Donnerstag, 26. April 2018

Kent Haruf: Lied der Weite

Quelle: Pixabay/skeeze
Holt, Great Plains, Colorado - eine fiktive Kleinstadt mit allen Bosheiten, Antipathien und Auseinandersetzungen, aber auch Freundschaften, Nettigkeiten und Geborgenheit, die das Zusammenleben von Menschen mit sich bringt. Holt ist der Schauplatz des Romanes "Lied der Weite" von Kent Haruf, erstmalig erschienen im Jahr 1999 und jetzt von Diogenes wieder entdeckt. 

Die Geschichte spielt in den 60er Jahren und wird in mehreren Handlungssträngen erzählt. Zum Einen ist da die 17-jährige Victoria Roubideaux. Das Mädchen ist schwanger und wird daher von ihrer lieblosen Mutter vor die Tür gesetzt wird. Victoria will das Kind behalten und sucht Hilfe bei der Lehrerin Maggie Jones. Sie bringt Victoria bei den beiden Mc Pheron-Brüdern unter. Die Brüder haben ihr ganzes langes Leben miteinander verbracht. Sie betreiben eine Rinderfarm, sind am liebsten gemeinsam einsam und leben zusammen wie ein altes Ehepaar. Sie sind nicht gewohnt, Fremde um sich zu haben. Nach anfänglichen Bedenken, eine schwangere 17-Jährige bei sich wohnen zu lassen, willigen sie schließlich doch ein. Victoria zieht bei den Männern ein, und die Drei raufen sich mit der Zeit zusammen, gewöhnen sich aneinander, so dass sie am Ende das Zusammenleben nicht mehr missen wollen.
"Die beiden sind so gutherzig, wie Männer überhaupt nur sein können. Sie sind vielleicht schroff und ungehobelt, aber das hat nichts zu bedeuten, es liegt nur daran, dass sie schon so lange allein sind. Stell dir vor, du müsstest ein halbes Jahrhundert allein leben, so wie sie. Das würde nicht spurlos an dir vorübergehen. Lass dich also von ihrer rauhbeinigen Art nicht abschrecken. Ja, sie haben ihre Ecken und Kanten. Die sind eben nie geglättet worden." (S. 156)
Quelle: Diogenes
Maggie ist die Kollegin von Tom Guthrie, der mit seinen beiden Jungs, 9 und 10 Jahre, ebenfalls in Holt lebt. Seine Ehefrau, die man anfangs als seelisch angeschlagene Person kennenlernt, verlässt ihre Familie und zieht nach Denver. Das Zusammenleben zwischen den beiden Eheleuten scheint nicht zu funktionieren. Kent Haruf rückt leider nicht mit den Hintergründen zu den Problemen der Eheleute heraus. Die beiden Jungs halten zusammen wie Pech und Schwefel. Auch wenn sie ihre Mutter vermissen, versuchen sie an den Alltagsroutinen festzuhalten. Jeden Morgen Zeitungen austragen, danach Schule, nachmittags die Tiere zuhause füttern. Kindsein in Holt scheint nicht leicht zu sein. Es gibt Erwachsene, die behandeln die Kinder sehr verächtlich und spielen ihre angebliche Überlegenheit aus. Den beiden Jungs steht ihre gute Erziehung im Weg, um sich gegen diese Erwachsenen zur Wehr zu setzen. Glücklicherweise gibt es auch Mitbewohner in Holt, die den Kindern sehr wohlwollend begegnen und sie ernst nehmen.
Der Vater Tom hat neben den Mühen, seinen Kindern ein ansprechendes Zuhause zu bieten, Probleme an seiner Arbeitsstätte. Er gerät mit einem Schüler aneinander, der die schwangere Victoria (hier schließt sich der Kreis wieder) gemobbt hat. Am Ende erntet der Schüler einen Schulverweis, was wiederum dessen Eltern auf den Plan ruft, die im Übrigen ein identisches asoziales Verhalten zeigen wie ihr Sproß. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
"Sie sah sich um. Häuser und kahle Bäume. Sie ließ sich in der Kälte auf den Verandaboden sinken, lehnte den Rücken an die kalten Bretter der Hauswand. Ihr war, als verflüchtigte sie sich, als wanderte sie ziellos umher in kummervoller, ungläubiger Benommenheit. Sie schluchzte ein wenig. Sie starrte zu den stillen Bäumen hinaus, auf die dunkle Straße, zu den Häusern gegenüber, in denen sich Menschen in den hellen Zimmern ganz normal bewegten, und wenn der Wind seufzte, wanderte ihr Blick hinauf in die schwankenden Bäume. Sie saß da, schaute hinaus, rührte sich nicht." (S. 41)
Auch wenn es sich durch die gerade geschilderten Schicksale vielleicht nicht so anhören mag, aber das Leben in Holt ist unaufgeregt. Wahrscheinlich sind die persönlichen Dramen, das Einzige, was in Holt für Abwechslung sorgt. Ein unaufgeregtes Kleinstadtleben wird von Kent Haruf auch in einem unaufgeregten Sprachstil geschildert. Seine Sprache strahlt sehr viel Ruhe aus - keine einschläfernde Ruhe, sondern eine wohlige Ruhe, die einen melancholisch macht und ganz warm ums Herz werden lässt.

Da sich während der Lektüre viele Fragen zu den Charakteren auftun, die jedoch nur selten beantwortet werden, verlangt dieses Buch nach einer Fortsetzung, in der die Unklarheiten hoffentlich bereinigt werden. Und siehe da, die Fortsetzung ist vom Verlag bereits für Januar 2019 angekündigt. Ich bin gespannt.

Eine Anmerkung noch zum Titel: Ich habe mich gefragt, wie man solch ein wundervolles Buch mit einem kitschigen Titel versehen kann und habe ein wenig recherchiert: "Lied der Weite" kommt in die Nähe der Übersetzung des Original-Titels "Plainsong" (wenn man die wortwörtliche Übersetzung zugrunde legt), wobei "plain" als Substantiv "Ebene" oder "Flachland" bedeutet. "Plainsong" ist jedoch auch ein musikalisch-religiöser Begriff und bedeutet "Cantus Planus" (= ebener Gesang, lat.), was im Zusammenhang mit diesem Buch passender erscheint. Ein Cantus Planus ist ein gregorianischer einstimmiger Choral, der rhythmisch gleichförmig vorgetragen wird; Gleichförmigkeit bedeutet Unaufgeregtheit - genau das Merkmal, welches ich in diesem Buch so genossen habe, und welches sich hoffentlich auch im kommenden Roman um die Bewohner des Städtchens Holt wiederfinden wird.

© Renie





Über den Autor:
Kent Haruf (1943–2014) war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Wallace Stegner Award und dem Mountains & Plains Booksellers Award (für ›Lied der Weite‹) ausgezeichnet. Sein letzter Roman, ›Unsere Seelen bei Nacht‹, wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. (Quelle: Diogenes)


Den ersten Teil aus der Holt-Trilogie habe ich ebenfalls gelesen: Unsere Seelen bei Nacht ...

Freitag, 20. April 2018

Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn

Quelle: Pixabay/brogers718
Ein Buch über Freundschaft und das Erwachsenwerden in New Yorks Brooklyn der 70er Jahre. Im Mittelpunkt dieses sehr einfühlsamen Romans "Ein anderes Brooklyn" der Amerikanerin Jacqueline Woodson, stehen 4 Freundinnen, die ihre Kindheit und Jugend in diesem Viertel verbringen. Sie erleben die Veränderung von Brooklyn. Die ehemals beliebte Wohngegend verkommt, die Weißen fühlen sich in einem hispano- und afroamerikanisch-geprägten Umfeld nicht mehr wohl und ziehen weg. Das Straßenbild ändert sich. Kriminalität und Drogen bestimmen den Alltag. Nicht gerade eine ansprechende Umgebung für Kinder. Wie schaffen es also die Mädchen in Brooklyn zurecht zu kommen? Die Antwort lautet: Gemeinsam. Denn gemeinsam sind sie stark, sind für einander da und bilden eine Einheit gegen die Anderen.
Sylvia, Angela, Gigi und August - vier Mädchen mit unterschiedlichen Begabungen und einem Traum - Herauszukommen aus Brooklyn und aus ihrer Begabung etwas zu machen.
Ob es den Mädchen gelingt, ihren Traum zu leben, hofft und wünscht man ihnen.
Quelle: Piper

Ich-Erzählerin August erzählt von der gemeinsamen Kindheit im Rückblick, anhand von Erinnerungsfragmenten. Sie konnte etwas aus ihrem Leben machen, ist sie doch heute Anthropologin und bereist die ganze Welt. Sie kommt zur Beerdigung ihres Vaters wieder nach Brooklyn. Damit beginnt der Roman. Der Gegensatz zwischen dem Brooklyn von heute und damals könnte nicht krasser sein. Sie erinnert sich an die ersten Jahre in Brooklyn, als die Kinder noch auf der Straße spielen konnten und das Leben auf der Straße noch mit großer Leichtigkeit ablief. Mit den Jahren wird das Straßenleben feindseliger: Drogen, Verbrechen, Bandenkriege. Und mittendrin die 4 Mädchen, die sich gegenseitig Kraft und Mut geben.
"In der großen Hitze des Sommers beobachteten wir, wie Kinder die Heroinsüchtigen umkreisten und darauf wetteten, ob sie umfielen oder nicht. Einmal rannte ein kleiner Junge die Straße entlang und hielt eine verbogene Spritze, die er eben gefunden hatte, wie einen Revolver gezückt."
August erzählt mit großer Wärme von ihren drei Freundinnen. Sie scheint die Einzige in dem Quartett zu sein, die sich nicht durch eine besondere Fähigkeit hervortut. Sie ist weder besonders hübsch, noch besonders schlau, noch tänzerisch oder schauspielerisch begabt. Das spielt jedoch keine Rolle. Denn den Freundinnen ist jeglicher Neid fremd. Ganz im Gegenteil. Sie träumen gemeinsam davon, dass jede von ihnen es schafft, aus Brooklyn herauszukommen.
Der Roman könnte ein Tagebuch sein, welches den Leser an den Gefühlen und Ängsten der Ich-Erzählerin teilhaben lässt. In kleinen, manchmal nur 5 Zeilen großen Abschnitten, gibt sie ihre Erinnerungen wieder. Das wirkt bruchstückhaft, bleibt es aber nicht. Denn am Ende ergeben diese Bruchstücke ein großes Ganzes, das ein eindrucksvolles Bild von dieser Kindheit in Brooklyn widerspiegelt.
"Mein Bruder und ich wuchsen zwar ohne Mutter, aber dennoch wohlbehütet auf. Mein Bruder hatte den Glauben, an den mein Vater ihn herangeführt hatte, und ich hatte lange Zeit Sylvia, Angela und Gigi, mit denen gemeinsam ich das Aufwachsen als Mädchen in Brooklyn schulterte wie einen Sack voller Steine, den wir uns weiterreichten: Da. Hilf mir tragen."
Der Sprachstil ist dabei sehr poetisch, fast schon magisch. Denn Jacqueline Woodson versteht es, den Leser mit ihrer eindringlichen Sprache zu fesseln. Ich habe mich mit diesem Buch sehr wohl gefühlt und war am Ende schon ein bisschen traurig, dass die Geschichte zu Ende war.
Jacqueline Woodson hat bisher Kinder- und Jugendliteratur geschrieben. "Ein anderes Brooklyn" ist ihr erster Roman für Erwachsene, und ich bin neugierig, was sie sonst noch an Romanen zaubern wird.

© Renie



Dienstag, 17. April 2018

Christina Röckl: Kaugummi verklebt den Magen

Quelle: Kirchner PR/kunstanstifter
"Wenn man einen Apfelkitsch (=Kerngehäuse eines Apfels) isst, wächst einem ein Apfelbaum aus dem Popo."
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"Vorsicht vor Ohrenkneifern - die krabbeln ins Ohr, fressen sich bis zum Gehirn durch und kommen am Ende aus der Nase wieder raus."
......
"Wenn du nicht aufisst, gibt es morgen schlechtes Wetter."
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"Wenn eine Frau mit 30 Jahren noch nicht verheiratet bist, kriegt sie nie einen Mann."
.....
Manche Gerüchte halten sich hartnäckig und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Denn Erwachsene sind sehr traditionsbewusst, wenn man bedenkt, welchen liebevollen Blödsinn sie Kindern erzählen. Und was noch komischer ist: Trotzdem die Kinder irgendwann herausfinden  werden, dass ihre Eltern geflunkert haben, werden auch sie die gleichen Lügenmärchen ihren Kindern einmal erzählen. Na ja, vielleicht nicht alles, aber vieles davon. Und selbst, wenn sie sie nicht weitererzählen, werden sie die Prophezeiungen ihrer Eltern und Großeltern niemals vergessen. Und die Unwahrheiten werden bei jeder sich bietenden Gelegenheit wieder präsent sein. (So wie bei mir, s. Einleitung)

Christina Röckl räumt mit diesen Flunkereien in ihrem sehr kurzweiligen Buch "Kaugummi verklebt den Magen" auf sehr amüsante Weise auf. Sie treibt es mit diesen besonderen Geschichten auf die Spitze, durchleuchtet jede These, fragt nach Hintergründen und sucht nach dem Fünkchen Wahrheit, das hinter der einen oder anderen Behauptung stecken könnte. Dabei sucht sie sich Hilfe bei 3 Erwachsenen - ich nenne sie Prof. Dr. Dr. Gernegroß, Prof. Dr. Alleswisser und Dr. Dr. Pinocchio (der mit der langen Nase). Die Drei sind auf Sendung. Live im Fernsehen warnen sie den Zuschauer (und natürlich den Leser dieses Buches) vor den Gefahren, die im Alltagsdschungel auf uns lauern. Themen der Sendung in Christina Röckls Buch sind:
  • der Kaugummi
  • das Schielen
  • Fernsehkonsum und seine Folgen
  • das Nasepopeln
Dank intensiver Recherche klären die drei Akademiker den Zuschauer (und Leser) über alles Wissenswerte im Zusammenhang mit diesen Gefahren auf - natürlich mit Unterstützung überbordender Phantasie, die den Zuschauer (und Leser) lachen und zweifeln lässt. Denn wer weiß, vielleicht ist doch das eine oder andere Fünkchen Wahrheit dabei ;-)

Ich habe mich auf jeden Fall köstlich amüsiert und hatte viele Aha-Erlebnisse. Am Ende habe ich in meinen Erinnerungen gekramt und habe außer den bereits genannten Behauptungen in der Einleitung noch einige andere zutage gebracht, die ich zu meiner Schande auch bereits schon an meinen Sohn weitergegeben habe (was ich nicht glauben wollte, aber er hat es mir bestätigt).

Dank der unbändigen Fabulierfreude von Christina Röckl ist das Buch ein Riesen-Vergnügen. Man wird den Eindruck nicht los, dass sie sich geradezu in das Ausschmücken der Unwahrheiten sowie das Drumherum-Erzählen hineingesteigert hat und dabei selbst viel Spaß hatte. Dies äußert sich auch in einem wahren Farbrausch, mit denen sie ihre Texte illustriert. Da ist viel los in den Bildern. Daher sollte man sich Zeit für dieses Buch nehmen, denn es wäre schade um jedes Detail, das man übersehen könnte.

Dieses lustige Buch ist für jede Altersklasse geeignet: für Erwachsene, damit sie sich erinnern und an die eigene Nase packen; für Kinder, damit sie früh genug lernen, dass auch Erwachsene viel Blödsinn erzählen können. Und dass man nicht alles für bare Münze nehmen soll, was ein Erwachsener erzählt.

Und was die Flunkereien angeht, die man mir als Kind aufgetischt hat

- Bisher musste ich mein Sitzverhalten nicht ändern, geschweige denn Löcher in meine Unterbuxen und Hosen schneiden. Der Wald aus Apfelbäumen lässt immer noch auf sich warten.

- Ohrenkneifer heißen eigentlich Ohrwürmer und wurden von der Antike bis zur Neuzeit in pulverisierter Form als Medizin gegen Ohrkrankheiten und Taubheit verabreicht. Sie fressen andere Insekten und Pflanzenteile. Nur derjenige, der Stroh im Kopf hat, läuft Gefahr, ein gefundenes Fressen für einen Ohrenkneifer zu sein.

- Manche Gerüchte halten sich hartnäckig ... das mit dem Wetter und dem Aufessen ist so eines.

- Und was das Heiraten bis 30 angeht: Tja liebe Omi, ich habe trotzdem einen Mann abgekriegt, und was für einen!

© Renie




Über die Autorin:
Mit "Und dann platzt der Kopf" schloss Christina Röckl ihr Masterstudium in Illustration bei ATAK/Georg Barber ab. Das Bilderbuch wurde für den Giebichenstein Designpreis nominiert und zusammen mit Ergebnissen eines von ihr geleiteten Comicworkshops im Vogtlandmuseum Plauen ausgestellt. Auslöser für das Projekt war für sie die große Frage, weshalb Slimer eine Seele hat, ein Haufen Schleim aber nicht.

Christina Röckl lebt und arbeitet in Leipzig. (Quelle: kunstanstifter)

Freitag, 13. April 2018

Alper Canigüz: Secret Agency

Quelle: Pixabay/LisaRedfern
Als man mir auf der Leipziger Buchmesse das Buch "Secret Agency" von Alper Canigüz vorstellte, dachte ich, ich höre nicht richtig: Katzen können berufstätig sein und Karriere machen !?!

Verrückt! Kein anderer Begriff ist zutreffender für diesen Roman als dieser: VERRÜCKT!!!

Der Protagonist in diesem Buch ist Musa, Texter, der einen neuen Job in einer Werbeagentur in Istanbul antritt - in eben dieser Secret Agency. Der Chef ist eine Katze. Die anderen Mitarbeiter sind auch irgendwie merkwürdig, und es ist kalt. Kälte erhöht bekanntlich die geistigen Fähigkeiten sowie die Effizienz bei der Arbeit. Und gemessen an der Kälte in der Secret Agency müssten die Mitarbeiter zur Höchstform auflaufen. Man ahnt es, in der Secret Agency geht nicht alles mit rechten Dingen zu.
"Ich begab mich an meinen Platz zurück und versuchte eine Weile, im Internet etwas über die Agentur in Erfahrung zu bringen, dann wartete ich darauf, dass mir jemand Arbeit brachte, mein Telefon klingelte oder eine E-Mail eintraf. Alles umsonst. Ich fragte mich, warum ich mich nicht langweilte und fand sofort die Antwort. Ich fror dermaßen, dass mein Gehirn mir angesichts der lebensbedrohlichen Lage einen Luxus wie etwa das Gefühl von Langeweile natürlich vorenthielt."
Ich hatte sehr viel Spaß mit diesem Roman, und noch mehr Aha-Erlebnisse. Der Autor liefert Überraschungsmomente, die unbezahlbar sind. Der Ich-Erzähler Musa ist ein lustiges Kerlchen: ein trinkender Romantiker, der nicht auf den Mund gefallen ist. Schließlich ist er nicht umsonst Texter. Seine Erzählweise ist originell. Er überzeugt durch Schlagfertigkeit. Das führt zu einigen witzigen Szenen. Mehr oder weniger freiwillig schliddert Musa mitten hinein in die mysteriösen Geheimnisse um die Secret Agency.
Natürlich verliebt sich der Romantiker Musa. Denn es gibt da diese unglaubliche Arbeitskollegin. Seine Angebetete versüßt ihm das Leben, kann ihm dieses jedoch auch zur Hölle machen, insbesondere, wenn ihn die Eifersucht überkommt. Und die Eifersucht überkommt ihn häufig.
Die anderen Charaktere dieses Romanes wirken fast schon skurril und bieten daher sehr viel Potenzial, um den Leser zum Lachen zu bringen. Herrlich.
"Es ist leichter jemanden zu mögen, der tot ist. Noch dazu nach vier, fünf großen Bieren."
Wenn man diesen Roman liest, wird man den Verdacht nicht los, dass nichts ist, wie es scheint. Es wird auch nicht gelingen, diesen Roman einem Genre zuzuordnen, denn hier sind unterschiedliche Richtungen vereint: Krimi, Thriller, Fantasy, Science Fiction, Liebesroman, Satire und, und, und. Es gibt Liebe, es gibt Tote, es gibt Unerklärliches, und der europäische Hochadel ist auch vertreten. VERRÜCKT, anders kann man es wirklich nicht bezeichnen.
Freunde des Skurrilen werden auf jeden Fall ihren Spaß an diesem Buch haben.

© Renie





Dienstag, 10. April 2018

Michael Hugentobler: Louis oder der Ritt auf der Schildkröte


Quelle: Pixabay/OpenClipart-Vectors
Ein Schelmenroman über einen Schweizer, der in die weite Welt hinauszog und allerlei Abenteuer erlebte. Oder auch nicht.

Als Hans Roth Mitte des 19. Jahrhunderts in einem kleinen Dorf in der Schweiz auf die Welt kommt, ist er bereits anders als andere Kinder. Ein großer Kopf, ein kleiner Körper. Scheinbar hat er den Aufenthalt im Mutterleib vorzeitig abgebrochen. Ihn zieht es hinaus in die Welt. Mit den Jahren erweist sich sein Dorf als zu klein für ihn, auch wenn er irgendwann das Wachsen einstellt und fortan als Kleinwüchsiger durch die Weltgeschichte geht. Er verbringt einige Jahre seines Lebens als Diener und Butler in unterschiedlichen Anstellungen, die ihn jeweils ein Stückchen weiter weg von seiner Heimat und seiner Vergangenheit bringen. Aus Hans Roth wird Louis de Montesanto, der sein Glück in der Ferne sucht. In weiter Ferne. Um genau zu sein in Australien. Er bereist den roten Kontinent, landet schließlich im tiefsten und unerforschtesten Busch Australiens in einem Eingeborenen-Dorf, in dem er einige Zeit verbringen wird. Wieder zurück in der Zivilisation macht er seine Erlebnisse zu Geld. Er publiziert seine Abenteuer. Die Menschen lieben seine Geschichten. Und so wird er herumgereicht, erzählt den Leuten das, was sie hören wollen. Doch er hat nicht nur Fans. Auch seine Kritiker melden sich zu Wort, mit erheblichen Konsequenzen für Louis.
"'Bloß weil wir ihm unsere Ansicht von richtig und falsch aufdrücken, verlieren wir gerade einen der größten Erzähler unserer Zeit.'" (S. 161)
Quelle: dtv
Die Figur des Louis de Montesanto ist in Anlehnung an einen Entdecker und Abenteurer namens Louis de Rougemont (ebenfalls Schweizer) entstanden. Der Autor Michael Hugentobler macht es dem Leser allerdings nicht leicht, sich mit "seinem" Louis anzufreunden. Louis bleibt seltsam anonym, seine Beweggründe für seine Reisen sind kaum zu verstehen. Hinzu kommen ein paar Wesenszüge von Louis, die ihn als egoistisch und verächtlich gegenüber anderen Menschen erscheinen lassen. Sollte ich Louis darüberhinaus charakterisieren, ich könnte es nicht. Louis bleibt dem Leser fremd.
Nun brauche ich als Leser nicht unbedingt einen Sympathieträger als Protagonisten. Ich komme auch mit Fieslingen zurecht. Aber auch das ist Louis nicht. Ich gebe zu, dass mich diese Anonymität von Louis ein wenig irritiert hat.

Im Verlauf der Handlung entwickelte sich der Roman für mich zu einem Schelmenroman, der mich sehr stark an Münchhausens Geschichten erinnert hat und mir einen anderen Ansatz bot, die Geschichte zu verstehen. Die Handlung ist ein Spiel mit der Wahrheit. Louis ist ein Geschichtenerzähler, wobei er seinem Publikum genau das erzählt, was es hören will. Er präsentiert sich seinem Publikum auch in derjenigen Rolle, in der es ihn sehen will: als Abenteurer, als Tierbändiger, als Forscher, als Liebhaber einer Wilden. Aber er zeigt nie seine wahre Person - auch nicht dem Leser. Das lässt viel Interpretationsspielraum. Zu einem Ergebnis wird man jedoch nicht kommen.
"Das Problem war, dachte er, dass der Grat zwischen Fakt und Fiktion schmal und verwirrend und unnötig sei. Die einzig zulässige Version der Wahrheit sei jene, die den Leser sofort in ihren Bann ziehe, die auf die Sehnsüchte der Menschen abziele - nach Größe, Humor und Stärke in diesem tristen Leben. Eine seltsame Wahrheit, ja: eine absurde Wahrheit." (S. 110)
Die stilistischen Mittel, die Michael Hugentobler für seinen Roman gewählt hat, fordern den Leser auf eine sehr ansprechende und amüsante Art: kurze Kapitel, Wechsel in den Erzählperspektiven, Sprünge innnerhalb unterschiedlicher Zeitebenen, Wechsel der Schauplätze. Das hält den Leser auf Trapp. Denn Michael Hugentobler gibt keine Hinweise darauf, wer, wann und wo gerade erzählt. Das Wer-wann-und-wo erschließt sich erst, wenn man ein paar Sätze eines Kapitels gelesen hat. Hinzu kommt eine gute Portion Humor sowie rätselhafte Andeutungen, die neugierig machen und sich erst im Verlauf des Romans auflösen.

Fazit:
Es fällt mir nicht leicht, eine Wertung für diesen Roman abzugeben. Die Buchbeschreibung suggeriert einen Roman über einen Exzentriker, der die Welt bereist und über seine Abenteuer berichtet. Doch für mich steckt mehr dahinter. Für mich steht das Spiel zwischen Wahrheit und Fiktion im Vordergrund, so dass der Charakter des Protagonisten fast zur Nebensache wird. Ich fühlte mich von Michael Hugentobler in die Rolle des Publikums hineinversetzt, das nur dann zufrieden ist, wenn es genau das zu hören bekommt, was es hören möchte. Ich wollte einen Abenteuerroman, den ich nicht bekommen habe und müsste deshalb enttäuscht sein von diesem Buch. Doch das bin ich nicht. Ganz im Gegenteil. Mir hat das Spiel mit der Wahrheit mindestens genauso gut gefallen. Ich muss kein Freund des Protagonisten sein. Ich mochte Louis' Geschichten. Und ob er jetzt auf der Schildkröte geritten ist, oder nicht, ist mir egal. Aber der Gedanke, dass er es getan haben könnte, wie so viele andere Dinge, von denen er berichtet, ist einfach nur schön.

© Renie



Über den Autor:
Michael Hugentobler wurde 1975 in Zürich geboren. Nach dem Abschluss der Schule in Amerika und in der Schweiz arbeitete er zunächst als Postbote und ging auf eine 13 Jahre währende Weltreise. Heute arbeitet er als freischaffender Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine, etwa ›Neue Zürcher Zeitung‹, ›Die Zeit‹, ›Tages-Anzeiger‹ und ›Das Magazin‹. Er lebt mit seiner Familie in Aarau in der Schweiz. ›Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte‹ ist sein erster Roman. (Quelle: dtv)

Samstag, 7. April 2018

Anthony McCarten: Jack

Quelle: Wikipedia*
"Denn die einzig wirklichen Menschen sind für mich die Verrückten, die verrückt danach sind zu leben, verrückt danach zu sprechen, verrückt danach, erlöst zu werden, und nach allem gleichzeitig gieren - jene, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen, sondern brennen, brennen, brennen wie phantastische gelbe Wunderkerzen."  - aus "On the road" ("Unterwegs") von Jack Kerouac
Und Jack Kerouac brannte. Er war ein Getriebener, dem es darum ging, nicht eine Sekunde seines Daseins zu verschwenden. Leben am Limit, das war seine Devise. Sex, drugs, rock'n roll, durch die Weltgeschichte reisen und das tun, was einem Spaß macht. Mit seiner Einstellung zum Leben ist er zum Vorbild einer ganzen Generation geworden, der sogenannten Beat Generation. Sein Roman "On the road", dem man autobiografische Inhalte nachsagt, erschien 1957 und wurde zur Bibel seiner Anhänger.
Aber auch Helden altern. Jack wird der Rummel um seine Person irgendwann zu viel. Seine Fans lieben ihn, die Literaturkritiker hassen ihn. Psychisch und körperlich angeschlagen verschwindet er aus der Öffentlichkeit. Die letzten 3 Jahre seines Lebens verbringt Jack Kerouac, alkohol- und drogenabhängig, in einem kleinen Ort in Florida, wo er am 21. Oktober 1969 im Alter von 47 Jahren stirbt.
Quelle: Diogenes

Anthony McCartens Roman "Jack" beginnt am Tag von Kerouacs Beerdigung.
Die Ich-Erzählerin Jan wohnt der Beerdigung ihres Idols bei. Sie ist Literaturstudentin und hat sich intensiv mit dem Leben Kerouacs befasst. Sie möchte seine Biographie schreiben. In einer Rückblende schildert sie die letzten fünf Monate Kerouacs; wie sie ihn ausfindig gemacht hat; wie sie ihm das erste Mal gegenüber steht; wie sie sich näher kommen, sie nach und nach sein Vertrauen erlangt und schließlich sein Einverständnis bekommt, seine Biographie zu schreiben.

Jack Kerouac hat nichts mehr von dem schillernden Idol einer ganzen Generation. Er ist ein menschliches Wrack. Das Leben am Limit sowie permanenter Alkohol- und Drogenkonsum fordern ihren Tribut. Aber immer noch versteht er es, Geschichten aus seinem Leben zu erzählen. In den Gesprächen mit Jan blitzt immer wieder der "alte" Jack durch, der nach seinem ganz eigenen Lebenscredo gelebt hat, um das ihn wahrscheinlich auch heute noch viele Menschen beneiden würden. Lebe dein Leben ohne Rücksicht auf Verluste. Denn Rücksichtnahme war ihm fremd.
"Er war ein Meister der Verstellung, ein Virtuose im Spiel der Identität sein Leben lang. Im Laufe der Zeit hatte er so viele verschiedene Menschentypen gespielt - Footballheld, Junkie, Hobbybuddhist, frommer katholischer Messdiener, Grobian, Säufer, Muttersöhnchen, Berühmtheit, attraktives Postermotiv, aufgeschwemmtes Wrack, kultivierter Literat, Landstreicher, Weltreisender, scheuer Einzelgänger, Retter des modernen Romans, Schänder des modernen Romans und so weiter ..."
Bleibt natürlich die Frage, was ihn dazu bringt, sein Leben vor einer wildfremden Person wie Jan auszubreiten, und sie mit der hochheiligen Aufgabe zu betreuen, seine Biographie für die Nachwelt zu Papier zu bringen? Die Antwort auf diese Frage ist eine der großen Überraschungen in diesem Buch, mit denen mich Anthony McCarten umgehauen hat. Es wird nicht bei dieser einen Überraschung bleiben. Nur soviel: eigentlich könnte man "Jack" als einziges Rollenspiel verstehen:
"'Die Persönlichkeit eines Menschen hat Dutzende von Facetten. Fahren Sie in einen Ferienort. Sehen Sie sich um. Der humorlose Anwalt schlüpft aus seinem Anzug und verwandelt sich in einen Partylöwen. Der berühmte Schauspieler wird zum erbärmlichen Langweiler. Die eingeschüchterte Hausfrau mausert sich zur hinreißenden Liebhaberin, wird ein völlig anderer Mensch. Es ist immer das Gleiche, die Sehnsucht nach Flucht ...' - er ließ das Glas auf dem Tresen kreisen - ' Flucht aus dem Gefängnis des eigenen Ichs. ...'"
Hier werden Rollen gespielt. Jeder Protagonist rutscht in eine oder mehrere Rollen, ob absichtlich oder gezwungenermaßen sei dahingestellt. Manche Rollen kann man sich halt nicht aussuchen. Und welcher Mensch tatsächlich hinter den unterschiedlichen Rollen steckt, lässt sich kaum sagen.
Ich habe schon einige Romane von Anthony McCarten gelesen. Mit einigen hat er mich begeistert, mit anderen weniger. "Jack" gehört für mich ganz klar zur ersten Kategorie. McCarten konzentriert sich auf den gestrauchelten Helden Kerouac, holt ihn vom Podest und vermenschlicht ihn. Egal, ob man die Sturm- und Drangjahre des echten Kerouac gut findet oder nicht, für McCartens Jack wird man Mitleid empfinden. Kerouac aus der Sicht einer Biographin zu zeigen, die sowohl sein Lebenswerk als auch den Menschen Kerouac wie er heute ist zeigt, ist ein genialer Plot. Und wenn man dann noch feststellt, dass nicht nur Kerouac eine Geschichte hat, sondern auch die Biographin - und was für eine! - wird man den Roman nicht mehr aus der Hand legen können. So ging es mir zumindest. Und daher gibt es von mir eine dicke fette Leseempfehlung!

© Renie

*Foto: Tom Palumbo from New York, NY, USA - Jack Kerouac, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4071339




Über den Autor:
Anthony McCarten, geboren 1961 in New Plymouth/Neuseeland, schrieb als 25-Jähriger mit Stephen Sinclair den Theaterhit ›Ladies Night‹. Es folgten Romane und Drehbücher (u. a. zu den von ihm auch mitproduzierten internationalen Filmen ›The Theory of Everything‹ und ›Darkest Hour‹ mit Gary Oldman, Filmstart 12. Januar 2018). Er lebt in London. (Quelle: Diogenes)

Sonntag, 1. April 2018

Sonja Rüther: Geistkrieger - Feuertaufe

Quelle: Pixabay/smilingpixell
Die Bücher von Sonja Rüther bilden für mich einige der wenigen Gelegenheiten, mich von meinem Haus- und Hof-Genre "Gegenwartsliteratur" wegzubewegen und einen Ausflug in ein anderes Genre zu unternehmen. Blutig muss es sein ..... und natürlich spannend .... und natürlich fantasievoll ... und ich will überrascht werden. Die Bücher von Sonja Rüther sind quasi für mich literarische Überraschungseier - wenn auch blutig und ohne "Spielen" ;-).
In ihrem Fantasy-Roman "Geistkrieger: Feuertaufe" - der erste einer Reihe, die nachfolgenden Bände sind hoffentlich schnell geschrieben - geht es um eine Special Task Force der Polizei des Landes Powtanka. Die Powtankaner entsprechen unserem landläufigen Verständnis von Indianern. Einzige Unterschiede: die damaligen Vertreibungen und Ausrottungsversuche in Amerika sind anders verlaufen, als wir es aus den Geschichtsbüchern kennen. Die Indianer konnten Widerstand leisten, das Volk konnte wachsen und gedeihen. Mittlerweile haben sie sich zu einer Hightech-Nation entwickelt und haben mit ihrem Fortschritt andere Nationen abgehängt. Das hält sie jedoch nicht davon ab, an ihren überlieferten Traditionen festzuhalten. Ihr Alltag wird sowohl von Traditionen als auch von ihren Hightech-Errungenschaften bestimmt. Sie versuchen, im Einklang mit der Natur zu leben. Ein wichtiger Aspekt ihres Lebens ist die Spiritualität.
"Die Astralwelt war eine feinstoffliche Ebene, die nur von wenigen Schamanen in Gänze wahrgenommen werden konnte. Chenoa würde den Begriff feinstofflich niemals benutzen, sondern eher von Energien, Auren und Geistern sprechen. Für Deidra war die genaue Definition irrelevant. Es gab diese besondere Welt und manchmal nahm sie Einfluss auf jene, die sie erfassen konnten." (S. 118)
Die Polizei-Einheit "Geistkrieger", um die es in diesem Roman geht, besteht aus 4 Personen, die über besondere Fähigkeiten verfügen. Bei einigen sind diese Fähigkeiten bereits bekannt und werden im Einsatz gegen das Verbrechen genutzt. Bei anderen kristallisieren sich ihre Fähigkeiten erst im Verlauf der Handlung heraus und überraschen sowohl das Team als auch den Leser.
Gerade zu dem Team dazugestoßen ist der Schotte Finnley, der aus Liebe zu seiner Verlobten, einer Powtankanin, in ihre Heimat ausgewandert ist. Finnley hat es zunächst nicht leicht, wozu zum Einen sein ungewöhnliches Äußeres - tätowiert bis in die Haarspitzen - beiträgt; zum Anderen die Ablehnung und das Misstrauen der Powtankaner gegenüber allem Fremden. Sie empfinden das Fremde als Bedrohung für ihre Lebensweise.
Während die Geistkrieger ein ungewöhnliches Verbrechen aufklären sollen, wachsen sie mit der Zeit zu einem echten Team zusammen. Auch der Neue, Finnley, wird akzeptiert und findet seinen Platz in diesem Team.
Die Geistkrieger haben es mit einer mysteriösen Todesserie zu tun. Menschen kommen auf spektakuläre und extrem blutige Weise ums Leben. Zunächst gibt es keine Spuren. Laut Zeugenaussagen sind keine Täter zu sichten. Es stellt sich heraus, dass einer der powtankanischen Geister seine Hände im Spiel hat. Für den Fantasy-ungeübten Leser schwer zu verstehen. Aber Realitätssinn ist hier fehl am Platze. Fantasie ist gefragt. Auch Finnley, der Schotte, hat seine Schwierigkeiten mit dem Spirituellen und tut dies zunächst als Quatsch ab. Doch er wird sich eines Besseren belehren lassen müssen.
"Wenn er die Geschehnisse in dieser Einheit verstehen wollte, musste er Abstand gewinnen und von außen auf das schauen, was er seit dem ersten Tag miterlebt hatte. Er kam sich vor wie in einem SciFi-Streifen im Kino, nur dass er mitten hinein gezogen wurde und nun mit Dingen umgehen sollte, die seinen Horizont überstiegen." (S. 202)
An diesem Roman fasziniert mich die Frage, was wäre gewesen, wenn die Indianer nicht vertrieben und fast ausgerottet worden wären? Was wäre gewesen, wenn die Indianer die Gelegenheit gehabt hätten, sich weiterzuentwickeln? Es ist durchaus vorstellbar, dass wir es mit einer Nation zu tun hätten, ähnlich wie die der Powtankaner. Und einen Roman in diesem Szenario anzusiedeln ist eine großartige Idee, die Sonja Rüther auch sehr überzeugend umgesetzt hat.
Fühlt man sich anfangs in einen Thriller hineinversetzt, verliert der Roman jedoch über einige Strecken das Thrillerhafte, erstaunlicherweise jedoch niemals die Spannung. Da dieser Band der erste einer Reihe ist, konzentriert sich die Autorin auf die Entwicklung der Charaktere aus dem Ermittlungsteam, schließlich wird dieses den Leser auch in zukünftigen Büchern aus dieser Serie begleiten. Es macht also Sinn, den Charakteren und deren Zusammenspiel viel Raum zu lassen. Zum Ende hin wird der Roman wieder zu einem Thriller. Und was für einem. Ich kann gar nicht beschreiben, wie turbulent die Geschichte zum Ende wird, und welche Überraschungen auf den Leser warten. Nur soviel: bei den letzten 100 Seiten dieses Romanes habe ich vor lauter Spannung Schnapp-Atmung bekommen. Dieser Roman ist definitiv nichts für Herzkranke.

Aus der Sicht einer Gegenwartsliteratur-affinen Leserin komme ich daher zu folgendem Fazit: 
Dieser Roman bestätigt mich in meiner Auffassung, dass es lohnenswert ist, einen Blick über den literarischen Tellerrand zu wagen und in anderen Genres zu stöbern. Sonja Rüther hat mich bereits mit der Horror-Anthologie "Aus dunklen Federn (1+2)" an das Genre "Horror" herangeführt, zumindest hat sie meine dunkle Leseseele geweckt, der auch mal nach Blut dürstet. Mit "Geistkrieger" hat sie meine fantastische Seele wachgekitzelt, und ich freue mich schon auf den nachfolgenden Band. Wer weiß, welches Genre uns Sonja Rüther als Nächstes präsentiert? (Hoffentlich keine Liebesschnulze ;-))

Von mir gibt es natürlich eine dicke fette Leseempfehlung für die Geistkrieger!

© Renie







Donnerstag, 29. März 2018

James Ellroy: Die Rothaarige

Quelle: Pixabay/OpenClipart-Vectors
"Ellroy ist der wohl wahnsinnigste unter den lebenden Dichtern und Triebtätern der amerikanischen Literatur." (Süddeutsche Zeitung)

"Er schreibt die blutigsten Krimis Amerikas." (ZEITmagazin)

"Anarchisch kaputt, sexbesessen und mit einem unheimlichen Gespür für alles Pathologische, Zerstörerische ... Aus seinen Büchern weht der Wind des Bösen." (Bücherjournal)

Nimmt man die Pressemeldungen für bare Münze, scheint James Ellroy auf der dunklen Seite der Literatur zu leben. Seine Romane sind düster, brutal, verstörend, Angst einflößend. In ihnen scheint Ellroy den schwarzen Teil seiner Seele auszuleben. Welche Motivation ihn dabei antreibt, schildert er in seinem autobiografischen Roman "Die Rothaarige". Die Geschichte, die er hier erzählt, ist einfach unvorstellbar: Als Ellroy 8 Jahre alt ist, wird seine Mutter brutal ermordet. Ihr Tod wurde nie aufgeklärt. Nach ca. 40 Jahren entschließt sich nun Ellroy, die Aufklärung selbst in die Hand zu nehmen. Von diesem Aufklärungsversuch und den Hintergründen des Verbrechens handelt dieser Roman.
"Ich dachte, ich würde dich kennen. Ich tat meinen kindischen Hass als intimes Wissen ab. Ich habe nie um dich getrauert. Ich habe die Erinnerung an dich bekämpft." (S. 118)
Der Roman ist in 4 Teile gegliedert:

1. Der Mord
Im Juni 1958 wird die Leiche von Jean Ellroy gefunden. Sie wurde vergewaltigt und erdrosselt. Die Hintergründe der Tat sind unbekannt. Potenzielle Täter gibt es einige. Zeugenbefragungen bringen ein paar Spuren, die jedoch im Sande verlaufen. Dieser Teil des Romanes liest sich wie ein Polizeibericht und liefert ein genaues Bild der Polizeiarbeit im früheren Los Angeles. Bezeichnend für die Polizei der damaligen Zeit war ein hohes Maß an Korruption und das Verfolgen persönlicher Interessen. Die Verbrechensquote war extrem hoch, die Aufklärungsquote relativ gering. Die Polizei ertrank förmlich in Mordfällen, so dass ein Mord wie der an Jean Ellroy schnell ad acta gelegt wurde. Man konzentrierte sich lieber auf Mordfälle, die eine höhere Chance einer Aufklärung boten. Ellroy vermittelt dabei ein hässliches Bild von Los Angeles, das wenig mit der schillernden und glamourösen Stadt der Engel zu tun hat.
In diesem ersten Teil nimmt James Ellroy eine Nebenrolle ein. Trotzdem er der kleine Junge ist, dessen Mutter gerade ermordet wurde, bleibt er im Hintergrund. Man erfährt nichts über sein Seelenleben. Bestenfalls präsentiert er sich bei den Ermittlungsarbeiten als einer von vielen Zeugen. Denn er wird von der Polizei wiederholt zu dem Verhältnis  seiner Eltern befragt. Das Foto des Buchcovers zeigt im Übrigen den kleinen James in einer, von der Presse konstruierten Situation, zu einem Zeitpunkt, an dem das Verbrechen an Ellroys Mutter noch von öffentlichem Interesse war. Doch dieses Interesse hielt leider nicht lange an. Erst Jahre später, als Ellroy als Schriftsteller bekannt ist, kommt dieses Interesse wieder hoch.
Quelle: Ullstein
"Ein Mann mit einer Kamera ging mit mir nach hinten zu Mr. Kryckis Geräteschuppen. Er drückte mir eine Ahle in die Hand und stellte mich an eine Werkbank. Ich hielt einen kleinen Holzblock fest und tat so, als würde ich ihn bearbeiten. Ich schaute in die Kamera - ohne zu blinzeln, zu lächeln, zu weinen oder zu zeigen, wie gut es mir ging." (S. 120)
2. James Ellroys Kindheit und sein Weg zum Schriftsteller
Der persönlichste und emotionalste Teil dieses Romans: Ellroy war ein Scheidungskind, instrumentalisiert von seinen Eltern, um ihn gegen den jeweils anderen Elternteil aufzubringen. Sein Vater hatte dabei die größere Überzeugungskraft und konnte James mit seiner Ablehnung und seiner Wut auf Mutter Jean anstecken. Anfangs himmelt James seinen Vater an. Erst Jahre später begreift er, dass sein Vater zeitlebens ein Schwätzer war, der sich sein berufliches wie menschliches Versagen schön reden konnte. Nach dem Tod seiner Mutter entwickelt sich James zu einem schwierigen Kind und Jugendlichen, der nach Aufmerksamkeit lechzt, indem er andere mit rassistischen Ansichten schockiert. Sein Rassismus ist für ihn lediglich Mittel zum Zweck. Ob seine Äußerungen im Widerspruch zu seiner tatsächlichen Überzeugung stehen, ist für mich leider nicht deutlich geworden. Sein Vater ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, so dass er nicht mitbekommt, dass sein Sohn immer mehr abdriftet: Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Strafvollzug. James Ellroy nimmt alles mit und landet in der Gosse. Dass er schließlich wieder die Kurve kriegt und Schriftsteller wird, liegt unter Anderem an seiner Liebe zu Kriminalromanen, die er bereits in seiner Kindheit verschlungen hat und die seine Fantasie beflügelt haben. Die Verbrechen, von denen er liest, beschäftigen ihn. Er träumt sich eine brutale Wirklichkeit zurecht, in der seine Mutter nicht selten eine Rolle spielt. Es ist seine Art, sich seiner Mutter anzunähern. Dabei erkennt er, dass er sehr wenig über seine Mutter weiß. Das Bild, das er von ihr hatte, indoktriniert durch seinen Vater, erweist sich als zweifelhaft. Daran hat er Jahre zu knabbern. Vierzig Jahre später erkennt er, dass der einzige Weg, seine Mutter zu verstehen darin liegt, dass Verbrechen an ihr aufzuklären. Im Zuge der Nachforschungen erhofft er sich, dass ihm der Mensch Jean Ellroy näherkommt.
"Mein Vater war ein Lügner. Meine Mutter eine Schwindlerin. Ich hatte sie sechs Jahre zusammen und vier Jahre getrennt erlebt. Ich verbrachte weitere sieben Jahre mit meinem Vater. Immer wieder fing er von meiner Mutter an, nur um vernichtend über sie herzuziehen. Seine Tiraden waren selbstgefällig und gehässig. Seine Tiraden waren suspekt. Die letzten sieben Jahre seines Lebens verleumdete er meine Mutter bei jeder Gelegenheit." (S. 465)
3. Bill Stoner
Bill Stoner ist der Kriminalbeamte, mit dem James Ellroy versucht, das 40 Jahre zurückliegende Verbrechen an seiner Mutter aufzuklären. Anhand des langjährigen Polizeidienstes von Stoner, präsentiert Ellroy wie im ersten Teil ein Stück amerikanischer Polizeigeschichte. Bill Stoner geht in den Ruhestand. In den letzten Jahren hat er in der Abteilung für ungelöste Mordfälle gewirkt, wo er auch einige beachtliche Erfolge erzielen konnte. Der Leser lernt Stoner als einen erfahrenen, besonnenen und hartnäckigen Polizisten kennen, der sich an einem Mordfall festbeißen kann. Und solch einen Menschen braucht Ellroy, um an sein Ziel zu kommen.

4. Die Aufklärung des Mordes an Jean Ellroy
Stoner und Ellroy schweißt die lang andauernde Suche nach Jeans Mörder zusammen. Es gibt Momente der Hoffnung, aber auch der Verzweiflung. Viele Spuren erweisen sich als Sackgasse. Und trotzdem geben die beiden nie auf. Es ist schon faszinierend, wie es ihnen gelingt, ein Ermittlungspuzzle zusammenzusetzen, das seit über 40 Jahren herumliegt und dessen Einzelteile in großen Teilen Amerikas verstreut sind.
"Wir bekamen Namen aus der Akte. Wir bekamen Namen von alten Cops. Wir bekamen Namen von alten Kneipenhockern und Leuten, die ihr Leben lang nicht aus El Monte herausgekommen waren. Wir arbeiteten acht Monate lang an dem Fall. Wir säten Namen und ernteten Namen. Wir brachten keinen immer größer werdenden Kreis von Namen zustande. Wir hatten es mit einem ausgedehnten Ort und einem großen Abschnitt verlorener Zeit zu tun. Wir gaben nicht auf. (S. 409)
An diesem Roman hat mich zunächst die Idee fasziniert, ein Verbrechen, das 40 Jahre zurückliegt, aufklären zu wollen. Die größere Faszination ging jedoch im Verlauf der Handlung von James Ellroys Sprachstil aus.
Im ersten Teil wirkt der Roman wie der Text eines Polizeiberichtes: eine Aneinanderreihung von Fakten, sehr nüchtern dargestellt. Da dieser erste Teil auch gleichzeitig ein Bericht über die Ermittlungsarbeit ist, ging ich davon aus, dass sich der Sprachstil mit der Zeit ändern wird. Fehlanzeige! James Ellroy hat diesen Sprachstil beibehalten. Nun sollte man meinen, dass ein nüchterner und emotionsloser Sprachstil nicht gerade das probate Mittel ist, um Spannung zu vermitteln und den Leser zu fesseln. Wieder Fehlanzeige. Man wird sich wundern, wie wenig Stilmittel nötig sind, um den Leser zu packen und emotional zu berühren: James Ellroy konzentriert sich auf das Wesentliche. Keine Ausschmückungen, Adjektive oder bildhafte Sprache. Subjekt - Prädikat - Objekt ... mehr braucht James Ellroy nicht, um deutlich zu machen, dass nichts schlimmer sein kann als die Realität. Denn das muss man sich bei diesem Buch immer wieder vor Augen führen: James Ellroy berichtet über Fakten.

Fazit:
Ein faszinierender Roman, der mich durch die persönliche Geschichte des Autors überzeugt hat sowie dem fast unmöglichen Versuch, ein 40 Jahre altes Verbrechen aufzuklären. Hinzu kommt der unglaubliche Sprachstil des Autors, der mit ganz wenigen sprachlichen Mitteln eine ungeheure Spannung erzeugen kann. Leseempfehlung!

© Renie



Freitag, 23. März 2018

Anne Reinecke: Leinsee

Quelle: Pixabay/drokonov
Irgendwo in Deutschland gibt es einen Ort, den gibt es gar nicht: Leinsee - eine märchenhafte Idylle und Titel des Romans von Anne Reinecke.

In Leinsee, zu dem natürlich auch ein See gehört, steht das Domizil des berühmten Künstlerehepaars Ada und August Stiegenhauer, die sich durch ihre Harz-Plastiken in der internationalen Kunstszene einen Namen gemacht haben. In Leinsee hielten die beiden Hof und gewährten manch einem Stiegenhauer-Jünger ihre Gunst, indem sie ihm Einblick in ihr Leben und Schaffen ermöglichten.
Ada und August waren eine Einheit. Niemandem wäre es gelungen, die Verbundenheit der beiden Seelenverwandten zu stören. Selbst Karl nicht, ihrem Sohn, der schon als Kind in die Welt hinausgeschickt wurde. Seine Schulzeit verbrachte er in Internaten. In den Ferien kehrte er nach Leinsee zurück. Doch immer war da dieses Gefühl, dass er ein Störfaktor in der Verbindung Ada/August war.
"Sie waren Ada und August, August und Ada, das war alles, und alles andere war zuviel." (S. 55)
Nach seiner Schulzeit schlägt Karl ebenfalls eine Künstlerlaufbahn ein. Er hat das Talent seiner Eltern geerbt, ist erfolgreich - ob ihm dabei der Ruf der Eltern Schützenhilfe leistet, sei dahingestellt. Von Leinsee hält er sich fern und versucht, sein eigenes Leben  in Berlin zu leben.
Als sein Vater Selbstmord begeht und die Mutter an einem Gehirntumor operiert wird, kehrt der mittlerweile 28-jährige Karl notgedrungen nach Leinsee zurück. Während seine Mutter noch im Krankenhaus liegt, quartiert sich Karl in seinem Elternhaus ein. Zunächst ist er allein und nutzt die Zeit, sein eigenes Leben zu hinterfragen. Er lässt Berlin, den Trubel um seine anstehende Kunstausstellung sowie seine Lebensgefährtin Mara erstmal hinter sich und lässt die Stille und den Zauber von Leinsee auf sich wirken.
Quelle: Diogenes

Dabei freundet er sich mit einem kleinen Mädchen aus der Umgebung an, die eines Tages in einem Baum in seinem Garten sitzt. Die Freundschaft, die sich hier entwickelt, bedarf keiner Worte. Die Kommunikation zwischen den Beiden findet hauptsächlich non-verbal, anhand von kleinen Geschenken und Gesten statt. Wie bei seinen Eltern scheint sich hier eine Seelenverwandschaft anzubahnen. Irgendwann holt Karl die Berliner Wirklichkeit jedoch wieder ein, und er kehrt zurück in sein altes Künstlerleben. Sechs Jahre müssen verstreichen, bis Karl weiß, was er will. Die Sehnsucht nach Leinsee war unterschwellig immer bei ihm vorhanden und am Ende kehrt er zurück.
"Es ging ihm gut mit seinem Entschluss. Er misstraute sich selbst deswegen, aber es fühlte sich richtig an. Karl wollte nicht weg. Er wollte seine Mutter im Atelier lachen sehen, auch wenn es geschummelt war. Er wollte hierhergehören. Das hatte er schon immer gewollt." (S. 205)
Ich möchte mit meiner Beschreibung nur einen Teil dessen wiedergeben, was dieses facettenreiche Buch zu bieten hat. Es wäre schade für die nachfolgenden Leser, wenn ich weitere Details zu diesem Roman ausplaudere. Daher möchte ich mich von jetzt an auf einige wenige Aspekte dieses Buches konzentrieren:

Leinsee ist ein farbenfroher Roman 
Damit ist weder die Abbildung auf dem Cover gemeint noch irgendwelche bunten Illustrationen. Nein, Anne Reinecke spielt verbal mit Farbe. Jedes Kapitel - und davon gibt es einige, denn die Kapitel sind sehr kurz gehalten - ist mit einem ganz besonderen Farbton überschrieben. Und man wird staunen, was es alles für Farben gibt: Regentageblau - Schaumstoffgelb - Föhnblond ... um nur einige zu nennen. Die Fantasie kennt keine Grenzen. Diese Farben haben einen Bezug zu dem jeweiligen Kapitel. Und man ertappt sich bei dem Versuch, diesen Bezug herauszuarbeiten. Das macht einfach nur Spaß und fordert die volle Aufmerksamkeit beim Lesen. Wobei es nicht schwierig ist, die Aufmerksamkeit zu halten. Denn Anne Reineckes Sprachstil macht es dem Leser leicht: kurze Sätze, angenehmer Lesefluss, subtiler Humor, der mit der Vorstellungskraft des Lesers spielt. Lesen wird zum Hochgenuss.
"'Gott weiß', das hatte der Vater schon immer gesagt. Immer schon, obwohl er überhaupt nicht religiös gewesen war. Als Kind hatte Karl geglaubt, das sei eine Farbe: allerweißestes Weiß, die Bartfarbe Gottes oder so." (S. 39)
Leinsee ist ein Findungsroman
Karl stand von Kindheit an im Schatten seiner Eltern. Durch das Abgeschobenwerden auf Internate fehlt ihm das Verhältnis, das zwischen Eltern und Kindern normalerweise vorherrscht. Er ist quasi ohne Eltern groß geworden. Als Orientierung hatte er lediglich den Ruhm seiner Künstlereltern. Vielleicht ist der eigene Werdegang ins Künstlerdasein ein Versuch, seinen Eltern näher zu kommen. Anfangs ähnelt seine Kunst der seiner Eltern. Als seine Eltern tot bzw. im Krankenhaus sind, nutzt er die Zeit in Leinsee, sich Gedanken über sein Leben zu machen. Bisher lebte er fremdbestimmt. Andere aus einem Umfeld, inklusive Lebensgefährtin Mara, entschieden für ihn, was das Beste für ihn ist. Mit der Episode "Leinsee" nabelt er sich endlich von den Anderen ab und entscheidet fortan selbst über sein Bestes. Diese Entwicklung macht sich auch in seiner Kunst bemerkbar. Denn Karl schlägt künstlerisch neue Wege ein.

Leinsee ist ein Liebesroman
Auch wenn die Aura von Leinsee von der Liebe zwischen Ada und August bestimmt wird, geht es am Ende um die besondere Beziehung zwischen Karl und Tanja. Anfangs ist der Umgang der beiden miteinander schwer zu verstehen. Karl sieht in dem unbeschwerten und fantasievollen Verhalten Tanjas ein Abbild seiner nichtvorhandenen Kindheit. Er lässt sich auf ihre Kindereien ein, wird selbst nochmal zum Kind. Mit den Jahren verändert sich das Verhältnis der Beiden. Tanja wird reifer, legt das Kindliche ab. Fast scheint es, als ob Karl auf sie gewartet hat.
Am Ende kriegen sich Karl und Tanja, oder vielleicht auch nicht. Denn das bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.
"Die Möglichkeit, dass sie kommen und ihm zuschauen würde, reichte schon aus, damit Karl sich Mühe gab. Er ließ auch tagsüber das Licht an, damit Tanja ihn sehen konnte." (S. 271)
Ich gebe zu, dass ich meine Schwierigkeiten mit der Beziehung zwischen Karl und Tanja hatte. Anfangs hat mich der Altersunterschied zwischen den Beiden gestört und das Fixiertsein von Karl auf Tanja. Sein Verhalten ihr gegenüber nahm stalkerhafte Züge an. Entweder mangelte es mir an Fantasie, mir solch ein bizarres Verhältnis zwischen einem erwachsenen Mann und einer 8-Jährigen vorzustellen. Oder ich hatte zuviel Fantasie, weil ich Karl bei seiner Fixierung auf Tanja Böses unterstellt habe. Als mit den Jahren aus dem kindlich naiven Verhältnis der Beiden eine ausgewachsene Beziehung mit allen körperlichen Aspekten wird, fühlte ich mich mit dem großen Altersunterschied zwischen den Beiden nicht wohl. Wahrscheinlich bin ich zu altmodisch für derartige Herzgeschichten.

Und dennoch war es ein großes Vergnügen für mich, diesen Roman zu lesen, was allein an dem grandiosen Sprachstil von Anne Reinecke liegt.

Fazit:
Leinsee ist ein facettenreicher und origineller Roman, der voller Überraschungen steckt: Künstlerroman, Selbstfindungsroman, Liebesroman und vieles mehr, wobei mich eher der Sprachstil als die Handlung überzeugt hat. Denn Anne Reineckes Sprachstil macht das Lesen ihres Erstlingswerk zu einem Hochgenuss.

© Renie



Über die Autorin:
Anne Reinecke, geboren 1978, hat Kunstgeschichte und Neuere deutsche Literatur studiert und für verschiedene Theater-, Film- und Ausstellungsprojekte sowie als Stadtführerin gearbeitet. ›Leinsee‹ ist ihr erster Roman. Für das Manuskript wurde sie mit einem Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Berlin. (Quelle: Diogenes)

Mittwoch, 14. März 2018

Andrea Katzenberger, Jana Walczyk (Ill.): Als die Namen verloren gingen

Quelle: Kirchner PR / kunstanstifter
Kinderbuchzeit auf meinem Blog! Diesmal geht es um das Bilderbuch "Als die Namen verloren gingen" von Andrea Katzenberger (Texte) und Jana Walczyk (Illustrationen), geeignet für Kinder ab 6 Jahren.
Wie immer, wenn ich ein Kinderbuch bespreche, hole ich mir Unterstützung von einem Experten. In diesem Fall ist es mein Junior, der mit seinen 12 Jahren immer noch nicht zu alt für ein Bilderbuch ist. (Ich im Übrigen auch nicht)

Renie: Bevor wir in das Buch hineinschauen: Was sagt dir der Titel des Buches?
Junior: Ich finde den Titel merkwürdig. Man kann doch keine Namen verlieren, Dinge kann man verlieren, aber keine Namen. Namen kann man höchstens vergessen. (Junior betrachtet das Cover des Buches.) Da taucht ein Junge in einem U-Boot im Meer. Sucht er jetzt Namen, die jemand im Meer verloren hat?
Renie: Wir werden sehen. Lass uns das Buch lesen.

Inhalt:
In dem 40 Seiten starken Bilderbuch geht es um die Geschichte einer Familie: Mutter, Vater und Jakob, der kleine Sohn. Oma spielt auch noch eine Rolle. In den ersten Jahren nach Jakobs Geburt ist die Familie noch sehr glücklich. Die Eltern lieben sich wie zwei Turteltäubchen. Der kleine niedliche Pups Jakob ist der Sonnenschein der Familie. Das Glück scheint perfekt. Doch mit der Zeit ändert sich der Tonfall in der Familie. Die Eltern streiten sich immer öfter. Kosenamen werden zu Schimpfwörtern. Jakob belastet die Situation. Er flüchtet sich in seine Fantasiewelt, geht mit einem Schaffel auf Abenteuerfahrt, wo er eines Tages Fanny trifft, die ebenfalls auf der Flucht ist. Die beiden werden Freunde und kehren nach Hause zurück. Mit dem Gedanken, nicht mehr allein in einer Welt streitender Erwachsener zu sein, lebt es sich einfach besser. Und am Ende wird alles gut.

Renie: Wie gefällt dir die Geschichte?
Junior: Ganz cool. Ich mag, dass Jakob mit seinem Raumschiff abdampft. Ein Schaffel ist doch ein Raumschiff, oder?
Renie: Ich denke schon. Oder ein U-Boot?
Junior: Oder ein Raumschiff, das tauchen kann. Egal. Die Abenteuer, die er erlebt, sind schon sehr wild. Eigentlich wischt er seinen Eltern eins aus, weil sie sich nicht mehr um ihn kümmern, sondern nur noch streiten.
Renie: Ist das nicht traurig, dass sich die Eltern nur noch streiten?
Junior: Jakob hat bestimmt Angst, dass seine Eltern sich scheiden lassen und ihn nicht mehr lieb haben.
Renie: Aber, dass die Eltern sich streiten hat doch nichts mit Jakob zu tun.
Junior: Mensch Mama, er ist doch noch klein. Woher soll er das denn wissen?
Renie: Aber am Ende wird doch alles gut.
Junior: Ja, das Ende ist richtig schön. Jakob findet eine Freundin, die auch noch nebenan wohnt. Und die Eltern haben sich auch wieder lieb. Wieso hat Jakob eigentlich Fanny vorher noch nie bemerkt? Wenn sie doch nebenan wohnt. Fanny ist doch richtig cool. Überleg mal, sie spielt mit Raumschiffen. Die wenigsten Mädchen spielen mit Raumschiffen.
Renie: Das ist mir auch aufgefallen. Verstehst du übrigens jetzt, warum das Buch "Als die Namen verloren gingen" heißt?
Junior: Na klar, am Anfang haben sich noch alle lieb und geben sich schöne Namen. Pillepatz ist lustig. Das habe ich ja noch nie gehört. Oder hast du mich früher etwa auch Pillepatz genannt?
Renie: Nein, ich habe dir andere Namen gegeben. Die behalten wir aber für uns. Jetzt lenk nicht ab. Wir waren bei der Bedeutung des Buchtitels.
Junior: Ach ja, als die Eltern dann anfangen, sich nicht mehr zu mögen, gehen die schönen Namen verloren. Stattdessen beschimpfen die Eltern sich.

Renie: Ok. Was sagst du zu den Zeichnungen?
Junior: Ich wünschte, ich könnte auch so malen. Auf den ersten Seiten sieht die Familie noch richtig glücklich und lustig aus. Die haben richtig Spaß. Aber dann tauchen auf einmal Tiere in den Bildern auf. Das sind die Tiere, mit denen die Eltern sich beschimpfen, also Zimtzicke, Esel und so. Und mitten drin sitzt ein kleines Äffchen, um das sich keiner kümmert. Das ist bestimmt der Jakob.
Renie: Ich mag besonders die Zeichnungen über die Reise durch die Fantasiewelten von Jakob. Da ist wirklich alles dabei: Drachen, Außerirdische, kartenspielende Fische, und sogar eine Prinzessin auf einem Einhorn.
Junior: Die Prinzessin und das Einhorn hätte man weg lassen können. Das ist was für Mädchen.
Renie: Wer sagt, dass das Buch nur für Jungen ist?
Junior: Weiß ich nicht. Hast du gesehen, dass Jakob ein Star Wars-Fan ist? Es gibt sogar einen AT-AT Walker in dem Buch.
Renie: Der gleicht die Prinzessin auf dem Einhorn ja wohl aus.
Junior: Und es gibt viele Buchstaben, die durch die Bilder fliegen. Das sind wohl die Namen, die verloren gegangen sind.
Renie: Das ist mir mal wieder nicht aufgefallen. Aber dafür habe ich ja dich. Danke für deine Expertenmeinung.

Fazit:
Streit kann weh tun, nicht nur denjenigen, die streiten, sondern auch denjenigen, die den Streit mit erleben. Insbesondere, wenn es sich dabei um ein Kind handelt. Eltern sollten sich daher immer wieder in Erinnerung rufen, was "dicke Luft" - insbesondere dauerhafte "dicke Luft" - bei einem Kind bewirkt. Aber genauso sollte man einem Kind deutlich machen, dass Streit kein Weltuntergang ist, sondern zum Leben dazugehört. Das Buch "Als die Namen verloren gingen" greift dieses Thema auf eindrucksvolle Weise auf. Die Texte sind sehr unterhaltsam und der Alterszielgruppe entsprechend. Das Sahnehäubchen sind die fantasievollen Zeichnungen von Jana Walczyk, die ausgelassen und lustig wirken, und somit die manchmal traurigen Textpassagen entkräften. Ein wichtiges Buch - nicht nur für Kinder.

© Renie und Junior




Über Andrea Katzenberger:
Andrea Katzenberger studierte Germanistik in Berlin, wechselte zum Schauspielstudium nach Wien, arbeitete an Theatern in Wien, Berlin und Hamburg und studierte Drehbuch und Regie an der Universität Hamburg. Seit 1999 schreibt und dreht sie als Regisseurin die Serie »Die Pfefferkörner« sowie Spielfilme wie den »Mistkerl« (Eröffnungsfilm Berlinale 2001) und »Ich back’ mir einen Mann«. Sie lebt mit ihrer Tochter in Hamburg. (Quelle: kunstanstifter)


Über Jana Walczyk (Illustration):
Jana Walczyk wurde 1989 in Bramsche bei Osnabrück geboren. Von dort verschlug es sie 2010 an die Fachhochschule Münster. Nach einem Studienaufenthalt in Italien schloss sie 2014 ihr Designstudium mit dem Schwerpunkt Illustration ab und wechselte an die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, wo sie sich im Masterstudiengang Illustration hauptsächlich auf die Kinderbuchillustration konzentrierte. Seit 2014 arbeitet Jana freiberuflich als Illustratorin und Grafikerin für verschiedene Projekte im Bereich der Buch- und Editorialillustration. (Quelle: kunstanstifter)