Donnerstag, 22. September 2016

Fiona Kidmann: Jean Batten, Pilotin

Schon mal in einer Moth gesessen? Oder in einer Vega Gull? Wahrscheinlich nicht. Es handelt sich hierbei um Flugzeuge aus den 30er Jahren. Diese herrlichen Knatterkisten, die so wenig mit den modernen Flugzeugen unserer Zeit gemein haben. Aber dank Fiona Kidman hat man als Leser nun die Möglichkeit, neben Jean Batten, der Greta Garbo der Lüfte aus den 30er Jahren, im Cockpit dieser alten Schätzchen Platz zu nehmen, Miss Batten auf ihren Flügen zwischen den Kontinenten zu begleiten und so ganz nebenbei noch ein paar Flugrekorde zu brechen. So fühlt es sich zumindest an, wenn man in diesem wundervollen Roman um eine Ikone der Fluggeschichte abtaucht.
Klappentext:
Allein von England nach Neuseeland fliegen, als allererster Mensch überhaupt: Das war ihr Traum. Wie schafft man das, wenn man zwar einen eisernen Willen, aber kein Geld hat? Wenn fast niemand glaubt, dass es gelingen kann? Und wenn man eigentlich Konzertpianistin werden soll? Davon handelt Fiona Kidmans Roman über die neuseeländische Pilotin Jean Batten (1909 bis 1982). 1936 gelang ihr diese Pioniertat, und sie wurde mit einem Schlag die berühmteste Neuseeländerin ihrer Zeit...

Jean Batten ist 1909 in Neuseeland zur Welt gekommen, als Jüngstes von 3 Kindern. Ihre Mutter Nellie, mit einem Hang zu Theater und Schauspielkunst, hat ihr künstlerisches Talent zugunsten von Mann und Kindern auf Eis gelegt. Aber sie hat immer noch ihre Träume und sieht in Tochter Jean die Möglichkeit, diese Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Nellie ist diejenige, die den Traum vom Fliegen in den Kopf ihrer Tochter einpflanzt, sehr zum Unwillen von Vater Fred, der sich für seine Tochter einen für eine Frau angemessenen Lebensweg wünscht.
"Ihre Musiklehrerin sagte, sie habe das Zeug zu einer großen Konzertpianistin; die Tanzlehrerin überlegte, ob Jean nicht nach England gehen sollte, um an der Royal Scholl of Ballet zu studieren. Der Stenolehrer, ein junger Mann mit dünnem Bart, fand, sie würde eine exzellente Sekretärin für einen Mann abgeben, und wurde rot, als sie entgegnete, in Zukunft würden Frauen vielleicht auch Sekretärinnen brauchen." (S. 76)
Die Ehe zwischen Nellie und Fred ist zerrüttet. Fred ist ein Schürzenjäger. Ein Zeit lang duldet Nellie dies. Doch irgendwann erträgt sie sein Fremdgehen nicht mehr und trennt sich von ihm. Von ihren Kindern nimmt sie nur Jean mit, zu ihren Söhnen John und Harold fehlt ihr der Bezug. Sie sieht sie als Ebenbild ihres "verkommenen" Vaters. Das zukünftige Verhältnis zu Fred steht unter ständiger Spannung. Ein wesentlicher Streitpunkt ist die finanzielle Unterstützung durch Fred. Sowohl Nellie als auch Fred haben den Anspruch, Jean die bestmögliche Erziehung für eine Dame zu ermöglichen: Klavierunterricht, Ballett, renommierte Mädchenschule ... an allem wird gespart, nur nicht an Jeans Erziehung. Aber die finanzielle Unterstützung durch Fred reicht einfach nicht aus. So leben Mutter und Tochter in ihren eigenen heruntergekommenen 4 Wänden oft von der Hand in den Mund, nur nach Außen versuchen sie, den Anschein von Wohlstand aufrechtzuerhalten.


Jean ist ehrgeizig und zielstrebig. In allem will sie die Beste sein. Den Traum vom Fliegen hat ihr Nellie eingeimpft. Beide arbeiten darauf hin, dass Jean eines Tages fliegen wird.

In den 20er und 30er Jahren war die Fliegerei eine Männerdomäne. Es gab zwar einige wenige Frauen, die sich in dieser Männerwelt behaupten konnten. Aber diese Frauen mussten deutlich besser sein als ihre männlichen Kollegen, um überhaupt wahr genommen zu werden. So ist es nicht verwunderlich, dass viele der Pilotinnen lediglich aufgrund ihrer Flugrekorde in der Öffentlichkeit die verdiente Anerkennung fanden.
Beryl Markham, Amy Johnson-Mollison, Jackie Cochran, Amelia Earheart sind einige Beispiele für Frauen, die sich in der Luftfahrt zur damaligen Zeit einen Namen gemacht haben und bis heute unvergessen sind. 
"Der London Aeroplane Club hatte noch einen anderen Vorteil: Er hieß weibliche Piloten willkommen. Einige von ihnen waren schon berühmt geworden. Insbesondere die Heldentaten von Lady Sophie Mary Heath faszinierten Nellie. Diese Frau hatte eine internationale Bestimmung angefochten, die besagte, dass Frauen keine kommerziellen Flüge durchführen könnten, weil die Menstruation ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigte. Und - sie hatte gewonnen." (S. 132 f.)

Jean will in die Fußstapfen dieser Frauen treten, ja, sie möchte sie sogar übertrumpfen. Es zieht sie nach England, da sie hier bessere Möglichkeiten für ihre Ausbildung zur Pilotin sieht als in Neuseeland. Und hier gelingt es ihr langsam, in der Welt der Flugpioniere Fuß zu fassen. Dabei wird sie zunächst von ihrer Mutter Nellie begleitet.

Der Einfluss Nellies auf Jean erscheint riesengroß. Jean lebt Nellies Traum und Nellie ist ihr dabei eine unersetzliche Ratgeberin. Zwischen beiden besteht eine sehr intensive Mutter-Tochter-Beziehung. Männer spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Nellie hat generell seit der Ehe mit Fred ein gestörtes Verhältnis zu Männern. Und auf Jean scheint diese Einstellung abzufärben. Mutter und Tochter scheinen sich selbst zu genügen. Im Laufe der Zeit gibt es vermeintliche Partner in Jeans Leben. Doch das Engagement dieser Männer in die Beziehung scheint größer zu sein als das von Jean. Man gewinnt den Eindruck, dass Jean die Männer als Mittel zum Zweck sieht, dass diese Männer als Geldgeber notwendig sind, bzw. sie durch eine Beziehung zu einem Mann dem Anspruch der Öffentlichkeit genügen möchte. So halten ihre Beziehungen nicht besonders lang. Denn Jean verliert nie ihr Ziel aus den Augen: die erste Pilotin zu sein, die in kürzester Zeit von England nach Neuseeland fliegt. Dabei ist die Beziehung zu ihren Männern und den Problemen, die daraus resultieren, eher hinderlich.
"Die Kälte der Nacht schien ihr die Haut abzuziehen, aber der Himmel brannte voller Sterne, der Mond tauchte ihr Flugzeug in Geisterstrahlen. Im Süden blinkten noch ein paar Lichter aus dem Herzen Athens. Als sie hinter ihr lagen und nur noch Dunkelheit um sie war und das Meer unter ihr, war sie überwältigt von der Einsamkeit, als wäre die Kälte zu Eis geworden, die sie mit einem seltsamen Schmerz durchbohrte. Ihre einzige Gesellschaft waren die vier Flammen der Auspuffrohre ihres Moters und das Brummen der Maschine selbst. Sie war umgeben von Sternenbeeten in einer schwarzen Wüstenlandschaft." (S. 213)
Die Momente, in denen Jean sich in ihrem Flugzeug befindet und über die Kontinente fliegt, erscheinen in diesem Buch fast magisch. Fiona Kidman gelingt es, mit ihrer Sprache einen Zauber zu schaffen, der einen insbesondere während der Flugpassagen völlig gefangen nimmt. Es ist aber nicht nur Fliegerromantik, die hier vermittelt wird. Letztendlich wird einem bewusst, dass Fliegen in der damaligen Zeit harte körperliche Arbeit war. Ein Flug musste akribisch geplant sein, erst recht, wenn es darum ging, Strecken zurückzulegen, die in der damaligen Zeit noch utopisch klangen. Der Streckenverlauf mit möglichen Alternativen musste genau festgelegt werden, unter Berücksichtigung der Benzinmenge, die sich an Bord befand. Man (und frau) musste in der Lage sein, das Flugzeug selbst zu reparieren, denn nicht überall, wo man landete, war ein Flughafen oder eine Werkstatt. Proviant musste an Bord sein. Das "kleine Schwarze" durfte auch nicht fehlen, schließlich will frau gut aussehen, wenn sie bei ihren Zwischenstopps auf Parties geht. Eine große Brieftasche musste auch dabei sein ... denn wohin mit den unterschiedlichen Devisen? Schließlich muss man ja in jedem Land, in dem man zwischenlandet, seine Rechnungen in der landeseigenen Währung bezahlen können. Also, wer sich auf eine lange Flugreise begab, musste unzählige Wochen in die Vorbereitung investieren, denn schließlich muss man während des Fluges auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Flüge dieser Größenordnung bedeuteten gleichzeitig ein unkalkulierbares Risiko für das Leben. Sobald man in der Luft war, war man auf sich allein gestellt. Es gab damals noch keinen Funk, somit auch kaum eine Möglichkeit, um Hilfe zu bitten oder eine Statusmeldung abzusetzen. Genauso wenig wie man über mögliche Gefahren, wie Schlechtwetterfronten auf der Strecken informiert werden konnte. Es gab lediglich einen Startpunkt und ein Ziel, dazwischen lag eine lange Strecke voller Risiken, Gefahren und Unbekanntem.
Fiona Kidman lässt den Leser die Torturen, denen sich Jean Batten während ihrer Flüge ausgesetzt hat, fast am eigenen Leib spüren. Es gibt Augenblicke großer Angst, in denen die Hoffnungslosigkeit fast überhand nimmt. Umso befreiender sind die Momente, in denen Jean die Gefahrensituationen bewältigen kann.

Mit dem 3. Versuch schafft es Jean Batten, ihren Traum zu erfüllen. Von da an steht sie im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, immer noch begleitet von ihrer Mutter. Ihre Popularität wird lange Jahre anhalten, ein Zustand, der ihr fast zuviel ist. Sie braucht ihre Auszeiten, in denen sie sich zurückzieht und die Abgeschiedenheit sucht. Ihr Erfolg hat auch dazu beigetragen, dass das Mutter-Tochter-Verhältnis sich ändert. Mittlerweile hat sich diese Beziehung in eine innige Freundschaft zwischen den beiden gewandelt. Beide sind sich die wichtigsten Menschen auf dieser Welt. Umso mehr trifft Jean der Verlust, als ihre Mutter im Alter von 89 Jahren stirbt. Jean, die zu diesem Zeitpunkt 57 Jahre alt ist, wird über diesen Verlust für den Rest ihres Lebens nicht hinwegkommen. 

Ich könnte noch seitenweise über diesen wundervollen Roman berichten. Meine Begeisterung ist riesig. Fiona Kidman entführt den Leser in die faszinierende Welt der Anfänge der motorisierten Fliegerei. Dabei zeichnet sie das Porträt einer ungewöhnlichen Frau, die ihr Ziel niemals aus den Augen verloren hat und sich gegen alle Widerstände durchgesetzt hat. Trotz aller Erfolge Jean Battens' vergisst die Autorin jedoch nicht, in einer einfühlsamen Sprache auf die Verletzlichkeit und innere Einsamkeit dieser Frau hinzuweisen. Jean Batten war eine Frau, die weniger Probleme mit den Gefahren in der Luft als mit den Herausforderungen, die das Leben auf der Erde mit sich bringt, hatte. 

Diese Mischung aus Fliegernostalgie und Porträt einer außergewöhnlichen Frau machen diesen Roman zu etwas Besonderem. Klare Leseempfehlung!

© Renie

Erscheinungsdatum: August 2016
ISBN: 978-3-938803-82-0




Über die Autorin:
Fiona Kidman (1940 in Hawera, Neuseeland geboren) ist eine der profiliertesten Autorinnen ihres Landes. Mit mehr als 25 Romanen, Gedichtbänden und Sachbüchern hat sie ein umfangreiches Werk geschaffen. Sie beschreibt häufig das kleinbürgerliche Leben der unteren Mittelklasse in der Provinz, seine Moral und seine Heucheleien. Ihre Hauptfiguren sind zumeist Frauen, oft Außenseiterinnen in einer engen, konformistischen Gesellschaft.

Ihr Roman über Jean Batten, The Infinite Air, erschien 2013. Fiona Kidman wurde für ihr schriftstellerisches Werk vielfach ausgezeichnet. Sie ist Officer of the British Empire und Dame Companion of the New Zealand Order of Merit sowie Chevalière de la Légion d'Honneur. Sie lebt in Wellington. (Quelle: Weidle Verlag)

Kommentare:

  1. Eine wirklich ausführliche Zusammenfassung und man merkt mit jeder Zeile wie Dich dieses Buch begeistert hat.
    Jean Batten ist geflogen und wahrscheinlich auch so ein bisschen geflohen, vor den Menschen oder vielleicht auch so ein bisschen vor sich selbst.
    Liebe Grüße und noch eine schöne Lesezeit
    Kasin

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    1. Das hast du völlig richtig erkannt ;-) Danke für die netten Worte.
      Liebe Grüße
      Renie

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  2. Hey :)

    Ich glaube, dieses Buch muss ich auch lesen, ich mag solche Geschichten, wo auch die Frauen auf ihre Art Heldinnen und Vorbilder waren (und solche brauchen wir offensichtlich mehr als dringend, wenn ich mir die Art der Bücher anschaue, die aktuell so auf den Bestseller-Listen herumlungern)!

    Liebe Grüße
    Ascari

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    1. Ja, es ist schon erstaunlich, was es abseits der Bestsellerlisten für Schätze gibt, die nur darauf warten, von uns entdeckt zu werden 😉 Liebe Grüße
      Renie

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  3. Hey!
    Man liest deine Begeisterung aus diesr dich recht ausführlichen Zusammenfassung des Buches förmlich heraus. Ich glaube, dass die Geschichte nicht so mein Fall wäre, von daher werde ich mir das Buch nicht näher anschauen. Ich freue mich aber sehr mit dir, dass du ein Buch gelesen hast, dass dich so sehr begeistern konnte.
    LG
    Yvonne

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    1. "dieser doch" meinte ich. Rechtschreibung lässt grüßen ;-)

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    2. Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast, meine lange Rezension zu lesen, auch wenn das Buch nicht so deines ist. LG Renie

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    3. Na logo, das eine hat mit dem anderen ja nichts zu tun und dein Beitrag ist wirklich Klasse geschrieben. LG Yvonne

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  4. Eine wunderbare Rezension! Und Jean Batten klingt auch wie eine beeindruckende Frau, über deren Leben man Bücher schreiben kann.

    LG Gabi

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    1. Danke für deine netten Worte. Liebe Grüße, Renie

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