Samstag, 18. Februar 2017

Manuela Reichart: Beziehungsweise

Quelle: Pixabay/Alexas_Fotos
Liebe ist ein mächtiges Gefühl und es gibt sie in unterschiedlichen Facetten. Nicht umsonst hat Manuela Reichart ihren Erzählband "Beziehungsweise" mit dem Untertitel "Liebesvariationen" versehen. Und gleich vorweg: Ich liiiiiebe dieses Buch!

Das Thema "Liebe" war schon immer ein Dauerbrenner in der Literatur und wird es auch immer sein. Wie wohltuend ist es da, wenn eine Autorin sich mit der Liebe beschäftigt, ohne den Leser in einem Ozean der Gefühle versinken zu lassen. Das gelingt nicht jedem. Denn Liebe verbindet man gern mit überbordenden Gefühlen - sei es kummerhafter Herzschmerz oder die obligatorischen Schmetterlinge im Bauch. Die Grenze zum Kitsch ist nicht weit weg. Das mögen viele Leser - ich nicht! Daher freue ich mich, dass Manuela Reichart es tatsächlich geschafft hat, die Liebe in ihren Erzählungen von einem nüchternen und abgeklärten Standpunkt aus zu betrachten. Dabei wählt sie wohltuende leise Töne, die trotzdem so viel ausdrücken und mich zum Nachdenken gebracht haben.
"Er hatte mit ihr leben oder sterben wollen. Sie wollte das nicht. Weder das eine noch das andere. Sie wusste, dass die Leidenschaft nicht dauern würde, wenn sie beieinanderblieben. Sie hatte die Trennung der Gewöhnlichkeit vorgezogen." (S. 60)

Die Protagonisten in ihren Geschichten sind hauptsächlich Frauen oder Paare, mittlerweile in einem Alter, fernab vom Herzschmerz und den Schwärmereien ihrer Jugend. Es sind allesamt Menschen mit Lebenserfahrung, die die Liebe bereits mehrfach erlebt haben.

Gleich zu Anfang berichtet eine Frau von ihrer langjährigen Freundin. Die beiden kennen sich schon seit Ewigkeiten und haben trotz der räumlichen Trennung nie den Kontakt zueinander verloren. Und wie das bei Freundinnen so ist ... frau weiß alles über die Freundin und beschreibt dem Leser, ihren Liebensweg und wie sie zu dem Menschen geworden ist, der sie heute ist.

Oder man trifft in den Erzählungen auf Paare, die sich gemeinsam erinnern. Diese Szenarien haben etwas von einer Paartherapie. Als Leser kann man sich genau vorstellen, wie Mann und Frau auf der Therapiecouch nebeneinander sitzen und dem Therapeuten Rede und Antwort stehen. Bemerkenswert ist allerdings, dass die gemeinsamen Erinnerungen viele Abweichungen zeigen und es wird einmal mehr deutlich, dass Frauen und Männer unterschiedlich ticken. 
Quelle: Kirchner PR/Dörlemann

In einer anderen Geschichte wird einer Großmutter von ihrer Enkelin die Frage gestellt: "Was war der glücklichste Tag in deinem Leben?" Um sich diese Frage selber ehrlich beantworten zu können, stellt die Frau einige Überlegungen an, in denen sie ihr Leben Revue passieren lässt.

Allein diese Frage nach dem glücklichsten Tag eines Lebens, hat mich zum Nachdenken gebracht. Letztendlich stellt sich der Leser diese Frage selbst, hat vielleicht schnell eine Antwort parat, mit der man aber am Ende nicht zufrieden sein wird. Denn in der Erinnerung tauchen immer weitere Momente auf, die einen Tag zu einem glücklichsten machen können. So hat man die Qual der Wahl mit dem schönen Nebeneffekt, dass man sich die glücklichen Momente seines Lebens in Erinnerung ruft. Das ist Seelenbalsam pur.
"Es war richtig, so wie es war. Wir brauchten Zeit. Wir mussten uns aneinander gewöhnen. Leidenschaft kann jeder. Liebe beherrschen nur wenige. Dauerhafte Liebe. Wir waren einander doch fremd. Jeder Liebende ist dem anderen ein Fremder. Wir verlieben uns in einen Fremden. Wir lieben einen Vertrauten." (S. 94)
Ich habe mich hier auf einige wenige Geschichten aus dem Buch konzentriert. Tatsächlich haben mich alle Geschichten in diesem Buch begeistert. Denn alle Erzählungen haben eines gemeinsam: Sie bleiben haften und stimmen den Leser nachdenklich. Denn man findet sich in vielen Liebesvariationen wieder, insbesondere, wenn man schon etwas älter ist und auf ein paar Jährchen Lebens- und Liebeserfahrung zurückblicken kann.

Wohltuend ist auch der Sprachstil von Manuela Reichart. Sie ist sehr kreativ, bei der Wortwahl und Satzgestaltung.  Jedes Wort und jeder Satz wirken genau bedacht und bedeutsam. Dadurch sind die Geschichten sehr tiefgründig. Man beginnt zwischen den Zeilen zu lesen, denn ihr Wortwitz regt die Fantasie des Lesers an und verführt dazu, sich auf Gedankenspiele einzulassen. 

Dieses Buch ist besonders, weil es die Liebe in ihren Variationen auf nüchterne Art betrachtet und dabei den Leser trotzdem berührt. Daher würde ich mich freuen, wenn Manuela Reicharts Erzählungen ganz viele Leser finden, die sich genauso begeistern lassen wie ich. 

Und ein letztes Mal: Ich liiiiiebe dieses Buch!

© Renie




ISBN: 9783038200390




Über die Autorin:
Manuela Reichart lebt und arbeitet in Berlin als Radioautorin, Radiomoderatorin und Herausgeberin (u.a. der Anthologie Doch uns schlug kein Gewissen, 2011). 2015 erschien ihr Buch Schon wieder Verspätung. Reisebekanntschaften im Dörlemann Verlag. (Quelle: Dörlemann)

Dienstag, 14. Februar 2017

Travis Mulhauser: Sweetgirl

Quelle: Pixabay/Unsplash

Eine Kleinstadt im tief verschneiten Michigan, USA. Hier lebt die 16-jährige Percy mit ihrer drogenabhängigen Mutter. Percy musste früh lernen, erwachsen zu sein und Verantwortung für sich und ihre Mutter zu übernehmen. Die Schule hat sie abgebrochen und arbeitet stattdessen in einer Holzwerkstatt. Das Leben mit einem Junkie als Mutter ist nicht leicht. Percy lebt mit der ständigen Sorge um ihre Mutter, deren Verhalten unberechenbar ist. Es gibt seltene Momente, in denen Percy hofft, dass ihre Mutter es schafft, von den Drogen loszukommen. Doch diese Momente der Hoffnung werden meist von der Angst überschattet, dass ihrer Mutter etwas zustößt. Denn oft weiß Percy nicht, wo ihre Mutter gerade steckt und was sie anstellt. Dass Percy's Mutter sich oft mit zwielichtigen Personen abgibt trägt sein Übriges dazu bei.

Als ihre Mutter eines Tages mal wieder auf Drogen und verschwunden ist, begibt sich Percy, wie schon so viele Male zuvor, auf die Suche nach ihr. Auf einen Tipp hin fährt Percy zu dem Haus des gewalttätigen Drogendealers Shelton. Keine Spur von ihrer Mutter. Stattdessen findet sie - neben dem zugedröhnten Shelton und dessen Freundin - ein schreiendes und sichtbar vernachlässigtes Baby. Sie entscheidet sich spontan, das Kind mitzunehmen und ins nächste Krankenhaus zu bringen. Da ein Schneesturm losbricht und ihr Auto im Schnee feststeckt, ist sie gezwungen, den Weg ins Krankenhaus zu Fuß zurückzulegen. Percy weiß, dass, sobald die Entführung des Babys entdeckt ist, Ärger droht, wenn nicht sogar Schlimmeres. Der Drogendealer ist für seine Gewalttätigkeit berüchtigt. Natürlich entdeckt Shelton das Verschwinden des Kindes und mobilisiert seine Kumpel, ihm bei der Suche zu helfen. Noch weiß er nicht, dass Percy das Kind genommen hat. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis er ihr auf die Spur kommt.
"Ihre Tränen waren in den Augenwinkeln gefroren. An den Spitzen ihrer schwarzen Haare hing Schnee, und über die weißen Dampfwölkchen, die aus ihrem Mund kamen, hätte ich heulen können, weil sie so winzig waren. Ich kannte dieses Baby erst ein paar Stunden, aber es hatte mir schon ein halbes Dutzend Mal das Herz gebrochen." (S. 74)
Ein Teenager, der ein Baby entführt hat, wird von einem Kriminellen gejagt und hofft auf Rettung.
Darum geht es also in diesem Thriller - wobei ich mich schwer damit tue, diesen Roman auf das Thriller-Genre zu beschränken. Tatsächlich weiß der Autor viel mehr zu erzählen, als "nur" von einer Menschenjagd durch das verschneite Michigan.
Zunächst führt uns der Autor in diese hinterwäldlerische Kleinstadt. Der Ort scheint ausschließlich aus Menschen zu bestehen, die irgendwie über die Runden kommen müssen, zumindest lernt man keine reichen Bewohner dieses Ortes kennen. Und diese Menschen lassen sich in "rechtschaffen" und "kriminell" unterteilen - also "gut" und "böse." Dabei macht der Autor es dem Leser leicht, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Die bösen Buben wirken durch die Bank weg ein wenig "unterbelichtet". Bei einigen mag es am  Drogenkonsum liegen, bei anderen an der mangelnden Schulbildung und was es sonst noch an Ursachen für Beschränktheit gibt.
Quelle: dtv

Beschränktheit scheint im Übrigen eine der Hauptursachen für die Todesfälle, während der Verfolgung von Percy zu sein. Denn was wäre ein Thriller ohne Tote? Hier kommen also Menschen um. Und es wird den Leser freuen, denn i. d. R. sind es die Bösen, die sterben, meistens aus Versehen - Beschränktheit sei Dank!
Dadurch bekommt dieser ungewöhnliche Thriller eine lustige Komponente. Man kann es sich einfach nicht verkneifen, über soviel Dummheit zu lachen. Der Autor Travis Mulhauser spart dabei auch nicht mit schwarzem Humor, was die Dummen noch dämlicher erscheinen lässt.
"Shelton hatte ihn umbringen wollen, aber jetzt war er erleichtert, dass er es nicht getan hatte. Zugleich war es ihm peinlich, wie schlecht er getroffen hatte. Aus nicht mal drei Metern Entfernung schaffte er es nicht, einen Mann in die Brust zu treffen! Vielleicht hatte er ein Problem mit den Augen." (S. 196)
Percy ist alles andere als dumm. Mit ihren 16 Jahren ist sie mehr Erwachsene als Jugendliche. Da sie von kleinauf für ihre Mutter sorgen und Verantwortung für sich übernehmen musste, scheint ihr auch ein großer Teil ihrer Kindheit abhanden gekommen zu sein. Mit den wenigen Möglichkeiten, die sich ihr bieten, versucht sie aus ihrem Leben etwas zu machen. So hat sie ein handwerkliches Talent, das sie in einer Schreinerei sinnvoll einzusetzen weiß und so ihren Lebensunterhalt verdient. Sie scheint nicht in das Umfeld, in dem sie lebt, hineinzupassen. Denn sie versucht, durch die wenigen Chancen, die sich ihr bieten, aus ihrem Leben etwas zu machen. Nur leider bieten sich in einem Ort wie diesem nicht gerade viele Chancen. 
Mich hat die Frage beschäftigt, was Percy dazu bewogen hat, das Baby einfach mitzunehmen. Die Situation hätte sich mit Sicherheit anders lösen lassen. Aber da Percy von kleinauf gelernt hat, für Schwächere da zu sein - bisher war es die Mutter - folgt sie einfach ihrem Bauchgefühl, das ihr sagt, das Baby mitzunehmen. Scheinbar ist hier ein Mensch, der noch weniger Chancen hat als sie. 
"Mamas Liebe war immer kompliziert gewesen und war es bis heute geblieben - sie war gleichzeitig die Sonne, der ich mein Leben verdankte, und der unendliche, kalte Weltraum, durch den ich um sie kreiste." (S. 239)
Fazit
In diesem ungewöhnlichen Thriller trifft Spannung auf Komik! Mich haben die Kontraste in diesem Roman begeistert. Zum Einen haben wir eine düstere und bedrohliche Stimmung, die allein schon durch den Schauplatz hervorgerufen wird: die miefige Kleinstadt inmitten der dunklen Wälder, während eines Schneesturms. Dem gegenüber stehen die dummen bösen Jungs, die durch den schwarzen Humor des Autors für ungeheuer viel Komik sorgen. Das ist eine sehr gelungene Mischung, die beim Lesen für sehr viel Spannung und Unterhaltung sorgt. Leseempfehlung! 

© Renie



ISBN: 978-3-423-26126-5

Freitag, 10. Februar 2017

Hella S. Haasse: Der schwarze See

Quelle: Pixabay/AmberAvalona

Hella S. Haasse beschreibt in ihrem wundervollen Roman "Der schwarze See", der erstmalig 1948 veröffentlicht wurde, eine Freundschaft, die es nicht geben durfte. Dabei entführt sie uns in ein exotisches Land: In den 20er/30er Jahren gehört Java zur niederländischen Kolonie "Niederländisch Indien". Eine Minderheit von Kolonialherren herrscht seit Hunderten von Jahren über die indonesische Bevölkerung.* Auf einer Plantage wachsen zwei Jungen auf. Einer von beiden ist der Sohn des niederländischen Plantagenbesitzers. Der andere ist Urug, der Sohn des eingeborenen Aufsehers der Plantage. Beide Jungen sind gleichaltrig und kennen sich von Geburt an. Inmitten der kolonialen Gesellschaft verbringen die beiden eine unbeschwerte und sorgenfreie Kindheit. Denn Kinder kennen keinen Standesdünkel, für sie verursacht eine andere Hautfarbe Staunen, aber niemals Ablehnung. 
"Es kam mir nie in den Sinn, an der vollkommenen Gleichberechtigung von Urug und mir zu zweifeln, Obwohl ich mir - wenn auch vielleicht nur halb durchlebt - in Bezug auf den Hausboy, die Babu und Danuh, den Gärtner, eines Unterschieds in Rasse und Rang bewusst war, war Urugs Existenz so mit der meinen verwachsen, dass ich im Hinblick auf ihn diesen Unterschied nicht empfand." (S. 38)
So ist es kein Wunder, dass die beiden Jungen auf der Plantage Freunde werden. Gleichaltrig, kaum andere Spielkameraden in der Nähe ... da ist eine Freundschaft vorprogrammiert. Doch je älter die Kinder werden, umso mehr holt sie die hässliche Realität ein. Insbesondere Urug wird schnell deutlich gemacht, dass er einen Makel hat: er ist der Sohn eines Eingeborenen. Das macht ihn von Geburt an minderwertig gegenüber dem weißhäutigen Sohn eines Kolonialherren. So sehen es die Erwachsenen. Urug lernt schnell, wo sein Platz in der Gesellschaft ist.

Der Sohn des Plantagenbesitzers gibt die Geschehnisse rückblickend aus seiner Sicht wieder und bleibt dabei selbst namenlos. Er erinnert sich an die gemeinsame Kindheit, die Anfänge der Freundschaft und an das, was aus dieser Freundschaft geworden ist.

Quelle: Lilienfeld Verlag
Solange die Jungen auf der Plantage sind, ist ihr Umgang miteinander sehr unbeschwert. Erst, als sie in die große weite Welt hinaus müssen, kommt ihre Freundschaft auf den Prüfstand. Die beiden Jungen verlassen die Plantage, um in der nächst größeren Stadt, zur Schule zu gehen und dort zu leben. Ihrem gesellschaftlichen Status entsprechend kommen sie auf unterschiedliche Schulen. Von jetzt an werden die Jungen feststellen, dass ihre Freundschaft immer weiter auseinander driftet.

Sie entfremden sich voneinander und Dinge, die vorher keine Rolle in ihrer Freundschaft gespielt haben, stehen auf einmal zwischen ihnen. Die Erwachsenenwelt hat sie eingeholt. Herkunft und Hautfarbe bestimmen auf einmal ihre Freundschaft.
"Weder Kleidung noch Attitüde konnten ihn zu dem machen, als was er erscheinen wollte: einer von uns." (S. 95)
Die Art und Weise wie Hella S. Haasse diese Geschichte erzählt, hat mich berührt. Sie vermittelt eine zutiefst melancholische Stimmung in einer exotischen Szenerie. Ihr Sprachstil ist klar strukturiert und überzeugt durch seine wohltuende Schlichtheit.
Trotzdem dieses Buch bereits vor über 70 Jahren geschrieben wurde, verblüfft der Text durch eine zeitlose Sprache, was vermutlich auch auf die Übersetzung durch Gregor Seferens zurückzuführen ist, der auch andere niederländische Autoren wie Harry Mulisch oder Maarten t'Haart übersetzt hat. Von Gregor Seferens stammt auch das sehr informative Nachwort zu "Der schwarze See", indem er u. a. sehr intensiv auf die damalige politische Situation in Java eingeht.

Fazit:
Für mich war dieser Roman ein "Entschleunigungsbuch": ein exotischer Schauplatz, eine melancholische Stimmung, eine berührende Geschichte ... und schon taucht man ab in eine Szenerie, die einen den Alltag vergessen lässt. Leseempfehlung!

© Renie



*Die Kolonialherrschaft endete erst Mitte/Ende der 40er Jahre.




ISBN: 978-3-940357-57-1



Über die Autorin
Hella S. Haasse, geboren 1918 in Batavia (dem heutigen Jakarta), steht in den Niederlanden als Autorin in der ersten Reihe der modernen Klassiker. Sie debütierte 1945 mit einem Gedichtband; aber schlagartig berühmt wurde sie 1948 mit ihrem ersten Roman „Der Schwarze See“ (im Original: „Oereog“), der seitdem mehr als fünfzig Wiederauflagen erlebte, in elf Sprachen übersetzt und 1993 auch verfilmt wurde. Ihr Gesamtwerk umfasst viele weitere Romane, Erzählungen, Autobiographisches und Essays. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.?a. 1983 den P. C. Hooftprijs (den niederländischen Staatspreis für Literatur), 2000 das Kreuz der französischen Ehrenlegion und 2004 den Prijs der Nederlandse Letteren. 2011 starb Hella Haasse mit 93 Jahren in Amsterdam. 

Mehr Informationen zu ihrem Leben und ihrem Werk unter www.hellahaassemuseum.nl

Sonntag, 5. Februar 2017

Gabriele Behrend: Humanoid (SF-Geschichten)

Quelle: Pixabay/qimono

Premiere auf meinem Blog! Ich lese Science Fiction!
Dieses Genre war für mich bisher gleichbedeutend mit Raumschiff Enterprise, Star Wars und Isaac Asimov. Nicht, dass ich Science Fiction ablehne. Ich habe mich bisher nur noch nicht damit beschäftigt. Bis ich an den interessanten Kurzgeschichten-Band Humanoid von Gabriele Behrend geraten bin. Die Autorin behandelt in ihren Geschichten die Fragen "Wann sind wir menschlich? Wann funktionieren wir wie Maschinen? Und wie beeinflusst uns eine Zukunft, in der alles möglich scheint?". Kurzum, es geht um das philosophische Thema "Menschlichkeit in der Zukunft".

Die Zukunft, die hier skizziert wird, liegt gar nicht so weit weg. Ich habe in den Geschichten erschreckend viele Parallelen zu unserer heutigen Zeit gefunden, die mich sehr nachdenklich gestimmt haben.

Hier ist ein kurzer Abriss über die einzelnen Geschichten:
In Feierabend macht es sich die Gesellschaft zur Aufgabe, "Gemeingefährliche" ausfindig zu machen und deren Aggressionspotenzial unter Kontrolle zu bringen, bevor sie Unheil anrichten können.
"'...Psychologie ist gut und schön. Aber sie hat sich nicht als effizient erwiesen. Sie kann Mängel nicht in dem Maße nivellieren, wie sie entstehen. Diese Mängel manifestieren sich jedoch früher oder später - meist in Aggression, Gewalt und Unzufriedenheit. Aggressionen aber passen nicht in unsere heutige Gesellschaft, daürber sind wir uns alle einig. Sie überleben jedoch länger in uns, als alle Sozialdesigner gedacht haben. Also müssen wir sie bekämpfen....'" (aus "Feierabend", S. 21)
In Puppenspieler wird das Thema "Häusliche Gewalt in der Zukunft" behandelt.
In Soft Skills, Hard Days wird auf eine besondere Art der Entspannung eingegangen.
Im Schreizimmer wird meditiert.
In Schattenkabinett geht es um Politik und der Gewährleistung ihrer Stabilität.
Improvisationen für S. behandelt eine besondere Kunstform.
Sunny erinnert an einen Thriller mit einem menschlichen Versuchskaninchen.
In einer weiteren Geschichte geht es um Gefühlsechte Kleidung.
Lebendfleisch entführt den Leser in ein Puppenhaus.
Jiddhais Nachbarn zeigt auf, wie Nachbarschaft in der nahen Zukunft aussehen könnte.
Lichtgestalten hat mich stark an eine Weiterentwicklung von "Germany's Next Topmodell" erinnert.
In Letzte Tage wird sich zu Tode gelangweilt.
"Keine Familie. Nicht, dass ich mich erinnern konnte. Wer hatte auch schon Familie heutzutage? Oder Nahfreunde? In einer Welt, in der alle wie die Fliegen sterben, sind enge Bindungen ein Graus. Die Trauer, so habe ich es selbst irgendwann irgendwo erlebt, schneidet beim ersten Mal noch tief ins Seelengewebe und hinterlässt gezackte Wundränder, aus denen salzige Tränen quellen. Doch schlimmer noch ist der Moment, in dem einen egal wird, wenn der Nächste stirbt, weil es ja nur ein Tod von vielen ist. Ein Ereignis, das die eigene Befindlichkeit nur noch am Rande streift." (aus "Letzte Tage, S. 165)

Die Geschichten sind sehr intensiv geschrieben. Insbesondere diejenigen, die aus der Ich-Perspektive erzählt werden, haben mich förmlich mitgerissen. Die Gefühle und Stimmungen, die hier vermittelt werden, übertragen sich auf den Leser, was teilweise sehr aufwühlend sein kann, aber immer ungeheuer spannend. Dazu trägt auch der metaphorische Sprachstil der Autorin Gabriele Behrend bei. Sie schafft es,  Bilder im Kopf zu erwirken, die einen das Buch ungern aus der Hand legen lassen möchten.

Gabriele Behrend ist auch eine sehr talentierte Illustratorin. Sie hat diesen Kurzgeschichtenband mit ihren eigenen Farbzeichnungen versehen. So findet sich zu Beginn jedes Kapitels eine Illustration, die den Leser eindrucksvoll auf den nachfolgenden Text einstimmt.

Fazit:
Ein spannendes und interessantes Buch mit Science Fiction-Geschichten, die eine Zukunft skizzieren, die gar nicht so weit weg erscheint. Klare Leseempfehlung!


ISBN: 978 3 942533 50 8


Donnerstag, 2. Februar 2017

Maxwell Bodenheim: Schwarzes Herz


Maxwell Bodenheim (1892 - 1954) war nicht nur ein bedeutender amerikanischer Schriftsteller, sondern hat auch durch einen außergewöhnlichen Lebensstil Aufmerksamkeit erregt: "König der New Yorker Bohème", dreimal verheiratet, Trinker, Bettler, wegen Landstreicherei verhaftet. Und trotz seiner Eskapaden hat er es zu 13 Romanen und 10 Gedichtbänden gebracht, bevor ihn der psychisch gestörte Liebhaber seiner Frau im Kampf getötet hat. Er ist also abgetreten, wie er gelebt hat: spektakulär!

Schwarzes Herz hat Bodenheim 1923 veröffentlicht. Darin beschreibt er einige Jahre im Leben seines Protagonisten Carl Felman. Carl, Anfang 20, sieht sich selbst als verkannten Dichter. Er hat sich der Lyrik verschrieben. Leider lässt seine Kreativität zu wünschen übrig, denn er holt sich seine Ideen aus den Werken anderer Poeten. Er hat eine Schwäche für "Blümchen"-Poetik und sieht sein Schreiben als den einzig für ihn vorbestimmten Weg, aus dem Alltag auszubrechen. Er lebt noch bei und von seinen Eltern, bei denen er mit seiner Leidenschaft  auf Unverständnis und Ablehnung stößt. Für sie sind seine schriftstellerischen Ambitionen Hirngespinste und sie legen ihm nahe, seine Energien in einen "anständigen" Beruf zu investieren und endlich selbst für seinen Unterhalt zu sorgen.
" ..., doch er war ein Sklave der Überzeugung, dass Dichtung eine dünne aristokratische Erfahrung darstellte, in der verklärte, edle und lächerlich gekünstelte Gedanken und Missvergnügen auf die Gedankensprünge und das Getümmel der wahren Welt blickten - bleiche, verwaschene Prinzen, die untereinander um Schmuckgegenstände zankten, die man Reim und Versmaß nannte." (S. 85)
Carl fühlt sich also unverstanden. Doch er ist zu selbstherrlich, als dass er sich von der Meinung der anderen beeinflussen lässt. Seine Selbstherrlichkeit geht soweit, dass er für seine Mitmenschen nichts als Überlegenheit und Verachtung empfindet, was er sie auch auf unterschiedliche Art spüren lässt. Seine Lieblingswaffe im Umgang mit anderen ist seine Sprache. Er ist ein wahrer Wortakrobat und schafft es immer wieder, andere durch seine Ausdrucksweise zu verwirren.

So talentfrei Carl in seiner Poesie ist, schafft er es doch, bei einer Literaturzeitung Beachtung zu finden. Nicht, weil die Gedichte, die er eingeschickt hat überzeugen konnten, sondern weil sie Ansätze zeigen, die ausbaufähig sind. Carl bekommt dadurch Zugang zur Künstlerszene. Fortan tummelt er sich mit mehr oder weniger erfolgreichen Schriftstellern und Malern. Man sollte meinen, dass er sich hier gut aufgehoben fühlt. Trotzdem gibt es immer wieder die Momente, wo er in die Rolle des spöttischen Beobachters schlüpft und sich über seine sogenannten Freunde lustig macht.
"Für ihn waren Streitgespräche über Kunst wie die Possen eines Schildermalers, der das kostbare Etikett verteidigt, mit dem er einige der indiskreteren und unmöglicheren Sehnsüchte in seinem Inneren übermalt hat - ein Beispiel starren Unsinns. Er spürte, dass man sogenannte Kunstwerke mit neuen, unabhängigen und kreativen Worten beschreiben und bewundern, niemals jedoch verteidigen oder erklären kann. Für ihn stellten Bücher über Kunst einen vergeblichen und mikroskopischen Versuch dar, Logik in eine dekorative Kuriosität zu injizieren." (S. 176 f.)
Irgendwann kommt der Moment, bei dem der Menschenverächter Carl seine Grenzen aufgezeigt bekommt und entdeckt, dass er nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Fortan ist dies Olga, seine Seelenverwandte und große Liebe. Er kann sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen.

Dieser Roman besticht gar nicht so sehr durch seine Geschichte, als eher durch seine Sprache. Ich habe bis jetzt noch keinen vergleichbaren Sprachstil erlebt. Maxwell Bodenheim gibt exakt Carl's Wortakrobatik wieder. Und genau, wie es Carl's Mitmenschen ergeht, habe ich mich selbst häufig bei der Frage ertappt:"Was will er uns damit sagen?". Das macht das Lesen nicht einfach, denn die Konzentration darf in keinem Moment nachlassen. Bodenheim liefert dabei eine Schlacht der Vergleiche und Metaphern, die ihresgleichen sucht. Und doch hat die Sprache eine große Faszination auf mich ausgeübt, so dass ich mich gefragt habe, ob der Sprachstil der Charakterisierung von Carl geschuldet ist, oder ob dies generell der Sprachstil des Autors ist. 
"Auf den von Menschenmassen geknechteten Straßen kritzelten elektrische Glühbirnen ihre trivialen Botschaften in die Nacht, während das Tageslicht verzweifelt versuchte, seine scheckige Decke über der Szenerie auszubreiten." (S. 22)
Dieser Roman wird seine Leser polarisieren. Entweder wird man ihn lieben, oder man wird ihn ablehnen. Einen Kompromiss wird es nicht geben. Leser, die Spaß an ungewöhnlichen Sprachstilen haben, werden diesen sprachgewaltigen Roman lieben. Leser, die Sprache lediglich als Werkzeug ansehen, um eine Geschichte zu erzählen, werden diesen Roman ablehnen, weil sie die Sprache als völlig überfrachtet empfinden werden. Da ich bei meinem Lesestoff immer großen Wert auf den Sprachstil legen, gehöre ich natürlich zur ersten Kategorie und freue mich über die Entdeckung dieses ungewöhnlichen Romanes und seinen Autor ;-)

© Renie




ISBN: 978-3-944153-08-7

Sonntag, 29. Januar 2017

John Fante: 1933 war ein schlimmes Jahr

Quelle: pixabay/MiriamPereluk
"Ein Kultautor und sein vergessener Roman"! Das ist John Fante mit seinem Roman 1933 war ein schlimmes Jahr. Sogar das sonst so gespaltene Literarische Quartett war sich im Dezember bei der Bewertung dieses Romanes einig und hat sich zu einer 4:0-Wertung herabgelassen. Ich habe das Buch bei einer Leserunde bei Whatchareadin gelesen. Mal sehen, wie hier die Wertung ausgefallen ist ....

Schauplatz dieses Romanes ist eine amerikanische Kleinstadt am Fuß der Rocky Mountains in den 30er Jahren. Dominic Molise, 17 Jahre, säbelbeinig, sommersprossig, rothaarig, etwas größer als ein Hobbit, lebt hier mit seiner italienischstämmigen Familie in sehr einfachen Verhältnissen. Das Geld ist immer knapp. Die Zukunftsaussichten sind hundsmiserabel. Dom träumt von einer Baseball-Karriere. Baseball ist sein Lebensinhalt, dafür tut er alles. Er trainiert wie ein Besessener, hätschelt seinen Wurfarm und gibt sich seinen Fantasien hin, eines Tages in der Profiliga mitzuspielen.
Doch sein Weg ist vorbestimmt. Sein Vater, der die Familie mehr schlecht als recht als Maurer ernährt, erwartet von seinem Sohn, dass dieser in seine Fußstapfen tritt und ihn zukünftig bei dem Unterhalt der Familie unterstützt. Von Dom's Traum möchte er zunächst nichts wissen. 
"Das war's also. Das ganze Buch. Die tragische Geschichte von Dominic Molise, geschrieben von seinem Vater. Teil eins: Nervenkitzel Steineklopfen. Teil zwei: Spiel und Spaß im Sägewerk. Teil drei: Wie man sich vom eigenen Vater das Leben verderben lässt. Teil vier: Hier ruht Dominic Molise, gehorsamer Sohn." (S. 32)
Quelle: Aufbau/Blumenbar
Dom's Eltern führen eine Ehe, die mehr Schein als Sein ist. Die Mutter gibt sich ihrer Frömmigkeit hin, der Vater flüchtet vor seiner bigotten Frau, indem er viel Zeit mit seiner Geliebten verbringt. Hier bekommt er scheinbar die Geborgenheit und Zuneigung, die ihm seine Frau vorenthält. Dom ist zwiegespalten. Einerseits hat er gelernt, Vater und Mutter zu ehren, und dass die Ehe seiner Eltern eine Verbindung ist, die anhalten sollte, bis dass der Tod sie scheidet. Doch erkennt er auch, dass die beiden ihre Liebe zueinander schon längst verloren haben. 

Dom hat auch genug mit sich selbst zu tun. Als pubertärer 17-Jähriger lebt er in einem ständigen Gefühlschaos. Oftmals spielen seine Hormone verrückt. Insbesondere dann, wenn er in die Nähe des Objektes seiner Begierde kommt: die Schwester seines besten Freundes Ken ist zwar älter als er, lässt aber seine Fantasien zur Höchstform auflaufen. Ken's Familie gehört zur reichen Gesellschaft der Stadt. Trotzdem verbindet die beiden Jungen eine tiefe Freundschaft. Ken teilt Dom's Traum von einer Baseball-Karriere und überredet ihn, zusammen auszureißen und ihr Glück gemeinsam bei einem Profiverein suchen.
"Mit spätestens 19 werde ich bereit sein für den großen Erfolg, entweder bei den Cubs oder bei den Phillies, das ist mir egal. Schenk mir die Zeit bis dahin und noch zehn Jahre dazu, lieber Gott, ein knappes Dutzend Jährchen insgesamt, mehr brauche ich nicht, dann kannst du mich gerne totschlagen, wenn es dir gefällt; die zwölf Jahre werden genug für jede Menge Baseball sein, zwölf Baseball-Meisterschaften zu je dreißig Partien, das macht dreihundertsechzig Spiele, viele tausend Würfe und reichlich Gelegenheit für Dom Molise, seinen Namen in der Ruhmeshalle der Unsterblichen zu verewigen." (S. 12)
Der Roman vermittelt von Anfang an eine melancholische Stimmung. Natürlich ist er aus der Sicht von Dom geschrieben. Schon mit den ersten Sätzen hat man ihn in ins Herz geschlossen. Er ist sensibel, kümmert sich um seine Familie, ist sogar bereit, seinen Traum hintenan zu stellen. Das macht aus ihm eine tragische Figur. Denn letztendlich wünscht man ihm, dass es ihm gelingt, seinen Traum zu leben, weiß allerdings auch, dass seine Herkunft der Erfüllung seines Traumes im Wege steht. 
Stellenweise ist der Roman sehr komisch. Insbesondere die Darstellung der pubertären Irrungen und Wirrungen von Dom sind ein echtes Highlight. Sehr lustig ist auch die Beschreibung von Grandma Bettina, die kein Wort Englisch spricht, Englisch nur dann versteht, wenn sie muss und allem Amerikanischen gegenüber misstrauisch ist. Dabei hält sie mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg - auf Italienisch natürlich!

John Fante war 54 Jahre alt, als er "1933 war ein schlimmes Jahr" geschrieben hat. Er hat in diesen Roman viel von seiner eigenen Geschichte einfließen lassen. Als Kind italienischer Einwanderer ist er selbst in einer Kleinstadt in Colorado aufgewachsen. Das eindrucksvolle Nachwort von Axel Capus, der diesen Roman übersetzt hat, liefert viele Informationen zu John Fante, beschreibt seinen Lebensweg und gibt einen Einblick in das Werk des Autors. John Fante starb 1983. Dieser Roman ist posthum veröffentlicht worden.

Fazit:
Wie anfangs erwähnt habe ich diesen Roman in einer Leserunde bei Whatchareadin gelesen. Nicht nur ich bin von diesem Roman begeistert. Denn das einstimmige Urteil der Leserundenteilnehmer lautet 10:0 für diesen Roman. Deutlicher geht es nicht ;-)

© Renie




ISBN: 978-3-351-05031-3 



Über den Autor:
John Fante, geb. 1909 in Denver als Sohn italienischer Einwanderer, zog als Mittzwanziger nach L.A. In einer Stadt, die aus Filmträumen bestand, war er mehr als fehl am Platz, und so entstand sein unnachahmlicher Stil aus innerer Zerrissenheit, Großmut und erlösenden Rachegelüsten. Sein erster Roman „Warte auf den Frühling, Bandini“ wurde 1938 veröffentlicht, im Jahr darauf folgte „Warten auf Wunder“. Er starb 1983 an einer Folge seiner Diabetes-Erkrankung. Posthum verlieh man ihm den PEN Award für sein Lebenswerk. (Quelle: Blumenbar)

Donnerstag, 26. Januar 2017

David Garnett: Mann im Zoo

Quelle: Pixabay / Antranias
Da streiten sich zwei Liebende und am Ende landet einer von den beiden als Ausstellungsobjekt im Zoo. David Garnett hat in seinem Roman "Mann im Zoo" ein Szenario entwickelt, das, so unglaublich wie es ist, doch einen gewissen Reiz ausübt.

Der Roman beginnt mit einem Besuch in besagtem Zoo. Der Leser kommt dabei in den unterhaltsamen Genuss, dem Streit zweier Liebender beizuwohnen. Josephine und John haben jeder für sich einen starken Willen, den sie mit aller Macht durchsetzen wollen. Keiner will nachgeben, denn Nachgeben bedeutet, dem anderen gegenüber schwach zu sein. Unvorstellbar für zwei Charakterköpfe wie Josephine und John.

Worum es bei dem Streit geht? Er verlangt von ihr, dass sie sich zu ihm bekennt und sich von allen anderen, die ihr wichtig sind, lossagt. Aus "Liebe", versteht sich!
"Entweder du liebst mich oder du liebst mich nicht. Wenn du mich liebst, wird dir der Preis, die anderen für mich zu opfern, nicht zu hoch sein." (S. 16)
Tja, John scheint ein merkwürdiges Verständnis von einer Beziehung zu haben. Wen wundert es, dass Josephine sich mit allem, was sie hat, zur Wehr setzt. Frau ist doch nicht übergeschnappt!
Mit Vernunft ist John nicht beizukommen. Stur bleibt stur. Stattdessen greift er einen nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag der, bis auf's Blut gereizten Josephine auf: 
"Du bist Tarzan bei den Affen; du gehörst in den Zoo. Die Sammlung hier ist nicht vollständig ohne dich." (S. 17)
Quelle: Kirchner Kommunikation 
Und schon setzt er diesen Vorschlag in die Tat um. Denn
"dieser Mann war ebenso stolz wie störrisch, weshalb er im Affekt Beschlossenes so weit trieb, bis es kein Zurück mehr gab." (S. 19)
Aber verstehe jemand die Frauen. Josephine stürzt von einem Gefühlschaos ins nächste: Wut, Verzweiflung, Sorge, Sehnsucht, mal verflucht sie ihn, mal will sie ihn wieder haben. Am Ende kann sie nicht ohne ihn.

Was bringt jemanden dazu, sich wie ein Tier im Zoo ausstellen zu lassen und das am Ende noch zu genießen? Denn genau das passiert mit John. Anfangs ist dies eine ungewohnte Situation, die er jedoch aufgrund der Regeln und Bedingungen, die er für seinen Aufenthalt mit der Zoodirektion ausgehandelt hat, bestens meistert. Er ignoriert die Zoobesucher weitestgehend, hat sogar eine Rückzugsmöglichkeit, die ihm ein wenig Privatsphäre garantiert. Zu Beginn stehen die Zoobesucher Schlange, um ihn zu begaffen. Doch wie bei so vielen Attraktionen lässt das Interesse an ihm mit der Zeit nach.
"Ihn zogen stets jene Tiere im Garten an, die sich nicht um ihre angeborene Wildheit hatten bringen lassen. In seiner verzerrten Wahrnehmung kam es ihm vor, als hätten sie sich ihre Selbstachtung bewahrt." (S. 78 f.)
John's Leben im Zoo garantiert ihm ein hohes Maß an Individualität. Es ist ihm ein Graus, in der breiten Masse unterzugehen, sich fremden Regeln zu unterwerfen und sein Leben nach anderen auszurichten. Wieviel Komfort bietet ihm da der Zoo: die Alltagsregeln hat er selbst definiert, er muss sich nicht mit seinen Mitmenschen auseinandersetzen, kann in seiner kleinen Welt tun und lassen, was er will. Wenn da nur nicht die Liebe wäre.

Fazit:
David Garnett hat mit seinem Buch „Mann im Zoo“ einen kleinen, aber feinen Roman geschrieben, der viele philosophische Interpretationsansätze liefert. Dabei zeichnet er sich durch eine sehr lebhafte Sprache aus, die das Lesen sehr kurzweilig und unterhaltsam macht. Stellenweise ist der Roman sehr komisch, fast schon grotesk, dann wieder stimmt er sehr nachdenklich. Sein Leben nach den eigenen Regeln leben zu können, ohne auf andere Rücksicht nehmen zu müssen, ohne sich gesellschaftlichen Zwängen zu unterwerfen – ein reizvolles Szenario. Aber letztendlich ist der Mensch ein Herdenvieh und kann nicht ohne andere, wie der Roman am Ende beweist.

© Renie


ISBN: 9783038200406

Über den Autor:
David Garnett, am 9. März 1892 in Brighton geboren, war Schriftsteller, Buchhändler, Verleger, Kritiker und Mitglied der »Bloomsberries«. Dame zu Fuchs (1922) war der erste Roman, den David Garnett unter eigenem Namen veröffentlichte. Er erhielt dafür mehrere Preise. In zweiter Ehe war er mit Angelica Bell verheiratet, der Tochter seiner Freunde aus der Bloomsbury-Gruppe, den Malern Vanessa Bell und Duncan Grant, mit denen er eine Zeit lang in Charleston Farmhouse zusammengelebt hatte. Duncan Grant ist dieser Roman auch gewidmet. David Garnett verstarb am 17. Februar 1981. (Quelle: Dörlemann)