Montag, 22. Mai 2017

Kurban Said: Ali und Nino



Quelle: Pixabay/Etereuti
Man mag über den Eurovision Song Contest (früher: Grand Prix d'Eurovision de la chanson) sagen, was man will. Aber eines lässt sich nicht in Abrede stellen. Ohne den ESC hätte ich niemals gewusst, dass Baku die Hauptstadt von Aserbeidschan ist. Aserbeidschan hat in 2011 den ESC gewonnen, übrigens in Düsseldorf. (Der Siegertitel lautete damals "Running Scared" von Ell und Nikki - muss man sich nicht merken). Das Jahr darauf war der Austragungsort für den ESC also Baku.

Tatsächlich ist Baku weniger für seine musikalischen Talente als eher für seine Ölquellen bekannt, die Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts besonders intensiv sprudelten. So förderte Baku in 1901 etwa die Hälfte des weltweit benötigten Erdöls. Den Ölbaronen ging es damals richtig gut, was sie auch gern, u. a. durch üppige Architekturen, zur Schau getragen haben. Wohlstand zieht die Menschen magisch an. Insofern wundert es nicht, dass Baku innerhalb kürzester Zeit einen enormen Bevölkerungszuwachs hatte. Baku bildete die Grenze zwischen Orient und Okzident. Die Stadt entwickelte sich zu einem bunten Gemisch unterschiedlicher Völker und Religionen.
Und in dieser wuseligen Stadt zu der damaligen Zeit bringt Kurban Said Nino, eine Christin georgischer Herkunft, und den Muslim Ali zusammen.
"Viele Geheimnisse birgt unsere Stadt. Ihre Winkel sind voll seltsamer Wunder. Ich liebe diese Wunder, diese Winkel, das nächtlich raunende Dunkel und das stumme Meditieren an den glutstillen Nachmttagen im Hofe der Moschee. Gott hat mich hier zur Welt kommen lassen als Muslim schiitischer Lehre, der Glaubensrichtung des Imam Dschafar. So er mir gnädig ist, möge er mich hier auch sterben lassen, in derselben Straße, in demselben Haus, in dem ich zur Welt kam. Mich und Nino, die eine georgische Christin ist, mit Messer und Gabel ißt, lachende Augen hat und dünne, duftige Seidenstrümpfe trägt." (S. 27)
Die Handlung setzt zu einem Zeitpunkt ein, als Ali kurz vor seinem Schulabschluss steht. Nino wird ihren Abschluss ein Jahr später machen. Die beiden kennen sich seit Kindertagen. Sie scheinen füreinander geschaffen, eine gemeinsame Zukunft wird von beiden als unumstößliche Selbstverständlichkeit angesehen. Sie gehören einer Generation an, die gelernt hat, trotz Traditions- und Religionsverbundenheit auch andere Völker und Glaubensrichtungen zu tolerieren. Die weltoffene und europäisch geprägte Nino hat keinerlei Berührungsängste, wenn sie sich innerhalb der verschiedenen Bevölkerungsgruppen bewegt. Für Ali jedoch ist das Leben in Baku eine ewige Gratwanderung zwischen der Einhaltung des muslimischen Verhaltenskodex und dem Leben in dem europäisch orientierten Teil der Gesellschaft. Doch seine Liebe zu Nino steht für ihn immer im Vordergrund.
Quelle: Ullstein

Die Politik macht den beiden einen Strich durch die Rechnung. Mit dem Beginn der Russischen Revolution machen die Kriegswirren auch vor Baku nicht halt. Ali und Nino sind gezwungen zu fliehen. (Der Grund für die Flucht ist mehr als spektakulär und wird daher von mir nicht genannt ;-)) Ihre Flucht führt sie in ein Bergdorf, in dem sie das einfache Leben der Dorfbevölkerung leben. Ali und Nino, beide Kinder aus wohlhabenden Familien, genießen die einsamen Verhältnisse und ihr gleichberechtigtes Leben als Mann und Frau. Eine weitere Station ihres Lebens ist Persien - ein Land, indem Nino lernen muss, sich den Gepflogenheiten des Landes anzupassen und sich ihrem Ehemann unterzuordnen. Sie ist in dieser Umgebung todunglücklich. Das Leben in einem Harem ist sterbenslangweilig, insbesondere wenn der einzige Mitbewohner ein Eunuch ist. Ali kann sich besser mit der streng muslimischen Umgebung arrangieren.

Als Aserbeidschan zur Republik ausgerufen und Baku zur Hauptstadt erklärt wird, zieht es Nino und Ali wieder zurück in die Heimat. Es scheint, als ob dies der einzige erreichbare Ort auf dieser Welt ist, an dem beide glücklich sein können. Aber das Glück währt nur von kurzer Dauer. Irgendwann stehen die Bolschewisten vor den Toren Bakus.
"'Mein Gott, unsere Straßen werden zu Schlachtfeldern. Das Theater zum Generalstabsquartier. Es wird bald schwerer sein, über die Nikolaistraße zu gehen, als früher nach China zu reisen. Um zum Lyzeum der Königin Tamar zu gelangen, wird man entweder die Weltanschauung ändern oder eine Armee besiegen müssen. Ich sehe euch bewaffnet auf dem Bauch durch den Gouverneursgarten kriechen und am Bassin, wo ich mich früher mit Ali Khan traf, wird ein Maschinengewehr aufgestellt sein. Wir wohnen in einer seltsamen Stadt.'" (S. 248)
"Ali und Nino" ist ein Buch der Konflikte: Religionen, Nationen, Generationen, Geschlechter. Hier wird nichts ausgelassen. Die tragische Geschichte der beiden Liebenden ist lediglich schmückendes Beiwerk. Kurban Said hat mich in eine Welt und eine Epoche geführt, die mir bisher völlig fremd war. Dabei sind die Konflikte, die der Autor schildert, völlig zeitlos und daher auch in unserer Zeit leider topaktuell. Wie wohltuend ist es da, wenn Kurban Said den Beweis antritt, dass es jederzeit möglich ist, Grenzen - egal welcher Art - zu überwinden.

Die Geschichte, die hier erzählt wird, hat mich begeistert. Und doch gibt es einige Kritikpunkte, die meiner Begeisterung einen Dämpfer verpassen.

Kurban Said ist das Pseudonym eines österreichischen Autorenduos: die Publizistin Elfriede Ehrenfels (1894 - 1982) sowie der Literat Lev Nussimbaum (1905 - 1942). Nussimbaum konvertierte vom Judentum zum Islam. Er ist in Baku geboren und hat dort seine Kindheit verbracht. Insofern kann man seinen Schilderungen über das Leben in Baku als durchaus authentisch bezeichnen. Elfriede Ehrenfels hat in Österreich gelebt und den Islam sozusagen aus der Ferne betrachtet. Ich frage mich daher, ob bei den Beschreibungen über den Islam nicht auf Klischees zurückgegriffen wurde, die der europäischen Sichtweise auf den Islam entsprechen. Diese Klischees finden sich leider reichlich in diesem Roman.

Hinzu kommt ein sehr blumiger Sprachstil, der dem Orientfeeling gerecht werden möchte, und mich ein wenig an die Bücher von Karl May erinnert hat. Diesen Sprachstil muss man mögen, mir war es manchmal zuviel "Blume".

Fazit:
Eine großartige Geschichte, die Konflikte thematisiert, die damals wie heute aktuell sind. Kurban Said zeigt eine fremde und exotische Welt auf, die mir bisher unbekannt war. Leider finden sich in diesem Roman einige Klischees wieder, was vermutlich an der europäischen Sichtweise von Kurban Said liegt. Trotzdem kann ich diesen Roman Lesern empfehlen, die Spaß daran haben, in eine fremde Welt abzutauchen und neugierig gegenüber fremden Kulturen sind.

© Renie






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