol- und Drogenkonsum fordern ihren Tribut. Aber immer noch versteht er es, Geschichten aus seinem Leben zu erzählen. In den Gesprächen mit Jan blitzt immer wieder der "alte" Jack durch, der nach seinem ganz eigenen Lebenscredo gelebt hat, um das ihn wahrscheinlich auch heute noch viele Menschen beneiden würden. Lebe dein Leben ohne Rücksicht auf Verluste. Denn Rücksichtnahme war ihm fremd.
"Er war ein Meister der Verstellung, ein Virtuose im Spiel der Identität sein Leben lang. Im Laufe der Zeit hatte er so viele verschiedene Menschentypen gespielt - Footballheld, Junkie, Hobbybuddhist, frommer katholischer Messdiener, Grobian, Säufer, Muttersöhnchen, Berühmtheit, attraktives Postermotiv, aufgeschwemmtes Wrack, kultivierter Literat, Landstreicher, Weltreisender, scheuer Einzelgänger, Retter des modernen Romans, Schänder des modernen Romans und so weiter ..."
Bleibt natürlich die Frage, was ihn dazu bringt, sein Leben vor einer wildfremden Person wie Jan auszubreiten, und sie mit der hochheiligen Aufgabe zu betreuen, seine Biographie für die Nachwelt zu Papier zu bringen? Die Antwort auf diese Frage ist eine der großen Überraschungen in diesem Buch, mit denen mich Anthony McCarten umgehauen hat. Es wird nicht bei dieser einen Überraschung bleiben. Nur soviel: eigentlich könnte man "Jack" als einziges Rollenspiel verstehen:
"'Die Persönlichkeit eines Menschen hat Dutzende von Facetten. Fahren Sie in einen Ferienort. Sehen Sie sich um. Der humorlose Anwalt schlüpft aus seinem Anzug und verwandelt sich in einen Partylöwen. Der berühmte Schauspieler wird zum erbärmlichen Langweiler. Die eingeschüchterte Hausfrau mausert sich zur hinreißenden Liebhaberin, wird ein völlig anderer Mensch. Es ist immer das Gleiche, die Sehnsucht nach Flucht ...' - er ließ das Glas auf dem Tresen kreisen - ' Flucht aus dem Gefängnis des eigenen Ichs. ...'"
Hier werden Rollen gespielt. Jeder Protagonist rutscht in eine oder mehrere Rollen, ob absichtlich oder gezwungenermaßen sei dahingestellt. Manche Rollen kann man sich halt nicht aussuchen. Und welcher Mensch tatsächlich hinter den unterschiedlichen Rollen steckt, lässt sich kaum sagen.
Ich habe schon einige Romane von Anthony McCarten gelesen. Mit einigen hat er mich begeistert, mit anderen weniger. "Jack" gehört für mich ganz klar zur ersten Kategorie. McCarten konzentriert sich auf den gestrauchelten Helden Kerouac, holt ihn vom Podest und vermenschlicht ihn. Egal, ob man die Sturm- und Drangjahre des echten Kerouac gut findet oder nicht, für McCartens Jack wird man Mitleid empfinden. Kerouac aus der Sicht einer Biographin zu zeigen, die sowohl sein Lebenswerk als auch den Menschen Kerouac wie er heute ist zeigt, ist ein genialer Plot. Und wenn man dann noch feststellt, dass nicht nur Kerouac eine Geschichte hat, sondern auch die Biographin - und was für eine! - wird man den Roman nicht mehr aus der Hand legen können. So ging es mir zumindest. Und daher gibt es von mir eine dicke fette Leseempfehlung!

© Renie

*Foto: Tom Palumbo from New York, NY, USA - Jack Kerouac, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4071339




Über den Autor:
Anthony McCarten, geboren 1961 in New Plymouth/Neuseeland, schrieb als 25-Jähriger mit Stephen Sinclair den Theaterhit ›Ladies Night‹. Es folgten Romane und Drehbücher (u. a. zu den von ihm auch mitproduzierten internationalen Filmen ›The Theory of Everything‹ und ›Darkest Hour‹ mit Gary Oldman, Filmstart 12. Januar 2018). Er lebt in London. (Quelle: Diogenes)

Sonntag, 1. April 2018

Sonja Rüther: Geistkrieger - Feuertaufe

Quelle: Pixabay/smilingpixell
Die Bücher von Sonja Rüther bilden für mich einige der wenigen Gelegenheiten, mich von meinem Haus- und Hof-Genre "Gegenwartsliteratur" wegzubewegen und einen Ausflug in ein anderes Genre zu unternehmen. Blutig muss es sein ..... und natürlich spannend .... und natürlich fantasievoll ... und ich will überrascht werden. Die Bücher von Sonja Rüther sind quasi für mich literarische Überraschungseier - wenn auch blutig und ohne "Spielen" ;-).
In ihrem Fantasy-Roman "Geistkrieger: Feuertaufe" - der erste einer Reihe, die nachfolgenden Bände sind hoffentlich schnell geschrieben - geht es um eine Special Task Force der Polizei des Landes Powtanka. Die Powtankaner entsprechen unserem landläufigen Verständnis von Indianern. Einzige Unterschiede: die damaligen Vertreibungen und Ausrottungsversuche in Amerika sind anders verlaufen, als wir es aus den Geschichtsbüchern kennen. Die Indianer konnten Widerstand leisten, das Volk konnte wachsen und gedeihen. Mittlerweile haben sie sich zu einer Hightech-Nation entwickelt und haben mit ihrem Fortschritt andere Nationen abgehängt. Das hält sie jedoch nicht davon ab, an ihren überlieferten Traditionen festzuhalten. Ihr Alltag wird sowohl von Traditionen als auch von ihren Hightech-Errungenschaften bestimmt. Sie versuchen, im Einklang mit der Natur zu leben. Ein wichtiger Aspekt ihres Lebens ist die Spiritualität.
"Die Astralwelt war eine feinstoffliche Ebene, die nur von wenigen Schamanen in Gänze wahrgenommen werden konnte. Chenoa würde den Begriff feinstofflich niemals benutzen, sondern eher von Energien, Auren und Geistern sprechen. Für Deidra war die genaue Definition irrelevant. Es gab diese besondere Welt und manchmal nahm sie Einfluss auf jene, die sie erfassen konnten." (S. 118)
Die Polizei-Einheit "Geistkrieger", um die es in diesem Roman geht, besteht aus 4 Personen, die über besondere Fähigkeiten verfügen. Bei einigen sind diese Fähigkeiten bereits bekannt und werden im Einsatz gegen das Verbrechen genutzt. Bei anderen kristallisieren sich ihre Fähigkeiten erst im Verlauf der Handlung heraus und überraschen sowohl das Team als auch den Leser.
Gerade zu dem Team dazugestoßen ist der Schotte Finnley, der aus Liebe zu seiner Verlobten, einer Powtankanin, in ihre Heimat ausgewandert ist. Finnley hat es zunächst nicht leicht, wozu zum Einen sein ungewöhnliches Äußeres - tätowiert bis in die Haarspitzen - beiträgt; zum Anderen die Ablehnung und das Misstrauen der Powtankaner gegenüber allem Fremden. Sie empfinden das Fremde als Bedrohung für ihre Lebensweise.
Während die Geistkrieger ein ungewöhnliches Verbrechen aufklären sollen, wachsen sie mit der Zeit zu einem echten Team zusammen. Auch der Neue, Finnley, wird akzeptiert und findet seinen Platz in diesem Team.
Die Geistkrieger haben es mit einer mysteriösen Todesserie zu tun. Menschen kommen auf spektakuläre und extrem blutige Weise ums Leben. Zunächst gibt es keine Spuren. Laut Zeugenaussagen sind keine Täter zu sichten. Es stellt sich heraus, dass einer der powtankanischen Geister seine Hände im Spiel hat. Für den Fantasy-ungeübten Leser schwer zu verstehen. Aber Realitätssinn ist hier fehl am Platze. Fantasie ist gefragt. Auch Finnley, der Schotte, hat seine Schwierigkeiten mit dem Spirituellen und tut dies zunächst als Quatsch ab. Doch er wird sich eines Besseren belehren lassen müssen.
"Wenn er die Geschehnisse in dieser Einheit verstehen wollte, musste er Abstand gewinnen und von außen auf das schauen, was er seit dem ersten Tag miterlebt hatte. Er kam sich vor wie in einem SciFi-Streifen im Kino, nur dass er mitten hinein gezogen wurde und nun mit Dingen umgehen sollte, die seinen Horizont überstiegen." (S. 202)
An diesem Roman fasziniert mich die Frage, was wäre gewesen, wenn die Indianer nicht vertrieben und fast ausgerottet worden wären? Was wäre gewesen, wenn die Indianer die Gelegenheit gehabt hätten, sich weiterzuentwickeln? Es ist durchaus vorstellbar, dass wir es mit einer Nation zu tun hätten, ähnlich wie die der Powtankaner. Und einen Roman in diesem Szenario anzusiedeln ist eine großartige Idee, die Sonja Rüther auch sehr überzeugend umgesetzt hat.
Fühlt man sich anfangs in einen Thriller hineinversetzt, verliert der Roman jedoch über einige Strecken das Thrillerhafte, erstaunlicherweise jedoch niemals die Spannung. Da dieser Band der erste einer Reihe ist, konzentriert sich die Autorin auf die Entwicklung der Charaktere aus dem Ermittlungsteam, schließlich wird dieses den Leser auch in zukünftigen Büchern aus dieser Serie begleiten. Es macht also Sinn, den Charakteren und deren Zusammenspiel viel Raum zu lassen. Zum Ende hin wird der Roman wieder zu einem Thriller. Und was für einem. Ich kann gar nicht beschreiben, wie turbulent die Geschichte zum Ende wird, und welche Überraschungen auf den Leser warten. Nur soviel: bei den letzten 100 Seiten dieses Romanes habe ich vor lauter Spannung Schnapp-Atmung bekommen. Dieser Roman ist definitiv nichts für Herzkranke.

Aus der Sicht einer Gegenwartsliteratur-affinen Leserin komme ich daher zu folgendem Fazit: 
Dieser Roman bestätigt mich in meiner Auffassung, dass es lohnenswert ist, einen Blick über den literarischen Tellerrand zu wagen und in anderen Genres zu stöbern. Sonja Rüther hat mich bereits mit der Horror-Anthologie "Aus dunklen Federn (1+2)" an das Genre "Horror" herangeführt, zumindest hat sie meine dunkle Leseseele geweckt, der auch mal nach Blut dürstet. Mit "Geistkrieger" hat sie meine fantastische Seele wachgekitzelt, und ich freue mich schon auf den nachfolgenden Band. Wer weiß, welches Genre uns Sonja Rüther als Nächstes präsentiert? (Hoffentlich keine Liebesschnulze ;-))

Von mir gibt es natürlich eine dicke fette Leseempfehlung für die Geistkrieger!

© Renie