Sonntag, 5. März 2017

Sanne Averbeck: Die Gästeliste

Quelle: Pixabay/geralt
Auf der Suche nach einem Anfang für meine Buchbesprechung bin ich auf folgende Information gestoßen:
Im Jahr 2003 entwickelte Mark Zuckerberg die Website facemash.com, den Vorgänger von Facebook, während seines Studiums der Psychologie und Informatik an der Harvard University. Es handelte sich um ein aufgrund von Protesten nur wenige Tage öffentliches Bewertungssystem für das Aussehen von Frauen. Zuckerberg stellte Fotos von Studentinnen ohne deren Erlaubnis ins Internet und forderte die Besucher der Seite auf, von jeweils zwei zufällig ausgewählten Fotos das attraktivere zu wählen. (Quelle: Wikipedia)
Aha, jetzt wissen wir also, aus welcher Idee heraus, Facebook ins Leben gerufen wurde. 

Facebook haben wir auch den "Gefällt mir"-Button zu verdanken, der mir gerade gut als Überleitung zu meiner Buchbesprechung in den Kram passt. Denn ein besonders dickes "Gefällt mir" möchte ich Sanne Averbeck für ihren atemberaubenden Thriller "Die Gästeliste" bescheinigen, in dem Menschen aufgrund ihrer Social Media Aktivitäten ermordet werden. 
"Jeder Gast sollte als Erstes und als Letztes an diesem Abend die Gastgeberin sehen und dadurch das Gefühl bekommen, ein wichtiger Freund zu sein. Es gehörte nicht viel Aufwand dazu, andere glauben zu lassen, sie würden zum inneren Kreis gehören. Ein Kompliment hier, überschwängliche Anteilnahme da - der Verstand wurde übertölpelt von unerwarteter Nähe, die keine war. Und wenn sie an die Gästeliste für diesen Abend dachte, war sie sehr stolz auf die Komposition der Möglichkeiten." (S. 9)
Das IT-Girl Carola ist eine Meisterin der Selbstinszenierung. Sie hat sich das Internet mit seinen Social Media Kanälen zu eigen gemacht. Sie ist zu einer Kultfigur geworden und schart unzählige Follower um sich. Ein ausgewählter Kreis dieser Follower hat die Ehre, an ihren berühmt berüchtigten Parties teilzunehmen. Einladungen zu diesen Veranstaltungen sind heiß begehrt. Carola hat ein Händchen dafür, die richtigen Leute zusammenzubringen. Die Gästeschar wird von ihr handverlesen.  Dadurch ist jede ihrer Parties ein Erfolg. Carola ist eine Trendsetterin. Sie diktiert, was in oder out ist. Das macht sie zu einer perfekten Werbeikone, was auch diverse Unternehmen bereits erkannt haben. Carola kann gut von ihrem Ruf und Bekanntheitsgrad leben.

In der Öffentlichkeit setzt sich Carola immer in Szene. Sie inszeniert sich selbst, spielt eine Rolle. Einzig Bianca, ihre Freundin seit Kindertagen, kennt die wahre Carola.

Bianca ist ständig in ihrer Nähe. Beide verbindet eine Freundschaft, die nicht viel mit dem öffentlichen Bild von Carola zu tun hat. Bianca scheint zu Carolas Parties nicht wirklich dazu zu gehören. Auf Carolas Parties ist sie die stille Beobachterin, die irgendwie nicht dazugehört, aber als Carolas Freundin geduldet wird. Sie hat nicht das strahlende Aussehen ihrer Freundin, ist eher das hässliche Entlein, das nichts aus sich zu machen versteht. 
"Warum auch immer diese Freundschaft fortbestand, Bianca stellte sie nicht mehr infrage. Vielleicht brauchte jede hübsche Frau eine hässliche Begleitung - oder zumindest eine nichtssagende." (S. 35)
Das bevorzugte Kommunikationsmittel der Menschen um Carola ist Facebook. Hier wird hemmungslos kommentiert, gelästert, geschmeichelt, beschimpft. Fast schon fieberhaft fragt sich ihre Follower-Gemeinde, wer zur nächsten Party eingeladen wird. Genauso werden die Events in aller Gründlichkeit im Nachhinein analysiert und bewertet. 
Natürlich gibt es Menschen, die Carola ihren Erfolg neiden, sogar versuchen, diesen nachzuahmen. Aber tatsächlich spielt Carola in einer anderen Liga und die Neider sind für sie keine ernst zu nehmende Konkurrenz. Notfalls gelingt es ihr mit viel Raffinesse und Manipulation, sich ihrer Konkurrenz zu entledigen. 
Denn Carola sammelt Informationen über ihre Mitmenschen, die sie im richtigen Moment und bei Bedarf einzusetzen weiß.

Plötzlich werden ihre Parties zu einem Risiko. Denn Gäste, die an diesen Parties teilnehmen, kommen auf bestialische Weise ums Leben. Der Mörder geht dabei sehr fantasievoll vor. Auch er ist scheinbar ein Facebook-Freund, der gern bei den Diskussionen und Kommentaren über Carola mitmischt, aber nicht als Mörder zu erkennen ist. Das Posten von Kommentaren auf Facebook entwickelt sich auf einmal zu einem Todesspiel. Denn jeder, der sich hier präsentiert, muss damit rechnen, das nächste Todesopfer zu sein....

Sanne Averbecks Thriller findet in der Social Media Welt statt, also genau dort, wo  auch der größte Teil ihrer Leser unterwegs ist.
Was mir sehr gut gefallen hat, sind sogenannte Screenshots von Facebook-Unterhaltungen, die regelmäßig auftauchen. Der Leser wird somit Zeuge der Unterhaltungen der Follower von Carola und bekommt somit jeden Chat und jeden Kommentar zu einem Posting ungefiltert mit. Dabei fehlen auch Details wie "Gefällt mir", die Anzahl der "Daumen" und Namen der Follower nicht. Wie im echten Facebook-Leben! 
Wen wundert's da, dass man sich als Leser stellenweise recht unwohl fühlt. Der Wiedererkennungswert ist einfach zu hoch. Wer sich hier nicht an die eigene Facebook-Nase packt und seine eigene Medienpräsenz überdenkt, hat die Social Media-Welt nicht verstanden.
"'Du meinst, ohne deinen trendigen Blog und deine dämlichen Facebook-Freunde wäre dein Leben nichts wert?'" (S. 254)
Und dann wäre da noch Lydia Raymond. Wer ist Lydia Raymond? Frau Raymond ist  eine Sozialwissenschaftlerin, die sich mit der "Philosophie der virtuellen Macht" auseinandersetzt. (schreibt Frau Averbeck 😉). Zu Beginn einiger Kapitel finden sich  Auszüge aus Lydia Raymonds Arbeit. Die Gedanken, die sie äußert, sind hoch interessant und tragen zur Selbstreflexion des Lesers bei. Doch wird man zwischendurch den Eindruck nicht los, dass mit Frau Raymond manches Mal die Pferde durchgehen. Sie steigert sich in ihre Arbeit hinein, es scheint fast, als ob ihr das Philosophieren zu Kopf gestiegen ist. Als Leser ist man hin- und hergerissen zwischen Faszination und Verwirrung. Wer sich nun auf die Google-Suche nach der geheimnisvollen Lydia Raymond begeben möchte, sollte zunächst einmal diesen Thriller lesen.
"Facebook-Freunde, die Bilder ihrer Katzen zeigten, sich über Pegida aufregten, Spendenaufrufe teilten oder Werbung für irgendetwas machten. Ein Becken voller Selbstdarsteller. Die Challenge Zeige eine Woche lang jeden Tag ein Foto, das mindestens zwanzig Jahre alt ist animierte sie dazu, peinliche Fotos in Badehosen oder Windeln zu posten. Das, was sie sonst ihren Kindern antaten, taten sie nun auch postadult sich selbst an." (S. 25)
Sanne Averbeck ist ein Pseudonym von Sonja Rüther, die mich bis jetzt mit jedem ihrer Bücher begeistern konnte. Und auch dieses Mal hat sie mich nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil. Für mich ist "Die Gästeliste" das Beste, was ich bis jetzt von ihr gelesen habe. Was ich an ihren Büchern so schätze, findet sich auch hier. Die Autorin schafft Aha-Erlebnisse, die den Leser reichlich beschäftigen. Sonjas/Sannes Bücher lassen sich nicht lesen, ohne dass man sich in Spekulationen über den Mörder verliert. Von einer Auflösung um den Mörder ist man jedoch weit entfernt. Denn Sonja/Sanne legt subtile Spuren, die einen auf falsche Fährten locken .... oder auf richtige Fährten? ..... oder dann doch auf falsche Fährten? .... Die Schar der Verdächtigen wird immer größer, so auch in "Die Gästeliste". Am Ende hat man den Eindruck, dass nahezu jeder das Zeug zum Mörder hat.

Wenn man diesen Thriller liest, sollte man Zeit mitbringen. Denn "Die Gästeliste" ist einer der seltenen Bücher, die einen packen und nicht mehr loslassen. Irgendwann kommt der Moment in diesem Buch, da legt man es nicht mehr aus der Hand und vergisst alles um sich herum.

Daher meine Empfehlung: Lest dieses Buch und nehmt euch Zeit dafür!!!!


© Renie






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen