Dienstag, 8. November 2016

Kazuki Kaneshiro: Fly, Daddy, fly

Vor ein paar Wochen war ich auf der Messe der unabhängigen Verlage "text & talk" in Düsseldorf. Einer der Verlage, die sich dort präsentierten, war der cass verlag aus dem westfälischen Löhne. Der cass verlag hat sich mit einem, für den deutschen Markt ungewöhnlichen Programm spezialisiert. Denn bei cass findet man ausschließlich Bücher japanischer und koreanischer Schriftsteller. Den Leser erwartet eine hochinteressante Mischung aus Belletristik, Kriminalromanen und Klassikern. Der Verlag konzentriert sich dabei auf preisgekrönte Schriftsteller, die sich in ihrem Herkunftsland bereits einen Namen gemacht haben, jedoch bei uns noch weitestgehend unbekannt sind. Das soll sich natürlich ändern.

Den Anfang aus dem Programm des cass verlages habe ich mit Fly, Daddy, fly von Kazuki Kaneshiro gemacht.
Kaneshiro, 1968 in Japan geboren, ist Zainichi-Koreaner, d. h. er hat koreanische Wurzeln und gehört somit der größten Minderheitengruppe Japans an. Für seinen ersten Roman GO! (ebenfalls von cass veröffentlicht) ist er mit dem Naoki-Preis ausgezeichnet worden. Der japanische Naoki-Preis ist der bedeutendste Preis auf dem Gebiet der populären, unterhaltenden Literatur und richtet sich an japanischsprachige Nachwuchsautoren.
Ich habe mich für Kaneshiros zweiten Roman entschieden - ganz einfach, weil die Geschichte, die er erzählt so unglaublich ist.

Worum geht es in diesem Roman?
Ein Mädchen wird so brutal zusammengeschlagen, dass sie stationär behandelt werden muss. Die Sache wird vertuscht. Der Täter, ein junger Nachwuchsboxer, soll ungeschoren davonkommen.
Ihr Vater, ein gewöhnlicher Angestellter, unsportlich und nicht mehr der jüngste, will Rache. Der Weg ist ritterlich, aber verrückt: Er fordert den Boxer zum Kampf. Mann gegen Mann..

Zugegeben, die Geschichte wirkt fantastisch und irreal. Ein unsportlicher Papa, der flott gemacht wird - auch noch von einem Jugendlichen -, um gegen einen Boxchampion anzutreten? Einfach nicht darüber nachdenken. Denn es gibt Geschichten, die so fantastisch sind, dass sie einfach nur schön sind und man einen Hollywood-Film daraus machen könnte. Kaneshiro hat solch einen Roman geschrieben. Wenn man sich auf seine Fantasie einlässt, bekommt die Geschichte etwas Magisches und belohnt den Leser mit großartiger Unterhaltung.
"Ich rauche nicht und trinke nur in Maßen. Und, abgesehen von den gesellschaftlichen Anlässen, denen ich mich nicht entziehen kann, nur zu Hause. Aber auch ich, der ich, angefangen beim Namen, in jeder Hinsicht Mittelmaß und Durchschnitt bin, habe etwas Besonderes: meine Familie." (S. 8)
Was das Thema dieses Romanes angeht, ist dies bereits mehrfach verfilmt worden. Ich denke z. B. an Karate Kid, oder Rocky, oder sogar Star Wars, in dem der alte Yoda aus Luke Skywalker einen Vorzeige-Jedi macht. Jeder Film war für sich ein Genuss. Trotzdem man weiß, wie diese Filme ausgehen, hat man doch Spaß an ihnen und sieht sie sich immer wieder gern an.

Genauso ist es mir mit diesem Buch ergangen. Keine Frage, wer am Ende gewinnen wird. Aber allein der Gedanke, dass Goliath gegen David den Kürzeren ziehen wird, besitzt doch immer wieder viel Charme. Man möchte dabei sein, wenn es soweit ist.

Hinzu kommt, dass Kaneshiros Charaktere die Rollen tauschen. Der Vater Suzuki - als der Ältere - wird zum Lehrling, der Schüler Sun-shin Pak zum Meister. Ein interessanter Ansatz, wodurch sich dieses Buch dann doch von den genannten Filmen unterscheidet.

Wie es sich für einen guten Meister gehört, gibt Sun-shin Pak seinem Schüler Suzuki einige Weisheiten mit auf den Weg. Dabei erweisen sich berühmte Karate- und Martial-Arts-Filme als Quelle dieser Weisheiten. Man denke nur an Bruce Lee, dem der Autor Kaneshiro in diesem Roman einiges an Raum gewährt.
"Ich war erleichtert. Rocky hatte ich mir gerade vorgestern erst angesehen. Gestern hatte ich Sun-shin Pak die Laune verdorben, weil ich sein Zitat aus Matrix nicht erkannte: Ich will deinen Geist befreien, aber ich kann dir nur die Tür zeigen; durchgehen musst du ganz allein. Wir verbeugten uns voreinander in Bruce Lee-Manier und verließen den Rasen." (S. 127)
Kaneshiros Sprache kommt mit einer Leichtigkeit daher, die die Seiten nur so dahinfliegen lassen.
Er hat dabei ein Buch der Stereotypen geschrieben: Gut trifft auf Böse, Schwach auf Stark, Arm auf Reich. Und am Ende siegt David über Goliath. Aber ist doch prima, wenn die Welt so einfach ist! Ich lese, um mich zu unterhalten. Kaneshiro hat aus einer fantastischen Idee  einen Roman gezaubert, der genau das macht. Er unterhält, ohne banal oder trivial zu sein. Daher ... Leserherz, was willst du mehr?

© Renie


Fly, Daddy, fly von Kazuki Kaneshiro, erschienen im cass verlag
ISBN: 978-3-9809022-7-4


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