Sonntag, 28. Mai 2017

Raquel J. Palacio: Wunder


"Ich heiße übrigens August. Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt - es ist schlimmer." (S. 10)
Mit diesen Sätzen endet das erste Kapitel des Jugendromans "Wunder". Sätze, die einen packen, die unter die Haut gehen und von denen es in diesem wundervollen Roman unendlich viele gibt. Die US-Amerikanerin Raquel J. Palacio hat dieses Buch im Jahre 2012 veröffentlicht, 2 Jahre später ist "Wunder" mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet worden.
Ich hatte zuvor noch nie etwas von diesem Roman gehört. Glücklicherweise hat mein Sohn dieses Buch in der Schule im Deutschunterricht gelesen. Er, der selten ein Buch liest, konnte dieses Buch kaum aus der Hand legen. Was hat dieser Roman an sich, dass ein 11-Jähriger alles andere um sich vergisst? Ich war neugierig und habe mich darauf hin ebenfalls von diesem wundervollen Buch verzaubern lassen.

Klappentext:
August ist zehn Jahre alt und lebt mit seinen Eltern und seiner großen Schwester Via in New York. Weil er seit seiner Geburt so oft am Gesicht operiert werden musste, ist er noch nie auf eine richtige Schule gegangen. Aber jetzt soll er in die fünfte Klasse kommen. August ist es gewöhnt, angestarrt zu werden, und er weiß, dass die meisten Schüler nicht absichtig gemein zu ihm sind. Sie sind bloß verunsichert. Natürlich ist es sein sehnlichster Wunsch, nicht weiter aufzufallen, ein ganz normaler Junge zu sein, Freunde zu finden. Doch nicht aufzufallen ist nicht leicht, wenn man so viel Mut und Kraft besitzt, so witzig, klug und großzügig ist wie August.
Quelle: Hanser

🤔😏😊

Eine Buchbesprechung mit Junior

Frage: Was hat dir an diesem Buch besonders gefallen?

Junior: Einfach alles! Die Geschichte ist cool und ich mag die Charaktere.

Renie: Ging mir genauso. Was mir besonders gefallen hat, war der Aufbau dieses Romans. Es geht ja um dieses eine Jahr in der Schule, das aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird. Erzählt wird in erster Linie von August. Aber auch andere kommen zu Wort: u. a. seine Schwester Via, seine Schulkollegen Jack und Summer. Dadurch wird die Handlung mit unterschiedlichen Betrachtungsweisen erzählt, wobei man jederzeit erkennen kann, wer gerade erzählt. Das hat die Autorin genial hinbekommen. Es gelingt ihr, in ihrem Sprachstil zu variieren, so dass die einzelnen Charaktere sehr authentisch rüberkommen.

Dann schreibt die Autorin auch noch sehr mitreißend. Man leidet mit den Charakteren. Ich habe tatsächlich das eine oder andere Tränchen verdrückt, habe mich aber auch manchmal schlapp gelacht, weil der Humor zu köstlich ist.

Junior: Ich nicht. Ich fand das Buch nicht humorvoll. Laut gelacht habe ich nicht.

Renie: Das hätte ich jetzt aber nicht gedacht.
"Rattenjunge. Missgeburt. Monster. Freddy Krueger. E. T. Ekelfresse. Eidechsengesicht. Mutant. Ich kenne die Namen, die sie mir geben. Ich bin auf genug Spielplätzen gewesen, um zu wissen, dass Kinder gemein sein können. Ich weiß, ich weiß, ich weiß." (S. 98)
Frage: Was hat dich an dem Buch gestört?

Junior: Gar nix.

Renie: Stimmt, mich hat auch gar nix gestört.

Frage: Wer war dein Lieblingscharakter?

Junior: August natürlich. Er hat am meisten erzählt. Ich mag es nämlich nicht, wenn ständig die Personen beim Erzählen wechseln.

Renie: Aber das haben sie doch in diesem Buch.

Junior: Ja, aber sie haben immer ganz schön lange erzählt, so dass ich Zeit genug hatte, mich an sie zu gewöhnen und besser kennen zu lernen.

Renie: Aha, jetzt verstehe ich, was du meinst. Es gibt insgesamt 8 Abschnitte, die jeweils aus der Sicht eines Charakters erzählt werden. Lediglich August kommt häufiger zu Wort. 

Selbstverständlich war August auch mein Lieblingscharakter. Ich fand es bewundernswert, wie er sein erstes Jahr an einer Schule gemeistert hat und am Ende die Herzen aller erobert hat, so dass sein Aussehen völlig nebensächlich geworden ist. Mir haben aber auch die Kinder gefallen, die unvoreingenommen und neugierig an August herangegangen sind, und es riskiert haben, nicht mit dem Strom zu schwimmen. Schließlich ist ja von einigen Mitschülern ein enormer Druck auf sie ausgeübt worden, sie sind sogar gemobbt worden, weil sie sich auf Auggies Seite gestellt haben. Und trotzdem wollten sie mit ihm befreundet sein.
"Er ist bloß ein Junge. Der seltsamstaussehende Junge, der mir je begegnet ist, ja. Aber bloß ein Junge." (S. 148)
Frage: Fällt dir eine Lieblingsstelle in dem Buch ein?

Junior: Bei Auggie Doggie* musste ich grinsen.

Renie: Hast du nicht eben gemeint, dass das Buch nicht lustig ist?

Junior: Es ist nicht humorvoll. Denn Humor ist, wenn man ganz laut lachen muss. Bei Auggie Doggie musste ich nur grinsen.

Renie: Aha.
* "'Also, Auggie Doggie', sagte er, 'Der Tag war wirklich okay?' Er hatte das aus einer alten Zeichentrickserie über einen Hund namens Auggie Doggie. Er hatte mir das Video bei eBay gekauft, als ich vier Jahre alt gewesen war, und eine Zeit lang hatten wir es uns oft angesehen - vor allem im Krankenhaus. Er nannte mich Auggie Doggie und ich ihn 'lieber alter Vater', wie das Hundekind den Dackel in der Serie." (S. 74)
Frage: Warum lautet der Titel dieses Buches "Wunder"?

Junior: Ist doch klar. August ist ein Wunder. Er kommt mit seinem Aussehen klar und fordert andere auf, sich mit ihm zu beschäftigen. Auf dem Buchumschlag steht der Satz "Sieh mich nicht an". Am Anfang fällt es ihm zwar schwer und er hat Angst vor der Schule. Doch mit der Zeit geht es ihm immer besser und sein Aussehen ist egal. Er kommt sogar damit klar, dass er gemobbt wird. Andere Leute bringen sich um, weil sie wegen ihres Aussehens gemobbt werden. August nicht.

Renie: Stimmt. August ist so mutig. Er beweist, dass Äußerlichkeiten völlig egal sind. Davon kann sich mancher eine Scheibe abschneiden.

Frage: Wirst du dich in ein paar Jahren noch an dieses Buch erinnern?

Junior: Ich glaube nicht. Es ist zwar ein außergewöhnliches Buch, und man liest so etwas nicht alle Tage. Aber es ist "nur" ein Buch und ich lese ja eigentlich nicht gern.

Renie: Irgendwann hast du bestimmt auch Spaß am Lesen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Es gibt nicht viele Bücher, die so besonders sind wie "Wunder" und die eine Geschichte erzählen, die mitten ins Herz geht. Ich werde mich auf jeden Fall auch in ein paar Jahren noch an dieses Buch erinnern.

© Renie und Junior






Über die Autorin:
Die Autorin und Illustratorin Raquel J. Palacio lebt in New York. Sie war 20 Jahre Grafik-Designerin, bevor ihr mit ihrem Debüt der Durchbruch als Schriftstellerin gelang. Wunder erschien 2013 bei Hanser, wurde in 45 Sprachen übersetzt und 2014 von der Jugendjury mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. 2015 folgte ihr Geschenkbuch Jeder Tag ein Wunder, das 365 Maximen enthält, wie sie Mr. Browne in Wunder mit seinen Schülern bespricht. Ihr neuestes Buch Wunder – Julian, Christopher und Charlotte erzählen erschien im Frühjahr 2017. Im Herbst 2017 folgt das von ihr illustrierte Bilderbuch Wir sind alle ein Wunder. (Quelle: Hanser)









Montag, 22. Mai 2017

Kurban Said: Ali und Nino



Quelle: Pixabay/Etereuti
Man mag über den Eurovision Song Contest (früher: Grand Prix d'Eurovision de la chanson) sagen, was man will. Aber eines lässt sich nicht in Abrede stellen. Ohne den ESC hätte ich niemals gewusst, dass Baku die Hauptstadt von Aserbeidschan ist. Aserbeidschan hat in 2011 den ESC gewonnen, übrigens in Düsseldorf. (Der Siegertitel lautete damals "Running Scared" von Ell und Nikki - muss man sich nicht merken). Das Jahr darauf war der Austragungsort für den ESC also Baku.

Tatsächlich ist Baku weniger für seine musikalischen Talente als eher für seine Ölquellen bekannt, die Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts besonders intensiv sprudelten. So förderte Baku in 1901 etwa die Hälfte des weltweit benötigten Erdöls. Den Ölbaronen ging es damals richtig gut, was sie auch gern, u. a. durch üppige Architekturen, zur Schau getragen haben. Wohlstand zieht die Menschen magisch an. Insofern wundert es nicht, dass Baku innerhalb kürzester Zeit einen enormen Bevölkerungszuwachs hatte. Baku bildete die Grenze zwischen Orient und Okzident. Die Stadt entwickelte sich zu einem bunten Gemisch unterschiedlicher Völker und Religionen.
Und in dieser wuseligen Stadt zu der damaligen Zeit bringt Kurban Said Nino, eine Christin georgischer Herkunft, und den Muslim Ali zusammen.
"Viele Geheimnisse birgt unsere Stadt. Ihre Winkel sind voll seltsamer Wunder. Ich liebe diese Wunder, diese Winkel, das nächtlich raunende Dunkel und das stumme Meditieren an den glutstillen Nachmttagen im Hofe der Moschee. Gott hat mich hier zur Welt kommen lassen als Muslim schiitischer Lehre, der Glaubensrichtung des Imam Dschafar. So er mir gnädig ist, möge er mich hier auch sterben lassen, in derselben Straße, in demselben Haus, in dem ich zur Welt kam. Mich und Nino, die eine georgische Christin ist, mit Messer und Gabel ißt, lachende Augen hat und dünne, duftige Seidenstrümpfe trägt." (S. 27)
Die Handlung setzt zu einem Zeitpunkt ein, als Ali kurz vor seinem Schulabschluss steht. Nino wird ihren Abschluss ein Jahr später machen. Die beiden kennen sich seit Kindertagen. Sie scheinen füreinander geschaffen, eine gemeinsame Zukunft wird von beiden als unumstößliche Selbstverständlichkeit angesehen. Sie gehören einer Generation an, die gelernt hat, trotz Traditions- und Religionsverbundenheit auch andere Völker und Glaubensrichtungen zu tolerieren. Die weltoffene und europäisch geprägte Nino hat keinerlei Berührungsängste, wenn sie sich innerhalb der verschiedenen Bevölkerungsgruppen bewegt. Für Ali jedoch ist das Leben in Baku eine ewige Gratwanderung zwischen der Einhaltung des muslimischen Verhaltenskodex und dem Leben in dem europäisch orientierten Teil der Gesellschaft. Doch seine Liebe zu Nino steht für ihn immer im Vordergrund.
Quelle: Ullstein

Die Politik macht den beiden einen Strich durch die Rechnung. Mit dem Beginn der Russischen Revolution machen die Kriegswirren auch vor Baku nicht halt. Ali und Nino sind gezwungen zu fliehen. (Der Grund für die Flucht ist mehr als spektakulär und wird daher von mir nicht genannt ;-)) Ihre Flucht führt sie in ein Bergdorf, in dem sie das einfache Leben der Dorfbevölkerung leben. Ali und Nino, beide Kinder aus wohlhabenden Familien, genießen die einsamen Verhältnisse und ihr gleichberechtigtes Leben als Mann und Frau. Eine weitere Station ihres Lebens ist Persien - ein Land, indem Nino lernen muss, sich den Gepflogenheiten des Landes anzupassen und sich ihrem Ehemann unterzuordnen. Sie ist in dieser Umgebung todunglücklich. Das Leben in einem Harem ist sterbenslangweilig, insbesondere wenn der einzige Mitbewohner ein Eunuch ist. Ali kann sich besser mit der streng muslimischen Umgebung arrangieren.

Als Aserbeidschan zur Republik ausgerufen und Baku zur Hauptstadt erklärt wird, zieht es Nino und Ali wieder zurück in die Heimat. Es scheint, als ob dies der einzige erreichbare Ort auf dieser Welt ist, an dem beide glücklich sein können. Aber das Glück währt nur von kurzer Dauer. Irgendwann stehen die Bolschewisten vor den Toren Bakus.
"'Mein Gott, unsere Straßen werden zu Schlachtfeldern. Das Theater zum Generalstabsquartier. Es wird bald schwerer sein, über die Nikolaistraße zu gehen, als früher nach China zu reisen. Um zum Lyzeum der Königin Tamar zu gelangen, wird man entweder die Weltanschauung ändern oder eine Armee besiegen müssen. Ich sehe euch bewaffnet auf dem Bauch durch den Gouverneursgarten kriechen und am Bassin, wo ich mich früher mit Ali Khan traf, wird ein Maschinengewehr aufgestellt sein. Wir wohnen in einer seltsamen Stadt.'" (S. 248)
"Ali und Nino" ist ein Buch der Konflikte: Religionen, Nationen, Generationen, Geschlechter. Hier wird nichts ausgelassen. Die tragische Geschichte der beiden Liebenden ist lediglich schmückendes Beiwerk. Kurban Said hat mich in eine Welt und eine Epoche geführt, die mir bisher völlig fremd war. Dabei sind die Konflikte, die der Autor schildert, völlig zeitlos und daher auch in unserer Zeit leider topaktuell. Wie wohltuend ist es da, wenn Kurban Said den Beweis antritt, dass es jederzeit möglich ist, Grenzen - egal welcher Art - zu überwinden.

Die Geschichte, die hier erzählt wird, hat mich begeistert. Und doch gibt es einige Kritikpunkte, die meiner Begeisterung einen Dämpfer verpassen.

Kurban Said ist das Pseudonym eines österreichischen Autorenduos: die Publizistin Elfriede Ehrenfels (1894 - 1982) sowie der Literat Lev Nussimbaum (1905 - 1942). Nussimbaum konvertierte vom Judentum zum Islam. Er ist in Baku geboren und hat dort seine Kindheit verbracht. Insofern kann man seinen Schilderungen über das Leben in Baku als durchaus authentisch bezeichnen. Elfriede Ehrenfels hat in Österreich gelebt und den Islam sozusagen aus der Ferne betrachtet. Ich frage mich daher, ob bei den Beschreibungen über den Islam nicht auf Klischees zurückgegriffen wurde, die der europäischen Sichtweise auf den Islam entsprechen. Diese Klischees finden sich leider reichlich in diesem Roman.

Hinzu kommt ein sehr blumiger Sprachstil, der dem Orientfeeling gerecht werden möchte, und mich ein wenig an die Bücher von Karl May erinnert hat. Diesen Sprachstil muss man mögen, mir war es manchmal zuviel "Blume".

Fazit:
Eine großartige Geschichte, die Konflikte thematisiert, die damals wie heute aktuell sind. Kurban Said zeigt eine fremde und exotische Welt auf, die mir bisher unbekannt war. Leider finden sich in diesem Roman einige Klischees wieder, was vermutlich an der europäischen Sichtweise von Kurban Said liegt. Trotzdem kann ich diesen Roman Lesern empfehlen, die Spaß daran haben, in eine fremde Welt abzutauchen und neugierig gegenüber fremden Kulturen sind.

© Renie






Donnerstag, 11. Mai 2017

Junichiro Tanizaki: Der Schlüssel

Er will, aber er kann nicht immer, meistens dann nicht, wenn sie will. Sie will immer, aber nie so, wie er will. Das Sexualleben von Ehepaaren kann kompliziert sein. Insbesondere, wenn man die Dinge nicht beim Namen nennt. So geschehen in dem Tagebuch-Roman "Der Schlüssel" von Junichiro Tanizaki, indem ein Ehepaar im Japan der 50er Jahre versucht, seine sexuellen Vorlieben in Einklang zu bringen.
Dieser Roman hat seinerzeit für Furore gesorgt, zumal Herr Tanizaki die Dinge beim Namen genannt hat, was so manchem Zeitgenossen die Schamröte ins Gesicht getrieben hat. Dies hatte zur Folge, dass in Japan ein Verbot dieses Romanes angestrebt wurde.

Auch wenn dieser Roman einem Leser heutzutage mit Sicherheit keine Schamröte ins Gesicht treiben wird, ist er doch prickelnd unterhaltsam und sehr besonders. Was sich anfangs als ein Konflikt zwischen zwei Eheleuten darstellt, entwickelt zum Ende fast schon kriminalistische Züge.

Zwei Eheleute - "der Professor" und seine Frau Ikuko - schreiben Tagebuch. Da sie nicht miteinander reden können, nutzen sie die Tagebücher als Mittel zum Zweck. In der Hoffnung, dass der Partner heimlich das Tagebuch des anderen liest, vertrauen sie ihrem Tagebuch ihre Wünsche und Gedanken an. Großes Thema der Tagebücher ist das Sexualleben der beiden Eheleute. Er und sie gehen unterschiedlich mit diesem Thema um. Sie ist die Schamhafte, geprägt von der Erziehung durch ein traditionsbewusstes Elternhaus. Ihre Scham verbietet ihr, über dieses Thema zu sprechen. Er respektiert zähneknirschend ihre Zurückhaltung und versucht, ihr in seinem Tagebuch seine erotischen Wünsche und Träume zu vermitteln. Das Tagebuch wird somit zum probaten Mittel der Erotik-Kommunikation.
"OBWOHL WIR SEIT ÜBER ZWANZIG JAHREN VERHEIRATET SIND UND EINE TOCHTER HABEN, DIE IM HEIRATSFÄHIGEN ALTER IST, IST MEINE FRAU IM BETT IMMER NOCH STUMM WIE EIN FISCH, WECHSELT NICHT DAS KLEINSTE WORT MIT MIR. IST DAS EIN EHEPAAR? ICH SCHREIBE DAS, WEIL ICH DIE FRUSTRATION DARÜBER, DASS MIR JEDE GELEGENHEIT VERWEHRT WIRD, MIT IHR DIREKT ÜBER SCHLAFZIMMERDINGE ZU SPRECHEN, MICHT MEHR ERTRAGEN KANN." (S. 10)
Sie spricht zwar nicht über Sex, doch ihr Liebeshunger ist fast unstillbar. Sie fordert ihren Mann, wann immer er kann. Doch mit den Jahren kann er nicht immer. Das Schritthalten mit seiner Frau fällt ihm schwer, zumal seiner Standfestigkeit auch die nötigen Anreize fehlen.

Mit dem Äußern seiner Vorlieben im Tagebuch erhofft er sich, dass seine Frau auf ihn eingeht. Nur blöd, wenn sie ihm einen Strich durch die Rechnung macht, indem sie zwar von seinem Tagebuch magisch angezogen wird, jedoch ihre Neugier im Griff hat.
"Halb hasse ich meinen Mann, halb liebe ich ihn. Eigentlich passen wir nicht zusammen, aber deshalb suche ich mir nicht einfach einen anderen. Der Grundsatz der ehrsamen Ehefrau ist so tief in mir verankert, dass ich mich nicht darüber hinwegsetzen kann." (S. 24)
So wird spekuliert. Hat sie oder hat sie nicht in seinem Tagebuch gelesen? Genauso wenig wie sich sagen lässt, ob er in ihrem Tagebuch liest. Die beiden scheinen sich im Kreis zu drehen. Anstatt miteinander zu sprechen, machen sie die Kommunikationsprobleme mit sich selber aus. Beliebte Fragen sind dabei: Was meint er/sie jetzt mit dem, was sie sagt? Ist seine/ihre Aussage ernst gemeint? Er /sie muss doch etwas anderes mit seinem/ihrem Verhalten bezwecken? Nur was?
Das Miteinander der beiden basiert sozusagen auf wackeligen Spekulationen.

Ein wesentlicher Ansporn für die Standfestigkeit des Professors ist seine Eifersucht. Da kommt ihm der gut aussehende Verlobte der gemeinsamen Tochter gerade recht. Er treibt seine Frau in die Arme des Schwiegersohns in spe und befeuert seine Libido mit seiner Eifersucht.

So wird die Handlung ein flottes Hin und Her der Spekulationen zwischen den einzelnen Charakteren: wer mit wem, und ob überhaupt. Durch die Tagebucheinträge des Ehepaares, kommt der Leser in den Genuss, die Handlung aus zwei Sichtweisen mitzuerleben. Diese Sichtweisen stimmen jedoch nur in den wenigsten Punkten überein. Die Eheleute sind sich einfach mit den Jahren fremd geworden und tun sich schwer damit, sich in den anderen hineinzuversetzen.
"ALLERDINGS WIRD SIE, JE MEHR ICH BETONE NICHTS GELESEN ZU HABEN, NUR DENKEN, ICH HÄTTE DOCH GELESEN. SO IST SIE. UND DA SIE DOCH NUR GLAUBT, ICH HÄTTE IHR TAGEBUCH GELESEN, OBWOHL DEM NICHT SO IST, KÖNNTE ICH ES EBENSOGUT TATSÄCHLICH LESEN, DOCH DAS TUE ICH AUF KEINEN FALL." (S. 68)
Im Verlauf der Handlung macht jeder der Charaktere eine interessante Entwicklung durch.

Der Professor, mit dem man anfangs Mitleid haben kann, verliert an Sympathiepunkten, da er scheinbar nur noch hormongesteuert handelt und sich in seinem Eifersuchtswahn verliert.

Ikuko tut die Verbindung zu dem Schwiegersohn gut. Sie scheint selbstbewusster zu werden und sich von den, durch ihre Erziehung auferlegten Moralvorstellungen zu lösen, was sich auch an Äußerlichkeiten bemerkbar macht. Ihr Kimono wird durch ein schickes Kostüm abgelöst.

Der Schwiegersohn entwickelt sich vom gutaussehenden Frauentraum zu einem Liebhaber, der Sehnsucht nach seiner Liebsten hat, aber den das schlechte Gewissen gegenüber ihrem Ehemann plagt. Stellt sich nur die Frage, warum er kein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Verlobten hat.

Seine Verlobte , also die Tochter von Ikuko und ihrem Gatten, war für mich von Anfang bis zum Ende des Romanes ein einziges Rätsel. Sie macht bei dem Verwirrsspiel mit und hält quasi die Hand über dem Techtelmechtel ihrer Mutter und ihrem Verlobten. Einerseits scheint sie dieses Possenspiel ihrer Liebsten abzuschrecken, andererseits mischt sie jedoch fleißig mit. Ein Verhalten, das für mich nicht nachvollziehbar ist. 

Die vorliegende Ausgabe des cass verlags ist im Doppelpack übersetzt worden, was für mich sehr gelungen ist. Jürgen Stalph gibt die Einträge des Ehemannes wieder, von Katja Cassing stammt die Übersetzung von Ikukos Einträgen. So verleiht jeder der beiden Übersetzer seinem Part einen persönlichen Stil, was die Tagebucheinträge sehr authentisch macht. Es fällt leicht, sich innerhalb der Einträge zu orientieren, da auch die Schrift des Buches einen Unterschied zwischen Mann und Frau macht.

Fazit:
Ein ungewöhnliches Buch, insbesondere in Anbetracht der Zeit zu der es erstmalig veröffentlicht wurde. Was in den 50er Jahren die Gemüter erhitzt hat, trägt heutzutage eher zur Belustigung bei. Sehr unterhaltsam sind die Spekulationen, denen sich die Charaktere hingeben. Dadurch wir dieser Roman zu einem echten Verwirrspiel, das sich erst zum Ende hin aufklären wird. Leseempfehlung!

© Renie






Über den Autor:
Junichiro Tanizaki (1886–1965) war Mitglied der Japanischen Akademie der Künste, Träger des Kaiserlichen Preises für Dichtung und lange Jahre Nobelpreiskandidat. 1956, im Jahr seines Erscheinens, löste Kagi (»Der Schlüssel«) in Japan eine Pornographiedebatte aus. Tanizaki war damals siebzig. Zu dem vielfach geforderten Verbot des Romans kam es aber nicht. In den Folgejahren wurde das Werk in alle Kultursprachen der Welt übersetzt, auch mehrfach verfilmt. (Quelle: cass verlag)

Sonntag, 7. Mai 2017

Hermann Hesse, Marie Wolf (Ill.): Kinderseele


Kandierte Feigen hatten es dem damals 11-jährigen Hermann Hesse angetan. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen und schwups, stiebitzt er sie aus dem Arbeitszimmer seines Vaters. Die Folge sind Seelenqualen und Angst vor Entdeckung und Strafe. Jahre später verarbeitet Hesse dieses gravierende Erlebnis in seiner Erzählung "Kinderseele".
Die Kindheit von Marie Wolf, die die vorliegende Ausgabe der Edition Büchergilde illustriert hat, fand ca. 100 Jahre später statt, um genau zu sein, in den Neunzigern des 20. Jahrhunderts. Die Kindheit verändert sich im Laufe der Zeit, doch die Ängste eines Kindes bleiben die gleichen - egal um welche Epoche es sich handelt.

So ist es Marie Wolf mit ihren Zeichnungen gelungen, die Erzählung aus einer Zeit, wo noch "Zucht und Ordnung" herrschte, auf eine lässigere und scheinbar ungezwungere Zeit zu adaptieren.

Ihre Zeichnungen sind im Stil der 90er gehalten: farbenfroh und verspielt. Dabei beweist Marie Wolf sehr viel Sinn fürs Detail. So findet man Karottenhosen, Bonanzaräder, Gameboys, Ballonjacken. Dieses bunte Szenario bildet einen krassen Kontrast zu dem doch eher düsteren Umfeld, das Hermann Hesse in seiner Erzählung schildert. Sein Wohnhaus gleicht einer Gruft, in dunklen Farben gehalten und Stille, die ihn fast erdrückt. Sein Tagesablauf ist von strengen Regeln geprägt. Drei Mahlzeiten im Kreis der Familie, Hausaufgaben, Unterricht und natürlich der sonntägliche Kirchgang bzw. der Besuch der Sonntagsschule mit anschließendem Familienspaziergang. Kindsein war damals nicht leicht. Vermutlich gab es damals keine Kinder mit ADHS oder mit (zu) viel Energie. Denn die wurde im Keim erstickt. Kindsein bestand damals aus dem strikten Einhalten von Regeln, Gottesfurcht und das Ehren von Vater und Mutter.
"Da mit dem Duft von Stein und feuchter Kühle überströmte mich plötzlich Erinnerung, hundertfach. O Gott! Es roch nach Strenge, nach Gesetz, nach Vater und Gott." (S. 51)
Quelle: Kirchner PR/Edition Büchergilde
Insbesondere sein (Über-)Vater hatte einen großen Teil zu Hesses Kindersorgen und Angst beigetragen. In seiner Beschreibung erinnert der Vater eher an einen Gott. Zwischen Vater und Sohn herrschte eine riesengroße Distanz, die allein der Vater überbrücken konnte. Doch statt Liebe und Zuneigung ließ er den kleinen Hermann nur Strenge spüren. Er präsentierte sich selbst als tadellos und unbescholten - ein Mann von Zucht und Ordnung sowie Hüter von Sitte und Moral. Und Hermann war darauf bedacht, ein folgsamer Sohn zu sein, und es seinem Vater recht zu machen. Teilweise hasste Hermann seinen Vater für dessen Perfektion und Anspruch an ihn, der unmöglich zu erfüllen war. Und aus diesem Zorn heraus, stahl er seinem Vater todesmutig ein paar kandierte Feigen, damals eine Köstlichkeit, heute kann man wahrscheinlich kein Kind damit locken. Erschrocken über seine eigene Dreistigkeit, litt er die folgenden Tage Höllenqualen. Sein schlechtes Gewissen machte ihm zu schaffen, seine Frömmigkeit trug ihr Übriges dazu bei, und natürlich war da noch die Angst vor Entdeckung und Strafe, die am Ende auch eintraten.
"Wenn ich alle die Gefühle und ihren qualvollen Widerstreit auf ein Grundgefühl zurückführen und mit einem einzigen Namen bezeichnen sollte, so wüßte ich kein anderes Wort als: Angst. Angst war es, Angst und Unsicherheit, was ich in allen jenen Stunden des gestörten Kinderglücks empfand: Angst vor Strafe, Angst vor dem eigenen Gewissen, Angst vor Regungen meiner Seele, die ich als verboten und verbrecherisch empfand." (S. 20)
Jedes Kind, egal in welcher Zeit es lebt, kennt dieses Gefühl. Eine vermeintliches "Bagatellvergehen" entwickelt sich zu einer "Todsünde". Hesse beschreibt diese Seelenqualen, die er damals durchmachte, sehr eindrucksvoll. Die Nöte einer Kinderseele sind damals wie heute in etwa die gleichen. Nur das Verhältnis zwischen Eltern und Kinder hat sich bei den meisten Familien heutzutage etwas entspannt. Die Kluft zwischen Vater und Sohn ist nicht mehr so groß wie in Hesses Kindheit. Fast scheint es, als ob heutzutage ein Vater-Sohn-Verhältnis auf Augenhöhe angestrebt wird. Die Bereitschaft zur Diskussion mit seinem Kind ist bei der heutigen Erziehung deutlich gestiegen - auch, wenn dies nicht immer pädagogisch ratsam ist.

Illustration: Marie Wolf
Marie Wolf verpasst ihren Figuren Tierköpfe. So hat der kleine Hermann den Kopf eines Äffchens mit dicken runden Kulleraugen, seine Schwestern haben die Köpfe von Zicken (Mädchen halt ;-)). Den Vater ziert ein Adlerkopf mit einer "Vokuhila"-Frisur. (Danke an Marie Wolf, dass sie auf dieses Symbol der 90er Jahre nicht verzichtet hat). Der Adler war schon immer ein Symbol der Macht, so dass Marie Wolfs Auswahl für die Vaterfigur mehr als passend ist. (Die Mutter ist im Übrigen die personifizierte Kuh, was mir als Mutter schon ein bisschen weh tut ;-)) 


Fazit:
Hermann Hesse ist immer lesenswert. Seine Erzählung "Kinderseelen" ist ein sehr persönliches Buch, welches demonstriert, dass Kindsein und Kindsein-Lassen in der Welt der Erwachsenen eine fast unlösbare Herausforderung ist, damals wie heute. Die farbenfrohen Illustrationen im Stil der 90er Jahre von Marie Wolf unterstreichen die Zeitlosigkeit dieser Erzählung und gewähren einige Erinnerungsmomente an eine Zeit, in der viele Leser selbst noch Kind waren.
Ein wunderschönes und immer aktuelles Buch!

© Renie








Über den Autor:
Hermann Hesse (1877–1962) wurde 1946 mit dem Nobelpreis für Literatur und 1955 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Seine Bücher wurden in mehr als 70 Sprachen übersetzt. Zu seinen bekanntesten Werken zählen unter anderem Der Steppenwolf, Siddhartha, Unterm Rad, Peter Camenzind und Narziß und Goldmund. (Quelle: Edition Büchergilde)



Über die Illustratorin:
Marie Wolf, geboren 1991, studierte Kommunikationsdesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Seit ihrem Abschluss 2014 arbeitet sie als freiberufliche Illustratorin. Nach Die Wahrheit und dem Kalender Telling Time, einer Zusammenarbeit mit Mehrdad Zaeri, erscheint nun ihr zweites Buch bei der Büchergilde. Weitere Informationen finden Sie unter: www.thisisnoteden.com (Quelle: Edition Büchergilde)