Donnerstag, 23. März 2017

Bernd Schroeder: Warten auf Goebbels

Quelle: Pixabay/PDPics
In dem satirischen Roman "Warten auf Goebbels" von Bernd Schroeder wird - wie der Name schon sagt - gewartet, nicht nur auf Goebbels, sondern auch auf das Ende des 2. Weltkrieges. Wir befinden uns im Jahr 1944. Und während wir warten, lässt uns der Autor an den Dreharbeiten zu einem Propagandafilm teilhaben, dessen Drehbuch Goebbels geschrieben haben soll. Das munkelt man zumindest. Dieser Film soll rechtzeitig zum Ende des Krieges fertig sein, um dem heroischen deutschen Sieg über den Rest der Welt ein filmisches Denkmal zu setzen. Das ist zumindest der Plan....
"Höhepunkt des Films wird ein großes Siegesfest sein, mit allen verfügbaren Vereinen und Formationen und der Ehrung der Helden, mit Musik und einem Gastredner aus der Spitze der Partei. Wer das sein wird, teilt man rechtzeitig mit." (S. 21)
Irgendwo in der Lüneburger Heide, in einem kleinen Ort namens Altenburg, hat sich die Filmcrew einquartiert: Schauspieler, Regisseur, Produktionsleiter, nebst Assistenten sowie Kameramann, und wer sonst noch bei einem Filmdreh benötigt wird. Sie alle sind Deutsche von Goebbels Gnaden. Hitlers Propagandaminister hat eine Auswahl der - seiner Meinung nach - fähigsten Cineasten getroffen. Glücklich können sich diejenigen preisen, die er auserwählt hat, denn das Engagement bewahrt sie vor dem Einsatz an der Front bzw. vor dem Dienst in der Waffenindustrie. Es sind nicht unbedingt die Talentiertesten, die Deutschlands Filmwelt zu bieten hat, aber es sind Goebbels Liebsten, was Qualifikation genug ist.

Nicht alle sind von der Ideologie des Nationalsozialismus vereinnahmt worden. Kaum einer glaubt noch an den prophezeiten Endsieg Hitlers. Was zählt, ist, dass jeder, der zur Filmcrew gehört, in Sicherheit ist. Denn Altenburg kommt dem "Ort, in dem die Welt noch in Ordnung ist" im kriegsgebeutelten Deutschland noch am nächsten. Die Angriffe der Jagdbomber der Alliierten sind zwar lästig. Aber so, wie sie angeflogen kommen, verschwinden sie auch wieder. Die verursachten Schäden halten sich dabei in Grenzen, denn sicher gibt es lohnendere Ziele als ein Dorf irgendwo in der Heide.

Es geht das Gerücht, dass Goebbels der Verfasser des Drehbuchs ist. Im Großen und Ganzen geht es um die Heimkehr eines Soldaten von der Front, der wieder glücklich in den Schoß seiner Familie zurückkehrt. Deutschland steht kurz vor dem Endsieg und ist daher in Feierstimmung. Irgendwo hat sich Goebbels in das Drehbuch hineingeschrieben. Daher liegt die Vermutung nahe, dass der eitle Minister sich selbst spielen wird. Der Dreh der Goebbels-Szene wird hinausgezögert. Denn man wartet darauf, dass er endlich auftaucht.
"' ..., ob Goebbels wirklich hierherkommt, das steht doch ohnehin in den Sternen. Womöglich hat der doch in diesen Zeiten Wichtigeres zu tun. Obwohl, die Eitelkeit!'" (S. 117)
Quelle: Hanser
Nicht nur die Filmcrew wartet, der Leser wartet auch. Und in der Zwischenzeit wird dem Leser die Wartezeit mit einer satirischen Handlung versüßt, die viele komische Momente hat, aber auch nachdenklich stimmt.

Hauptsächlich konzentriert sich die Handlung auf die Filmarbeit. Es werden unterschiedliche Szenen gedreht, die sich zunächst kaum von der eigentlichen Handlung unterscheiden. Erst, wenn man ein paar Sätze gelesen hat, stellt man fest, dass man sich tatsächlich in einer Filmszene befindet. Die Filmcrew ist ein bunter Haufen eitler Charakterköpfe. Derjenige Charakter, der mir den größten Spaß bereitet hat, ist der Hauptdarsteller des Films: Karl Molitor, despektierlich Molli genannt. Der Autor Bernd Schroeder stellt ihn sehr gelungen als Witzfigur dar: ein quengeliger, übergewichtiger, sich selbst überschätzender Schauspieler, dessen bessere Zeiten längst vorbei sind. Zudem noch eine Fehlbesetzung für die Rolle des schneidigen und heroischen Filmhelden, die eigentlich für Hans Albers vorgesehen war. Doch der hatte Besseres zu tun.

Bernd Schroeder stellt uns die einzelnen Crewmitglieder vor, in dem er ihnen eigene Kapitel widmet, in denen ihre Herkunft, ihr Werdegang und ihre Gesinnung beleuchtet werden.

Erwartungsgemäß gehen die Mitglieder der Filmcrew nicht gerade zimperlich miteinander um. Konkurrenzgehabe ist an der Tagesordnung. Insbesondere Regisseur und Produktionsleiter sind sich spinnefeind und belauern sich. Der Herr Produktionsleiter gehört zu den Linientreuen in der Crew und überwacht misstrauisch die Gesinnung seiner Kollegen. Der Regisseur Konrad Eisleben hat schon längst seinen Glauben an den Nationalsozialismus verloren - wenn er ihn denn überhaupt jemals hatte. Er sieht sich in der Verantwortung, seine Mitarbeiter vor dem Fronteinsatz zu bewahren, zu dem sie unweigerlich eingezogen werden, sobald ihr filmisches Engagement beendet ist. Daher entwickelt Eisleben nahezu meisterhafte Strategien, um dieses Engagement hinauszuzögern. Er schreibt Rollen um, baut sie aus und macht Mitarbeiter somit unverzichtbar für den Erfolg des Filmes.
"..., dass keiner der Regisseure, mit denen sie gearbeitet habe, so viel Wert auf beste Drehbücher, geschliffene Dialoge, auf Qualität gelegt habe wie er, und nun mühe er sich hier unter seinem Niveau an einer Schmonzette ab, die sich irgendein Arsch im Propagandaministerium ausgedacht habe, möglicherweise Humpelstilzchen selbst. 

Ob sie denn noch immer nicht begriffen habe, dass es hier nicht um filmische Qualität, um Kunst gehe, sondern ums nackte Überleben." (S. 130)
Zu einem authentischen Propagandafilm der Nationalsozialisten gehören natürlich auch Juden. Der Feind braucht schließlich ein Gesicht. Doch wir befinden uns im Jahre 1944. Es gibt keine vorzeigbaren Juden mehr in Deutschland. Die Nazis haben ganze Arbeit geleistet. Und, dass ein Arier einen Juden spielt, ist undenkbar. Also lässt man ein jüdisches Schauspieler-Ehepaar aus dem KZ holen. Und auch hier greifen wieder Eislebens Überlebensstrategien. Das Ehepaar muss erst wieder aufgepäppelt und vorzeigbar gemacht werden, bis es die zugedachten Rollen im Film übernehmen kann. Und das kann dauern ....

Die Handlung dieses Romans wird immer wieder unterbrochen von Berichten über Angriffe der Alliierten und den Schäden, die die deutsche Städte und ihre Bevölkerung dabei davongetragen haben. Und auch wenn jeder auf Goebbels wartet, ist er doch immer präsent. Denn Bernd Schroeder porträtiert den Propagandaminister in mehreren Episoden, die die eigentliche Handlung unterbrechen und skizziert somit das Bild eines eitlen und machtbesessenen Opportunisten.
Diese Unterbrechungen der Handlung sind notwendig und gelungen, rufen sie dem Leser doch in Erinnerung, dass trotz aller Komik, die dieser Roman zu bieten hat, die Geschichte einen ernsten Hintergrund hat.

Fazit:
Dieser Roman hat mich begeistert. Trotz aller Komik ist es doch ein Buch "Gegen das Vergessen". Und das muss ein Autor erst mal hinbekommen: mit viel Witz an ein ernstes Thema heranzugehen und trotzdem respektvoll zu bleiben. Genau das ist Bernd Schroeder gelungen. Ganz großes Kino!

© Renie





Über den Autor:
Bernd Schroeder, geboren 1944 im heute tschechischen Aussig, wuchs im oberbayerischen Fürholzen auf. Er lebt in Berlin. Als Autor und Regisseur zahlreicher Hör- und Fernsehspiele erhielt er 1985 den Adolf-Grimme-Preis und 1992 den Deutschen Filmpreis. Zuletzt erschienen bei Hanser: Hau (Roman, 2006), Alte Liebe (Roman, 2009, mit Elke Heidenreich), Auf Amerika (Roman, 2012), Wir sind doch alle da (Roman, 2015) und Warten auf Goebbels (Roman, 2017). (Quelle: Hanser)

Montag, 20. März 2017

Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo

Quelle: Pixabay / klimkin

Niroz Malek lebt in Aleppo. Immer noch. Viele seiner Landsleute haben bereits ihre kriegsgebeutelte Heimat verlassen und sind ins Ausland geflüchtet. Nicht so Niroz Malek. Was ihn von einer Flucht abhält ist die Liebe .... zu seinen Bücher, zu seiner Musik und zu seinem Land.
Niroz Malek beschreibt in seinem Buch "Der Spaziergänger von Aleppo" in 57 Episoden seinen Alltag, seine Ängste, seine Träume und seine Erinnerungen.

Syrische Flüchtlingsfamilien sind längst Bestandteil unseres deutschen Alltags geworden. In den Medien wird man täglich mit Bildern aus dem Krisengebiet Syrien konfrontiert. Sicher, die Bilder sind schrecklich. Aber wie schrecklich ist es erst, einen Krieg am eigenen Leib zu erfahren? Für die meisten von uns ist dies unvorstellbar. Es gibt nur noch wenige, die den 2. Weltkrieg miterlebt haben und sich daran erinnern, welche Gräuel mit einem Krieg verbunden sind. Wir anderen können es nur erahnen. Insofern lässt uns Niroz Malek durch seine Erzählungen an einem Leben teilhaben, das wir hoffentlich niemals erleben werden.

Seine Sammlung von - der Verlag nennt es treffend - "Miniaturen" entführt uns in den Alltag des Autors. Seiner Welt sind Grenzen gesetzt, die immer enger gezogen werden. Schon längst kann er sich nicht mehr frei in der Stadt bewegen. Jeder Gang wird zu einem Risiko für das Leben. Der Feind, der sein Leben bedroht, wird verkörpert von den sogenannten Checkpoints. Dies sind militärische Stützpunkte auf den Straßen Aleppos, die scheinbar willkürlich eingerichtet werden. Niroz Malek fühlt sich von diesen Checkpoints belauert. Als Leser zieht man unweigerlich den Vergleich zu einer Meute wilder Tiere, die auf Beutejagd geht.
"Aber wenn die Umstände mich zwingen, aus dem Haus zu gehen, dann muß ich notgedrungen an Dutzenden Checkpoints der Sicherheitskräfte vorbei; ich begegne Hunderten vermummten Männern, die nichts mit diesem Land verbindet, sondern die zu einer dir fremden Welt gehören! Sie halten dich ganz unvermittelt an, kriechen in deine Taschen, durchsuchen sie aus Angst davor, dort könnte irgendeine Bande stecken oder ein mit Sprengstoff beladenes Auto, ..." (S. 63)
Maleks Wohnung ist sein Zufluchtsort. Hier lebt er inmitten seiner Bücher und Musik, freut sich an Erinnerungen und schreibt. Hier schöpft er die Kraft, um dem Kriegsalltag mit neuem Mut zu begegnen.

Seine Miniaturen sind Briefe an seine Tochter, Nacherzählungen seiner Träume, Berichte über den Alltag. Er vermischt Wirklichkeit, Erinnerung und Fantasie. Gerade die Briefe an seine Tochter, die vor einigen Jahren mit Mann und Kindern das Land verlassen hat, verdeutlichen seine Einsamkeit. Er hat sie und seine Enkelkinder seit Jahren nicht mehr gesehen.

Die Menschen, von denen der Autor berichtet, sind alte Weggefährten, Nachbarn und Zufallsbekanntschaften. Viele leben noch, andere sind bereits gestorben. Unweigerlich setzt sich Malek in seinen Miniaturen mit dem Tod auseinander. 

Trotz der permanenten Bedrohung zieht es Malek in die Straßen von Aleppo. Er versucht, einen geregelten Alltag zu führen und hält an Gewohnheiten aus der Zeit vor dem Krieg fest. So sucht er regelmäßig die Cafés auf, trifft sich mit Freunden und versucht so, ein Stück Normalität zu bewahren.
Doch die Freunde werden immer weniger. Viele sind vor dem Krieg geflohen, andere wiederum sind gestorben - erschossen oder bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen.

In diesem Buch fällt häufiger der Satz "Das Schreiben über diesen Krieg ist schmerzhaft, sehr schmerzhaft." Und man kann Malek verstehen. Sein Leben in Aleppo ist von Schmerz geprägt. Schmerz durch den Verlust von Freunden, Schmerz durch den Verlust eines einst glücklichen Alltags, Schmerz durch die Zerstörung seiner Heimat.
Doch das hält ihn nicht davon ab, sich an den kleinen Dingen in seinem Leben im Kriegsgebiet zu erfreuen. Das Elend und die Bedrohung um ihn herum, haben seinen Blick für diese kleinen Dinge geschärft. Und solange es ihm gelingt, an diesen Dingen festzuhalten, bleibt ihm die Hoffnung, dass eines Tages wieder Frieden in seinen Alltag einkehrt.
Und ich wünsche ihm aus tiefster Seele, dass er diesen Tag erleben wird.

Maleks Buch endet mit einem Nachwort, das er im Dezember 2016 verfasst hat. Allein dieses Nachwort ist es wert, dieses beeindruckende Buch zu lesen. Der Syrer beschreibt die Hintergründe dieses fürchterlichen Krieges in seinem Land. Er beschreibt, was dieser Krieg aus ihm und seinen Landsleuten gemacht hat. Die Gefühlslage des Autors trifft den Leser dabei mit voller Wucht. Das Buch endet mit folgenden Worten:
"Zum Schluß wünsche ich mir, daß dieser bis heute andauernde Krieg endet. Ich wünsche mir, daß jeder Syrer in seine Heimat zurückkehrt, in seine Stadt, sein Dorf, sein Haus. Daß die Syrer ihr Land wieder aufbauen. Daß sie Gräber ausheben, um ihre Toten angemessen zu bestatten, die Toten beider Seiten des Konflikts, und daß sie vor jedem Grab eine hochaufragende Zypresse pflanzen und diese mit einem Blumenbeet umgeben. Und daß der Frieden Einzug hält." (S. 136 f.)
Dem möchte ich nichts mehr hinzufügen.

© Renie





Über den Autor:
Niroz Malek wurde 1946 in Aleppo geboren. Er hat bislang acht Bände Erzählungen und sechs Romane veröffentlicht. Der Spaziergänger von Aleppo erschien zuerst auf französisch bei Le serpent à plumes. Das Buch wurde mit dem Prix Lorientales 2016 ausgezeichnet und inzwischen auch ins Schwedische übersetzt. (Quelle: Weidle)



Donnerstag, 16. März 2017

Olivier Bourdeaut: Warten auf Bojangles

Quelle: Pixabay / AliceKeyStudio
Es war einmal eine Familie - Vater, Mutter, Sohn -, die war so herzerfrischend unkonventionell und bedingungslos in ihrer Liebe zueinander, dass es eine Wohltat war, an ihrem Familienleben teilzuhaben. Am liebsten wurde gelacht, hauptsächlich über das Leben. Es schien, als ob nichts dieses Dreigespann auseinander bringen konnte. Vater und Mutter waren glücklich und hatten im Partner die Liebe ihres Lebens gefunden. Der Sohn schien das Glück perfekt zu machen....

Dies erwartet den Leser in dem Roman "Warten auf Bojangles" des Franzosen Olivier Bourdeaut. Die Geschichte wird zunächst aus der Sicht des Sohnes erzählt. Der Alltag in dieser Familie ist von Spaß und Lachen geprägt. Man setzt sich über sämtliche Konventionen hinweg. Die Außenwelt scheint nur die Bühne für das Schauspiel dieser Familie zu sein, das als Komödie beginnt und zum Ende des Buches als Tragödie endet.

Wenn der Sohn über den Alltag der Familie berichtet, schwankt man als Leser zwischen Unglauben und Faszination; zu fantastisch und urkomisch sind die Dinge, die der Junge über seine Familie berichtet. Was spielt sich also in der Fantasie des Jungen ab, und was ist Wirklichkeit? Doch letztendlich ist die Antwort auf diese Frage unwichtig, denn man lässt sich gern von der Ungezwungenheit dieser Familie verzaubern. Vielleicht wird man auch ein bisschen Neid empfinden. Denn wer würde nicht auch gern unbeschwert und sorglos leben, ungeachtet aller Konventionen. Nur leider steht einem meistens die eigene Vernunft im Weg.
"In einer Ecke des Eingangsflurs türmte sich ein Briefberg, der entstanden war, weil meine Eltern alle Post, die sie erhielten, ungeöffnet dort hinwarfen. Der Berg war so eindrucksvoll groß, dass ich mich auf ihn schmeißen konnte, ohne mir wehzutun; es war ein lustiger, weicher Berg, und er war Teil der Einrichtung. Manchmal sagte mein Vater zu mir: 'Wenn du nicht brav bist, lass ich dich die Briefe öffnen und sortieren!'" (S. 19)
Der Erzählstil von Olivier Bourdeaut hat etwas Schelmenhaftes und überzeugt durch seine Leichtigkeit. Das Leben wird hier nicht besonders ernst genommen. Am liebsten wird gelacht, und der Leser lacht mit.
Im Verlauf der Geschichte wechselt die Erzählperspektive zeitweilig auf den Vater. Von ihm erfährt der Leser, wie sich das Ehepaar seinerzeit kennengelernt hat.

Die Mutter ist eine sehr charismatische Person. Sie ist witzig und originell. Mit ihrem natürlichen Charme erobert sie Herzen im Sturm. So auch das ihres Mannes. Sie ist aber auch ein sehr emotionaler und launischer Mensch. Sie pfeift auf die anderen, einzig ihre Familie ist wichtig. Sobald das Wohlergehen ihrer Familie bedroht ist, wird sie zur Furie. Man sollte sich also nicht mit ihr anlegen.
Oft hat der Leser den Eindruck, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Häufig wirken ihre Launen unberechenbar.
Dieser Verdacht wird sich zum Ende des Romanes leider bewahrheiten. Denn die Mutter leidet unter einer psychischen Erkrankung, die für die unkontrollierbaren Gefühlsschübe verantwortlich ist und auf Dauer das Glück der Familie bedrohen wird.

Quelle: Piper
"Ich hatte eine Doña Quichotte in Rock und Stiefeln getroffen, die sich jeden Morgen auf ihren Gaul schwang, mit noch halb geschlossenen und geschwollenen Augen, und ihm wie wild auf die Flanken schlug, um ihre fernen, täglichen Mühlen im Galopp zu nehmen. Sie hatte es geschafft, meinem Leben einen Sinn zu geben, indem sie es in ein einziges fortwährendes Chaos verwandelte." (S. 57)
Wenn der Leser das Ehepaar durch die Augen des Sohnes betrachtet, sieht er zwei glückliche Menschen, die in dem anderen einen Seelenverwandten gefunden haben. Die beiden lieben sich aus tiefster Seele. Der Vater scheint ein Vernunftmensch zu sein, der erst durch seine Frau gelernt hat, das Leben mit seiner Leichtigkeit zu genießen. Er trägt sie auf Händen und sieht ihr ihre Gefühlsausbrüche nach. Sie bringt ihn zum Lachen. Er ist der Ruhepol in ihrem Leben. Die beiden scheinen füreinander geschaffen.
Und die beiden tanzen .... Wenn der Sohn an seine Eltern denkt, sieht er ein elegantes und harmonisches Tanzpaar, das gern zum Lieblingslied der Mutter tanzt: Bojangles von Nina Simone.
Dieser Song, der ursprünglich 1968 von dem Folk-Sänger Jerry Jeff Walker zu Ehren des gleichnamigen Schauspielers und Tänzers Bill "Bojangles" Robinson geschrieben wurde, verkörpert gleichzeitig Traurigkeit und Heiterkeit und passt somit perfekt zu diesem wundervollen tragisch-komischen Roman.

Fazit:
Eine mitreißende Geschichte mit Protagonisten, die man schnell in sein Herz schließt. Heiterkeit und Traurigkeit liegen in diesem Buch sehr dicht beieinander. Ein sehr berührendes Buch, das ich gerne weiterempfehle.

© Renie





Über den Autor:
Olivier Bourdeaut wurde 1980 in Nantes geboren. Er verdingte sich als Helfer bei der Fleur-de-Sel-Ernte, als Hausmeister eines Verlags und als Immobilienmakler. Nach dem letzten Jobverlust zog er sich nach Spanien zurück und schrieb dort sieben Wochen lang an einem Roman, der die Franzosen in Aufruhr versetzte: »Warten auf Bojangles« erschien bei einem kleinen Verlag aus Bordeaux und war kurz darauf in aller Munde. Er gewann alle wichtigen Literaturpreise des Frühjahrs, führte die Bestsellerliste an und verkaufte sich in mehr als 30 Länder. (Quelle: Piper)










Freitag, 10. März 2017

Ulrike Möltgen & Kilian Leypold: Wolfsbrot

Das Buch "Wolfsbrot" von Ulrike Möltgen (Ill.) und Kilian Leypold ist einem Genre zuzuordnen, das ich nicht häufig auf meinem Blog rezensiere: Kinderliteratur.

Was liegt da näher, als sich einen Spezialisten in Sachen Kinder- und Bilderbücher als kompetente Unterstützung mit ins Blogger-Boot zu holen: meinen Sohn, 11 Jahre alt.

Wir haben dieses Buch gemeinsam gelesen und betrachtet. Im Anschluss haben wir unsere Leseeindrücke besprochen und waren erstaunt, wie unterschiedlich Kinder und Erwachsene die gleichen Dinge wahrnehmen.

Inhalt:
Ein Kind lebt zusammen mit seiner Mutter im Wald. Es ist Winter, der Krieg ist gerade vorbei. Jeden Morgen macht sich das Kind in der Dämmerung auf den Schulweg. Für den Weg braucht es ca. eine Stunde. Oft tut sich das Kind mit Nachbarskindern zusammen, oft legt es den Weg aber auch allein zurück. Als Wegzehrung bekommt das Kind von der Mutter ein leckeres Wurstbrot eingepackt. An einem bitterkalten Morgen ist es mal wieder soweit: das Kind ist allein unterwegs. Der Wald ist dunkel und bedrohlich. Da begegnen dem Kind zwei unheimliche Gestalten .....

🤔😏😊

Die Buchbesprechung mit Junior

Frage: Was hat dir an dem Buch gefallen?

Junior: Es ist sehr spannend geschrieben. Man fiebert mit dem Kind mit und will das Buch in einem Rutsch lesen. Die Zeichnungen sind cool, weil sie nicht so genau sind und man sich daher viel dazu denken muss.

Renie: Das stimmt. Die Geschichte, die von dem Kind erzählt wird, ist wirklich spannend geschrieben, wirkt teilweise etwas unheimlich, was durch die dunkel gehaltenen,  kubistischen Zeichnungen noch verstärkt wird. Wenn man die Zeichnungen genauer betrachtet, haben einige etwas von einer Collage, verschiedene Strukturen wirken dabei zusammen. Ulrike Möltgen lässt dabei viel Raum für die Fantasie des Lesers, weil sie bei ihren Illustrationen eher andeutet und sich dabei auf das Wesentliche beschränkt.

Frage: Was war schlecht?

Junior: Das Buch war zu schnell ausgelesen. Ich hätte gern noch mehr über das Kind erfahren.

Frage: Was hat dir an dem Kind gefallen?

Junior: Das ist ein cooles Mädchen, weil sie es geschafft hat, ihre Angst zu bekämpfen.

Renie: Wieso Mädchen? Das ist doch ein Junge.

Junior: Für mich war das Kind ein Mädchen.

(Junior hat die Buchbeschreibung nicht gelesen, in der erwähnt wird, dass es sich bei dem Kind um einen Jungen handelt. Warum sollte er die Beschreibung auch lesen? Die Gestaltung des Covers war für ihn Grund genug, dieses Buch zu lesen. Da interessieren ihn keine Buchbeschreibungen.)

Frage: Findet das, was dem Kind passiert, in seiner Fantasie statt oder in der Wirklichkeit?

Junior: Es ist alles wahr! Die Geschichte ist dem Mädchen wirklich passiert.

Renie: Ich bin mir da nicht so sicher. Teilweise wirkte die Geschichte auf mich, als ob sie in der Fantasie des Kindes stattfindet. Durch den langen einsamen Weg zur Schule fängt das Kind an zu träumen und dabei entstehen die kuriosesten Dinge.

Frage: Wie gefällt dir der Titel?

Junior: Der Name "Wolfsbrot" ist schon lustig. Ich dachte, es geht um jemanden, der Brot für einen Wolf backt.

Renie: Aber Wölfe fressen doch kein Brot.

Junior: In dieser Geschichte schon!

(Recht hat er! Einfach den Kopf ausschalten und die Fantasie gewähren lassen. So muss man ein Kinderbuch lesen! Da ist die Logik eines Erwachsenen häufig fehl am Platze.)

Wir sind uns einig:
  1. "Wolfsbrot" ist ein sehr spannendes Buch mit ungewöhnlichen Illustrationen, die aber viel Raum für die eigene Fantasie lassen. 
  2. Kinder lesen anders als Erwachsene.

Es hat Spaß gemacht, dieses Buch gemeinsam mit meinem Sohn zu lesen. Es hat noch mehr Spaß gemacht, sich mit ihm über dieses Buch auszutauschen. Das hat doch etwas von einem "Literarischen Duett" und macht Lust darauf, weitere Bücher gemeinsam zu entdecken.

© Renie





Ich empfehle dieses Buch kleinen und großen Kindern ab 8 Jahren. 

Über Ulrike Möltgen (Ill.)
Ulrike Möltgen ist 1973 in Wuppertal geboren. In ihrer Heimatstadt machte sie ihr Diplom bei Wolf Erlbruch. Für ihre Bücher hat sie mehrere Auszeichnungen bekommen, unter anderem für ihr Werk „Mondbär“. 

Ulrike Möltgen lebt mit ihrem Sohn Konrad und ihrer Hündin Maja in Wuppertal.


Über Kilian Leypold
Kilian Leypold, 1968 in Nürnberg geboren, studierte in Erlangen Philosophie, Slavistik und Osteuropäische Geschichte. Er schreibt Gedichte, Minidramen und Geschichten, für die er bereits mehrere Preise und Stipendien erhielt. Leypold hat einen erwachsenen Sohn und eine kleine Tochter. Er lebt als freier Autor und Reporter seit 2000 in München.

Donnerstag, 9. März 2017

Hartmut Lange: Die Waldsteinsonate

Quelle: Pixabay/John-Silver
"Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen" - Dieser Ausspruch von Wittgenstein findet man zu Beginn der Novellensammlung "Die Waldsteinsonate" von Hartmut Lange und gibt die Stimmung, die durch seine Erzählungen klingen, perfekt wieder. Es ist ein Buch voller Schwermut und Verzweiflung, gewöhnungsbedürftig und ein Wagnis, denn wer liest schon gerne Geschichten über Unglück und Tod? Doch manchmal muss man als Leser mit seinen Lesegewohnheiten brechen und wird in diesem Fall dafür belohnt.

Der Erzählband umfasst 5 Novellen, deren unglückliche Protagonisten allesamt lebensmüde oder bereits aus dem Leben geschieden sind. Dabei handelt es sich größtenteils um prominente Personen aus der Vergangenheit, die für ihre Schwermut bekannt waren und an ihrem eigenen Bewusstsein gescheitert sind.

"Über die Alpen" führt uns in das Turin des 18. Jahrhunderts. Friedrich Nietzsche streift durch die Gassen. Hartmut Lange lässt Nietzsche in dieser Erzählung langsam in den Wahnsinn gleiten. Der Philosoph wirkt wie ein Getriebener, getrieben von seinem Denken und seinem Genie. Für den Leser ist es zunächst schwierig, sich die Erzählung zueigen zu machen. Denn Nietzsches Wahnsinn klingt in jedem Satz durch. Trotzdem kommt irgendwann der Moment, in dem man die Erzählung einfach nur wirken lässt und sich von der Verzweiflung, die Nietzsche ausstrahlt, vereinnahmen lässt.
"Ja, er erwäge, ob der Wahnsinn nicht der einzig mögliche Weg sei, den Menschen in sich zu überwinden. Er habe versucht, über andere Möglichkeiten nachzudenken, aber mann solle ihm glauben, wenn er sage: Man kann auf dieser Welt kein Mensch unter Menschen sein!" (S. 37)
In "Die Waldsteinsonate" treffen wir auf Magda Goebbels und ihren Mann, am Abend des 1. Mai 1945 im Führerbunker. Der Entschluss, die eigenen Kinder zu töten und anschließend sich selbst das Leben zu nehmen, steht fest. Und doch nagen Zweifel an Magda Goebbels. Sie ist zerrissen zwischen Mutterinstinkten und den daraus resultierenden Schuldgefühlen sowie ihrer Hörigkeit vor der Ideologie des Nationalsozialismus. Ein merkwürdiger Gast befindet sich in Frau Goebbels Gesellschaft: Franz Liszt, der Komponist und Musiker, (gestorben 1886). Liszt, der Virtuose am Klavier, spielt für die Goebbels Beethovens "Waldsteinsonate". Solange er musiziert, wird der Mord an den Kindern aufgeschoben.
Dieses Aufeinandertreffen von Persönlichkeiten, die in unterschiedlichen Zeiten gelebt haben, verschafft dieser Novelle etwas Gespenstisches und Surreales. Liszt scheint die Verkörperung von Magda Goebbels Gewissen zu sein. Man spürt ihre innere Zerrissenheit und ihre Zweifel. Das ist harter Tobak für den Leser. Die eigenen Kinder zu töten, ist einfach unvorstellbar. Die Schuld, die Frau Goebbels dadurch auf sich lädt, ist für den Leser fast körperlich spürbar. Lesen mit einem Kloß im Hals!
Quelle: Diogenes

In der Erzählung "Im November" haben Heinrich von Kleist und die krebskranke Henriette Vogel beschlossen, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. Der Leser begleitet die beiden Protagonisten an den letzten beiden Tagen ihres Lebens. Die beiden vermitteln eine fast schon heitere Stimmung. Der Entschluss ist gefasst, jetzt gilt es zu organisieren. Fast schon generalstabsmäßig bereiten sich die beiden auf den Tod vor.
Diese Erzählung hat etwas Absurdes an sich. Diese Kombination aus Heiterkeit und aus dem Leben scheiden will nicht so recht zusammenpassen und ist schwer zu ertragen. Doch gelingt es Hartmut Lange mit einem sehr feinfühligen Sprachstil ein sehr stimmungsvolles Szenario zu schaffen, so dass man die Geschichte fast genießen kann - so merkwürdig dies auch klingen mag.
"'Ach', dachte er, 'was ist dies für eine Welt! Wie kann ein edles Wesen, ein denkendes und empfindendes wie der Mensch, hier glücklich sein! Wie kann er es nur wollen, hier, wo alles mit dem Tode endigt! Wir begegnen uns, drei Frühlinge lieben wir uns, und eine Ewigkeit fliehen wir wieder auseinander!'" (S. 77)
In "Seidel" verbringt der Nihilist Alfred Seidel die letzten Tage seines Lebens in der Psychiatrie. Die Novelle wird aus seiner Sicht erzählt. Er wird wegen Depressionen behandelt, sein Selbstmord ist beschlossene Sache. Daher trifft er entsprechende Vorkehrungen, um ungehindert aus dem Leben scheiden zu können. Seidel erscheint deplatziert inmitten der anderen Patienten. Sein Wahnsinn ist subtil. Man merkt ihm seine Gefühlslage nicht an. Er fühlt sich den anderen Patienten gegenüber überlegen. Nur der Leser weiß, dass Seidel sich am Ende umbringen wird.

Die ungewöhnlichste Erzählung ist mit Sicherheit die letzte in diesem Buch: "Die Heiterkeit des Todes"
Da trifft ein Ich-Erzähler bei einem Spaziergang am See auf 2 Personen, die vor einiger Zeit gewaltsam aus dem Leben geschieden sind. Sie ist Jüdin, erschossen im Konzentrationslager; er ist SS-Offizier und ihr Mörder. Der Ich-Erzähler, genau wie der Leser, begegnet der Beziehung der beiden mit Unverständnis. Denn entgegen jeder Vernunft und Logik sind die beiden ein Paar, sozusagen im Tod vereint. Was bringt die Jüdin dazu, ihrem Mörder post mortem zu verzeihen? Die Antwort auf diese Frage wird den Leser ordentlich beschäftigen.
"' ... Und wann, mein Herr, wenn nicht im Tod, soll die Schuld, die wir am Leben haben, endlich einmal beglichen sein?'" (S. 117)
Hartmut Langes Erzählungen haben eine große Faszination auf mich ausgeübt, an der sein Sprachstil einen großen Anteil hatte. Hartmut Lange ist ein Stimmungsmacher. Er versetzt den Leser in Stimmungen, die von Traurigkeit bis hin zu melancholischer Heiterkeit reichen. In dem überaus interessanten Nachwort zu diesem Buch erfahren wir, dass Hartmut Lange insbesondere in seiner Kindheit und Jugend sein Kreuz zu tragen hatte. Angst, Verzweiflung und Wahnsinn sind ihm demnach nicht fremd. Diese Erfahrung merkt man seiner Ausdrucksweise an, die sehr überlegt, bedächtig und lebenserfahren wirkt.

Seine Sprache ist der jeweiligen Zeit, in der seine Erzählungen stattfinden, angepasst. So finden sich häufig Begriffe, die man mit großer Verwunderung liest. Diese Ausdrücke werden heute nicht mehr oder nur noch sehr selten verwendet. Die vorliegenden Erzählungen sind erstmalig 1984 veröffentlicht worden. Doch Langes Novellen wirken älter als sie sind. Man neigt dazu, zu vergessen, dass diese Novellen der Gegenwartsliteratur zuzuordnen sind. Hätte mir jemand dieses Buch als Klassiker aus einem weiter zurückliegenden Jahrhundert angepriesen, hätte ich ihm dies glatt abgenommen.

Fazit:
Die ist kein Buch für Leser, die zu Schwermut neigen. Die Verzweiflung und das Unglück seiner Protagonisten überträgt sich auf den Leser. Trotzdem versteht Hartmut Lange mit seinen Geschichten zu faszinieren, was größtenteils seinem Sprachstil geschuldet ist. Die Geschichten werden mich noch lange beschäftigen.

© Renie






Über den Autor:
Hartmut Lange, geboren 1937 in Berlin-Spandau, studierte an der Filmhochschule Babelsberg Dramaturgie. 1960 erhielt er eine Anstellung als Dramaturg am Deutschen Theater in Ostberlin. Von einer Reise nach Jugoslawien kehrte er nicht in die DDR zurück. Er ging nach Westberlin, arbeitete für die Schaubühne am Halleschen Ufer, für die Berliner Staatsbühnen und am Schiller- und am Schlosspark-Theater. Hartmut Lange wurde für seine Dramen, Essays und Prosa vielfach mit Preisen ausgezeichnet. (Quelle: Diogenes)




Sonntag, 5. März 2017

Sanne Averbeck: Die Gästeliste

Quelle: Pixabay/geralt
Auf der Suche nach einem Anfang für meine Buchbesprechung bin ich auf folgende Information gestoßen:
Im Jahr 2003 entwickelte Mark Zuckerberg die Website facemash.com, den Vorgänger von Facebook, während seines Studiums der Psychologie und Informatik an der Harvard University. Es handelte sich um ein aufgrund von Protesten nur wenige Tage öffentliches Bewertungssystem für das Aussehen von Frauen. Zuckerberg stellte Fotos von Studentinnen ohne deren Erlaubnis ins Internet und forderte die Besucher der Seite auf, von jeweils zwei zufällig ausgewählten Fotos das attraktivere zu wählen. (Quelle: Wikipedia)
Aha, jetzt wissen wir also, aus welcher Idee heraus, Facebook ins Leben gerufen wurde. 

Facebook haben wir auch den "Gefällt mir"-Button zu verdanken, der mir gerade gut als Überleitung zu meiner Buchbesprechung in den Kram passt. Denn ein besonders dickes "Gefällt mir" möchte ich Sanne Averbeck für ihren atemberaubenden Thriller "Die Gästeliste" bescheinigen, in dem Menschen aufgrund ihrer Social Media Aktivitäten ermordet werden. 
"Jeder Gast sollte als Erstes und als Letztes an diesem Abend die Gastgeberin sehen und dadurch das Gefühl bekommen, ein wichtiger Freund zu sein. Es gehörte nicht viel Aufwand dazu, andere glauben zu lassen, sie würden zum inneren Kreis gehören. Ein Kompliment hier, überschwängliche Anteilnahme da - der Verstand wurde übertölpelt von unerwarteter Nähe, die keine war. Und wenn sie an die Gästeliste für diesen Abend dachte, war sie sehr stolz auf die Komposition der Möglichkeiten." (S. 9)
Das IT-Girl Carola ist eine Meisterin der Selbstinszenierung. Sie hat sich das Internet mit seinen Social Media Kanälen zu eigen gemacht. Sie ist zu einer Kultfigur geworden und schart unzählige Follower um sich. Ein ausgewählter Kreis dieser Follower hat die Ehre, an ihren berühmt berüchtigten Parties teilzunehmen. Einladungen zu diesen Veranstaltungen sind heiß begehrt. Carola hat ein Händchen dafür, die richtigen Leute zusammenzubringen. Die Gästeschar wird von ihr handverlesen.  Dadurch ist jede ihrer Parties ein Erfolg. Carola ist eine Trendsetterin. Sie diktiert, was in oder out ist. Das macht sie zu einer perfekten Werbeikone, was auch diverse Unternehmen bereits erkannt haben. Carola kann gut von ihrem Ruf und Bekanntheitsgrad leben.

In der Öffentlichkeit setzt sich Carola immer in Szene. Sie inszeniert sich selbst, spielt eine Rolle. Einzig Bianca, ihre Freundin seit Kindertagen, kennt die wahre Carola.

Bianca ist ständig in ihrer Nähe. Beide verbindet eine Freundschaft, die nicht viel mit dem öffentlichen Bild von Carola zu tun hat. Bianca scheint zu Carolas Parties nicht wirklich dazu zu gehören. Auf Carolas Parties ist sie die stille Beobachterin, die irgendwie nicht dazugehört, aber als Carolas Freundin geduldet wird. Sie hat nicht das strahlende Aussehen ihrer Freundin, ist eher das hässliche Entlein, das nichts aus sich zu machen versteht. 
"Warum auch immer diese Freundschaft fortbestand, Bianca stellte sie nicht mehr infrage. Vielleicht brauchte jede hübsche Frau eine hässliche Begleitung - oder zumindest eine nichtssagende." (S. 35)
Das bevorzugte Kommunikationsmittel der Menschen um Carola ist Facebook. Hier wird hemmungslos kommentiert, gelästert, geschmeichelt, beschimpft. Fast schon fieberhaft fragt sich ihre Follower-Gemeinde, wer zur nächsten Party eingeladen wird. Genauso werden die Events in aller Gründlichkeit im Nachhinein analysiert und bewertet. 
Natürlich gibt es Menschen, die Carola ihren Erfolg neiden, sogar versuchen, diesen nachzuahmen. Aber tatsächlich spielt Carola in einer anderen Liga und die Neider sind für sie keine ernst zu nehmende Konkurrenz. Notfalls gelingt es ihr mit viel Raffinesse und Manipulation, sich ihrer Konkurrenz zu entledigen. 
Denn Carola sammelt Informationen über ihre Mitmenschen, die sie im richtigen Moment und bei Bedarf einzusetzen weiß.

Plötzlich werden ihre Parties zu einem Risiko. Denn Gäste, die an diesen Parties teilnehmen, kommen auf bestialische Weise ums Leben. Der Mörder geht dabei sehr fantasievoll vor. Auch er ist scheinbar ein Facebook-Freund, der gern bei den Diskussionen und Kommentaren über Carola mitmischt, aber nicht als Mörder zu erkennen ist. Das Posten von Kommentaren auf Facebook entwickelt sich auf einmal zu einem Todesspiel. Denn jeder, der sich hier präsentiert, muss damit rechnen, das nächste Todesopfer zu sein....

Sanne Averbecks Thriller findet in der Social Media Welt statt, also genau dort, wo  auch der größte Teil ihrer Leser unterwegs ist.
Was mir sehr gut gefallen hat, sind sogenannte Screenshots von Facebook-Unterhaltungen, die regelmäßig auftauchen. Der Leser wird somit Zeuge der Unterhaltungen der Follower von Carola und bekommt somit jeden Chat und jeden Kommentar zu einem Posting ungefiltert mit. Dabei fehlen auch Details wie "Gefällt mir", die Anzahl der "Daumen" und Namen der Follower nicht. Wie im echten Facebook-Leben! 
Wen wundert's da, dass man sich als Leser stellenweise recht unwohl fühlt. Der Wiedererkennungswert ist einfach zu hoch. Wer sich hier nicht an die eigene Facebook-Nase packt und seine eigene Medienpräsenz überdenkt, hat die Social Media-Welt nicht verstanden.
"'Du meinst, ohne deinen trendigen Blog und deine dämlichen Facebook-Freunde wäre dein Leben nichts wert?'" (S. 254)
Und dann wäre da noch Lydia Raymond. Wer ist Lydia Raymond? Frau Raymond ist  eine Sozialwissenschaftlerin, die sich mit der "Philosophie der virtuellen Macht" auseinandersetzt. (schreibt Frau Averbeck 😉). Zu Beginn einiger Kapitel finden sich  Auszüge aus Lydia Raymonds Arbeit. Die Gedanken, die sie äußert, sind hoch interessant und tragen zur Selbstreflexion des Lesers bei. Doch wird man zwischendurch den Eindruck nicht los, dass mit Frau Raymond manches Mal die Pferde durchgehen. Sie steigert sich in ihre Arbeit hinein, es scheint fast, als ob ihr das Philosophieren zu Kopf gestiegen ist. Als Leser ist man hin- und hergerissen zwischen Faszination und Verwirrung. Wer sich nun auf die Google-Suche nach der geheimnisvollen Lydia Raymond begeben möchte, sollte zunächst einmal diesen Thriller lesen.
"Facebook-Freunde, die Bilder ihrer Katzen zeigten, sich über Pegida aufregten, Spendenaufrufe teilten oder Werbung für irgendetwas machten. Ein Becken voller Selbstdarsteller. Die Challenge Zeige eine Woche lang jeden Tag ein Foto, das mindestens zwanzig Jahre alt ist animierte sie dazu, peinliche Fotos in Badehosen oder Windeln zu posten. Das, was sie sonst ihren Kindern antaten, taten sie nun auch postadult sich selbst an." (S. 25)
Sanne Averbeck ist ein Pseudonym von Sonja Rüther, die mich bis jetzt mit jedem ihrer Bücher begeistern konnte. Und auch dieses Mal hat sie mich nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil. Für mich ist "Die Gästeliste" das Beste, was ich bis jetzt von ihr gelesen habe. Was ich an ihren Büchern so schätze, findet sich auch hier. Die Autorin schafft Aha-Erlebnisse, die den Leser reichlich beschäftigen. Sonjas/Sannes Bücher lassen sich nicht lesen, ohne dass man sich in Spekulationen über den Mörder verliert. Von einer Auflösung um den Mörder ist man jedoch weit entfernt. Denn Sonja/Sanne legt subtile Spuren, die einen auf falsche Fährten locken .... oder auf richtige Fährten? ..... oder dann doch auf falsche Fährten? .... Die Schar der Verdächtigen wird immer größer, so auch in "Die Gästeliste". Am Ende hat man den Eindruck, dass nahezu jeder das Zeug zum Mörder hat.

Wenn man diesen Thriller liest, sollte man Zeit mitbringen. Denn "Die Gästeliste" ist einer der seltenen Bücher, die einen packen und nicht mehr loslassen. Irgendwann kommt der Moment in diesem Buch, da legt man es nicht mehr aus der Hand und vergisst alles um sich herum.

Daher meine Empfehlung: Lest dieses Buch und nehmt euch Zeit dafür!!!!


© Renie






Samstag, 25. Februar 2017

Ryad Assani-Razaki: Iman

23 Euro - dafür bekommt man 4 BigMacs mit Pommes, 4 McFlurries (alles mit Gutschein versteht sich), und die Familie ist immer noch nicht satt. Oder man bekommt dafür 2 Kinokarten, eventuell mit Popcorn - bei einem 3D-Film wird's schon schwierig.

In manchen Ländern kann man für 23 Euro einen Menschen kaufen. Keinen ausgewachsenen Menschen, aber immerhin einen 6-Jährigen. Der ist billiger im Unterhalt, kann aber mit den notwendigen erzieherischen Maßnahmen genauso schuften wie ein Erwachsener. Ein Schnäppchen also!
Von solch einem 6-Jährigen erzählt der Anfang des Romanes "Iman" des Autors Ryad Assani-Razaki, geboren in Benin.

Klappentext:
Es war einmal ein sechsjähriger Junge mit schwarzer Haut, der wurde von seinen Eltern für dreiundzwanzig Euro verkauft. Eine fremde Frau nahm Toumani mit in die große Stadt. Dort traf er Alissa, die sein Schicksal teilte, und bekam einen Plastikohrring als Pfand. Toumani wurde verkauft an einen grausamen Mann, dem er fortan dienen musste. Er lernte rohe Gewalt kennen und Willkür, verlor erst sich selbst, dann beinahe sein Leben. Gerettet aus höchster Gefahr von einem Jungen mit Namen Iman, verlor Toumani ein Bein – und gewann einen Freund auf Leben und Tod. Doch Iman trug schwer am eigenen Schicksal. Nicht schwarz, nicht weiß, von der Mutter verstoßen, ging sein Blick in die Ferne. Er kannte nur eine Hoffnung: die Flucht. Bis eines Nachts Alissa ihn ansah und festhielt, obwohl sie zu Toumani gehörte. (Quelle: Wagenbach)

Der Anfang des Buches ist sehr verstörend. Es gibt viele Textstellen, bei denen ich hätte heulen können. 
  • Ein Kind, dass von seinem Vater verscherbelt wird. Der Verkauf ist eine Notwendigkeit, denn ohne den Erlös, den der Vater für seinen Sohn erzielt, kann der Rest der Familie nicht überleben.
  • Der grausame Besitzer dieses Kindes, der Null Hemmungen hat, diesen kleinen Menschen wie einen Gegenstand zu behandeln. Wenn der Gegenstand kaputt ist, wird er auf der Müllkippe entsorgt. Es gibt genügend Nachschub.
  • Erwachsene, die Kinder nicht als Kinder sehen, sondern als Dreck. Wenn das Kind dann auch noch ein Krüppel ist, fallen alle Hemmungen. Der Respekt vor einem Straßenköter ist größer.
Das sind die Dinge, die den Leser zu Beginn dieses Romanes erwarten. Starker Tobak, nichts für Zartbesaitete. Elend und Grausamkeit treffen den Leser mit voller Wucht.
"Bei den Unmengen Kindern, die Tag für Tag in die Stadt verkauft wurden, wer bemerkte da schon, wenn eins fehlte? Und wen kümmerte es? Wir waren schließlich nur Kinder. Davon gibt es so viele! Die meisten Familien haben zehn Kinder oder mehr. Wieso sollte man da eins vermissen? Die Leute bekommen viele Kinder, damit das nächste nachrücken kann, fall eins verloren geht." (S. 117)
Im weiteren Verlauf des Romanes entwickelt sich die Elendsgeschichte zu einer Dreiecksgeschichte. Der Autor konzentriert sich dabei auf seine 3 Hauptfiguren, die mittlerweile zu Jugendlichen herangewachsen sind. Im Mittelpunkt stehen fortan Freundschaft und Liebe sowie die Sehnsüchte und Träume dieser Charaktere. Das Buch liest sich mit einem Mal entspannter und fordert dem Leser gefühlsmäßig nicht mehr so viel ab wie sein Anfang.

Toumani liebt Alissa, Alissa liebt Toumani. Doch dieser lehnt seine Liebe zu ihr ab. Er, der Krüppel, kann Alissa nicht zumuten, ihr Leben mit ihm zu teilen. Toumani sieht eher Iman als den Mann an ihrer Seite. Iman hat viel für Toumani getan. Ihm verdankt er sein Leben, er ist sein bester (und einziger) Freund. Zwischen Iman und Alissa gibt es zwar Sympathie und eine gewisse Anziehungskraft. Aber dies ist nicht vergleichbar mit Alissas Gefühlen für Toumani.
"Ich bin wertlos, und je älter ich werde, desto mehr verliere ich an Wert. Bald werde ich in jeder Hinsicht nutzlos sein. Ich stecke von Geburt an in einer Sackgasse." (S. 239)
Iman träumt davon, ein neues Leben in Europa anzufangen. Er greift nach jedem Strohhalm, der sich ihm bietet, um das Elendsleben hinter sich zu lassen. In Anbetracht der Chancenlosigkeit in seiner afrikanischen Heimat und angesichts der Zustände (welches Land es ist, verrät der Autor nicht), ist nachvollziehbar, warum Iman den Wunsch hegt, nach Europa auszuwandern.

Fazit:
Dieser Roman hat einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterlassen. Es war schwierig für mich, beide Facetten des Buches in Einklang zu bringen. Der verstörende Anfang des Romans hat mich tief berührt und beschäftigt. Wohingegen die Dreiecksgeschichte so gut wie gar nichts in mir ausgelöst hat. Ganz im Gegenteil, es gab Momente, die mich gelangweilt haben. Es scheint fast so, als ob der Autor seine Empörung über die Zustände in dem afrikanischen Land mit aller Vehemenz zum Ausdruck bringt und damit den Leser mitreißt. Der Eindruck, den die Dreiecksgeschichte hinterlässt, kann jedoch in keinster Weise mit den hochkochenden Emotionen des Anfangs mithalten. Sie mag für sich gut konstruiert und ansprechend sein, verliert aber an Reiz, wenn man sie im direkten Vergleich mit dem Anfang des Romanes sieht.

Schade, denn der erste Eindruck vermittelte mir einen Roman, der aufwühlt und mitreißt. Doch dieser Eindruck hat sich für mich zum Ende hin leider nicht bestätigt.

© Renie






Über den Autor:
Ryad Assani-Razaki wurde 1981 in Benin geboren. Seine literarische Bildung verdankt er der Bibliothek seiner Mutter. 2004 wanderte er nach Québec aus, studierte Informatik und arbeitet seither in großen Computerfirmen in Toronto und Montreal. Nach einem preisgekrönten Erzählungsband ist Iman (La main d'Iman) sein erster Roman, der 2011 den Preis Robert-Cliche für das beste Debüt gewann. (Quelle: Wagenbach)