Dienstag, 24. November 2015

Maria Semple: Wo steckst du, Bernadette?

Dieses Buch ist nicht das, was es vorgibt zu sein - und das ist gut so. Wenn ich nicht vorher schon von dem Buch gehört hätte, wäre ich aufgrund des Buchcovers nicht auf die Idee gekommen, es zu lesen. Mit dem Cover assoziiere ich seichte Frauenliteratur im Sinne von "jung, frech, spritzig, am Ende kriegen sie sich" - also nicht unbedingt das von mir bevorzugte Genre.
Doch die Reaktionen auf dieses Buch lassen aufhorchen: "ein wunderbar durchgeknalltes Buch"…… "erfrischend anders, mit vielen Ecken und Kanten, voller Überraschungen"….. "stand zu Recht über 30 Wochen auf der „New-York-Times“-Bestsellerliste". Soviel Lob hat mich neugierig gemacht.


Worum geht es in dem Buch:
Bernadette Fox ist chaotisch, überfordert – und ungeheuer liebenswert. Ihr Ehemann Elgie, der neue Hoffnungsträger bei Microsoft, mag ihren Witz. Und ihre verrückten Ideen. Irgendwie auch ihre Unsicherheit, wenn sie mal wieder von quälenden Ängsten heimgesucht wird. Die anderen Mütter, allesamt perfekt organisiert, halten Bernadette allerdings für eine Nervensäge. Verantwortungslos. Schließlich beschäftigt sie online eine indische Assistentin, die den Alltag für sie regelt. Zum Stundensatz von 0,75 Dollar reserviert Manjula den Tisch im Restaurant, erledigt mal eben die Bankgeschäfte und bucht den Familienurlaub in die Antarktis. Und für ihre 15jährige Tochter Bee, die kleine Streberin, ist Bernadette, na ja, eine Mutter. Bee kennt ja keine andere. Doch irgendwann beschließt Bernadette auszubrechen. Ihr wird das alles zu viel. Und auf einmal ist sie verschwunden … (Quelle: Klappentext)
Der erste Abschnitt des Buches behandelt die Zeit vor dem Verschwinden Bernadette’s. Dabei entwickelt sich die Vorgeschichte aus einzelnen Bruchstücken. Der Leser erfährt über Mailverkehr, Briefwechsel, Protokollen etc. von verschiedenen Charakteren, die mehr oder weniger mit Bernadette’s Verschwinden zu tun haben, was zu dem Geschehen beigetragen hat. Dabei kommen auch Bernadette sowie ihre Tochter Bee zu Wort. Die Geschichte, die sich dabei dem Leser offenbart ist einerseits urkomisch, zum Anderen aber auch haarsträubend und stimmt nachdenklich.
"..., Grüße aus dem sonnigen Seattle, wo Frauen 'Mädels' und Leute 'Leutchens' sind, wo ein kleines bisschen ein 'Ticken' ist, wo man in müdem Zustand 'lahm' ist, wo alles, was ein bisschen außerhalb der Norm ist, als 'krumm' gilt, wo die Sonne, wenn sie mal rauskommt, nie 'Sonne' genannt wird, sondern immer 'Sonnenschein', wo Freund und Freundin 'Partner' sind, wo niemand flucht, aber vielleicht mal jemand 'die F-Bombe schmeißt', wo man zwar husten darf, aber nur in die Armbeuge, und jedes Ansinnen, ob billig oder unbillig, mit 'Kein Thema' beantwortet wird. Erwähnte ich schon, wie grässlich ich es hier finde?" (S. 143)
Anfangs habe ich Bernadette als eine Frau wahrgenommen, die ihr Leben nicht im Griff hat. Sie wirkt chaotisch-neurotisch, mit den Kleinigkeiten des Alltags überfordert. Doch hier trügt der Schein. Im Verlauf der Geschichte habe ich erkannt, dass Bernadette eine ganz andere Person ist, als sie den Anschein erweckt. Eigentlich ist sie nur anders als andere Frauen in ihrem Umfeld. Sie versucht, sich ihre Individualität zu bewahren. Mit ihrem teilweise exzentrischen Verhalten stößt sie bei ihren Artgenossinnen auf Unverständnis und Widerstand. Sie hat es mit Frauen zu tun, deren Lebensinhalt darin besteht ein heile Familienwelt zu schaffen, ihre Kinder erfolgreich durch die Schule zu manövrieren und den perfekten Schein nach Außen zu wahren. Andersartigkeit erzeugt Misstrauen und Neid. Alles, was Bernadette tut oder nicht tut, wird kritisch beäugt. Sie weigert sich jedoch standhaft, sich dem Gruppenzwang, den andere auf sie ausüben, zu unterwerfen.
Ich konnte an mir beobachten, dass ich anfangs wenig Sympathie für Bernadette entwickelt habe. Ständig habe ich mich gefragt, was mit ihr nicht stimmt. Mit dem nächsten Abschnitt dieses Romans lernt man Bernadette besser kennen. Im Fokus steht ihre Entwicklung zu dem Menschen, der sie geworden ist. Man versteht auf einmal, warum sie ist, wie sie ist. Mit diesem Kennenlernen des Charakters Bernadette steigt die Sympathie für sie. Insbesondere ihre Standhaftigkeit gegenüber der Übermacht der anderen Mütter hat mich sehr beeindruckt. Da ich selbst ein Kind im schulpflichtigen Alter habe, weiß ich, dass der Einfluss der „Müttermafia“ nicht zu unterschätzen ist und sehr anstrengend und nervig sein kann.
"Die Schule, auf die Bee geht, ist fanatisch, was Elternbeteiligung angeht. Ständig sollen wir uns für irgendwelche Komitees melden. Was ich natürlich nie tue. Einer meiner Mitmütter, Audrey Griffin, stellte mich eines Tages im Schulflur. 'Wie ich sehe, haben Sie sich für kein Komitee eingetragen', sagte sie, scheißfreundlich und mit Dolchblick. 'Ich hab's nicht so mit Komitees', sagte ich. 'Und Ihr Mann?', fragte sie. 'Er hat's noch weniger damit als ich.' 'Dann glauben Sie also beide nicht an Gemeinschaft?', fragte sie. Inzwischen umringte uns eine Schar von Müttern, die diese überfällige Zurechtweisung der asozialen Mutter des kranken Mädchens genossen. 'Ich weiß nicht, ob Gemeinschaft etwas ist, woran man glaubt oder nicht', antwortete ich. " (S. 157 f.)
Im folgenden Abschnitt wird der Druck auf Bernadette stärker. Diesmal sind es nicht nur die Frauen in ihrem Umfeld, gegen die sie ankämpfen muss. Auch Elgis, ihr Ehemann attackiert sie. Er gesteht seiner Frau ihre Individualität nicht zu und wendet sich von ihr ab. Obwohl Elgis auf seine eigene Individualität höchsten Wert legt, misst er bei Bernadette mit unterschiedlichen Maßstäben.

Tja, und dann ist Bernadette weg!
Man hat den Eindruck, dass Bernadette gegen den Rest der Welt angehen muss und die Notbremse zieht. In diesem Teil der Geschichte wird angedeutet, wie Bernadette verschwinden konnte. Was ist mit Bernadette passiert? Wo ist sie hin? Wie konnte sie verschwinden? Diese Fragen verleiten zur Spekulation. Es gibt verschiedene Ansätze, was die Beantwortung dieser Fragen angeht. Aber sicher war ich mir nie.

Der letzte Abschnitt des Buches beschäftigt sich mit der Suche nach Bernadette. Alle aus Bernadette’s Umfeld haben die Hoffnung aufgegeben. Alle, bis auf Bee, ihre 15-jährige Tochter. Bee schien generell die Einzige zu sein, die Bernadette verstanden hat und sie uneingeschränkt geliebt hat. Mit viel Cleverness schafft sie es, dass ihr Vater sie auf der Suche begleitet. Für ihn ist es zwar eine Urlaubsreise in die Antarktis, für Bee steckt jedoch die Suche nach ihrer Mutter dahinter. 
"Das war der glücklichste Moment meines Lebens, weil mir bewusst wurde, dass Mom hinter mir stehen würde. Ich fühlte mich riesig. Ich rannte wieder die Betonschräge runter, schneller als je zuvor, so schnell, dass ich hätte hinfallen müssen, aber ich fiel nicht hin, weil Mom auf der Welt war." (S. 311)
Elgis, der ein erfolgreicher Microsoft-Manager ist, hat in den letzten Jahren mehr Zeit und Anstrengungen in seine Karriere investiert als in das Zusammenleben mit seiner Familie. Vater und Tochter sind sich fremd geworden. Sie nutzen die gemeinsame Zeit während der Reise, um sich einander wieder zu nähern. Leider wird dieser Teil des Buches zum Ende hin etwas langatmig. Die Suche nach Bernadette zieht sich für meinen Geschmack ein wenig zu lang hin. Hier hätte man ruhig kürzen können.

Fazit:
Ein vielseitiges Buch – einerseits mit einer ernsthaften Thematik andererseits aber mit viel Humor geschrieben. Insbesondere die Gefechte der Mütter sind urkomisch und teilweise sehr überzogen dargestellt, so dass sie fast schon an Slapstick grenzen. Es gab Momente, in denen ich lauthals losgelacht habe. Diese Geschichte ist witzig und unterhaltsam, hat aber einen ernsthaften Hintergrund. Auch, wenn das Buchcover etwas anderes assoziiert, von einem seichten Frauenroman ist dieses Buch weit entfernt.

©Renie


Wo steckst du, Bernadette?
Autorin: Maria Semple
Verlag: btb
ISBN: 978-3-442-74851-8


Der Verlag über die Autorin:
Maria Semple reiste die ersten Jahre ihres Lebens mit ihren Eltern kreuz und quer durch Europa (in Spanien schrieb ihr Vater Lorenzo den Pilot zur TV-Serie Batman), bevor sie nach Los Angeles und später nach Colorado zog. Unmittelbar nach Abschluss ihres Studiums am Barnard-College verkaufte sie ein Movie Script an Twentieth Century Fox, woraufhin sie sich wieder in LA niederließ. Sie arbeitete zunächst für Beverly Hills, 90210, schrieb dann für Sitcoms wie Ellen, Mad About You undArrested Development. Inzwischen lebt sie mit ihrem Ehemann, der für die Simpsons schreibt, und der gemeinsamen Tochter in Seattle. Sie schreibt Bücher, studiert nebenher, und versucht, nicht ständig online zu sein. "Where'd You Go, Bernadette" steht seit über 30 Wochen auf der New-York-Times-Bestsellerliste. Eine Kinoverfilmung ist in Arbeit.

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