Mittwoch, 12. Oktober 2016

Helmut Kuhn: Omi

Das Buch Omi von Helmut Kuhn wird als "Familiengeschichte und Roadtrip zugleich" angepriesen. Tatsächlich ist dieser Roman ein großes Stück Familiengeschichte mit nur wenig Roadtrip, der sich dann auch noch zu einem Trip der besonderen Art entwickelt.

Am Anfang der Geschichte lernen wir Holli kennen, der seine Omi mit einem gemieteten Transporter, Hund Pit und einem Mädchen namens Marylong aus dem Pflegeheim abholt. Holli möchte mit Omi nach Berlin fahren. Warum? Das ergibt sich erst zum Ende dieses Romanes.
"Das ist ein Bild, das Holli gefällt. Noch nie hat ein Insasse das Haus am Frauenberg lebend wieder verlassen. Seine Großmutter ist die Erste. Holli Umsiedler muss lachen." (S. 18)
Holli hat die meisten Jahre seiner Kindheit bei seiner Omi gelebt. Die beiden verbindet eine tiefe Zuneigung. Mittlerweile ist Holli erwachsen und lebt in Berlin. Omi ist in einem Pflegeheim in Rheinland-Pfalz untergebracht. Daher sehen sich die beiden nur noch selten. Holli besucht Omi so oft es geht. Mal erkennt sie ihn, mal nicht. Denn Omi ist dement und kann kaum noch Gegenwart und ihre Erinnerungen auseinanderhalten. Holli kümmert sich rührend um seine Omi. Er ist auch derjenige, der vom Pflegeheim kontaktiert wird, wenn wieder irgendetwas mit Omi ist. Ihr Gemütszustand ist schwankend. Oft ist sie friedlich und in sich gekehrt. Aber manches Mal machen ihr die Erinnerungen zu schaffen, so dass sie mit Aggression und Wut auf ihre Umwelt reagiert.

Omi hat viel erlebt in ihrem langen Leben. Sie ist im Sudetenland aufgewachsen. Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges lernt sie ihre große Liebe kennen: Tias, der Dienst am Vaterland leistet und daher kurz nach dem Kennenlernen versetzt wird. Bei einem der Heimaturlaube wird geheiratet. Dem jungen Paar bleibt nicht viel Zeit miteinander. Nach 2,5 Jahren, wovon sie nur etwas mehr als 6 Wochen miteinander verbracht haben, stirbt Tias in einem Lazarett, weit weg von zuhause. Alles, was Omi von ihm bleibt, sind die unzähligen Briefe, die er ihr während seines Militärdienstes geschickt hat. Omi schlägt sich mit ihrem Kind - Hollis Mutter - allein durch. Irgendwann lernt sie ihren zweiten Mann kennen. Die 2. Ehe basiert auf Zuneigung und Respekt füreinander. Das reicht aus, um ein ganzes Leben miteinander zu verbringen. Einen großen Teil seiner Kindheit verbringt Holli im Haus von Omi und Opi. Irgendwann holt seine Mutter, die sich einst mit der Kindererziehung überfordert sah und daher Holli zu seinen Großeltern gegeben hat, ihren Holli wieder zu sich. Doch Omi scheint mehr Mutter für ihn zu sein, als seine eigene Mutter. Die innige Zuneigung, die er für seine Omi empfindet wird ein Leben lang anhalten.
"Warum ist es am Ende so würdelos? Diese stolze, aufopfernde, immer für alle da gewesene Frau? Hat sie nicht geschuftet, genäht, getan und gemacht? Hat sie es nicht besser verdient? Warum ist das so? Omi, sollten wir es nicht besser haben? Ein Haus mit Kindern, Mama und dir unterm Dach, und am Abend würden die Kinder deinen Geschichten vom Rübezahl lauschen, so, wie es früher war? Omi, warum bist du jetzt hier und ich bin dort? Wo wir doch so daran gearbeitet haben, dass es einmal besser sein würde, als es früher war?" (S. 104)
Eine sehr berührende Geschichte! Erzählt wird diese Geschichte zunächst aus der Sicht von Holli. Nachdem sich Holli und Begleitung auf die Reise mit Omi begeben haben, gibt es zunächst eine Rückblende in die Zeit kurz vor dem Trip. Der Leser erfährt, wie es Omi in den letzten Monaten vor Einzug ins Pflegeheim ergangen ist. Holli schildert, wie Omi immer mehr abgebaut hat, wie schwer ihm die Entscheidung gefallen ist, Omi im Pflegeheim anzumelden. Als Omi im Heim ist, ist es Hollis Aufgabe, ihre Wohnung aufzulösen. Dadurch begibt er sich auf einen Trip in die eigene Vergangenheit. Die Gegenstände, die er aus der Wohnung räumt und teilweise verkauft, sind viel zu sehr mit Erinnerungen behaftet, so dass ihm der Abschied von Omis Wohnung alles andere als leicht fällt.

Während Holli also die Wohnung räumt, findet er alte Briefe, die seine Omi aufbewahrt hat. Holli liest diese Briefe und verschafft sich und dem Leser einen tiefen Einblick in das Leben seiner Omi. Unterbrochen wird Hollis Erzählung durch Erinnerungen, die seine Omi zum besten gibt. Diese Erinnerungen können schon etwas älter sein, können aber auch Erinnerungen sein, die Omi erst vor Kurzem im Gespräch mit Holli zum Besten gegeben hat. Omi verliert sich häufig in diesen Erinnerungen. Sie verzettelt sich und kommt von Hündchen auf Stöckchen - ganz, wie es ältere Herrschaften gern tun. Sie redet wie ein Wasserfall, erinnert sich an tausend Kleinigkeiten und Personen. Das erfordert viel Geduld beim Zuhören - in diesem Fall Lesen -, insbesondere, wenn Omi in ihren Dialekt von früher verfällt. Das macht das Lesen nicht einfach, weil man dahin tendiert, ganze Passagen, die einem sehr langatmig erscheinen, in diesem Roman zu überspringen. Ich habe wacker durchgehalten, da ich mir immer wieder in Erinnerung gerufen habe, wie meine Omi ihre Erinnerungen mit ihren Enkelkindern geteilt hat. Irgendwie hätte ich es als respektlos empfunden, wenn ich einfach weggehört hätte, oder wie in diesem Roman von Helmut Kuhn, Passagen übersprungen hätte. Ich bin am Ball geblieben und konnte mir so ein Bild von dem ereignisreichen Leben machen, das Hollis Omi geführt hat. Gleichzeitig vermitteln Omis Erinnerungen ein Stück deutscher Geschichte. Denn so, wie es ihr ergangen ist, ist es zigtausend anderen Frauen dieser Generation in Deutschland ergangen.

Ab einem gewissen Punkt in diesem Roman wird dem Leser einiges abverlangt: Holli hat es auf einmal mit einer Marienerscheinung zu tun. 
"In einer Zeit, in der der Papst twitterte, Karmeliterinnen Skateboard fuhren und Engel in der Werbung arbeiteten, was war da schon eine Marienerscheinung, die sich kleidete wie in einer burlesken Stripnummer, E-Zigarette rauchte, MP3-Player hörte und sich benahm wie ein ungezogenes Gör?" (S. 125)
Das liest sich merkwürdig, insbesondere da die Jungfrau Maria in diesem Buch als eine Art Punk-Braut erscheint. Ich wusste nicht, was ich davon halten soll. Teilweise habe ich diese Komponente im Roman als störend empfunden, zumal das Zusammenspiel zwischen Holli und Maria zu sehr ins Surrealistische abdriftet. Maria nimmt Holli mit auf Zeitreise. Die beiden tauchen in den Erinnerungen von Omi ab und Holli erlebt somit vieles, was in Deutschland während der 30er/40er Jahre passiert ist, nochmal selbst, quasi live und in Farbe.
Für mich verliert die Handlung dadurch einiges an Ernsthaftigkeit. Zeitreisen mit fantastischen Fortbewegungsmitteln gehören meines Erachtens in ein anderes Genre.

Schade eigentlich! Denn die Idee, einen Roman über einen Zwei-Generationen-Roadtrip zu schreiben, ist großartig. Omis und Hollis Erinnerungen, die diesen Roman bestimmen, garantieren dem Leser einen intensiven Einblick in das Leben in Deutschland während und nach dem 2. Weltkrieg. Diese Verbundenheit zwischen Holli und seiner Omi ist tief berührend. Dass die beiden mittlerweile die Rollen gewechselt haben - Holli fühlt sich für seine Omi verantwortlich und kümmert sich um sie, wie sie in seiner Kindheit die Verantwortung für ihn übernommen hat - ist nicht selbstverständlich, wie viele einsame Omis in unserer Gesellschaft beweisen.
Der Autor macht durch die surreale Komponente leider vieles in der Geschichte kaputt, weil er der Handlung einiges an Ernsthaftigkeit raubt. Daher kann ich diesen Roman nur bedingt empfehlen. Insbesondere Leser, die sich für Familien- und Zeitgeschichte interessieren, wird dieser Roman gefallen - vorausgesetzt, dass sie ein großes Maß an Toleranz gegenüber Zeitreisen und Marienerscheinungen mitbringen.

© Renie

Omi von Helmut Kuhn, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt (August 2016)
ISBN: 978-3-627-00232-9



Über den Autor:
Helmut Kuhn wurde 1962 in München geboren. Nach einem Studium in Berlin und an der Pariser Sorbonne arbeitete er bei der deutsch-jüdischen Zeitschrift Aufbau in New York und war Reporter für Die Zeit, Stern, Focus und mare. Er lebt als Autor und Dozent für Journalistik und kreatives Schreiben in Berlin. 2002 erschien sein Romandebüt Nordstern, 2006 folgte der Erzählband Regen im 5/4 Takt. Als Co-Autor verfasste er zusammen mit Murat Kurnaz Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo (2007) sowie mit Cem Gülay Türkensam. Eine deutsche Gangsterkarriere (2009). Sein von der Kritik vielbeachteter Berlin-Roman Gehwegschäden erschien 2012 in der FVA, im Herbst 2016 folgt der Roman Omi. (Quelle: Frankfurter Verlagsanstalt)

Kommentare:

  1. Schon alleine der Titel würde mich nicht zum Bücherkauf animieren. Aber deine Rezi finde ich interessant.

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    1. Danke, Mira. Dieser Roman hat auch seine guten Seiten. Es gibt mit Sicherheit Leser, die damit mehr anfangen können als ich. Liebe Grüße, Renie

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