Donnerstag, 3. September 2015

Martin Bühler: Schattenlicht (Gesamtausgabe)

Martin Bühler entdeckt bei einer Entrümpelungsaktion die Tagebücher seines verstorbenen Vaters Matthias. Beim Lesen der Aufzeichnungen seines Vaters stellt er fest, dass dieser mit der Beschreibung seines Lebens ein faszinierendes Stück Zeitgeschichte zu Papier gebracht hat, die man anderen nicht vorenthalten darf. Basierend auf diesen Tagebuchaufzeichnungen ist dieser biografische Roman entstanden.



Die Geschichte beginnt in den 20er Jahren und beschreibt den Lebensweg von Matthias bis in die 70er Jahre: seine Kindheit, sein Erwachsenwerden, Nationalsozialismus und Krieg sowie die Nachkriegszeit mit dem Wiederaufbau und dem deutschen Wirtschaftswunder.



Als ich die ersten Seiten dieses Buches gelesen habe, fühlte ich mich tatsächlich in meine Kindheit zurück versetzt. Meine Großeltern entstammten derselben Generation wie Matthias. Und die Erzählungen über sein Leben erinnern mich wohltuend an die Geschichten, die mir meine Großmutter immer erzählt hat. Als Kind hing ich immer völlig fasziniert an ihren Lippen, wenn sie aus ihrer Vergangenheit erzählt hat. Ich habe die Erzählungen meiner Großmutter immer als sehr spannend und stimmungsvoll empfunden. Und genauso ging es mir mit dem Erzählstil von Martin Bühler. Er versteht es, den Leser mit seiner Geschichte zu fesseln, indem er sehr intensive Stimmungen vermittelt: Matthias‘ harte Kindheit, die Verzweiflung und Angst während des Krieges, aber auch das Nachvorneblicken und die Hoffnung in der Nachkriegszeit.

„Da spürte ich zum ersten Mal, dass Worte größere Wunden schlagen können als die schärfsten Schwerter. Die Tragik dabei war jedoch, dass Menschen, die bislang nichts als Arbeit und Pflichterfüllung gekannt hatten, plötzlich provozierend in die Unmoral der Politik manövriert wurden, von der sie eigentlich gar nichts wissen wollten.“
Im Verlauf der Geschichte lernt man viele Zeitgenossen aus Matthias’ Leben kennen. Das können Dorfbewohner sein, Verwandte, Kriegskameraden, Nazis etc.. Die Beschreibung dieser Charaktere aus der Sicht von Matthias ist schon sehr besonders, da sie sehr akribisch ist. Da wird auf das kleinste Detail geachtet, kein Charakterzug ausgelassen. Dadurch gewinnt der Leser ein sehr lebhaftes Bild der jeweiligen Person. 

Genauso akribisch wie die Charaktere beschreibt Martin Bühler auch andere Themen, die seinen Vater beschäftigten, wie z. B. Pflanzenkunde, Chemie etc. Was bei den Personenbeschreibungen unterhaltsam ist, wirkt in anderen Themenbereichen jedoch manchmal sehr ausufernd. Hier wäre weniger mit Sicherheit mehr gewesen.

Sehr gut hat mir die Entwicklung des Charakters von Matthias gefallen. Ich gebe zu, anfangs hatte ich meine Schwierigkeiten, da Matthias nicht viel von sich Preis gab. Aber wie bei einem guten Bekannten, der sich mit der Zeit zum guten Freund entwickelt, ist es mir auch mit Matthias ergangen. Man lernt ihn im Verlauf der Geschichte besser kennen. Anfangs ein Junge, der sich trotz harter und arbeitsreicher Kindheit noch ein gewisses Maß an Unbeschwertheit zu bewahren weiß; der ein Romantiker sein kann und einen Sinn für die schönen Dinge des Lebens entwickeln kann. Später zeigen sich sein Ehrgeiz und seine Zielstrebigkeit. Zum Ende des Buches präsentiert sich Matthias als geradliniger Typ, der es immer geschafft hat, sich von der breiten Masse zu distanzieren und seinen Weg auf seine eigene Art zu gehen.
„Ich war kein Charmeur, kein Salonlöwe oder Schmeichler, sondern im Gegenteil herb und geradeheraus, ohne Rücksicht auf Nachteile, die mir aus meinem Benehmen entstehen konnten. Aber ich war fähig zuzuhören, mich in das Schicksal anderer hineinzuleben und Anteil zu nehmen an der Tragik leidgeprüfter Menschen. Das war wohl der Schlüssel, warum andere sich mir anvertrauten, warum sie mir ihr Herz ausschütteten und ich oft mehr Geheimnisse erfuhr, als ich in jungen Jahren verdauen konnte.“
Ich könnte mich jetzt noch über die politischen Stimmungen der damaligen Zeit in Deutschland auslassen, die einen großen Teil dieser Trilogie ausmachen. Da die Zeit des Nationalsozialismus jedoch ein Thema ist, über das ich mich endlos auslassen könnte, halte ich mich lieber zurück. Nur soviel, Martin Bühler regt zum Nachdenken an. Die Geschichten, die er durch seinen Vater aus dieser Zeit erzählt, machen betroffen, wütend – aber auch Angst. Insbesondere, wenn man doch gewisse Parallelen zur heutigen Zeit sieht. Ich habe Schattenlicht im Rahmen einer Leserunde bei „Whatchareadin“ gelesen. Ein Mitleser hat es ganz treffend formuliert, ich gebe es sinngemäß wieder: Als wir in der Schule den Nationalsozialismus durchgenommen haben, haben wir geschworen, dass in Deutschland so etwas nie wieder passiert. Wir dachten, wir Deutschen hätten aus unserer Geschichte gelernt. Was sind wir naiv!

Ich freue mich, dass ich Martin Bühler und die Geschichte seines Vaters bei „Whatchareadin“ entdeckt habe. Wenn er sein Buch dort nicht präsentiert hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht auf ihn aufmerksam geworden und um einen besonderen Lesegenuss gebracht worden. Daher kann ich nur hoffen, dass viele sich von meiner Buchbewertung inspirieren lassen und sich ebenfalls auf dieses Stück deutscher Zeitgeschichte einlassen werden.

© Renie

Schattenlicht Gesamtausgabe
Autor: Martin Bühler
CreateSpace Independent Publishing Platform
ISBN: 978-1516849185

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