Freitag, 29. Juli 2016

Hans Christoph Buch: Elf Arten, das Eis zu brechen

„Eissuppe, Eisbrei, Plätzcheneis, Pfannkucheneis, Torteneis, Tafeleisberge, Eisburgen, Eisschlösser, Eispaläste, Eispyramiden und Eiskathedralen …“ - Dies sind die elf Arten Eis, die es in der Antarktis gibt. Es gibt allerdings noch eine 12. Art - das Eis des Schweigens. Der Autor Hans Christoph Buch versucht mit seinem autobiografischen Roman dieses Eis zu brechen. Denn unter Anderem offenbart sich dem Leser in diesem Roman das dunkle Geheimnis der Familie Buch.
Diesen Roman allerdings auf dieses Familiengeheimnis zu reduzieren, wäre ein fataler Fehler.

Selten ist es mir so schwierig gefallen, einen Roman zu beschreiben. Daher konzentriere ich mich zunächst auf seinen Aufbau: es besteht aus 3 Abschnitten (Bücher) mit insgesamt 11 Kapiteln. Diesen 3 Büchern ist ein Vorspann vorangestellt. Der Vorspann führt uns auf einen Eisbrecher auf dem Weg in die Antarktis. Hans Christoph Buch befindet sich auf diesem Schiff. Warum er diese Reise macht, ergibt sich erst zum Schluss des Romanes.

Erstes Buch: Wer bin ich?
In diesem Abschnitt erlebt man den Autor in seiner Funktion als reisender Schriftsteller. Die Geschichten, die er in diesem Abschnitt erzählt, könnten einem Reisetagebuch entnommen sein. Er führt uns dabei in Länder wie Russland, den Kaukasus und Kambodscha. In diesen Ländern hat er während seines Aufenthaltes einiges erlebt, das er teilweise mit einem Augenzwinkern zum Besten gibt. In diesen Reiseanekdoten klingen jedoch auch kritische Töne zu dem jeweiligen Land durch. Er scheut sich nicht, auf Missstände in den einzelnen Ländern hinzuweisen und macht auch nicht Halt vor kritischen Äußeren gegenüber dem jeweiligen Regime. Diese Beschreibungen sind hochinteressant und gewähren dem Leser einen intensiveren Blick auf das jeweilige Land als er es vielleicht von anderer Reiseliteratur gewohnt ist.
„Zusammen mit Vann Nath besuche ich das außerhalb von Phnom Penh gelegene Choeung EK, eins von Hunderten über ganz Kambodscha verstreuten Killing Fields. In der als Mahnmal dienenden Pagode sind 8985 Schädel aufgeschichtet, nach Alter und Geschlecht geordnet, darunter die Köpfe von neun Europäern - die Überreste von den Roten Khmer ermordeter Amerikaner wurden in die USA überführt. Obwohl oder weil erst 86 der 129 Massengräber geöffnet worden sind, habe ich das Gefühl auf einem Leichenberg zu stehen.“ (S. 81)
Zweites Buch: Woher komme ich?
Dieser Abschnitt ist der persönlichste Teil in diesem Roman. Hier geht der Autor auf seine familiären Wurzeln ein. Im Mittelpunkt steht sein Vater - ein außergewöhnlicher Mensch. Die Erinnerungen, die Buch hier wiedergibt, beziehen sich auf die Zeit vor Beginn des zweiten Weltkrieges bis zu seines Vaters Tod im Jahre 2003. Der Autor geht dabei nicht chronologisch vor, sondern erzählt einzelne Episoden aus dem Familienleben, sowohl aus seiner eigenen Erinnerung heraus als auch aus den Erzählungen anderer, insbesondere denen seiner Eltern.Der Leser erfährt auch, dass die Geschichte der Familie Buch noch früher ansetzt. Die Familie hat ein Geheimnis, das in ihren haitianischen Wurzeln begründet ist. Ein Geheimnis, das während des Dritten Reiches zu einer latenten Bedrohung gewachsen ist.
„Ausschlaggebend für den Weggang aus Deutschland aber war die Tatsache, dass er sich als Kind eines Deutschen und einer Haitianerin persönlich bedroht fühlte durch die Rassengesetze der Nazis, für die er ein Mischling mit negroidem Einschlag war: Frau Best, die alte Jungfer, zu der sein Vater ihn als Kind in Pflege gab, hatte die Haut des Jungen mit Ata und Imi geschrubbt, um seinen Teint ‚aufzunorden‘, wie es damals hieß.“ (S. 129)
Buchs Vater war ein Bildungsbürger: Jurastudium, kritischer Umgang mit der Politik der Nationalsozialisten, Politiker, Diplomat, Ratgeber und Freund für Adelige, Künstler und andere Politiker. Und trotzdem immer noch Vater geblieben. 
Aufgrund seiner politischen Arbeit blieb nicht viel Zeit für ein Miteinander zwischen Vater und Sohn. Wenn Buch über seinen Vater spricht klingt großer Respekt und Ehrfurcht vor den Errungenschaften seines Vaters durch. Und dennoch gibt es Momente, die dem Autor in Erinnerung geblieben sind, die auf eine besondere Verbindung zwischen Vater und Sohn hindeuten. Leider haben sich Vater und Sohn mit den Jahren voneinander entfernt. Jetzt, Jahre später startet Buch den Versuch anhand der Erinnerungen seinem Vater posthum näher zu kommen. 

Drittes Buch: Wohin gehe ich?
Dieser dritte Teil führt den Leser wieder auf den Eisbrecher aus dem Vorspann zurück. Langsam offenbart sich, warum Hans Christophs Weg hierhin geführt hat. Hans Christoph Buch begibt sich auf Antarktisexpedition, weil er einem Geheimnis auf der Spur ist. 

Ich bin jetzt ehrlich und gebe zu, dass ich Schwierigkeiten habe, den Roman in seiner Gesamtheit zu verstehen. Ich kann die 3 Abschnitte nicht so ganz miteinander in Einklang bringen und ertappe mich immer wieder bei dem Versuch, eine Verbindung hineinzuinterpretieren. Anhand der Überschriften der einzelnen Abschnitte - "wer bin ich?", "woher komme ich?", "wohin gehe ich?" - ist es natürlich nahe liegend, dass es hier um die Person Hans Christoph Buch geht. Trotzdem fallen meine Antworten auf diese drei Fragen nur dürftig aus. Insbesondere die letzte Frage "wohin gehe ich" ist für mich anhand des Inhalts des dritten Abschnittes nicht zu beantworten. Daher ist der nachfolgende Ausspruch der Süddeutschen Zeitung für mich eine rettende Lösung:

„Hans Christoph Buch ist reisender Schriftsteller, literarischer Reporter, Seelenerkunder, Chronist menschlicher Befindlichkeiten, politischer Kommentator und Geschichtenerzähler.“
Diese Beschreibung ist eindrucksvoll in diesem Roman unter Beweis gestellt worden. Sie ist sehr treffend, gleichzeitig auch unverfänglich, zumal sie nicht den Versuch startet, in den Menschen Buch etwas hineininterpretieren zu wollen. Ein autobiografischer Roman verleitet dazu, den Menschen, um den es in diesem Buch geht, in seiner Gesamtheit erfassen zu wollen. Nicht so in diesem Roman. 

Dieser Roman ist kein gefälliges Buch. Der Schreibstil ist an manchen Stellen sehr speziell und variabel. Gerade im 2. Teil begegnet man immer wieder Aneinanderreihungen von Erinnerungsfetzen, scheinbar willkürlich gewählt. Nicht selten trifft man auf  Auszüge aus geschichtlichen Dokumenten. Der Lesefluss gerät häufig ins Stocken. Dieses Buch erfordert daher die komplette Aufmerksamkeit des Lesers. Wenn man sich jedoch auf diesen Stil eingelassen hat, wird man belohnt - insbesondere in den Momenten, in denen man das Gefühl hat, ein Stück Zeitgeschichte miterleben zu dürfen.

Mein Fazit:
Ein anspruchsvolles Buch, auf das man sich einlassen muss. Wer sich für fremde Länder, geschichtliche Hintergründe und Politik interessiert, sollte es mit diesem Roman versuchen, sich jedoch von dem Gedanken lösen, einen Roman im herkömmlichen Sinne zu erwarten. Dieser Roman ist anders, aber besonders.

© Renie

Elf Arten, das Eis zu brechen von Hans Christoph Buch, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt.
Erscheinungsdatum: Juli 2016
ISBN: 978-3-627-00230-5


Über den Autor:
Hans Christoph Buch, Romancier, Essayist und Reporter, geboren 1955 in Wetzlar, war 1963 mit nur neunzehn Jahren der jüngste Teilnehmer der Gruppe 47. 2004 erhielt er den Preis der Frankfurter Anthologie, 2011 den Schubart-Preis der Stadt Aalen. In der FVA erschienen seine Novelle Tod in Habana (2007). die Romane Reise um die Welt in acht Nächten (2009) und Baron Samstag (2013), gefolgt von der Poetikvorlesung Boat people. Literatur als Geistesschiff (2014) für die er den Ehrendoktor der Universität Bern bekam. (Quelle: Klappentext)

Weitere Informationen finden sich auf der Webseite der Frankfurter Verlagsanstalten sowie auf der Autorenseite von Hans Christoph Buch.

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