Sonntag, 28. August 2016

Connie Palmen: Du sagst es

Connie Palmen verleiht dem Schriftsteller Ted Hughes in ihrem Roman "Du sagst es" eine Stimme, um auf seine Ehe mit Sylvia Plath zurückzublicken. Man kann nicht gerade behaupten, dass Ted und Sylvia eine harmonische Ehe geführt haben. Und doch haben sie sich geliebt, auch wenn die Liebe etwas Zerstörerisches an sich hatte, und mindestens einer von ihnen am Ende auf der Strecke geblieben ist.


Quelle: Diogenes

Klappentext:
Sylvia Plath und Ted Hughes sind das berühmteste Liebespaar der modernen Literatur - und das tragischste: Denn nach Sylvias Suizid im Jahr 1963 galt sie als Märtyrerin, hingegen ihr Mann als Verräter - eine Schuldzuweisung, zu der er sich zeitlebens nie äußerte. In dieser fiktiven Autobiographie bricht er sein Schweigen. Palmen lässt ihn auf seine leidenschaftliche Ehe zurückblicken und eine Liebe neu beschreiben.


Auf der Rückseite des Buches findet sich der Ausspruch
"'Es ist als würde man eine Nacht lang den intimen Bekenntnissen eines engen Freundes zuhören. ...'" (De Morgen Brüssel)

Ein sehr treffender Satz. Man kann es sich buchstäblich vorstellen. Ein zutiefst verzweifelter Ted Hughes, der auch lange Jahre nach dem Selbstmord von Sylvia Plath nicht über ihren Tod hinwegkommt. Der immer noch nicht versteht, was sie in den Tod getrieben hat, der sich bis jetzt mit den Vorwürfen, die an ihn gerichtet wurden, nicht auseinandersetzen wollte ... und bei dem heute der Punkt erreicht ist, an dem er sein Schweigen brechen möchte.

Genauso kommt dieser besondere Roman von Connie Palmen rüber. Man nimmt ihr die Geschichte ab. Man möchte nicht glauben, dass es sich bei diesem Roman um Fiktion handelt. Was man liest, ist eine Autobiografie von Ted Hughes, in der er die Wahrheit über die sehr spezielle Beziehung zwischen ihm und Sylvia Plath erzählt. 
"Biographen führen sich auf, als könnten sie Besitzansprüche auf dein Leben geltend machen, als wäre es ein Produkt. Ich fand mein gestohlenes Leben in den Büchern wieder, sah meine Liebe, meine Ehe, meine Gefühle, Gedanken und Handlungen von Freunden und Fremden für mich interpretiert, las, wie Fakten geleugnet oder verdreht wurden, wie mir Worte in den Mund gelegt wurden, die ich nie gesagt habe, mir Charaktereigenschaften angedichtet wurden, die ich nicht habe." (S. 270)
Sylvia Plath und Ted Hughes - zwei Seelenverwandte, die sich Anfang 1956, während des Studiums in Cambridge erstmalig begegnen. Innerhalb von 4 Monaten sind sie verheiratet. Im Verlauf ihrer Ehe stellt sich bei Ted Hughes langsam der schriftstellerische Erfolg ein. Doch Sylvia Plaths Literatur stößt eher auf Ablehnung. Es scheint, als ob der Literaturbetrieb noch nicht reif genug für ihr schriftstellerisches Talent ist.

Von Anfang an war Ted bewusst, dass die Liebe zu Sylvia etwas Zerstörerisches hat. Sylvia ist schwer depressiv, dabei unberechenbar und launisch in ihren Handlungen. Wenn Sylvia liebt, liebt sie mit Haut und Haar. Sie opfert sich für ihren Partner auf und erwartet im Gegenzug die gleiche Hingabe. Anderen Frauen misstraut sie, ihre Eifersucht ist fast krankhaft.
Wenn sie schreibt, legt sie eine Besessenheit an den Tag, die sie alles um sich herum vergessen lässt. Jede Zeile, die sie zu Papier bringt, spiegelt ein Stück ihrer Persönlichkeit wieder. Dadurch finden sich viele autobiografische Ansätze in ihren Texten.

Ted Hughes scheint der Ruhepol in dieser Ehe zu sein. Er schafft es immer wieder, Sylvia zeitweise aus ihrem Gefühlschaos zu befreien. Was ich als merkwürdig empfunden habe - ich bin ein Kopfmensch - war seine esoterische Veranlagung. So versucht er, sie z. B. mittels Hypnose zu beruhigen. Und beide scheinen daran zu glauben. Zumindest lässt sich Sylvia auf seine esoterischen Versuche ein.

Das Leben mit Sylvia ist anstrengend und bewegt sich am Limit. Die Beziehung verlangt beiden viel ab. Liebe und Leidenschaft wechseln sich ab mit Aggression und Misstrauen. Irgendwann bricht Ted aus der Ehe aus. Er kann einfach Sylvia's Vereinnahmungen seiner Person nicht mehr ertragen. Dies ist auch der Punkt, warum die Öffentlichkeit davon ausgeht, dass er Sylvia in den Tod getrieben hat.
"Auf der Suche nach einem Seelenverwandten las ich eines Tages Arthur Millers After the Fall, das Theaterstück, mit dem er den Selbstmord von Marilyn Monroe zu verarbeiten versucht. Als ich auf den Satz stieß: 'Wer Selbstmord begeht, will immer zwei töten', wusste ich, dass er damit recht hatte." (S. 272)
Sylvia und Ted haben sich in den Schriftstellerkreisen und der Intellektuellen-Szene der 50er/60er Jahre in England und Amerika bewegt. Als Leser erhält man einen Einblick in die schriftstellerische Arbeit der damaligen Zeit. So kommen z. B. Sylvias Gedichte sehr bedeutungsschwer rüber. Man spürt ihren Anspruch, ein Stück von sich selbst in ihren Texten zu verarbeiten. Es scheint, als ob sie sich nicht einfach damit begnügen wollte, eine gute Geschichte zu erzählen, sondern in erster Linie ging es ihr darum, dem Leser eine Botschaft zu vermitteln.

Der Sprachstil Connie Palmens spiegelt dieses ungeheuerliche Gefühlschaos von Sylvia Plath wieder. Sehr kurze Sätze wechseln sich mit extrem langen Sätzen ab. Das macht das Lesen nicht einfach, bringt aber das Seelenleben der Sylvia Plath und die verstörende Beziehung zwischen Ted und Sylvia sehr authentisch rüber. Sie setzt sich sehr sensibel mit den beiden Figuren auseinander und vermittelt somit dem Leser einen enormen Respekt vor ihren Protagonisten und deren Liebe zueinander.
"Ihr Schmerz war mein Schmerz, ihre Ängste waren meine Ängste, nur reagierte ich anders darauf. Im Nachhinein, nach ihrem Tod, habe ich mich in den schwärzesten Momenten gefragt, ob sie dem Leben vielleicht besser gewachsen gewesen wäre, wenn ich weniger Geduld für die Launen, das strafende Schmollen, die stummen Kriege aufgebracht hätte und wiederständiger, unnachgiebiger gewesen wäre. Solange wir zu zweit waren, ungesehen, abgeschirmt von den Beschauern, die unsere Liebe körten, liebte ich sie urteilsfrei." (S. 157 f.)
Ted Hughes und Sylvia Plath waren 7 Jahre verheiratet. Im Alter von 30 Jahren nimmt Sylvia Plath sich das Leben. Erst nach ihrem Tod gelangen ihre Texte zu posthumen Erfolg. Texte, in denen sie sich bereits zu Lebzeiten mit ihrem Selbstmord auseinandergesetzt hat. Connie Palmen gelingt es mit ihrem Roman, den Leser zu berühren. Denn obwohl man weiß, worauf die Geschichte hinauslaufen wird, ist man am Ende doch zutiefst erschüttert und mitgenommen über die Todesnachricht von Sylvia Plath.

Fazit
Ein sensibler Roman, der das verstörende Gefühlchaos im Eheleben des Paares Ted Hughes und Sylvia Plath widerspiegelt. Connie Palmen beschreibt in einer besonderen Sprache das leidenschaftliche Beziehungsdrama um die beiden Schriftsteller, in dem Schmerz und Liebe sehr dicht beieinander lagen. Klare Leseempfehlung!

© Renie


"Du sagst es" von Connie Palmen, erschienen im Diogenes Verlag
Erscheinungsdatum: 24. August 2016
ISBN: 978-3-257-06974-7




Über die Autorin:
Connie Palmen, geboren 1955, wuchs im Süden Hollands auf und kam 1978 nach Amsterdam, wo sie Philosophie und Niederländische Literatur studierte. Ihr erster Roman, ›Die Gesetze‹, erschien 1991 und wurde gleich ein internationaler Bestseller. Sie erhielt für ihre Werke zahlreiche Auszeichnungen, so wurde sie für den Roman ›Die Freundschaft‹ 1995 mit dem renommierten AKO-Literaturpreis ausgezeichnet. Connie Palmen lebt in Amsterdam. (Quelle: Diogenes)

Kommentare:

  1. Den Buchtitel werde ich mir merken, liebe Renie.
    Einen schönen Abend noch.

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    1. Danke, liebe Mira. Das wünsche ich dir auch 😄

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  2. Liebe Renie,
    mir geht es wie Mira, auch ich werde mir diesen Titel notieren. Eine kleine Randbemerkung, Hypnose wird auch zur Schmerztherapie eingesetzt und kann sogar die Anästhesie ersetzen, ist eigentlich nicht unbedingt esoterisch. Kann aber natürlich sein, dass es in dem Roman so vermittelt wird.
    Ganz liebe Grüße, Tina

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    1. Danke für den Hinweis, Tina. Das wusste ich nicht. Aber Ted Hughes ist in diesem Roman tatsächlich ein wenig esoterisch angehaucht. Hypnose ist nur ein Beispiel . Liebe Grüße, Renie

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