Donnerstag, 19. Januar 2017

Robin Black: Porträt einer Ehe

Quelle: pixabay
Ein melancholischer Roman über "eine matte, kampfesmüde, gebeutelte und wieder zusammengeflickte Liebe"

Augusta, genannt Gus, ist Malerin, Owen ist Schriftsteller. Die Ehe der beiden ist kinderlos. Die beiden sind seit einer gefühlten Ewigkeit zusammen. Ist ihre Beziehung anfangs von Leidenschaft geprägt, setzt doch irgendwann der Gewöhnungseffekt ein, der nicht unbedingt schlecht ist, da beide sich als Seelenverwandte sehen. Gus scheint jedoch mit der Zeit das gewisse Etwas in ihrer Beziehung zu Owen zu vermissen, das sie daraufhin in einer Affäre mit einem verheirateten Mann, dessen Tochter sie im Malen unterrichtet, zu finden hofft. Doch das Gewissen plagt sie. Sie beichtet Owen ihre Affäre und erhält von ihm die erhoffte Absolution. Die beiden wollen ihrer Beziehung eine neue Chance geben. Ein erster Schritt ist eine Heirat, die die Beziehung der beiden zueinander verbindlicher machen soll. Die beiden kaufen ein Farmhaus auf dem Land, in dem sie sich ihr weiteres Leben einrichten wollen. 
"Ich glaubte immer, dass Owen wahrscheinlich eines Tages seinerseits eine Affäre haben würde, in gewisser Hinsicht um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Wenn ich in einer bestimmten düsteren Stimmung war, glaubte ich sogar, er habe das Recht dazu, obwohl mich der Gedanke abstieß." (S. 19)
So weit, so gut. Denn dies ist die Vorgeschichte des Ehepaars Gus und Owen, die sich durch Rückblenden und anhand von Erinnerungen der Ich-Erzählerin Gus konstruieren lässt. Der Roman setzt in der Zeit nach dem Umzug auf's Land ein.

Während Gus und Owen nun in der Zurückgezogenheit leben, malt sie weiterhin erfolgreich an ihren Projekten, wohingegen er eine Kreativ-Flaute durchlebt. Es ist, als ob Gus'  Vertrauensbruch Owen‘s Kreativität erstickt hat. Die beiden genügen sich zunächst selbst in ihrer neuen Zweisamkeit, was nicht bedeutet, dass sie ihre Persönlichkeit nicht ausleben können. Dieses Recht auf Individualität gestehen sie sich zu. Das Leben könnte in seiner Zufriedenheit ewig so weiter gehen.

Quelle: Randomhouse/Luchterhand
Doch eines Tages zieht Alison in das Nachbarhaus und stört die Zweisamkeit der beiden. Aus Höflichkeit lassen sich Gus und Owen auf ein paar Anstandsbesuche und -gespräche ein, aus denen jedoch schnell mehr wird. Alison malt ebenfalls, mit der Zeit freunden sich die beiden Frauen an. Je intensiver die Freundschaft zwischen den beiden wird, umso mehr verliert Owen den Bezug zu seiner Frau. Alison hat eine Tochter (Nora), die sie von Zeit zu Zeit besuchen kommt. Nora himmelt den Schriftsteller Owen, der mehr als doppelt so alt wie sie ist, an und bringt ihm die Bewunderung und Anerkennung entgegen, die er in den letzten Jahren schmerzlich vermisst hat. Und erneut steht die Beziehung zwischen Owen und Gus auf dem Prüfstand.
"In einer Ehe laufen oft zwei Gespräche nebeneinander ab. Das, das man gerade führt, und das, das man gerade nicht führt. Manchmal weiß man nicht einmal, wann dieses zweite, stillschweigende, begonnen hat." (S. 54)
Robin Black hat gerade für die beiden Charaktere Gus und Owen ein umfangreiches Psychogramm erstellt. Sie lässt den Leser tief in ihre Seelen blicken. Die Ich-Erzählerin Gus schildert die Vorkommnisse auf der Farm und erklärt dem Leser aber durch Rückblicke in die Vergangenheit, warum die Beziehung zu Owen zu dem wurde, was sie heute ist. Mit ihrem Seitensprung hat Gus natürlich die Verbindung zu ihrem Mann auf's Spiel gesetzt.  Mit ihrer Hochzeit und dem Rückzug auf das Land geben die beiden sich wieder eine Chance.
Aus Gus' Erinnerungen an ihre Kindheit und Familie erfährt der Leser, welches Verhältnis sie als Kind zu ihrem Vater hatte. Die Mutter ist früh gestorben, der Vater reagierte mit Schweigen auf diesen Schicksalsschlag. Fortan wurde nicht mehr über die Mutter gesprochen. Er und seine drei Töchter haben die Bewältigung der Trauer somit im Keim erstickt. Geprägt von dieser Erfahrung, stellt Gus irgendwann fest, dass auch Owen ein Mensch ist, der dazu tendiert, Probleme in sich zu verschließen und mit sich selber auszumachen. Daher haben Gus und Owen auch über einen langen Zeitraum nicht die Möglichkeit gefunden, die seelischen Wunden, die Owen durch Gus‘ Fremdgehen davongetragen hat, gemeinsam zu heilen.

Mit der Nachbarin Alison und ihrer Tochter Nora, hat Robin Black zwei Figuren geschaffen, die man zunächst nicht einschätzen kann. Einerseits sieht man sie als die nette Nachbarin mit ihrer Tochter. Man freut sich für Gus. Sie hat in Alison jemanden gefunden, dem sie sich anvertrauen kann, der sie ihre Sorgen und Ängste schildern kann. Aber irgendetwas haben Mutter und Tochter an sich, das darauf hindeutet, dass das Friede-Freude-Eierkuchen-Verhältnis von Gus und Alison nicht so bleiben wird. Die Autorin spart dabei nicht mit Andeutungen, die sie auf sehr subtile Art einfließen lässt.
"Der Tag weicht der Dunkelheit, das Licht schwindet, so dass die strotzenden, grünen, hochsommerlichen Bäume in zwanzig Meter Entfernung sich zurückzuziehen und von der Bühne abzugehen scheinen. Nur zwei Lichtreflexe bleiben noch. Der Lichtschein aus der Küche, der auf die Veranda fällt, und das fließende Silberhaar einer der beiden Frauen, das, gegen den Sonnenuntergang eigenartig immun, glänzt und leuchtet wie ein auf die Erde gefallener Mond." (S. 45)
Robin Black hat einen Sprachstil, der sehr bildhaft ist und fast schon malerisch wirkt. Dabei vermittelt sie eine sehr melancholische Stimmung. Man begegnet immer wieder der Farbe „Grün“ in unterschiedlichen Schattierungen. Automatisch denkt man dabei an eine symbolische Bedeutung: Grün, die Farbe der Hoffnung. Da liegt es natürlich nahe, in die Geschichte und der Beziehung von Gus und Owen einen hoffnungsvollen und positiven Verlauf hinein zu interpretieren.
Derart eingestimmt, kommt Robin Black's Abschluss der Geschichte fast wie ein „Paukenschlag“ daher. Man wird von der Handlung zum Ende hin völlig überrascht.
Daher ist dies kein Buch, das man einfach zuklappen wird, sondern man wird das Bedürfnis haben, das Ende der Geschichte erstmal sacken zu lassen.

Ein sehr intensiver Roman, der mir lange in Erinnerung bleiben wird.

© Renie


ISBN: 978-3-630-87322-0


Über die Autorin:
Robin Black lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Philadelphia. Ihre Erzählungen und Essays sind in zahlreichen Zeitschriften veröffentlicht worden, und sie hat Stipendien der Leeway Foundation und der MacDowell Colony erhalten. Heute lehrt sie am Brooklyn College. Mit ihrem Roman »Porträt einer Ehe« kam sie auf die Longlist des Flaherty-Dunnan First Novel Prize. (Quelle: Luchterhand)

1 Kommentar:

  1. Das klingt nach einer intensiven Lektüre. Bei Dir zu stöbern, ist schon gefährlich... Jedenfalls für meine Wunschliste, *seufzt*.

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