Freitag, 2. Oktober 2015

James Hanley: Ozean

Ein Abenteuerroman "über die menschliche Ohnmacht im Angesicht der Weite des Meeres".

Die Geschichte beginnt mit dem Torpedobeschuss der Aurora. Das Schiff sinkt. Einer Handvoll Männer gelingt es, sich mit einem Rettungsboot in Sicherheit zu bringen. Auf dem Boot befindet sich so gut wie kein Proviant und nur ein Minimum an Trinkwasser. Wann und ob die Männer gerettet werden, ist ungewiss. Und so ziehen die Tage dahin ....

"'Einer tot, einer schläft, einer nicht ganz richtig im Kopf. Einer fürchterlich seekrank.'" (S. 19)
Das Kommando auf dem Boot wird von John Curtain übernommen. Als Besatzungsmitglied der Aurora ist er der Einzige in dem Rettungsboot, der erfahren genug ist, das Boot zu navigieren. Da liegt es nahe, dass Curtain zum Anführer der Gruppe wird. Alle anderen waren als Passagiere auf der Aurora und akzeptieren Curtain's Führungsanspruch, in der Hoffnung, dass er sie aus der Notlage befreien kann.
Quelle: Dörlemann Verlag AG
Es ist schwierig, die einzelnen Mitglieder dieser Gruppe zu beschreiben. Tatsächlich liefert Hanley ein sehr verschwommenes Bild seiner Charaktere. Bei anderen Büchern mag das vielleicht störend sein. Hier ist jedoch die Detaillierung seiner Charaktere unwichtig. Denn im Vordergrund steht die überaus interessante Gruppendynamik, die sich im Verlauf der Handlung herauskristallisiert.
S
Curtain hat einen Gegenspieler in der Gruppe. Gaunt war Passagier auf der Aurora. Irgendetwas scheint nicht mit ihm zu stimmen. Curtain misstraut ihm. Beide sind bemüht, die anderen der Gruppe um sich zu scharren und als Fürsprecher zu gewinnen. So bilden sich schnell 2 Parteien. Curtain beansprucht die Rolle des Anführers aufgrund seiner Erfahrung als Seemann. Doch nachdem die Wochen verstreichen und keine Rettung in Sicht ist, fangen die Männer an zu zweifeln. Das Machtgefüge verschiebt sich auf dem Boot. Bald wird Curtain's Autorität in Frage gestellt und er steht allein da.
"Die Erde um sie her schwankte, und Curtain sah ihr beim Schwanken zu. Die Riemen waren eingeholt, der Treibanker war ausgebracht, das Boot lag beigedreht, zappelte wild, Spritzwasser in solchen Mengen, dass er mit dem Schöpfen kaum dagegen ankam. Es war dunkel geworden, Sterne tanzten am Himmel. So saß er in der Dunkelheit, hielt Ausschau nach jeder hereinbrechenden Welle. Der Himmel senkte sich aufs Wasser, das Wasser reckte sich hinauf zum HImmel. Er saß allein. Er hatte es erwartet. Er hatte es kommen sehen." (S. 103)
James Hanley hat eine besondere Art, über das Meer und die Naturgewalten zu schreiben. Sein Sprachstil vermittelt Ehrfurcht und Respekt vor dem Ozean.
"Und das Boot kroch dahin, ein Insekt auf dem Ozean, glatt und geräuschlos. Die Stille glich großen Bögen, unter denen es hindurchglitt, und hoch darüber ein Himmel, wässrig blau, darin wie mit Bleistift hineingezeichnet helle Wolkentupfer. Das Auge wanderte und machte Halt an einer Linie, wo Himmel und Wasser sich trafen, wo ein Flecken Wasser tanzte, wo ein Lichtstrahl den schweren Schatten des Meeres versengte." (S. 190)
Was ich als anstrengend empfunden habe, waren die plötzlichen Wechsel in der Erzählperspektive. Hauptsächlich wird die Geschichte aus der Sicht von Curtain erzählt. Doch völlig abrupt kann es hier einen Wechsel geben. Dieser Wechsel passiert gern in einzelnen Situationen, die in sich noch nicht abgeschlossen sind. Dadurch wird man als Leser überrumpelt. Man muss ständig überprüfen, aus wessen Sicht die Geschichte gerade erzählt wird.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen. Für einen Abenteuerroman hat es zwar wenig Handlung. Aber, was will man erwarten bei 5 Männern in einem Rettungsboot, mit nichts zu tun, außer zu rudern? Handlung ist nebensächlich in diesem Buch. Dafür wird man durch den Sprachstil entschädigt, der die extreme Stimmung auf dem Boot überdeutlich wiedergibt. Anfangs versuchen die Männer die Situation mit Vernunft und Verstand zu bewältigen. Doch mit der Zeit "entmenschlicht" die Stimmung auf dem Boot, so dass am Ende dieser Roman richtig spannend wird.... auch, ohne viel Handlung.



© Renie


Ozean (Edition Kattegat)
Autor: James Hanley
Verlag: Dörlemann Verlag AG

ISBN: 9783038200239

Der Verlag über den Autor:
James Hanley
geboren 1897 und aufgewachsen in Liverpool. Er verfasste 31 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten und Theaterstücke. Er verbrachte neun Jahre auf See, was sein Schreiben stark beeinflußte. Sein Roman Boy(1931) wurde der obszönen Verleumdung beschuldigt, was der Grund sein mag, warum der meisterhafte Autor und sein Werk der Vergessenheit anheim fiel. Ozean erschien 1941 bei Faber & Faber in London. James Hanley starb 1985. (Quelle: Dörlemann Verlag AG)

1 Kommentar:

  1. Hallo Renie,
    ich bin eben zufällig über Google+ auf deinen Blog gestoßen und habe mich gefreut, dass auch du nicht auf ein bestimmtes Genre festgelegt bist, sondern "querbeet" liest. Das mache ich auf meinem Blog auch, und ich würde mich freuen, wenn du mal vorbeischaust.
    Deine Rezension hat mir gut gefallen, zumal ich von James Hanley vorher noch nie etwas gehört habe.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß beim Lesen und Bloggen. Ich schaue bestimmt wieder vorbei.
    Viele Grüße
    Ina

    AntwortenLöschen