Sonntag, 18. Juni 2017

Angelika Jodl: Die Grammatik der Rennpferde

Quelle: pixabay/Couleur
Auf die Frage, ob es sich bei diesem Roman um ein Pferdebuch handelt (Titel und Cover legen den Verdacht nahe) lässt sich mit einem Jein antworten. Pferde kommen darin vor, spielen jedoch nur Nebenrollen. Die Hauptrollen werden von zwei überaus interessanten Protagonisten übernommen: eine Deutschlehrerin (alter ego: Sprachwissenschaftlerin) und ein russischer Stallknecht (alter ego: Pferdeflüsterer)
Das Zusammenspiel dieser beiden Charaktere macht den Roman zu einer sehr unterhaltsamen Lektüre.

Worum geht es?
Salli, Lehrerin in der Erwachsenenbildung, die Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, träumt davon, ihre fehlenden akademischen Doktorweihen mit einem Experiment aus der Sprachwissenschaft wett zu machen. Zufällig trifft sie auf Sergey, einem russischen Stallknecht und ehemaligen Jockey, der seine Deutschkenntnisse aufpolieren möchte und ein geeignetes Studienobjekt für ihr Experiment abgibt. Sergey, der als Kind von Russland nach Deutschland ausgewandert ist, hat Zeit seines Lebens mit Pferden zu tun gehabt und seinen Lebensunterhalt im Pferdesport verdient, anfangs als Trabrennfahrer, in den letzten Jahre als Stallknecht. Er träumt von einem eigenen Pferd, das er zum Rennpferd ausbilden oder für die Zucht einsetzen kann. Als armer Stallknecht, mit massiven Verständigungsproblemen, hat er jedoch keine Chance, einen Kredit für den Pferdekauf aufzunehmen oder einen Pachtvertrag abzuschließen. Unter der Vorgabe Deutschunterricht nehmen zu wollen, setzt er sich also mit Salli in Verbindung. Aber eigentlich ist ihm eher daran gelegen, dass sie ihn in finanziellen Dingen unterstützt, sogar einen Kredit abschließt und den Pachtvertrag für einen kleinen Bauernhof unterschreibt. Der anschließende Pferdekauf auf ihren Namen versteht sich von selbst. Lässt Salli sich auf dieses Arrangement ein? Lässt sie. Finanzieller Aufwand und finanzielles Risiko sind durchaus vertretbar hinsichtlich ihres Experimentes bei dem Sergey unwissentlich als Versuchskaninchen herhalten soll. Salli zieht sogar für ein paar Monate zu ihm auf den Bauernhof - immer unter dem Vorwand, Deutschunterricht zu geben bzw. Hof und Pferd zu hüten, wenn Sergey mit Geldverdienen beschäftigt ist. Die beiden kommen sich näher und das Unvorstellbare tritt ein. Sie werden ein Paar, allerdings nur in der eigenen kleinen Welt des Bauernhofes. Insbesondere Salli hat Probleme damit, sich mit Sergey in der Öffentlichkeit zu zeigen. Ein Pferdeknecht ist einfach nicht standesgemäß für eine intellektuelle Lehrerin.
"In jedem Fall werden sich alle fragen, was Salli Sturm mit diesem Menschen zu tun hat. Mit einem Mann, der schwarz verfärbte Arbeitspfoten hat und die deutsche Grammatik misshandelt." (S. 308)
Quelle: dtv
Ein wichtiger Aspekt in diesem Buch ist die deutsche Sprache. Als Buchblogger und Vielleser hat man eine besondere Beziehung zu unserer Sprache. Doch ist diese Beziehung eher romantischer Natur. Man lässt sich von ihr begeistern, gerät ins Schwärmen, wenn man auf ausdrucksstarke und fantasievolle Sprache trifft. Aber nie käme der Buchblogger auf die Idee, die Sprache vom wissenschaftlichen Standpunkt aus zu betrachten. Doch genau das macht die Autorin Angelika Jodl stellenweise in diesem Roman. Wenn sie keine Bücher schreibt, ist sie Deutschlehrerin wie Salli. Daher betrachtet die Autorin Sprache auch durch eine andere Brille als der Buchblogger, nämlich durch die des Sprachlehrenden. Das ist für den Leser eine interessante Erfahrung. Denn viele Dinge, die einem in der deutschen Sprache als selbstverständlich erscheinen, sind es auf einmal nicht mehr bzw. beweisen, wie schwierig es doch ist, Deutsch als Fremdsprache zu lernen.
"Die kurzen Pronomen vor den elefantösen Nomen. Der kürzere Akkusativ vor dem längeren Dativ. Syntax mit eingebautem Rhytmusprogramm! Sie kann ihre Pronomenäffchen hören, wie sie vor Begeisterung lauft aufschnattern." (S. 150)
In diesem Roman prallen zwei Extreme aufeinander: die Welt der Akademiker und Lehrer sowie der Rest der Welt. Ich habe mich köstlich über die klischeehafte Darstellung des Lehrerkollegiums um Salli amüsiert.

(Was jetzt folgt, gibt den Eindruck wieder, den mir dieser Roman vermittelt hat und entspricht nicht meiner persönlichen Meinung zum Beruf des Lehrers!):

Hier tummeln sich Eitelkeiten, Überheblichkeit sowie Neid und Missgunst. Lehrer sind faul, festgefahren in ihren Ansichten und Unterrichtsmethoden und fühlen sich dem Rest der Welt überlegen. Der Schüler (in diesem Buch sind es durch die Bank weg Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen) ist minderwertig. Einzig Salli beweist, dass es auch anders geht. Sie fühlt sich zwar zur Herde der Lehrer dazugehörig. Jedoch besitzt sie nicht diese Überheblichkeit ihrer Kollegen im Umgang mit Schülern bzw. Nicht-Akademikern. Das macht sie natürlich sehr sympathisch.

Die beiden Hauptprotagonisten Salli und Sergey durchlaufen in diesem Roman eine interessante Entwicklung. Salli, alleinstehend, in den 50ern, richtet ihr Leben komplett nach dem Lehrbetrieb aus. Wenn sie nicht unterrichtet, trifft sie sich mit Kollegen, um dann doch wieder über die Schule zu reden. Wenn sie sich nicht in ihrem gewohnten Metier aufhält, wirkt sie unsicher und ängstlich. Man sollte meinen, dass sie außerhalb ihres Unterrichts nicht überlebensfähig ist. Sergey ist da anders. Er hat von klein auf gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Auch wenn das Schicksal es nicht immer gut mit ihm gemeint hat, so hat er doch gelernt sein Leben mit fast schon stoischer Gelassenheit zu leben. Er scheint einfach gestrickt zu sein - das denkt zumindest Salli von ihm, doch im Verlauf der Geschichte wird man eines Besseren belehrt. Da er immer ein Einzelgänger war, hat er Schwierigkeiten, sich anderen gegenüber zu öffnen. Insofern ist das Zusammenleben von Salli und Sergey eine interessante Konstellation. Sie versucht, ein partnerschaftliches Miteinander aufzubauen, er verweigert sich, ganz einfach weil er nicht die Notwendigkeit sieht, sich mit einem anderen Menschen auszutauschen. Beide lernen voneinander. Er beginnt langsam sich zu öffnen, und sie lernt langsam in einem Leben außerhalb der Schule zurechtzukommen.

Sergey ist übrigens ein wahrer Quell russischer Lebensweisheiten, die sehr komisch, aber immer treffend sind.
Hier ist mein Favorit:
"'Kamma Ziege Krawatte umbinden. Aber dann bleibt auch Ziege.'" (S. 106)
Die Erzählperspektive in diesem Roman wechselt zwischen Salli und Sergey. Der Leser erfährt durch Sergey, wie er zu dem geworden ist, der er heute ist. Dabei hält die Autorin konsequent an Sergeys Sprachstil fest, einem Kauderwelsch aus russisch eingefärbtem Deutsch und Bayrisch, den sie zwischendurch immer wieder einfließen lässt. Der Nichtbayrische Leser wird dadurch manches Mal an seine sprachlichen Grenzen getrieben ;-) Aber mit der Zeit versteht auch der Nicht-Bayer Bayrisch.

Fazit:
Ein unterhaltsames und humorvolles Buch, das interessante Themengebiete offenbart und somit sehr facettenreich ist. Pferdeliebhaber kommen hier weniger auf ihre Kosten ;-) Es hat Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen!

© Renie





Über die Autorin:
Angelika Jodl unterrichtet Studenten aus aller Welt in Deutsch. Außerdem schreibt sie Geschichten, hält Vorträge zur deutschen Sprache und reitet ein ausgemustertes Rennpferd. Sie lebt mit Mann, Sohn, Hund und Katzen in München. (Quelle: dtv)

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