Donnerstag, 16. Juli 2015

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben





Klappentext:
"Robert Seethaler erzählt von dem Seilbahnarbeiter Andreas Egger, dem Unglück und Glück widerfährt, über den die Zeit hinweggeht und der am Ende versöhnt und staunend auf die Jahre blickt, die hinter ihm liegen. Es ist eine einfache und tief bewegende Geschichte. Die Geschichte eines ganzen Lebens."

Andreas Egger hat es nicht leicht gehabt. Als Waise von seiner Verwandtschaft aufgenommen, verbringt er eine harte Kindheit in einem Tal in Österreich. Er wird von niemandem akzeptiert und immer als der Außenseiter angesehen. Misshandlungen sind an der Tagesordnung. Er wird von seinem Onkel zum Krüppel geprügelt und bewegt sich fortan hinkend durch´s Leben. Sein einziger Lichtblick ist Marie, in die er sich verliebt und mit der er den Rest seines Lebens verbringen möchte.
"'Noch einen?', fragte die junge Frau und Egger nickte. Sie brachte ein neues Glas, und als sie sich nach vorne beugt, um es auf den Tisch zu stellen, berührte sie mit einer Falte ihrer Bluse seinen Oberarm. Die Berührung war kaum zu spüren∫ doch hinterließ sie einen feinen Schmerz, der mit jeder Sekunde tiefer in sein Fleisch zu sinken schien. Er sah sie an, und sie lächelte." (S. 13 ff.)

Mittlerweile hält der Fortschritt Einzug in das Tal. Es gibt Elektrizität, Telefon, Seilbahnen werden gebaut. Die Natur wird zurückgedrängt. Was die Talbewohner als Segen empfinden, hat gleichzeitig etwas Bedrohliches: Die Natur scheint nur darauf zu lauern, ihr Terrain mit aller Macht wieder zurückzugewinnen, was dann auch passiert. Das Schicksal trifft Egger hart. In dem Moment, in dem er dachte, dass das Leben es gut mit ihm meint, trifft ihn ein fürchterlicher Schicksalsschlag. 

"Das Leben geht weiter" - eigentlich eine abgedroschene Phrase, die jedoch perfekt Egger's Einstellung zum Leben beschreibt. Egal wie tief das Schicksal ihn in die Knie zwingt, Egger akzeptiert es und schafft es immer wieder aufzustehen.
photo by unsplash.com / Dorothy Lin


Der 2. Weltkrieg beginnt. Egger wird eingezogen und nach Russland geschickt, wo er zum Ende des Krieges in Kriegsgefangenschaft gerät. Nach vielen Jahren kommt er wieder in "sein" Dorf in Österreich. Alles hat sich verändert. Der Tourismus boomt: Zuviel Menschen und zuviel Lärm. Egger passt mit seiner bescheidenen ruhigen Art nicht in die "moderne" Umgebung hinein. Er fühlt sich nicht wohl und sucht daher die Einsamkeit. Er bezieht eine Berghütte fernab von dem Trubel. Hier verbringt er die letzten Jahre seines Lebens.

"Manchmal war es etwas einsam hier oben, aber er betrachtete seine Einsamkeit nicht als Makel. Er hatte niemanden, doch er hatte alles, was er brauchte, und das war genug." (S. 139)

Das Leben Egger's ist nicht ungewöhnlich. Es ist ein Leben wie viele andere auch. Und trotzdem war ich tief berührt von der Einfachheit und Schlichtheit, die einem beim Lesen vermittelt wird. Es braucht scheinbar nicht viel, um eine gute Geschichte zu schreiben. Ein ganzes Leben reicht aus.

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