Freitag, 23. März 2018

Anne Reinecke: Leinsee

Quelle: Pixabay/drokonov
Irgendwo in Deutschland gibt es einen Ort, den gibt es gar nicht: Leinsee - eine märchenhafte Idylle und Titel des Romans von Anne Reinecke.

In Leinsee, zu dem natürlich auch ein See gehört, steht das Domizil des berühmten Künstlerehepaars Ada und August Stiegenhauer, die sich durch ihre Harz-Plastiken in der internationalen Kunstszene einen Namen gemacht haben. In Leinsee hielten die beiden Hof und gewährten manch einem Stiegenhauer-Jünger ihre Gunst, indem sie ihm Einblick in ihr Leben und Schaffen ermöglichten.
Ada und August waren eine Einheit. Niemandem wäre es gelungen, die Verbundenheit der beiden Seelenverwandten zu stören. Selbst Karl nicht, ihrem Sohn, der schon als Kind in die Welt hinausgeschickt wurde. Seine Schulzeit verbrachte er in Internaten. In den Ferien kehrte er nach Leinsee zurück. Doch immer war da dieses Gefühl, dass er ein Störfaktor in der Verbindung Ada/August war.
"Sie waren Ada und August, August und Ada, das war alles, und alles andere war zuviel." (S. 55)
Nach seiner Schulzeit schlägt Karl ebenfalls eine Künstlerlaufbahn ein. Er hat das Talent seiner Eltern geerbt, ist erfolgreich - ob ihm dabei der Ruf der Eltern Schützenhilfe leistet, sei dahingestellt. Von Leinsee hält er sich fern und versucht, sein eigenes Leben  in Berlin zu leben.
Als sein Vater Selbstmord begeht und die Mutter an einem Gehirntumor operiert wird, kehrt der mittlerweile 28-jährige Karl notgedrungen nach Leinsee zurück. Während seine Mutter noch im Krankenhaus liegt, quartiert sich Karl in seinem Elternhaus ein. Zunächst ist er allein und nutzt die Zeit, sein eigenes Leben zu hinterfragen. Er lässt Berlin, den Trubel um seine anstehende Kunstausstellung sowie seine Lebensgefährtin Mara erstmal hinter sich und lässt die Stille und den Zauber von Leinsee auf sich wirken.
Quelle: Diogenes

Dabei freundet er sich mit einem kleinen Mädchen aus der Umgebung an, die eines Tages in einem Baum in seinem Garten sitzt. Die Freundschaft, die sich hier entwickelt, bedarf keiner Worte. Die Kommunikation zwischen den Beiden findet hauptsächlich non-verbal, anhand von kleinen Geschenken und Gesten statt. Wie bei seinen Eltern scheint sich hier eine Seelenverwandschaft anzubahnen. Irgendwann holt Karl die Berliner Wirklichkeit jedoch wieder ein, und er kehrt zurück in sein altes Künstlerleben. Sechs Jahre müssen verstreichen, bis Karl weiß, was er will. Die Sehnsucht nach Leinsee war unterschwellig immer bei ihm vorhanden und am Ende kehrt er zurück.
"Es ging ihm gut mit seinem Entschluss. Er misstraute sich selbst deswegen, aber es fühlte sich richtig an. Karl wollte nicht weg. Er wollte seine Mutter im Atelier lachen sehen, auch wenn es geschummelt war. Er wollte hierhergehören. Das hatte er schon immer gewollt." (S. 205)
Ich möchte mit meiner Beschreibung nur einen Teil dessen wiedergeben, was dieses facettenreiche Buch zu bieten hat. Es wäre schade für die nachfolgenden Leser, wenn ich weitere Details zu diesem Roman ausplaudere. Daher möchte ich mich von jetzt an auf einige wenige Aspekte dieses Buches konzentrieren:

Leinsee ist ein farbenfroher Roman 
Damit ist weder die Abbildung auf dem Cover gemeint noch irgendwelche bunten Illustrationen. Nein, Anne Reinecke spielt verbal mit Farbe. Jedes Kapitel - und davon gibt es einige, denn die Kapitel sind sehr kurz gehalten - ist mit einem ganz besonderen Farbton überschrieben. Und man wird staunen, was es alles für Farben gibt: Regentageblau - Schaumstoffgelb - Föhnblond ... um nur einige zu nennen. Die Fantasie kennt keine Grenzen. Diese Farben haben einen Bezug zu dem jeweiligen Kapitel. Und man ertappt sich bei dem Versuch, diesen Bezug herauszuarbeiten. Das macht einfach nur Spaß und fordert die volle Aufmerksamkeit beim Lesen. Wobei es nicht schwierig ist, die Aufmerksamkeit zu halten. Denn Anne Reineckes Sprachstil macht es dem Leser leicht: kurze Sätze, angenehmer Lesefluss, subtiler Humor, der mit der Vorstellungskraft des Lesers spielt. Lesen wird zum Hochgenuss.
"'Gott weiß', das hatte der Vater schon immer gesagt. Immer schon, obwohl er überhaupt nicht religiös gewesen war. Als Kind hatte Karl geglaubt, das sei eine Farbe: allerweißestes Weiß, die Bartfarbe Gottes oder so." (S. 39)
Leinsee ist ein Findungsroman
Karl stand von Kindheit an im Schatten seiner Eltern. Durch das Abgeschobenwerden auf Internate fehlt ihm das Verhältnis, das zwischen Eltern und Kindern normalerweise vorherrscht. Er ist quasi ohne Eltern groß geworden. Als Orientierung hatte er lediglich den Ruhm seiner Künstlereltern. Vielleicht ist der eigene Werdegang ins Künstlerdasein ein Versuch, seinen Eltern näher zu kommen. Anfangs ähnelt seine Kunst der seiner Eltern. Als seine Eltern tot bzw. im Krankenhaus sind, nutzt er die Zeit in Leinsee, sich Gedanken über sein Leben zu machen. Bisher lebte er fremdbestimmt. Andere aus einem Umfeld, inklusive Lebensgefährtin Mara, entschieden für ihn, was das Beste für ihn ist. Mit der Episode "Leinsee" nabelt er sich endlich von den Anderen ab und entscheidet fortan selbst über sein Bestes. Diese Entwicklung macht sich auch in seiner Kunst bemerkbar. Denn Karl schlägt künstlerisch neue Wege ein.

Leinsee ist ein Liebesroman
Auch wenn die Aura von Leinsee von der Liebe zwischen Ada und August bestimmt wird, geht es am Ende um die besondere Beziehung zwischen Karl und Tanja. Anfangs ist der Umgang der beiden miteinander schwer zu verstehen. Karl sieht in dem unbeschwerten und fantasievollen Verhalten Tanjas ein Abbild seiner nichtvorhandenen Kindheit. Er lässt sich auf ihre Kindereien ein, wird selbst nochmal zum Kind. Mit den Jahren verändert sich das Verhältnis der Beiden. Tanja wird reifer, legt das Kindliche ab. Fast scheint es, als ob Karl auf sie gewartet hat.
Am Ende kriegen sich Karl und Tanja, oder vielleicht auch nicht. Denn das bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.
"Die Möglichkeit, dass sie kommen und ihm zuschauen würde, reichte schon aus, damit Karl sich Mühe gab. Er ließ auch tagsüber das Licht an, damit Tanja ihn sehen konnte." (S. 271)
Ich gebe zu, dass ich meine Schwierigkeiten mit der Beziehung zwischen Karl und Tanja hatte. Anfangs hat mich der Altersunterschied zwischen den Beiden gestört und das Fixiertsein von Karl auf Tanja. Sein Verhalten ihr gegenüber nahm stalkerhafte Züge an. Entweder mangelte es mir an Fantasie, mir solch ein bizarres Verhältnis zwischen einem erwachsenen Mann und einer 8-Jährigen vorzustellen. Oder ich hatte zuviel Fantasie, weil ich Karl bei seiner Fixierung auf Tanja Böses unterstellt habe. Als mit den Jahren aus dem kindlich naiven Verhältnis der Beiden eine ausgewachsene Beziehung mit allen körperlichen Aspekten wird, fühlte ich mich mit dem großen Altersunterschied zwischen den Beiden nicht wohl. Wahrscheinlich bin ich zu altmodisch für derartige Herzgeschichten.

Und dennoch war es ein großes Vergnügen für mich, diesen Roman zu lesen, was allein an dem grandiosen Sprachstil von Anne Reinecke liegt.

Fazit:
Leinsee ist ein facettenreicher und origineller Roman, der voller Überraschungen steckt: Künstlerroman, Selbstfindungsroman, Liebesroman und vieles mehr, wobei mich eher der Sprachstil als die Handlung überzeugt hat. Denn Anne Reineckes Sprachstil macht das Lesen ihres Erstlingswerk zu einem Hochgenuss.

© Renie



Über die Autorin:
Anne Reinecke, geboren 1978, hat Kunstgeschichte und Neuere deutsche Literatur studiert und für verschiedene Theater-, Film- und Ausstellungsprojekte sowie als Stadtführerin gearbeitet. ›Leinsee‹ ist ihr erster Roman. Für das Manuskript wurde sie mit einem Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Berlin. (Quelle: Diogenes)

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