Donnerstag, 12. Januar 2017

Leila S. Chudori: Pulang (Heimkehr nach Jakarta)

Quelle: pixabay

Bhinneka tunggal ika - Diesen Spruch findet man im Wappen Indonesiens. Er bedeutet "Einheit in Vielfalt" und passt perfekt zu Leila S. Chudoris Buch Pulang (Heimkehr nach Jakarta). Sie hat mit diesem Roman eine literarische Einheit geschaffen, die vielfältiger nicht sein könnte.
Es ist ein Familienroman, ein Mehr-Generationen-Roman, ein politischer Roman, ein historischer Roman, ein Liebesroman, ein Roman mit einer Vielzahl an Erzählperspektiven und Zeitebenen; ein Roman, der zu unterhalten, zu faszinieren und zu informieren weiß; der einen in ein fremdes exotisches Land entführt, das in vielen Dingen Europa doch so ähnlich ist. Ach ja, und es ist ein Roman über gutes Essen. Ich garantiere, dass sich bei manchen Passagen dieses Romanes ein riesengroßer Appetit auf indonesisches Essen entwickeln wird.
"Warum müssen wir uns irgendeiner Gruppe anschließen, nur um für alle sichtbar eine bestimmte Überzeugung zu haben? Vor allen Dingen sollten wir uns lieber fragen, ob unsere Überzeugung denn tatsächlich die einzig wahre ist. Sozialismus, Kommunismus, Kapitalismus - müssen wir eine dieser Ideologien ganz schlucken? Ohne zu zweifeln oder eine kritische Haltung einzunehmen?" (S. 46)
Der Roman beginnt in Indonesien in den 60er Jahren. Der Journalist Dimas ist für indonesische Verhältnisse ein unpolitischer Mensch, da er sich nicht für eine politische Seite entscheiden möchte. Er ist eher nach allen Seiten hin offen eingestellt. Leider übt er seinen Beruf zu einer Zeit aus, in der Politik den indonesischen Alltag bestimmt und die Anfeindungen zwischen den Parteien ihren Höhepunkt erreichen. Im Jahre 1965 kommt es zu einem Putschversuch durch Teile des Militärs, der von dem rechtsgerichteten General Suharto niedergeschlagen wird. Obwohl die damalige kommunistische Partei des Landes an dem Aufstand unbeteiligt war, werden ihre Mitglieder von Suharto für den Putschversuch hauptverantwortlich gemacht. 
Menschen mit einer linken politischen Gesinnung werden zu Staatsfeinden erklärt. Journalisten sind prädestiniert für diese Rolle, insbesondere, wenn sie regimekritisch schreiben. Dank einem glücklichen Zufall befindet sich Dimas zur Zeit der Machtergreifung Suhartos auf einer Auslandsreise, zusammen mit 3 Journalistenkollegen. Die Rückkehr in ihre Heimat bleibt ihnen zunächst verwehrt, da sie als politisch kriminell gelten und ihnen in Indonesien Gefängnisstrafen, wenn nicht Schlimmeres, drohen. 
Die vier Kollegen stranden schließlich in Paris, wo sie politisches Asyl erhalten. Hier werden sie nun den größten Teil ihres Lebens verbringen, sich eine neue Existenz aufbauen, sich verlieben und Familien gründen. Von hier aus beobachten sie voller Sorge die Vorgänge in ihrer Heimat Indonesien.

Suharto ist gründlich. Sein Strafsystem macht keinen Unterschied zwischen "Delinquent" und Angehörigen, also zwischen "schuldig" und unschuldig. Die Familien und Freunde in Indonesien werden mit Schikanen im Alltag bis hin zu Verfolgung, Gefängnisstrafen, sogar Folter für Verbrechen zur Rechenschaft gezogen, die sie nicht begangen haben. Das Einzige, dessen sie sich schuldig gemacht haben: mit einem "Delinquenten" verwandt oder befreundet zu sein.

Die Freunde in Paris verlieren niemals den Kontakt nach Indonesien. Durch den Betrieb ihres erfolgreichen indonesischen Restaurants, können sich die Freunde in Frankreich etablieren.

Dimas heiratet eine Französin. Die gemeinsame Tochter Lintang wächst in 2 Kulturen auf, der indonesischen und der europäischen. Obwohl sie noch nie in Indonesien war, ist sie tief in ihrem Herzen mit diesem Land verwurzelt. Die Liebe Dimas' zu seiner Heimat überträgt sich auf seine Tochter. Als Lintang 1998 während ihres Studiums nach Jakarta geht, um einen Dokumentarfilm über dieses Land zu drehen, lernt sie den indonesischen Zweig der Familie kennen. Seit dem Weggang ihres Vaters aus Indonesien bis zu diesem Zeitpunkt sind über 30 Jahre vergangen. Es hat einen Generationenwechsel gegeben. Aus den Kindern sind junge Erwachsene geworden, die sich politisch engagieren und gegen das Suharto Regime protestieren. In Indonesien brechen Studentenunruhen aus, die das Ende der Regierung Suhartos einläuten.
"Mein Vater sagte, mein Blut stamme aus einem Land weit entfernt von Europa, aus einem Land, das den Duft von Nelken und einer vergeblichen Traurigkeit atme. Ein fruchtbares Land, reich an Pflanzen in ungezählten Farben und Formen; und ebenso reich an Glaubensrichtungen. Aber es war auch ein Land, das seine Staatsbürger vernichtete, nur weil sie eine eigene Meinung hatten." (S. 132)
Frau Chudori ist es gelungen, die jüngste Geschichte Indonesiens anhand der einzelnen Lebenswege ihrer Charaktere nahe zu bringen. Ich habe ihre Verbundenheit zu diesem Land mit jeder Zeile gespürt. Durch ihren lebhaften Sprachstil fiel es mir leicht, mich auf diese fremde Geschichte einzulassen. Sie macht neugierig auf ihre Heimat. Auch wenn der größte Teil der Handlung in Paris spielt, ist Indonesien doch stets präsent: in der Erinnerung der Charaktere, durch deren Beobachtung der politischen Situation in ihrer Heimat und natürlich durch die indonesische Küche, der in diesem Roman mehr als gehuldigt wird. 

Fazit:
Dieser Roman hat einfach alles, was einen guten Roman für mich ausmacht. Einen interessante Geschichte, wundervolle Charaktere, eine lebhafte Sprache, Einblick in eine fremde Kultur. Er ist kurzweilig, spannend, ergreifend, ernsthaft und amüsant. Klare Leseempfehlung!


© Renie

ISBN: 978-3-938803-75-2


Über die Autorin:
LEILA S. CHUDORI, 1962 in Jakarta geboren, begann bereits mit zwölf Jahren zu schreiben. Ihre Kurzgeschichten erschienen in verschiedenen indonesischen Zeitschriften. Sie studierte Politikwissenschaft und Vergleichende Gesellschaftspolitik an der University of Trent, Kanada. Seit 1989 arbeitet sie als Redakteurin bei der indonesischen Zeitschrift »Tempo«. Darüber hinaus schreibt sie Drehbücher für Fernsehfilme. 2007 wurde sie für ihre Arbeit als Drehbuchautorin ausgezeichnet. (Quelle: Weidle)








Dienstag, 10. Januar 2017

Gavin Extence: Libellen im Kopf

Quelle: pixabay


Nachdem mich Gavin Extence mit seinem ersten Roman "Das unerhörte Leben des Alex Woods" begeistern konnte, habe ich natürlich mit Hoffen und Bangen sein neues Buch erwartet: "Libellen im Kopf", kürzlich im Limes Verlag erschienen. Natürlich habe ich gehofft, dass der Autor einen weiteren Coup im Sinne von "Alex Woods" landen würde. Gleichzeitig habe ich aber auch befürchtet, dass er den hohen Erwartungshaltungen, die durch seinen gnadenlos guten Erstling entstanden sind, nicht gerecht werden kann. 

Worum geht es in diesem Roman?
Kurz zusammengefasst geht es um eine Frau, Abby, die unter einer bipolaren Störung leidet und deren Leben gerade außer Kontrolle gerät. Dieser Roman behandelt ihren seelischen Absturz, ihren Krankenhausaufenthalt und die Zeit danach.
"Die Leute reden ständig über düstere Stimmungen. Düstere Stimmungen hier, düstere Stimmungen da. Aber eine Depression ist keine düstere Stimmung. Es ist eine aschgraue Stimmung oder vielleicht auch eine beigefarbene Stimmung." (S. 93 f.)

Der Roman lässt sich in 3 Teile gliedern:
Teil 1 - die Zeit vor dem Klinikaufenthalt
Der Einstieg ist grandios. Abby, die ein wenig schräg rüberkommt, findet zufällig den toten Simon, ihren Nachbarn, in seiner Wohnung. Obwohl sie so gut wie gar nichts über ihn wusste, löst Simon's Tod irgendetwas in ihr aus, Auffällig ist, dass sie völlig untypisch auf die Situation reagiert. Diese Szene wirkt sehr skurril und lustig und lässt einiges für den weiteren Verlauf der Handlung hoffen.

Abby, Mitte 20, ist freiberufliche Journalistin, schreibt Artikel über Themen, die ihr gerade in den Sinn kommen und verkauft ihre Beiträge an diverse Zeitungen. Sie lebt mit Beck zusammen, ihrem Freund, der sie abgöttisch liebt und so ganz anders ist als Abby. Sie ist die Chaotische, er ist der Ordnungsliebende und Vernunftmensch. Mal abgesehen vom gelegentlichen Drogenkonsum führt Abby also ein stinknormales Leben. Und doch scheint mit ihr etwas nicht zu stimmen. Es gibt regelmäßige Termine bei Dr. Barbara, einer Psychologin.
Was genau mit Abby nicht stimmt, erschließt sich dem Leser im weiteren Verlauf dieses ersten Teils.

Kleine Exkursion in die Psychologie:
Quelle: Randomhouse / Limes Verlag
Eine bipolare Störung ist eine schwere psychische Erkrankung, die durch manische und depressive Stimmungsschwankungen charakterisiert wird. Manische und depressive Phasen wechseln sich ab. In der manischen Phase durchlaufen die Erkrankten extreme Stimmungshochs. Sie sind dann überaktiv, gereizt, euphorisch und leiden unter extremen Schlafstörungen. Die depressive Phase bewirkt das Gegenteil: Depressionen, Antriebslosigkeit, gedrückte Stimmung, tiefe Traurigkeit bis hin zur Selbstmordgefährdung. Ca. 1 bis 3 % der Menschen leidet unter dieser Krankheit. Überdurchschnittlich viele kreative Menschen sind betroffen. Die Ursache dieser Erkrankung ist noch nicht geklärt.

Schnell stellt sich heraus, dass Abby in eine manische Phase schliddert, die sie zu Handlungen bewegt, die mit gesundem Menschenverstand nicht erklärbar sind. Was Abby anstellt ist schon heftig. Sie schadet sich gesundheitlich und finanziell. Ihr ist auch nicht mit Vernunft und guten Worten beizukommen. Sie wirkt wie ein Pulverfass, das kurz vor der Explosion steht. Im letzten Moment wendet sie sich an Dr. Barbara, die gar nicht anders kann, als Abby in die Psychiatrie einzuweisen - zu Abbys eigenem Schutz.

Teil 2 - die Zeit in der Klinik
Abby, die ihren Klinikaufenthalt als unfreiwillig erlebt, wird hier langsam seelisch stabilisiert. Es ist ein langer und mühevoller Weg, den sie zu gehen hat. Anfangs ist ihre Zielsetzung, so schnell wie möglich aus dem Krankenhaus zu kommen. Deshalb schauspielert sie, versucht die Ärzte und Pfleger zu täuschen, um möglichst schnell wieder auf freiem Fuß zu sein. Sie freundet sich mit Melody, einer anderen Patientin, an. Sie scheinen sich gut zu tun. Denn beide profitieren von den gemeinsamen Gesprächen und unterstützen sich gegenseitig auf ihrem Weg zurück in die Normalität.

Teil 3 - die Zeit nach der Klinik
Abby versucht, wieder allein mit dem Leben zurechtzukommen. Sie nimmt das Angebot an, das Haus einer Schriftstellerin, die sie vor einiger Zeit interviewt hat, für einige Wochen zu hüten. 
"Ich bin Amok gelaufen, was sich in impulsiven Handlungen äußerte, in Geldverschwendung und sexueller Freizügigkeit, aber ich leide nicht unter Wahnvorstellungen. Ich halte mich nicht für die Jungfrau von Orleans, für einen Außerirdischen oder für die weibliche Reinkarnation von Jesus." (S. 186 f.)
Es fällt mir schwer, diesen Roman zu bewerten, weil ich ihn, ehrlich gesagt, nicht zu Ende gelesen habe. Man ahnt es: er hat mir nicht gefallen. Der Anfang ist grandios, die Szene mit dem toten Nachbarn originell, aber dann verliert sich der Autor über Seiten in der Beschreibung des Alltags von Abby, der sich nicht so sehr von dem anderer Menschen unterscheidet. Erst als sich Abbys seelische Ausraster intensivieren, zieht die Spannung in diesem Roman an.
Der zweite Teil entschädigt anfangs für die Schwächen des ersten Teils. Die Darstellung des Klinikalltags und die Art und Weise, wie Abby versucht, mit ihrer Situation zurechtzukommen wirken authentisch. Extence schreibt in einer saloppen und spritzigen Art, die mir auch in seinem ersten Buch so sehr gefallen hat. Mit dem Ende des 2. Teiles schreibt sich Extence jedoch um Kopf und Kragen: Es kommt zum Eklat zwischen Abby und ihrer Freundin Melody. Der Autor stellt dabei eine Verbindung zum Anfang des Romanes her, die so haarsträubend konstruiert wirkt, dass ich den Roman an dieser Stelle genervt abgebrochen habe. Zufälle gibt es, die gibt es einfach gar nicht.

In Anbetracht der Tatsache, dass Gavin Extence selbst mit einer bipolaren Störung zu kämpfen hat, fällt es mir nicht leicht, diesen Roman, in dem er seine persönlichen Erfahrungen verarbeitet, abzuwatschen. Ich habe großen Respekt vor Extence, und wie er sein Leben mit dieser Krankheit meistert. In einem sehr persönlichen Nachwort gewährt er einen Einblick in seine Erfahrungen und den Leidensweg, den er und seine Angehörigen oftmals gehen müssen.

Auch wenn das Nachwort mich berührt hat, der Roman konnte es leider nicht. Meine Kritikpunkte überwiegen leider. Ich bin mir jedoch sicher, dass dieser Roman seine Leserschaft findet - dafür zieht der Name "Gavin Extence" zu sehr. Ich kann mir sogar vorstellen, dass Leser, die sich mit Psychologie und psychischen Erkrankungen befassen, einen deutlich besseren Zugang zu diesem Buch haben werden und diesen Roman anders erleben werden als ich.

© Renie




ISBN: 978-3-8090-2634-1


Über den Autor:
Gavin Extence, geboren 1982, lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und einer Katze in Sheffield. Mit seinem Debütroman »Das unerhörte Leben des Alex Woods« schrieb er sich in die Herzen von Lesern und Kritikern gleichermaßen. Der Roman wurde in Großbritannien mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, eroberte auch in Deutschland die Bestsellerliste und gehört zu den meistempfohlenen Büchern 2014. »Libellen im Kopf« ist der zweite Roman von Gavin Extence. (Quelle: Limes Verlag)

Mittwoch, 4. Januar 2017

Ray Bradbury: Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Quelle: Pixabay
Ray Bradbury war mir bisher nur als Autor der Dystopie Fahrenheit 451, bekannt, die er 1953 veröffentlicht hat. Ich kann mich noch gut an die Romanverfilmung mit Oskar Werner in der Hauptrolle des Bücher verbrennenden Feuerwehrmannes erinnern. Doch der Science Fiction Autor Bradbury beherrscht noch ein anderes Genre: Horrorliteratur.
In einer Leserunde bei Whatchareadin bin ich in den Genuss von Horror gekommen, wie ich ihn mag: intelligent, fantasievoll und blutarm. In "Das Böse kommt auf leisen Sohlen" inszeniert Ray Bradbury ein Szenario, das mich mächtig gruseln ließ.

Worum geht es in diesem Roman?
Der Inhalt ist schnell zusammengefasst. Die Handlung spielt in den 20er/30er Jahren. In einer amerikanischen Kleinstadt gastiert ein Wanderzirkus. Doch dieser Zirkus ist kein gewöhnlicher Zirkus: merkwürdige und unheimliche Dinge geschehen mit einigen Leuten, die diesen Zirkus mit seinen Attraktionen - Karussel und Spiegelkabinett - besuchen. Einzig die beiden Jungen Will und Jim - Freunde vom Tag ihrer Geburt an - kommen dem Zirkus und seinem Geheimnis auf die Spur. Sie bringen sich dadurch in große Gefahr, denn die Zirkusleute wollen sich nicht von zwei Kindern ins Handwerk pfuschen lassen.
Quelle: Diogenes
"Der Zirkus ist wie Menschen - nur menschlicher. Ein Mann und eine Frau gehen nicht voneinander, sie bringen einander nicht um, sondern sie martern einander ein Leben lang, reißen sich die Haare, die Fingernägel einzeln aus, und die Qual des einen ist dem anderen das Narkotikum, das ein Leben erst lebenswert macht. Der Zirkus spürt von Magengeschwüren geplagte Egos aus meilenweiter Entfernung auf und fliegt herbei, um Hand an die Schmerzen zu legen. Er riecht Jungen, die sich damit abquälen, Männer zu werden, und die dabei schmerzen wie große dumme Weisheitszähne aus zwanzigtausend Meilen Entfernung, einen in Winternacht gebetteten Sommer." (S. 192 f.)
Den Anfang dieses Romanes habe ich zwiegespalten erlebt. Bradbury hat einen sehr eigenwilligen Sprachstil: von Metaphern durchzogen und teilweise wirre Gedankengänge. Der Einstieg war daher nicht leicht für mich. Aber irgendetwas hatte die Geschichte, dass ich nicht mehr von ihr lassen konnte. Mit der Zeit habe ich mich an den Sprachstil gewöhnt und konnte ihm sogar einiges abgewinnen. Insbesondere die teilweise sehr morbide Wortwahl hat es mir angetan.

Bradbury entführt den Leser in eine Gedankenwelt, die herzlich wenig mit Logik und Vernunft zu erklären ist. Gerade die beiden Jungs Jim und Will nehmen unglaubliche Dinge wahr, die mich oft verunsichert haben. Häufig tauchte bei mir die Frage auf, ob diese Dinge, die die beiden Jungen erleben, in dem Roman tatsächlich passieren oder nur eine Ausgeburt ihrer kindlichen Fantasie sind. Diese Frage hat mich tatsächlich bis zum Ende nicht losgelassen.

Es gehört schon einiges dazu, wenn ein Autor von der ersten Seite an eine unheimliche Stimmung vermittelt, die bis zur letzten Seite anhält, ohne dass sie jemals merklich nachlässt. Ray Bradbury ist genau dies gelungen. Seine Qualität als Horror-Autor haben auch schon andere namhafte Schriftsteller dieser Zunft erkannt. So ließ sich z. B. Stephen King von Bradbury's Geschichten inspirieren. "Es" lässt grüßen.

Fazit:
Dieser Roman weiß durch seine unheimliche Stimmung zu überzeugen. Bradbury hat es geschafft, mit seinem eigenwilligen Sprachstil, Horror vom Feinsten zu schreiben - intelligent und fantasievoll, dabei relativ blutarm. Das "Böse" ist dem Leser dabei ständig präsent - mal unterschwellig, dann auch wieder sehr direkt. Die eigene Fantasie läuft zur Höchstform auf. Das Kopfkino liefert Bilder, die die Nerven doch sehr strapazieren. Das ist einfach nur gruselig, und so soll es sein!

© Renie

"Das Böse kommt auf leisen Sohlen" von Ray Bradbury, erschienen bei Diogenes (2013)
ISBN: 978-3-257-20866-5 


Über den Autor:
Ray Bradbury, geboren 1920 in Waukegan (Illinois). Nach dem Highschool-Abschluss verkaufte er an einer Straßenecke die Zeitschrift ›Futura Fantasia‹. Die Namen unter den Beiträgen täuschten: Geschrieben hatte Bradbury fast alles selber. 1953 erschien ›Fahrenheit 451‹, sein erster und berühmtester Roman, den François Truffaut verfilmte. Das Spektrum des »Louis Armstrong der Science-Fiction« (Kingsley Amis) reicht aber weiter, über Kinderbücher und Gedichte bis zu Drehbüchern, wie jenes zu ›Moby Dick‹ von John Huston. Ray Bradbury starb 2012 in Los Angeles. (Quelle: Diogenes)

Montag, 2. Januar 2017

Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau

Quelle: pixabay 

Nicolas de Staël war ein französischer Maler, der in seinen Anfängen der informellen Malerei zuzuordnen war, jedoch später einen eigenen Stil entwickelt hat. Er versuchte Abstraktion mit Gegenständlichkeit zu vereinen. Seine Werke zeichnen sich durch kräftige und großflächig aufgetragene Farben aus. In den letzten 3 Jahren seines Lebens war de Staël von einer unglaublichen Produktivität erfüllt und hat in dieser Zeit Dreiviertel seines Werkes geschaffen. Im Alter von 41 Jahren nahm de Staël sich das Leben. Wie so viele Künstler litt er unter Depressionen und Selbstzweifeln.

Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern ein unangemessenes Wikipedia-Halbwissen, das ich mir angelesen habe. Der Wahrheit halber muss ich gestehen, dass ich Nicolas de Staël vor der Lektüre dieses Romanes nicht kannte. Für mich war dieses Buch daher eine echte Herausforderung. Wie werde ich, die Kunstbanausin, einem künstlerisch gestalteten Buch über einen Maler gerecht? Wahrscheinlich gar nicht. Hier ist mein Versuch, meine Eindrücke über dieses Buch wiederzugeben.
Quelle: Kirchner PR / kunstanstifter



Worum geht es in diesem Roman?
Der Maler Nicolas zieht sich nach einer sehr anstrengenden Zeit des Reisens und Repräsentierens in den Süden Frankreichs zurück. Zu diesem Zeitpunkt ist er in 2. Ehe mit Françoise verheiratet. Während eines Italienurlaubes lernt er die junge Jeanne kennen, ebenfalls verheiratet. Die beiden verlieben sich ineinander. Jeanne wird die Muse seiner letzten Schaffensphase. Die Gefühle für sie wird er in seinen Bildern verarbeiten. Zunächst halten die beiden ihr Verhältnis aus Rücksicht auf ihre Familien geheim. Doch gerade Nicolas verliert sich immer mehr an Jeanne und drängt sie, mit ihrem alten Leben abzuschließen.
"Für ihn ist sie wie Wasser in seinen Händen. Entweicht, verrinnt, entgleitet. Es gelingt seinen Händen nicht, sie zu halten. Der verheißungsvolle Klang der Quelle. Verbrennt ihn. Rinnt durch seine Finger. Bis zu den Knien im Netz. Er ballt die Faust. Presst die Finger zusammen. In einem Augenblick: wundersame Pfütze in der Vertiefung seiner Handfläche. In einem Augenblick. Nichts mehr." (S. 99)
Jeanne fühlt sich hin- und hergerissen. Sie wird sich einige Male von Nicolas trennen, doch immer wieder zu ihm zurückkehren. Irgendwann ist Nicolas' Druck auf sie zu groß. In ihrer Bedrängnis entscheidet sich Jeanne für ein Leben ohne Nicolas. Sie hat das Gefühl, dass er sie mit seinen Besitzansprüchen erstickt. Sie verlässt ihn endgültig, trennt sich jedoch auch von ihrem Mann und lebt fortan allein. Einfach nur die Frau von einem Mann zu sein, reicht ihr nicht. Sie möchte ein Leben führen, in dem sie sich verwirklichen kann, ohne von jemandem abhängig zu sein oder von jemandem besessen zu werden. Nicolas, der Verlassene, geht an diesem Verlust zugrunde. Der Roman endet mit seinem Tod.
"Ich will wirklich existieren. Nicht nur die Frau von sein. Nicht im Schatten eines Mannes leben. Ich sein. Ungehemmt. Unverstellt. Ohne zu ersticken." (S 191)
Der Schreibstil von Nathalie Chaix ist sehr kreativ, aber auch gewöhnungsbedürftig. Der Text besteht stellenweise aus einer Aneinanderreihung von Satzfragmenten, die den Lesefluss zum Stocken bringt. Trotzdem war für mich in ihren Worten eine Intensität und Eindringlichkeit zu spüren, die mich tief berührt haben.
Fließtext und Versform wechseln sich ab. Einige Textpassagen sind als Gedichte ausgelegt. Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt: Jeanne, die als Ich-Erzählerin fungiert sowie eine personale Erzählperspektive aus der Sicht von Nicolas. Die Schrift ist der jeweiligen Erzählperspektive angepasst: Jeanne -"schwarz gedruckt"; Nicolas -"grau gedruckt". Diese Kennzeichnung ist sinnvoll, da der Wechsel zwischen den Erzählperspektiven oft überraschend kommt, man aber durch das Schriftbild sofort weiß, aus wessen Sicht die Geschichte weitererzählt wird.
Fast hat man den Eindruck, dass Nathalie Chaix ihren Schreibstil dem Maler de Staël angepasst hat. Man kann gar nicht anders als ihren Stil als "farbenfroh" zu bezeichnen. Und die Illustratorin Christina Röckl steht ihr dabei in nichts nach. Ganz im Gegenteil!

englischgrün,
mischung aus preußischblau
und chromgelb,
veronesergrün, kupferarsenit
pistaziengrün
malachitgrün
mandelgrün
moosgrün
smaragdgrün
.....
(S. 274)

Die Illustratorin Christina Röckl hat sich ausgiebig mit dem Werk von de Staël befasst, hat sogar die Originalschauplätze des Romanes besucht. Mit ihren Illustrationen, die komplette Seiten einnehmen, hat sie die Stimmungen und Lichtverhältnisse der Umgebung einfangen können - ähnlich wie de Staël in seiner Malerei. Auch bei ihr entdeckt man die großflächige Farbgebung. Teilweise sind einzelne Seiten in einer Farbe gehalten, mit einigen wenigen Farbschattierungen, die man erst bei genauerem Hinsehen entdeckt. Ihr Malstil ist abstrakt und lässt sehr viel Raum für Interpretationen, auf die ich mich gern eingelassen habe. So findet sich in ihrer Arbeit häufig ein bestimmtes Motiv, von dem ich mich optisch täuschen ließ. Denn dieses Motiv hat mich zunächst an eine Vase erinnert. Erst mit der Zeit konnte ich zwei sich anblickende Profile ausmachen - Nicolas und Jeanne - die je nach Beziehungsstatus in der Geschichte mal näher zusammenstanden, sich aber auch voneinander entfernten.

Auszug aus dem Buch "Liegender Akt in Blau", kunstanstifter Verlag

Das Zusammenspiel zwischen Text und Illustration vermittelt eine sehr intensive Stimmung. Die Geschichte kommt wie eine Naturgewalt daher, die mich förmlich mitgerissen hat. Die Leidenschaft und Verzweiflung der beiden Charaktere Nicolas und Jeanne sind deutlich spürbar. Fast fühlt man sich als Leser unwohl in der Flut dieser Emotionen.

Fazit:
Nathalie Chaix befasst sich in ihrem Raum "Liegender Akt in Blau" mit der letzten Schaffensphase des Malers Nicolas de Staël und erzählt seine Geschichte in einem sehr kreativen, aber eindringlichen Sprachstil, der von den farbenprächtigen und kraftvollen Illustrationen von Christina Röckl begleitet wird.
Dieser sehr poetische Roman handelt von Liebe und Leidenschaft, genau genommen von einer Liebe, die Leiden schafft und in Zerstörung endet. Eine beeindruckende Verbindung aus Geschichte und Illustration, die mich gefühlsmäßig zu beschäftigen wusste.

© Renie






Über Nathalie Chaix:
Nathalie Chaix, 1972 in Annecy, Frankreich, geboren, lebt und arbeitet in Genf. Sie ist dort im kulturellen Bereich tätig. Ihre ersten Erfolge feierte sie mit dem Roman Exit Adonis aus dem Jahr 2007, für den sie den George Nicole Preis bekam. Liebe und Schöpfung sind Themen, die ihr in ihren Büchern wichtig sind. Beim Schreiben des Romans Grand Nu Orange fühlte sie sich frei inspiriert vom Leben und Schaffen des französischen Malers Nicolas de Staël. (Quelle: kunstanstifter)

Über Christina Röckl:
Mit Und dann platzt der Kopf schloss Christina Röckl kürzlich ihr Masterstudium in Illustration bei ATAK/Georg Barber ab. Das Bilderbuch wurde für den Giebichenstein Designpreis nominiert und zusammen mit Ergebnissen eines von ihr geleiteten Comicworkshops im Vogtlandmuseum Plauen ausgestellt. Auslöser für das Projekt war für sie die große Frage, weshalb Slimer eine Seele hat, ein Haufen Schleim aber nicht.
Christina Röckl lebt und arbeitet in Leipzig. (Quelle: kunstanstifter)

Freitag, 30. Dezember 2016

A. P. Glonn: Die andere Seite der Realität

Ein phantastischer Jack-the-Ripper-Roman ....

Vom Jahre 1888 an hat Jack the Ripper in London sein Unwesen getrieben. Auf sein Konto sollen damals mindestens fünf Opfer gegangen sein. Wahrscheinlich waren es mehr. Doch woher kam er und wohin ging er? Gefasst hat man ihn nie. Es gab zwar einige Verdächtige, u. a. auch innerhalb der gehobenen Kreise Londons. Man munkelte sogar, dass ein enger Verwandter der damaligen Königin Viktoria der Ripper wäre. Aber wer letztendlich hinter Jack the Ripper steckte, ist nie herausgekommen. Die deutsche Schriftstellerin A. P. Glonn hat in Die andere Seite der Realität aus einer eigenwilligen Theorie einen Roman entwickelt, der die Frage nach der Person Jack the Ripper auf phantastische Art beantworten könnte.

Der Anfang dieses Romanes führt uns nach London. Wie in jedem guten Jack-the-Ripper-Krimi findet eine Unzahl an bestialischen Frauenmorden statt. Im Mittelpunkt steht der Agent Seth Aspen mit seinen Ermittlungen. Er beißt sich an dem Fall fest. Für die Öffentlichkeit erscheinen die Ermittlungen erfolglos. Die Bevölkerung wird unruhig. Die Polizei steht unter Druck. Diverse Verdächtige tauchen auf der Bildfläche auf, leider erweisen sich die Anschuldigungen als falsch. Und in dem Moment, in dem man als Leser denkt "Ok, wieder eine Leiche und ein Verdächtiger mehr", nimmt die Handlung Fahrt auf. Auf einmal wird aus dem „gemütlichen“ Krimi ein Fantasyroman, der es in sich hat.
"'...Hier geht es um weitaus mehr als einen simplen Verrückten, der keine Frauen mag. Das ist politisch hochbrisant. Die Verdächtigenliste liest sich inzwischen wie das Who is Who der englischen Gesellschaft.'" 
Es gibt eine heiße Spur, die nach Amerika führt. Seth nimmt die Verfolgung auf. Man beachte, in der Zeit um 1890 war man noch mit Pferdekutschen und Dampfschiffen unterwegs. Eine Überfahrt von Europa nach Amerika hat ein paar Wochen gedauert. Jack the Ripper hat einen Vorsprung von nur wenigen Tagen, der sich aber in einem riesigen Land wie Amerika als uneinholbar erweisen kann. Doch Seth bekommt Unterstützung von den amerikanischen Behörden. Die Spur des Rippers führt mittlerweile bis nach Kanada. Und dort passiert es: Der Ripper und Seth treffen aufeinander. Nun sollte man meinen, dass die liebe Seele Ruhe hat. Der Ripper ist gefasst? Falsch gedacht. Denn der Ripper besitzt sehr überraschende Fähigkeiten. Die Handlung geht von jetzt an in eine Richtung, mit der man in keinster Weise gerechnet hat, nämlich auf die "andere Seite der Realität".
"Er war ein Mann der Moderne, doch alles, was ihm hier begegnete, war primitiv oder magisch. Wo blieb die Vernunft?"
Seth findet sich auf einmal in einer Parallelwelt wieder. Er, der Kopfmensch, hat es plötzlich mit einer Welt zu tun, in der die Bevölkerung die unterschiedlichsten magischen Fähigkeiten aufweist. Die Jagd nach dem Ripper geht hier weiter. Seth findet dabei Unterstützung in den Bewohnern dieser Welt, die erkannt haben, dass der Ripper auch ihr Dasein bedroht. 

Der Leser begegnet den unterschiedlichsten phantastischen Charakteren: Schattenläufer, Wolfsmänner, Windläufer, Glengalls ... um nur einige zu nennen. Das Zusammenspiel zwischen Seth und den magischen Charakteren, die ihn auf der Jagd nach dem Ripper unterstützen, ist dabei sehr amüsant. Er kann den englischen Gentleman einfach nicht ablegen, was seine magischen Freunde einerseits befremdlich, andererseits aber sehr amüsant finden. 
"Er war hier gestrandet, ein Glengall, ein unmagischer Fremder, dem jeder Bewohner dieser seltsamen Welt etwas antun konnte, dem die Häscher eines Yorcks mit unglaublichen Fähigkeiten auf den Fersen waren, und der möglicherweise von dem Ungeheuer gejagt wurde, das in Whitechapel all diese unglücklichen Frauen abgeschlachtet hatte."
Dem Leser eröffnet sich also mit der "anderen Seite der Realität" eine interessante Phantasiewelt, die aufgrund der magischen Charaktere zu faszinieren weiß. A. P. Glonn hat diese Phantasiewelt akribisch ausgetüftelt. Daher bleibt zu hoffen, dass es nicht bei dieser einen Geschichte bleibt, sondern Glonns Welt Schauplatz für weitere Romane sein wird. Das Ende ist so gestaltet, dass eine Fortsetzung durchaus möglich wäre.

Fazit:
A. P. Glonn ist mit diesem Roman eine faszinierende Mischung aus Krimi, Steampunk und High Fantasy gelungen. Ich gebe zu, dass ich nicht darauf vorbereitet war. Ich habe mich von dem Stichwort „Jack the Ripper“ auf die falsche Fährte führen lassen und mit einem Krimi gerechnet, den man tatsächlich auch im ersten Teil dieses Romanes findet. Jedoch mit Eintritt in die Parallelwelt findet man sich in einem völlig anderen Buch wieder, was der Qualität dieses Romanes jedoch keinen Abbruch tut. Ganz im Gegenteil. Ich lasse mich gern überraschen, insbesondere, wenn diese Überraschung mit soviel Spannung und Unterhaltung verbunden ist wie dieser ungewöhnliche Roman von A. P. Glonn.

© Renie


Die andere Seite der Realität von A. P. Glonn, erschienen im Luzifer Verlag
Ersterscheinung 2014
ISBN: 978-3-943408-40-9







Donnerstag, 22. Dezember 2016

Jakob Arjouni: Happy Birthday, Türke!

"Helles, saftiges Neon, Zentnerbusen, orgiastisch grunzende Frauen in Öl, rosa kolorierte Arschberge zogen sich links und rechts die Häuserwände entlang. Vor den roten Plüscheingängen verschiedener Clubs lehnten bleiche, ranzige Männer, um mit markigen Sprüchen die vorbeiziehenden Passanten zu einem Besuch anzuhalten." (S. 50)
Jakob Arjouni entführt uns mit seinem Kriminalroman „Happy Birthday, Türke!“, geschrieben 1985, in das Frankfurter Rotlicht-Milieu der 80er Jahre. Vor einem Bordell ist ein Türke erstochen worden. Die Polizei erweist sich bei der Aufklärung des Falles als ungewöhnlich zurückhaltend. Daher bittet die Witwe des Ermordeten den Privatermittler Kemal Kayankaya – übrigens besagter Türke aus dem Buchtitel – um Unterstützung. Er übernimmt den Auftrag und stellt seine Nachforschungen mit teilweise sehr unkonventionellen Methoden an. Dabei tritt er so manchem Zeitgenossen empfindlich auf die Füße.
So weit, so gut. Bis hierhin handelt es sich um eine, für einen Kriminalroman relativ unspektakuläre und nicht ungewöhnliche Geschichte. Doch was Arjouni aus dieser einfachen Geschichte macht, ist großes Kino. Das hat sich die Regisseurin Doris Dörrie wohl auch gedacht, denn sie hat diesen Roman Anfang der 90er Jahre verfilmt. 

Kemal Kayankaya (Ich-Erzähler) hat nicht viel mit einem seriösen Privatdetektiv gemein. Er erfüllt eher die Rolle des versoffenen und schmuddeligen Privat-Schnüfflers, der sich durch teilweise sehr unkonventionelle Ermittlungsmethoden hervortut. 

Kemals Ermittlungen führen ihn in das Frankfurter Rotlichtmilieu. Bei seinen Nachforschungen gerät er an die unterschiedlichsten Figuren, die in Jakob Arjounis Darstellung sehr skurril wirken: Nutten, Zuhälter, Drogenabhängige, Kellner…. Selten hat jemand ein nettes Wort für den türkischen Schnüffler Kemal übrig. Allgemein trifft er auf Feindseligkeit und Ablehnung. Man sieht ihm die "Kanacke" nun mal an, und das lassen ihn die Leute auch - teilweise übelst - spüren. Er muss gehörig einstecken, teilt aber auch ordentlich aus. 
"Ich watete durch weiche Teppiche zu einem Tisch und nahm Platz auf Schaumgummikissen in Seide. Hinter der Theke stand Milly, jedenfalls sah sie so aus. Vor vielen Jahren musste sie eine Bombe gewesen sein. Heute konnte keine Farbe die tiefen Falten verbergen. Wasserstoffblond hingen die Haare neben dem schlabbernden Doppelkinn. Ein Stück Leopard betonte ihre Fettröllchen über der Hüfte, stützte den schlaffen Busen und vermittelte den Eindruck einer abgetakelten Dame, die sich bei der Größe ihres Pelzmantels verschätzt hat. ... Ich hockte im lila Plüsch und kam mir ziemlich behämmert vor." (S. 56)
Dabei verbindet Kemal, abgesehen von seinem Namen, recht wenig mit seinen türkischen Wurzeln. Als Kind von Deutschen adoptiert, hat er so gut wie gar nichts von der türkischen Kultur mitbekommen. Insofern ist doch sehr amüsant, dass die türkischen Witwe ihn nur beauftragt, weil sie ausschließlich einem Türken vertrauen kann, Kemal jedoch kaum ein Wort Türkisch spricht. Aber irgendwie kann er sie doch von sich überzeugen, ihre Verzweiflung ist scheinbar zu groß.

Innerhalb weniger Tage kommt Kemal dem Geheimnis um den Mord an dem Türken auf die Spur. Dabei tun sich Verwicklungen auf, an die man zu Beginn der Geschichte nicht im Traum gedacht hätte. 
Abseits des Rotlichtmilieus trifft Kemal auch auf „Normalos“ – Menschen aus dem Mittelstand, die sich ein behagliches Leben eingerichtet haben und eigentlich nicht viel zu tun haben mit der Szene um den Frankfurter Bahnhof - das sollte man zumindest meinen ;-). Hier macht sich Jakob Arjouni einen Spaß und skizziert diese Charaktere sehr übertrieben als Frankfurter Originale, die besonders durch ihr Frankfurter Gebabbel beim Lesen viel Vergnügen bereiten. Man fühlt sich teilweise an Slapstick-Komiker erinnert.
Ausschnitt, Seite 35
"' Ich habe eine Frage wegen Ihrer vor drei Jahren verstorbenen Tochter.' 'Frache Se doch.''Wie ist sie genau umgekommen?' 'Zischel uffen Kopp.' ... 'War sie sofort tot?' 'Ja.' 'Was hat der Arzt gesagt?' 'Zischel uffen Kopp.'" (S. 43)
Der Humor von Arjouni ist schon sehr derbe und offenherzig, manchmal bewegt er sich an der Grenze zum guten Geschmack. Aber genau dadurch versetzt er den Leser in eine "Rotlicht-Romantik", die zwar klischeehaft ist, aber gerade deshalb gern angenommen wird.

Unterstützt wird diese Rotlicht-Romantik durch die Karikaturen des Illustrators Philip Waechter, der seine Zeichnungen mit milieugerechten Rosa-/Lila-/Pink-Farbtönen schmückt.
Diese Farbmomente sorgen bei einigen Zeichnungen für Irritationen. Insbesondere in Verbindung mit Arjounis Männerfiguren wirken diese Farben herrlich deplatziert. Rosa passt einfach nicht zu einem harten Kerl ;-) Und trotzdem hätte keine andere Farbgebung dieses Milieu besser wiedergegeben. Rosa/lila/pinke Farbtöne sind nun einmal typische Szenefarben. Wenn man dann noch den silbrigen Prägedruck des Titels auf dem Buchdeckel betrachtet, fühlt man sich vollends in die plüschige Glitzerwelt der Rotlichtszene versetzt. Treffender ließe sich dieser Roman wohl kaum illustrieren.

Fazit:
Philip Waechter liefert mit seinen Zeichnungen das Sahnehäupchen für einen unterhaltsamen und spannenden Kriminalroman. Waechter greift den derben Humor des Autors Arjouni auf und toppt diesen sogar noch mit seinen Karikaturen. Seine Farbgestaltung betont das Rotlicht-Feeling, das Arjouni in seinem Roman vermittelt.
Die Ausgabe der Edition Büchergilde liefert somit eine perfekte Kombination zwischen Geschichte und Illustration, die einfach nur Spaß macht.

© Renie

ISBN: 978-3-86406-075-5


Über Jakob Arjouni:
Jakob Arjouni (1964–2013) war 21 Jahre alt, als sein Frankfurter Privatdetektiv Kemal Kayankaya in Happy birthday, Türke! zum ersten Mal ermittelte. Für Ein Mann, ein Mord erhielt Jakob Arjouni 1992 den Deutschen Krimipreis. Mehrere seiner Romane, u. a. Cherryman jagt Mister White, sind mittlerweile Schullektüre. Sein Werk ist in 23 Sprachen erschienen.

Über Philip Waechter:
Philip Waechter, 1968 geboren, studierte Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Illustration an der Fachhochschule Mainz. Bereits ein Jahr vor seinem Diplom, 1995, erschien seine erste Buchveröffentlichung. Seither ist er für verschiedene Buchverlage tätig und arbeitet als freier Zeichner in Frankfurt. Waechter ist Mitbegründer der Ateliergemeinschaft LABOR in Frankfurt.

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Philipp Winkler: Hool

Die Begeisterung und Ekstase, die Fußball bei so vielen Leuten hervorruft, ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich kenne zwar die Spielregeln, bin auch mit der Bundesliga vertraut, gehe auch manchmal ins Stadion. Natürlich sehe ich mir Europa- und Weltmeisterschaften an. Aber das war's dann auch schon. Alles, was darüber hinausgeht und scheinbar auch zum Fußball dazugehört wie Schlachtgesänge und Fan-Krawalle, ist für mich nicht zu begreifen. Wenn ich brüllende Fußballfans sehe, denen der Hass auf die gegnerische Mannschaft aus jeder Pore tropft, denke ich immer nur: "Meine Güte, wie hohl!"

Quelle: Aufbau

Und dann ist mir "Hool" von Philipp Winkler vor die Lesebrille gekommen, ein Roman über eine Gruppe von Hooligans aus Hannover. Dieses Buch befasst sich ausgiebig mit dieser, für mich unverständlichen Welt. Ich bin noch nie so voreingenommen an ein Buch herangegangen wie an dieses. Aber mich beschäftigte einfach die Frage, was Menschen dazu bewegt, sich solch gewaltbereiten Gruppierungen anzuschließen. Mit "Hool" erhoffte ich mir eine Antwort.

Gleich vorweg: Das Buch und ich hatten keinen guten Start. Wenn ich auf den ersten Seiten schon mit einer organisierten Massenschlägerei konfrontiert werde und eine Gruppe Hooligans kennenlerne, die sämtliche Klischees zu dieser Szene bedient, überkommt mich Widerwillen, nahezu Ekel. Winkler hat es jedoch erstaunlicherweise geschafft, dass sich mein Widerwillen in Luft aufgelöst hat und ich lernte, mich auf die Personen einzulassen, die im Laufe der Handlung immer mehr aus der grauen Masse der Hooligans hervorstachen und immer mehr Profil bekamen. Allen voran Heiko, der Hauptprotagonist und Ich-Erzähler in Winklers Roman.
"Neben mir johlt die Bierkastentruppe noch immer ihre dämlichen Jubelgesänge. Sonst ist niemand zu sehen. Niemand, dem ich mit Anlauf ins Gesicht springen kann. Niemand, dem ich meine pochenden Fäuste in die Fresse jagen kann. Niemand, an dessen Zähnen ich mir die Finger aufschneiden kann, nur um weiterzuschlagen, bis sie sich von Wurzeln und aus dem Zahnfleisch lösen. Und niemand, auf den ich weiter einschlagen könnte, bis er an den eigenen Zähnen erstickt. Stattdessen klopft mir der Regen auf die Schultern und die Schädeldecke und hämmert mir die Wut in jede einzelne Faser meines Körpers." (S. 180)
Heiko kommt aus einer Familie, die völlig verkorkst ist. Vater Hans ist Alkoholiker, die Mutter ist abgehauen. Geborgenheit und ein liebevoller Umgang existieren nicht in dieser Familie. Stattdessen trifft man auf Gleichgültigkeit und Nebeneinander herleben. Alles scheint sich darum zu drehen, den Vater Hans bei Laune zu halten und die Konsequenzen und Blessuren aus seinem Alkoholkonsum möglichst gering zu halten. Mittlerweile hat sich Hans sogar eine Ersatzfrau besorgt: Mie aus Thailand, die in Heikos Elternhaus völlig deplatziert wirkt. 
Heiko hat keinen Schulabschluss und keine Ausbildung. Er jobt bei seinem Onkel Axel, der einen Boxing-Gym betreibt, indem zwielichtige Gestalten ein- und ausgehen. Axel ist der Anführer einer Gruppe Hooligans und organisiert regelmäßig Prügeleien mit befeindeten Fangruppen anderer Fußballclubs. In Axels Gruppe herrscht eine stramme Hierarchie: es gibt die erfahrenen Mitglieder, die sich ihre Sporen bereits seit langem erkämpft haben und in der Hackordnung weit oben stehen. Der Nachwuchs muss sich noch bewähren und hat sich demnach unterzuordnen. Das Gruppenleben wird von klaren Regeln bestimmt. Auch wenn Heiko zum Nachwuchs gehört, nimmt er doch eine Sonderstellung innerhalb der Gruppe ein. Schließlich wird er als derjenige gehandelt, der früher oder später die Nachfolge seines Onkels antreten wird.
Heiko ist früh von zuhause ausgezogen. Man kann es ihm nicht verdenken. Er kommt bei Arnim unter, einem durchgeknallten Ex-Knacki, der sich in einem heruntergekommenen Haus eingenistet hat und hier illegale Tierkämpfe veranstaltet.

Heikos Familienersatz sind seine Freunde aus der Hooligan-Gruppe. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Verhältnissen: Kai – Kind reicher Eltern und Student; Jojo – Jugendtrainer, seine Familie kommt dem Begriff einer „normalen“ Familie am nächsten; Ulf – Familienvater. Heikos Freunde haben eines gemeinsam: Sie haben eine Perspektive außerhalb der Hooligan-Szene und dadurch die Möglichkeit, jederzeit auszusteigen. Heiko fehlt diese Perspektive. Er setzt auf die Hools, macht diese Gruppe zu seinem Lebensinhalt. Seine Perspektive besteht darin, bei der nächsten Schlägerei, den Gegner richtig aufzumischen und "Geschichte zu machen" - was auch immer das bedeuten mag.
"'... ich habe null', ich forme mit den Fingern einen Kreis, ,nichts. ... Das hier habe ich. Mehr nicht. Ich beschwer mich nicht darüber. Und weißt du, warum? Weil ich für das hier lebe. Weil ich dafür eintrete und dazu stehe. ..." (S. 234)
Wie bereits erwähnt, stellt Winkler seine Charaktere als Teil einer Masse dar. Ich hatte zu Beginn Schwierigkeiten, die einzelnen Personen zu unterscheiden. Aber mit der Zeit kristallisieren sich die Charaktere aus der Masse heraus. Sie erhalten ein Profil, einen Hintergrund und ein Schicksal. Auf einmal hat man als Leser einen ganz anderen Zugang zu diesem Buch. Die Personen werden einem vertraut und man entwickelt Mitgefühl für die einzelnen Charaktere. Plötzlich nimmt man die Schlägereien als gegeben hin. Man beginnt die Beweggründe der Charaktere zu verstehen. Man wird diese Beweggründe jedoch niemals gutheißen.

Quelle: Unsplash/Naphtali Marshall
Philipp Winkler entführt den Leser in eine völlig fremde Welt. Dies macht sich allein schon in seinem Sprachstil bemerkbar, der diesen Roman sehr authentisch wirken lässt. Er lässt seine Charaktere in einer sehr derben Sprache miteinander kommunizieren. Ist das verwendete Vokabular typisch für die Jugendsprache oder für das Milieu, indem die Handlung angesiedelt ist? Wahrscheinlich von beidem etwas. Zumindest tauchen Begriffe auf, die auf mich (50+) fast schon exotisch wirken. Das macht das Lesen für mich zu einem besonderen Erlebnis, da ich bisher noch nichts gelesen habe, das diesem eigenwilligen Sprachstil auch nur annähernd ähnelt.

Es gibt besondere Momente in diesem Buch, in denen das Geschehen sehr bildhaft dargestellt wird. Winkler versteht es, den Leser in diesen Momenten in ganz besondere Stimmungen zu versetzen. Da sind auch viele Wohlfühl-Momente dabei. Zum Beispiel schildert er den Augenblick, als Heiko seine schlafende Freundin beobachtet. Ein sehr  berührender Moment, der allerdings von jetzt auf sofort mit nur einem einzigen Wort zerstört wird:
"Von der Tür aus kann ich ihre Rippen zählen und deutlich den Knochen des Schlüsselbeins unter der Haut schimmern sehen. Ich atme ganz flach. Die Katze schnurrt hinter mir im Flur. Sie hat sich die Haare geschnitten. Eine Strähne ihres Ponys ist rot getönt. Ihre Lider sind geschlossen. Sie schläft wie eine Leiche." (S. 274)
Die Stimmung kippt und auf einmal wird aus einem Wohlfühl-Moment etwas Hässliches. Und insbesondere wenn Heiko diese Szenen erlebt, bestätigt sich einmal mehr seine Perspektivelosigkeit. Sein Leben kann nicht schön sein. Menschen wie er sind chancenlos.

Aber sind sie das wirklich? Winkler lässt das Ende der Geschichte offen. Er bietet Heiko die Möglichkeit, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Was er am Ende daraus macht, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.

Fazit:
Hool“ ist ein Roman, der in diesem Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises zu finden war und allein durch seine Thematik herausstach. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich für einen Roman mit diesem Thema begeistern könnte. Aber genau das ist eingetreten. Indem Winkler seinen Fokus auf die einzelnen Charaktere seines Buches legt, bekommt die Geschichte etwas Tiefgründiges, das ich bei diesem Thema nicht erwartet hätte. Der Leser arrangiert sich mit der Gewalt in diesem Buch. Stattdessen gerät die Entwicklung der Charaktere in den Mittelpunkt. Diese krasse Verbindung aus hohler Gewalt und Tiefgründigkeit machen dieses Buch daher für mich zu einem der ungewöhnlichsten und besten Bücher in 2016.

© Renie

ISBN: 978-3-351-03645-4 



Über den Autor:
Philipp Winkler, 1986 geboren, aufgewachsen in Hagenburg bei Hannover. Studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim. Lebt in Leipzig. Auslandsaufenthalte im Kosovo, in Albanien, Serbien und Japan. Neben Veröffentlichungen in Literaturmagazinen und -anthologien, erhielt er 2008 den Joseph-Heinrich-Colbin-Preis und 2015 für Auszüge aus Hool den Retzhof-Preis für junge Literatur des Literaturhauses Graz. „HOOL“ ist sein Debütroman. (Quelle: Aufbau)