Donnerstag, 16. Juni 2016

Romy Wolf: Zechengeister

Fantasy unter Tage! Romy Wolf hat mit „Zechengeister“ einen atmosphärischen Fantasyroman geschrieben, der den Leser von Anfang bis zum Ende in seinen Bann zieht. Allein schon die Vorstellung, sich Tausende von Metern unter der Erde aufzuhalten, in nahezu völliger Dunkelheit und inmitten eines riesigen Stollenlabyrinths, lassen den Adrenalinspiegel drastisch ansteigen. Die Fantasie läuft zur Höchstform auf, und plötzlich ist der Gedanke an Wesen, die durch Bergwerksstollen geistern, gar nicht mehr so abwegig. 


Worum geht es in diesem Roman?
Micha Keller lebt mit Mutter und Schwester Neni in einer Siedlung der Zeche Alba irgendwo im Ruhrgebiet. Er ist Bergarbeiter und fährt jeden Tag in den Stollen, um  seine Familie ernähren zu können. Seine jüngere Schwester Neni ist eine Geisterseherin. Sie ist in der Lage, mit den Geistern der Verstorbenen zu kommunizieren. Anfangs als Absonderlichkeit abgetan, stellt Micha irgendwann fest, wie wertvoll Neni’s einzigartige Fähigkeit ist. Denn die Familien der Zeche Alba werden von einer merkwürdigen Krankheit epidemischen Ausmaßes heimgesucht. Die Narrenkrankheit geht um. Menschen erwachen nicht mehr aus dem Schlaf und vegitieren in einer Art Wachkoma vor sich hin. Die Ursache für diese Krankheit ist irgendwo in den Tiefen des Bergwerkes zu finden. Als auch ihre Mutter in den todesähnlichen Schlaf fällt, begeben sich Micha und Neni unter Tage, um den Kampf gegen die Verursacher dieser schrecklichen Seuche aufzunehmen. Unterstützung finden sie dabei in Falkor und Jaris, zwei merkwürdige Wesen, die seit Jahrhunderten unter der Erde leben.
„Der Lärm, der die Gebäude der Zeche und der angrenzenden Kokerei zu jeder Tageszeit umgab, bedeutete Leben. Er bedeutete, dass Männer in den Stollen herab fuhren, hundert, tausend Meter und mehr, und am Ende der Schicht schwarz vor Kohlenstaub wohlbehalten wiederkehrten. Dass die Männer Lohn mitbrachten. Geld, von dem Brot gekauft und die Miete bezahlt werden konnte. Er bedeutete, dem Tod wieder einmal ein Schnippchen geschlagen zu haben. Es mochte nicht viel von dem Lärm nach außen dringen. aber im Innern tobte die Zeche.“ (S. 7)
Schauplatz ist die Zeche Alba im Ruhrgebiet zum Ende des 19. Jahrhunderts - eine fiktive Zeche, die es aber genauso gegeben haben könnte. Der Bergbau boomt. Gastarbeiter werden ins Land geholt. Dabei handelt es sich vorwiegend um Familien aus Polen und Italien. Anfeindungen zwischen den Bevölkerungsgruppen sind an der Tagesordnung. Toleranz ist ein Fremdwort. Den deutschen Bergarbeiterfamilien sind die „Polacken“ und „Itaker“ ein Dorn im Auge. Nicht nur aufgrund des Sprachproblems leben die Bevölkerungsgruppen unter sich in ihren eigenen Vierteln. Angriffe gegenüber Polen und Italienern sind an der Tagesordnung. Mit Ausbruch der Narrenkrankheit sind die deutschen Kumpel schnell bei der Hand, den polnischen und italienischen Familien die Schuld zu geben, auch wenn diese genauso viele Opfer zu beklagen haben. Denn zumindest der Narrenkrankheit ist die Nationalität der Menschen egal.
„Die Wolken bluteten und der Himmel war erleuchtet, nicht völlig schwarz, wie er hätte sein sollen. Lange Schornsteine bohrten sich wie Lanzen in den Bauch des Gestirns, einer nach dem anderen. Rauch zeichnete sich dämonisch vor dem brennenden Himmel ab. … Und dann waren da die endlosen Reihen von niedrigen Backsteinhäusern, in denen die Menschen zu Tausenden eingepfercht warteten wie auf dem Weg zur Unterwelt. Kleine Zellen, die Seelen einsperrten und ihnen all die Hoffnung nahmen. Straßenzüge, ein Labyrinth gebaut aus Elend und Trostlosigkeit.“ (S. 92)
Man merkt diesem Roman an, dass die Autorin Ruhrgebietlerin durch und durch ist. Bei der Schilderung des Bergarbeiter-Daseins ist sie sehr authentisch. Dazu trägt ihr sehr bildhafter Sprachstil bei, der das Zechenleben einzigartig in Szene setzt. Der Leser hört den Höllenlärm, er spürt das Vibrieren der Dampfmaschinen, er sieht die kohlestaubverkrusteten Gesichter der Kumpel vor sich. Lärm, Dreck und Schweiß – die ständigen Begleiter der Bergarbeiter. 
Gerade die Szenerie in den Bergwerksstollen ist sehr eindringlich beschrieben. Unbehagen macht sich breit, wenn der Lärm plötzlich durch Momente der Stille abgelöst wird. Stille, die einen fast erdrückt und bewusst macht, wie tief man unter der Erde ist, wieviel Gestein über einem lastet und wie entsetzlich weit das Tageslicht entfernt ist. Gruselig! Das ist nichts für Leser mit Platzangst! 
Man hat fast den Eindruck, dass sich Stille und Dunkelheit unter Tage auf den Schreibstil der Autorin auswirken. Romy Wolf konzentriert sich bei der Beschreibung dieser Szenerie auf Geräusche und Gerüche, Schatten und Bewegungen, die aus dem Augenwinkel wahrgenommen werden. Man sieht nicht weiter als die Grubenlampe leuchtet. Als Leser erahnt man in diesen Momenten eher das Geschehen als dass man es vor seinem geistigen Auge sehen kann. Das ist sehr geschickt von der Autorin gemacht, da der Leser dieses bedrohliche Gefühl, mit dem die Protagonisten in diesen Momenten zu kämpfen haben, am eigenen Leib erfährt, was diesen Roman gerade in den Szenen unter Tage extrem spannend machen.

Fazit:
Ich lebe im Ruhrgebiet und finde daher die Idee, eine Zeche zum Schauplatz eines Fantasyromanes zu machen, einfach nur großartig. Romy Wolf hat mich mit ihrer Darstellung des Bergarbeiterlebens des 19. Jahrhunderts überzeugt. Sie schafft es mit einer sehr bildhaften Sprache den Leser in eine schaurig-schöne Stimmung zu versetzen, die einen bis zum Ende nicht mehr loslässt. Freunde historischer Fantasy und Fans des Ruhrgebietes werden diesen Roman lieben.

© Renie

Zechengeister von Romy Wolf, erschienen im Verlag in Farbe und Bunt
Erscheinungsdatum: Juli 2015
ISBN (Taschenbuch): 978-3-941864-18-4
ISBN (E-Book): 978-3-941864-19-1



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