Montag, 7. September 2015

Michel Bergmann: Weinheber's Koffer

Wenn man dieses Buch das erste Mal in den Händen hält, fällt einem sofort der Begriff "klein, aber fein" ein: "Klein" vom Umfang her (146 Seiten), "fein" von der Aufmachung her: Halbleinen in dezentem Meeresgrün... und dann dieser wunderschöne alte Koffer, der auf dem Buchdeckel abgebildet ist.
Der Koffer ist auch der Grund, warum ich dieses Buch unbedingt lesen wollte. Denn der Koffer hat es in sich:
Quelle: DÖRLEMANN
Elias Ehrenwerth, Journalist in Berlin, findet in einem Ramschladen einen alten Koffer mit den Initialen L.W. Der Koffer gehörte einem jüdischen Schriftsteller namens Leonard Weinheber, der während des Nationalsozialismus gezwungen war, 1939 auszuwandern. Er erwarb eine Schiffspassage nach Palästina, ging in Marseille auf's Schiff, kam aber nie in Palästina an. Nur sein Koffer wird in Jaffa abgeladen, was mit L. W. geschehen ist, bleibt ein Rätsel, das Elias nun, mehr als ein halbes Jahrhundert später, beschäftigt.
Elias reist nach Israel und begibt sich auf Spurensuche. Während seiner Nachforschungen begegnet er vielen interessanten Menschen und Zeitgenossen Weinheber's, die ihm einen tiefen Einblick in ihre individuellen Schicksale und Lebenswege gewähren.
"Mir wurde dabei wieder einmal deutlich, dass es speziell in diesem Land Schicksale gab, die alle aufgeschrieben und damit für immer festgehalten gehörten. Diese Generation stirbt aus, dachte ich, und es ist ein Frevel, dass sie es schweigend tut, weil sie niemand mehr fragt, wie alles gekommen ist." (S. 68)
Elias Ehrenwerth ist selbst Jude und wittert ständig und überall Antisemitismus. Für ihn wird "der Jude" immer in die Opferrolle gedrängt. Elias ergreift Partei für die Juden im Israelkonflikt. Er scheut sich auch nicht, seinen Standpunkt mit Vehemenz zu vertreten. Das macht ihn zu einem unangenehmen Gesprächspartner, zumal Diskussionen zur Israelpolitik auch in wütendem Streit ausarten können.
Nichtsdestotrotz ist er tolerant genug, andere Meinungen zu akzeptieren und sogar Araber zu seinen Freunden zu zählen.
"Okay, sagte Amin, das ist schrecklich, aber was wir gemeinsam haben mit den Juden von damals, ist die Verachtung. Ich setzte mich auf. Was tut ihr denn, um nicht verachtet zu werden? Wo sind denn die arabischen Intellektuellen, die offen das Existenzrecht Israels anerkennen und die Angriffe aus Gaza verdammen? Solange die Angst vor den eigenen Leuten den Alltag diktiert, wird sich nichts ändern. Amin lächelte. Immer noch der alte Elias, meinte er, immer auf Streit gebürstet." (S. 44)
Der Aufbau dieses Romans ist sehr besonders. Es gibt 3 Handlungsebenen:
  1. Elias' Nachforschungen in Berlin und Israel, die einen Einblick in das Leben der Juden in Israel in der heutigen Zeit geben
  2. Während seiner Nachforschungen stößt Elias auf Briefe, die sich Weinheber und seine Verlobte Lenka geschrieben haben, und die der Leser in diesem Roman zu lesen bekommt. Diese Briefe machen betroffen. Sie vermitteln wiederrum einen Einblick in die Situation der Juden zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Leser spürt die Verzweiflung, die viele damals bewogen hat, aus Deutschland zu fliehen, sowie auch gleichzeitig die Hoffnung auf ein friedlicheres Leben.
  3. Es existiert ein Manuskript zu Weinheber's Roman, den dieser jedoch aufgrund seines Berufsverbots nicht veröffentlichen durfte. Zusammen mit Elias vertieft sich der Leser in dieses Manuskript. Weinheber's Roman behandelt den aussichtslosen Kampf eines Juden im Nazi-Deutschland. Selbstverständlich fragt man nach den Parallelen zu Weinheber's eigenem Schicksal.
"Er war sogar ein anständiger Antisemit, wie Friedländer es nannte. Einer, der zwar "nichts gegen Juden hatte", aber sie in seiner Familie, seiner Stadt und schließlich seinem Land nicht dulden wollte. Einer, der Juden als Fremdkörper wahrnahm. Er fand sich damit in der Tradition des klassischen Bürgertums wieder, denn der Judenhass war ein Empfinden, das zutiefst der Mitte des deutschen Volkskörpers entsprang. Besonders jene waren davon infiziert, die persönlich Juden nicht näher kannten." (S. 55)
Dieses Buch hat mich berührt. Durch die unterschiedlichen Schicksale, die sich in diesem Buch präsentieren, versteht man, dass die Lebensumstände in Israel - damals wie heute - nicht viel mit dem sorgenfreien Leben, das sich die damaligen Auswanderer erhofft hatten, zu tun haben. Ein lesenswertes Buch!

Ich möchte mich an dieser Stelle noch beim Dörlemann Verlag bedanken, der mir dieses Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

© Renie

Weinhebers Koffer
Autor: Michel Bergmann
Dörlemann Verlag AG
ISBN 9783038200161

Der Verlag über Michel Bergmann:
1945 in Basel als Sohn jüdischer Eltern geboren, verbrachte seine Kindheit in Paris, seine Jugend in Frankfurt am Main. Michel Bergmann absolvierte eine Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau, später arbeitete er als freier Journalist, Autor, Regisseur und Produzent sowie als Drehbuchautor für Film und Fernsehen. Zahlreiche Veröffentlichungen (Filme, Beiträge in diversen Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien, Romane) und Filmpreise. Michel Bergmann lebt in Berlin. (Quelle: DÖRLEMANN)

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