Freitag, 18. September 2015

Klaus Modick: Sunset


In seinem Exil in Los Angeles erhält der mittlerweile 72-jährige Lion Feuchtwanger die Nachricht, dass sein Freund Bertolt Brecht in Berlin gestorben ist. In den Stunden, die auf diese Nachricht folgen erinnert sich Feuchtwanger an viele Episoden aus dieser, für ihn bedeutsamen Freundschaft. Gleichzeitig durchlebt er viele Momente seines langen Schriftstellerdaseins noch einmal. 

"Es fängt damit an, denkt er, dass man versucht, Schönes zu schreiben. Später will man Großes schreiben. Noch später Gewaltiges, Moralisches, politisch Wirksames. Aber irgendwann, jetzt, kommt der Moment, da man nur noch das Wahre schreiben mag, und dann muss man feststellen, dass man die Wahrheit nicht kennt. So schrecklich ist das. So schrecklich einfach ist das. Immer aber schreibt man, weil man geliebt werden will." (S. 112)
In einzelnen Rückblenden nimmt der Leser teil an den Anfängen seiner Karriere und seinem Leben in Deutschland zur Zeit der Weimarer Republik sowie des Nationalsozialismus. 1940 reist Feuchtwanger dann in die USA ein. Hier wird er den Rest seines Lebens verbringen. Feuchtwanger ist einer von vielen deutschen Künstlern, die vor den Repressionen der deutschen Nationalsozialisten nach Amerika exilieren. In Los Angeles bildet sich eine Kolonie deutscher Künstler, die hier einen regen gesellschaftlichen Umgang miteinander pflegen. Man trifft auf Namen wie Arnold Zweig, Fritz Lang, Alfred Döblin, die Familie Mann und natürlich Bertolt Brecht.


Erstmalig begegnen sich Brecht und Feuchtwanger in Berlin, zu Beginn des ersten Weltkrieges. Brecht, der unbekannte Jungdichter, wird von Feuchtwanger, der sich bereits einen Ruf als angesehener Schriftsteller erworben hat, protegiert.
Klaus Modick lässt seine beiden Protagonisten nicht gut wegkommen. Als Leser entwickelt man nur wenige Sympathien für Brecht und Feuchtwanger. Brecht ist der Ungestüme, Rücksichtslose, Skrupellose, der seinen Freund auszunutzen scheint - zumindest lebt er gern auf seine Kosten.
Feuchtwanger wirkt unscheinbar, klein, nörgelig,hilflos im Alltag, der in erster Linie schreibt, weil er Anerkennung sucht. Er fühlt sich von der Welt unverstanden.
"Brecht kam mit Ideen, die er irgendwo aufgelesen oder entwendet hatte, zum Beispiel bei Feuchtwanger, und um aus den Ideen anderer Leute seine Stücke machen zu können, brauchte er wiederum die Kenntnisse und die Disziplin anderer Leute, Leuten wie den Freund Feuchtwanger vor allen anderen." (S. 62)
Im Exil führen beide ein sorgenfreies Leben. Feuchtwanger kann gut von seinem Ruhm als Schriftsteller leben. Brecht kann gut von seinem Freund Feuchtwanger leben. Einzig die Beamten der McCarthy-Ära machen ihnen das Leben schwer. Sie werden beschattet und ständigen Befragungen ausgesetzt. Schlimmstenfalls droht ihnen die Ausweisung. 
"Im Exil ist der Emigrant verdächtig, weil er sich mit einer Regierung angelegt hat, mithin ein potenzieller Unruhestifter und Aufrührer ist, selber fast wie Gerüchte von Untaten, die über die Grenzen entkamen. Ein Emigrant aber, der nicht heimkehrt, ist erst recht verdächtig. Er liebt sein Land nicht. Erst lässt er es im Stich, dann bleibt er ihm fern. Er ist der doppelte Verräter." (S.97)
Brecht hat mit seiner Arbeit in Amerika keinen Erfolg. Die Amerikaner verstehen sein Werk nicht. Er passt einfach nicht in dieses Land und wird nicht ernst genommen. Irgendwann zieht Brecht einen Schlussstrich und geht zurück nach Deutschland. 
Nach und nach kehren weitere Schriftstellerkollegen wieder nach Europa zurück. Feuchtwanger entscheidet sich dafür, in Amerika zu bleiben und verbringt hier die letzten Jahre seines Lebens.
Tatsächlich gelingt es Klaus Modick, dass der Leser zum Ende des Buches Mitleid mit Feuchtwanger bekommt. Zurück bleibt ein alter kranker Mann, der sich unverstanden fühlt und dem man als Leser auf einmal vieles nachsieht und entschuldigt.
"Das eigene Leben? Sein Körper hat sich entwickelt, ist gereift, nun verfällt er. Er ist um die halbe Welt gereist, wenn auch unfreiwillig, war glücklich und unglücklich, war gesund und krank. Hat Erfolge und Misserfolge erlebt, doch kein Erfolg schmeckt so süß, dass er die Bitterkeit von Niederlagen vergessen macht. Hat also gelebt. Aber was ist es gewesen? Doch nicht nur Wachstum und Verfall von Zellen, nicht nur Verzweiflung und Verzückung. Der Sinn der Jahre? Entwicklung? Sehr vages Wort. Der Vernunft zum Sieg über die Dummheit verhelfen? Allzu pathetische Worte. Streben nach Glück, wie es die amerikanische Verfassung verspricht? Gewiss, es ist all das. Aber am Ende ist es vielleicht nur dies: Leben. Da sein." (S. 179)
Mit seinem Schreibstil zeigt Klaus Modick Sinn für's Detail. Teilweise wirkt der Stil fast schon poetisch, manchmal auch abstrakt. Viele Stellen in seinem Buch sind sehr stimmungsvoll beschrieben. Die Melancholie, die z. B. auch das Buchcover vermittelt, findet sich häufig in seinem Buch wieder.
"Es hätten Zikaden sein können. Oder ein Posthorn aus romantischen Tagen, in lauschiger Sommernacht, ein Signal aus dem versunkenen, unerreichbaren Land jenseits des anderen Ozeans. Der Dunst überm Wasser wird dichter, verschleiert die rot sinkende Sonne überm Kap von Malibu. Der Horizont verdunstet hinterm grauen Vorhand der Dämmerung. Pelikane jagen übers Wasser, stechen im Sturzflug hinein, tauchen wieder auf, steigen, schweben, lassen sich fallen. Der Klang eines Saxofons weht vom Strand herüber." (S. 175)
Das Buch hat mir gut gefallen. Allein schon die Begegnung mit den Großen der deutschen Literatur machen das Buch zu einer interessanten Lektüre. In diesem Roman wird häufig Bezug auf einzelne Werke Feuchtwanger's genommen, wobei es nicht notwendig ist, seine Bücher zu kennen. Zwischenzeitlich habe ich mich jedoch gefragt, ob ich die Person Feuchtwanger anders wahrgenommen hätte, wenn ich mit seinen Büchern vertraut gewesen wäre. Leider hat Modick es nicht geschafft, mich auf Feuchtwanger's Werk neugierig zu machen. Ganz im Gegenteil: Das, was Modick über Feuchtwanger's Bücher wiedergibt, hat mich eher abgeschreckt - zu düster, zu abstrakt, schwermütige Literatur. Wie gut, dass Modick's Schreibstil das genaue Gegenteil ist.

©Renie

Sunset
Autor: Klaus Modick
Verlag: Piper
erschienen: 16.07.2012
ISBN: 978-3-492-27418-0

Über den Autor:
Klaus Modick, geboren 1951 in Oldenburg, hat seit seiner Promotion über Lion Feuchtwanger in vielen seiner Romane das heikle des schriftstellerischen Schaffens erzählerisch behandelt. Für sein umfangreiches Werk wurde Klaus Modick mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er lebt in Oldenburg. (Quelle: Buchtext)

1 Kommentar:

  1. Sehr interessant, dass zwei bedeutende Schriftsteller auch mal kritisch betrachtet und nicht dauernd mit Lobeshymnen verklärt werden. Danke für diese gute Rezension.
    LG
    Ina

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