Montag, 24. August 2015

Thommie Bayer: Die kurzen und die langen Jahre

Die kurzen und die langen Jahre
erhältlich bei Fischers Bücherstube

Nach dem Mord an seinem Vater will Simon (Ich-Erzähler) dessen Waldhütte auflösen, in der sein Vater die letzten Jahre seines Lebens verbracht hat. Dabei lernt Simon die exzentrische Sylvie kennen. Sylvie war mit Konrad verheiratet, der ebenfalls bei dem Verbrechen zu Tode kam. Konrad und Simons Vater hatten ein Verhältnis miteinander.

Simon und Sylvie sind sich von Anfang an sympathisch. Trotz des Altersunterschieds zwischen den beiden - Simon ist 22, Sylvie ist 30 - verspüren sie so etwas wie Seelenverwandtschaft. Simon möchte mehr, als Sylvie's Freund sein. Doch sie hält ihn auf Distanz, da sie Angst hat, dass sich durch eine Beziehung zu viel verändern könnte, und sie dadurch in ihm einen guten Freund verlieren würde.

"'…. und mit dir würde ich schon deshalb nichts anfangen, weil ich dich nicht verlieren will.' Ich schwieg. Das war eine Liebeserklärung, wenn auch nur platonisch, und ich musste schlucken, weil ich für einen Augenblick so glücklich darüber war, dass ich mein frustriertes Schmollen nicht mehr fortführen konnte."
Simon hilft Sylvie, über die Trauer und den Schmerz hinwegzukommen. Der Gedanke, dass Konrad, ihr Ehemann, schwul war, macht ihr sehr zu schaffen, zumal er die große Liebe ihres Lebens war.

Da die beiden anfangs in unterschiedlichen Städten wohnen, fangen sie an, sich Briefe zu schreiben - handschriftlich oder mit der Schreibmaschine. Spätestens an dieser Stelle begann für mich ein Trip in meine Jugendzeit. Die Geschichte spielt hauptsächlich in den 70er Jahren: VW Käfer, Simca, Palästinensertücher, Telefonzellen, RAF, sexuelle Revolution, Abtreibung in Holland, Straßenschlachten etc. etc.
In dieser Zeit war ich selbst als Jugendliche mit Schlaghose und Parka unterwegs. Daher kamen ganz viele Erinnerungen hoch, so dass mir das Buch richtig Spaß gemacht hat.
"In unseren Kreisen war es selbstverständlich zu verweigern, Pazifist zu sein, die Bundeswehr als einen Haufen von Nazis anzusehen, und nur die allersimpelsten Gemüter vom Land wussten das nicht. Es war Mode, sich als Außenseiter zu empfinden, den Staat, die Industrie, Amerika (außer den Musikern) zu hassen, alle Argumente gegen den Kommunismus für rechte Propaganda zu halten und Leute wie Castro für Helden."
In den 70ern war Thommie Bayer als Liedermacher bekannt. Seine Erfahrung mit der Musikbranche spiegelt sich auch in diesem Buch wider. Simon arbeitet in einem Musikgeschäft und verkauft Musikinstrumente. Darüber hinaus ist er als Klavierstimmer unterwegs. Sein bester Kumpel Manni spielt Gitarre und wird mit der Zeit zum Rockstar.

Die erste Hälfte des Buches spielt in den 70ern. Mit Beginn der 80er werden die Kapitel kürzer, die Handlung wechselt ständig und wird sprunghaft. Man hat den Eindruck, dass mit Beginn der 80er die Zeit für Simon anfängt zu rasen. Daher erklärt sich für mich auch der Titel. "Die langen Jahre" sind eindeutig die 70er, danach kommen "die kurzen Jahre", in denen auch Simon und Sylvie keinen Kontakt zueinander haben, aber trotzdem aneinander denken.
"Wie schnell und unbeachtet die Zeit vergehen kann, lernt man mit zunehmendem Alter."
An diesem Buch haben mir Thommie Bayer's Sprachstil und der Rahmen der Handlung eindeutig besser gefallen als die Geschichte. Es hat einfach Spaß gemacht, sich von dem Autor in die 70er Jahre zurückversetzen zu lassen und in Erinnerungen zu schwelgen. Obwohl Thommie Bayer bereits in den 80ern mit dem Schreiben angefangen hat, hatte ich bisher noch kein Buch von ihm gelesen. Der Sprachwitz, der seine Lieder ausgezeichnet hat, ist natürlich auch in diesem Buch zu finden. Daher werde ich mit Sicherheit noch weitere Bücher von ihm lesen.


© Renie

Die kurzen und die langen Jahre
Autor: Thommie Bayer
Verlag: Piper
ISBN: 978-3492054812

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