Mittwoch, 24. August 2016

Leon de Winter: Geronimo

Im Mai 2011 fand in Abbottabad, Pakistan, die "Operation Neptune's Spear" statt - die erfolgreiche Erstürmung des Verstecks des Terroristenführers Osama bin Laden, Codename Geronimo. Bei dieser Operation ist bin Laden ums Leben gekommen. Die Umstände seiner Erschießung sind jedoch fragwürdig. Auch wenn die Nachricht über die Tötung bin Ladens von der Öffentlichkeit mit Erleichterung gern akzeptiert worden ist, tauchen doch viele Zweifel an den Umständen seines Todes auf. Immer wieder erscheinen Publikationen, u. a. von Teilnehmern der Operation, die die offizielle Darstellung der US-Regierung in Frage stellen.
Warum ist ein Terrorist mit einem unerschöpflichen Wissensschatz über Al Kaida und die internationale Terrorismusszene liquidiert worden, ohne die Gelegenheit zu ergreifen, sich sein Wissen zunutze zu machen? Warum ist bin Laden umgebracht worden? Hat die Erstürmung tatsächlich so stattgefunden, wie es der Öffentlichkeit Glauben gemacht wurde? Galt es, damals sowie heute ein Geheimnis zu verbergen, von dem bin Laden wusste? Alles ist möglich. Leon de Winter greift diese Fragen auf und entwickelt in seinem Roman eine gar nicht mal so abwegige Verschwörungstheorie. Und am Ende kann man sich sehr gut vorstellen, dass damals alles etwas anders gelaufen ist.

Quelle: Diogenes
Klappentext:
"Geronimo" lautet das Codewort, das die Männer vom Seals Team 6 durchgeben sollten, wenn sie Osama bin Laden gefunden hatten. Doch ist die spektakuläre Jagd nach dem meistgesuchten Mann der Welt wirklich so verlaufen, wie man uns glauben macht?
Ein atemberaubender Roman über geniale Heldentaten und tragisches Scheitern, über die Vollkommenheit der Musik und die Unvollkommenheit der Welt, über Liebe und Verlust. Spannend wie ein Thriller und berührend wie eine Liebesgeschichte, bringt Geronimo die Grenzen zwischen Realität und Phantasie ins Wanken. (Quelle: Diogenes)

"Leute wie ich sehen in dieser offiziellen Geschichte nichts als Lücken. Und ich bin mir sicher, Hope, dass Leute wie du auch Fragen gestellt haben, als sie die Geschichte hörten, als der Präsident der Welt triumphierend erzählte, dass sie UBL abgemurkst hätten. Sie hatten ihn nicht lebend, sondern tot. Es gab praktisch keine Gegenwehr, und trotzdem mussten sie ihn eliminieren. Warum? Warum musste UBL zum Schweigen gebracht werden?" (S. 318)

Was bei Leon de Winter als Polit-Thriller beginnt, entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einem mitreißenden Roman, der die Schicksale unterschiedlicher Charaktere zum Mittelpunkt hat, die mehr oder weniger mit dem Tod bin Ladens zu tun hatten. Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven, hauptsächlich aus der Sicht von Osama bin Laden, Tom - einem Agenten der CIA - sowie Jabbar, einem Jungen aus der Nachbarschaft bin Ladens in Pakistan. Seine Familie gehört dem Christentum an.

Osama bin Laden
Die Darstellung Osama bin Ladens ist gewöhnungsbedürftig. Leon de Winter zeigt einen der gefürchtetsten Terroristen der damaligen Zeit mit menschlichen Seiten. Er dichtet ihm Eigenschaften wie Mitgefühl an. Das liest sich eigenartig. Es fällt schwer, jemandem, der den Tod 1000er Menschen zu verantworten hat, Menschlichkeit zuzusprechen. Als Leser ist man irritiert und will gar nicht so recht glauben, was man über bin Laden liest. Doch Leon de Winter bekommt noch rechtzeitig die Kurve. Bevor der Leser Mitgefühl für bin Laden empfindet, lässt der Autor auch die bösartigen Seiten des Terroristenführers durchklingen. Und schon ist man als Leser wieder versöhnt.
"Wie sie am 11. September 2010 von UBL mitgenommen worden war, als wie fürsorglich sich UBL erwiesen hatten - die Fürsorglichkeit eines Ungeheuers. Sogar UBL konnte menschlich sein. Ein unerträglicher Gedanke." (S. 392)
Tom Johnson
Tom ist Mitglied der CIA, seine Karriere begann in der US Army. Eigentlich war er gar nicht an dem Angriff auf das Versteck bin Ladens beteiligt. Da er jedoch einen engen Kontakt zu den Männern der Einheit hatte, die mit diesem Auftrag betraut waren, hat er Kenntnis von dem Plan erhalten. Die Spezialkräfte der US Army, die derartige Sonderaufgaben übertragen bekommen, scheinen in einer Parallelwelt zu leben. Töten ist ein Job, Tötungsaufträge werden mit einer routinierten Selbstverständlichkeit durchgeführt. Dass die Mitglieder dieser Spezialkräfte selbst ständig der Gefahr ausgesetzt sind, ermordet zu werden, gehört zu deren Dasein dazu. Ihr Alltag ist von Misstrauen und Vorsicht geprägt, selbst wenn sie mittlerweile schon längst aus der Army ausgetreten sind und einen Job in einer privaten Sicherheitsfirma angenommen haben. Einmal Soldat, immer Soldat.

Während seiner Zeit in Afghanistan baut Tom eine Beziehung zu einem kleinen muslimischen Mädchen auf. Beide verbindet die Leidenschaft zur klassischen Musik, insbesondere die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit saugen sie Musik förmlich in sich auf. Diese Momente der Begeisterung und Harmonie erscheinen merkwürdig in dieser kriegsgebeutelten Umgebung. Die Liebe zur Musik wird dem Mädchen in dem islamischen Land zum Verhängnis. Tom fühlt sich verantwortlich für ihr Schicksal.
"Sie trat ein paar Schritte auf mich zu, nein, sie schritt, muss ich sagen, und dann blieb sie minutenlang reglos stehen, als hätte sie Angst, als sträubte sie sich gegen etwas, was sie mitriss, dieses dünne Mädchen, dunkel wie ihr Vater, glänzend gebürstetes schulterlanges Haar, lange Wimpern, gelbe Strickjacke über wadenlangem geblümten Kleid, leichte Hose, schmutzige weiße Pantoffeln - eine kleine afghanische Version von Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring. Schutzlos stand sie in Bachs Universum, in dem sich eine Note wunderbar natürlich zur anderen fügte und einen harmonischen Fluss bewirkte, der über die Natur hinausragte." (S. 133)
Jabbar
Ein Jugendlicher, der mit seiner Mutter in Abbottabad in Pakistan lebt. Eine christliche Familie unter Muslimen. Jabbar träumt davon, mit seiner Familie nach Amerika auszuwandern. Doch leider fehlen die Mittel, um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Eines Tages tut sich ein Hoffnungsschimmer auf.


Anfangs scheint es kaum Verbindungen zwischen den einzelnen Charakteren zu geben. Erst mit der Zeit beginnen sich ihre Wege zu kreuzen, und ihre Schicksale verflechten sich zu einem logischen Ganzen.

Leon de Winter konzentriert sich zu Beginn seines Romanes auf bin Ladens Tage vor dem Angriff sowie auf den Angriff selbst. Dabei schildert er diese Operation mit all ihrer militärischen Präzision. Man ist versucht, diesen Roman als Politthriller einzuordnen. US Army, CIA, Terroristen, das Weiße Haus, alles deutet darauf hin. Der damalige (und jetzige) Präsident der USA wird im Übrigen von Leon de Winter mit sehr unfeinen Eigenschaften ausgestattet, allen voran Skrupellosigkeit und Machthunger. Das ist  amüsant, zumal seinem Pendant in der Terrorismusbranche menschliche Eigenschaften angedichtet worden sind. Hier lässt Leon de Winter die Grenzen zwischen den guten Jungs und den bösen Jungs geschickt verwischen.
"Im Frühjahr 2011 war Obama in Militärkreisen keine sonderlich beliebte Figur. Wir wählten zwar nicht alle die Republikaner, in unseren Augen befassten sich nur Weicheier mit Politik, aber wir fanden, der jetzige Präsident sei ein elitärer Universitätsprofessor, der kein Feeling für die Machtverhältnisse in der Welt habe und auch kein Feeling dafür, welche Opfer wir, die Kämpfer und ihre Familien, für das Land brächten." (S. 64)
Mit der Zeit entwickelt sich der vermeintliche Politthriller zu einem Roman über menschliche Schicksale. Der Charakter bin Laden gerät in den Hintergrund und auf einmal stehen die berührenden Schicksale einer christlichen Familie und eines muslimischen Mädchens im Mittelpunkt.

Dies war der erste Roman, den ich von Leon de Winter gelesen habe, aber mit Sicherheit nicht der letzte. Ich war von Anfang an gefesselt. Der niederländische Schriftsteller ist ein Meister der Spannung, wobei es keinen Unterschied macht, ob er über militärische Aktionen schreibt oder über den Alltag in einem islamischen Land und dem Schicksal eines kleinen Mädchens. Es fällt nicht leicht, diesen Roman aus der Hand zu legen, insbesondere durch die unvorhergesehenen Wendungen, die die Handlung nimmt. Einmal begonnen, will man wissen, wo die literarische Reise hinführt. Genauso muss spannende Unterhaltung sein!

Fazit
Ein Roman, der es in sich hat: ein menschlicher Topterrorist, eine militärische Parallelwelt, Johann Sebastian Bach im Krieg, Christen in Pakistan, eine Verschwörungstheorie. Es ließe sich bestimmt noch mehr finden. Man kommt als Leser aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Fantasie des Autors ist grenzenlos. Und er versteht es, seine Geschichte glaubhaft zu verkaufen. Und am Ende bleiben die Zweifel an dem, was damals in Pakistan geschehen ist. De Winters Version erscheint nicht abwegig. Genauso könnte es gewesen sein.

Klare Leseempfehlung!


© Renie


Geronimo von Leon de Winter, erschienen im Diogenes Verlag
Erscheinungsdatum: 24. August 2016
ISBN:978-3-257-862980



Über den Autor:
Leon de Winter, geboren 1954 in 's-Hertogenbosch als Sohn niederländischer Juden, begann als Teenager, nach dem Tod seines Vaters, zu schreiben. Er arbeitet seit 1976 als freier Schriftsteller und Filmemacher in Holland und den USA. Seine Romane erzielen nicht nur in den Niederlanden überwältigende Erfolge; einige wurden für Kino und Fernsehen verfilmt, so ›Der Himmel von Hollywood‹ unter der Regie von Sönke Wortmann. Der Roman ›SuperTex‹ wurde verfilmt von Jan Schütte. 2002 erhielt de Winter den Welt-Literaturpreis für sein Gesamtwerk, und 2006 wurde er mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet. (Quelle: Diogenes)




Donnerstag, 18. August 2016

Stewart O'Nan: Westlich des Sunset

Romane, deren Protagonisten bekannte Persönlichkeiten sind, üben eine große Faszination auf mich aus. Der Reiz liegt für mich darin, dass diese Persönlichkeiten mit all ihren Schwächen dargestellt werden, wobei es mir egal ist, ob diese Schwächen angedichtet sind oder tatsächlich vorhanden sind. Es ist doch immer ein gutes Gefühl zu wissen, dass Berühmtheiten auch nur Menschen wie du und ich sind. 

In dem vorliegenden Roman "Westlich des Sunset" von Stewart O'Nan geht es um den Schriftsteller F. Scott Fitzgerald, Autor von "Der große Gatsby". Fitzgerald konnte mit seinem Ruhm nicht umgehen und ist daran fast zerbrochen. O'Nan versetzt seinen Helden in die 30er/40er Jahre. Fitzgerald, mittlerweile pleite, alkoholabhängig und tablettensüchtig, versucht sein Glück als Drehbuchautor in Hollywood.

Quelle: Rowohlt
Auszug aus dem Klappentext:
Hollywood, 1937. Als der amerikanische Schriftsteller Francis Scott Fitzgerald mit eindundvierzig als Drehbuchschreiber nach Hollywood gerufen wird, scheint seine Alkoholsucht unbezähmbar, seine Frau Zelda lebt in einer psychiatrischen Klinik, das Verhältnis zu seiner Tochter ist schwierig. Mit "Der große Gatsby" hat er Weltruhm erlangt, doch das ist lange her. Nun sieht er in der Traumfabrik Hollywood die Chance eines Neuanfangs. ... 


Hollywood - ein hartes Pflaster für einen Schriftsteller, der seine besten Zeiten bereits hinter sich hat. Fitzgerald gibt sich der Illusion hin, immer noch einen Namen in Hollywood zu haben. Er baut auf seinen Ruf, der ihm bei den Filmgesellschaften viele Türen öffnen soll. Doch man hat den Eindruck, dass er die Jobs, die er erhält, nur aus Mitleid angeboten bekommt. Man nimmt ihn nicht mehr ernst, wozu auch seine Unbeständigkeit als Folge seiner Alkoholsucht beiträgt. Doch Fitzgerald will sein gesunkenes Ansehen nicht wahrhaben. Noch immer vergleicht er sich mit alten Weggefährten, allen voran Ernest Hemingway, mit dem er sich nie ganz grün war. Hollywood ist ein Dorf. Zwangsläufig begegnet man sich auf Parties und öffentlichen Veranstaltungen. Aber Hollywood ist auch eine Zweiklassengesellschaft. Es gibt diejenigen, die auf der Erfolgswelle reiten und im Rampenlicht stehen. Und dann gibt es Leute wie Fitzgerald, die an ihren alten Erfolgen anknüpfen wollen, aber nicht wahrhaben können, dass die Zeiten des Erfolges längst vorbei sind. Diese Leute werden bestenfalls geduldet, gehören aber nicht mehr zur elitären Gesellschaft Hollywoods dazu.
"Er dachte an den Rausch seines ersten Erfolgs, als alle Welt ihn begehrte, nur dass der verträumte Egoist, der er gewesen war, geglaubt hatte, es würde für immer so bleiben." (S. 181)
Als erfolgreicher Romanautor hat Fitzgerald ein angenehmes und unabhängiges Leben geführt. Als Drehbuchautor ist es vorbei mit seiner Unabhängigkeit. Er ist auf Gedeih und Verderb der Produktionsgesellschaft ausgeliefert. Egal wie gut seine Drehbucharbeit ist, am Ende entscheidet der Produzent über den Inhalt des Drehbuches. Es wird ungefragt gekürzt und gestrichen, so dass das Ergebnis am Ende nur noch herzlich wenig mit der ursprünglichen Arbeit des Drehbuchautors zu tun hat. Aber wer bezahlt, bestimmt auch über Inhalt und Stil des Drehbuches. Kreativität ist an dieser Stelle unerwünscht.
Fitzgerald widerstrebt die Rolle des Drehbuchautors. Aber er hat keine Alternativen. Hoch verschuldet, Ehefrau Zelda in einer kostspieligen psychiatrischen Einrichtung, Tochter Scottie auf dem Internat - Fitzgerald muss nehmen, was er kriegen kann und seine eigenen Bedürfnisse dabei hintenanstellen. Er ist einem enormen Druck ausgesetzt. In Hollywood ist sein Alkoholproblem bekannt. Man lauert förmlich darauf, dass Fitzgerald wieder seine Aussetzer hat und scheitert.

O'Nan bestätigt einmal mehr, dass Hollywood nichts anderes als eine Scheinwelt ist. Einerseits das gern gesehene Bild vom Glamour, andererseits die Kälte, Neid und Missgunst der Reichen und Schönen, die sich in Hollywood tummeln. Hollywood hat etwas Verdorbenes und Zerstörerisches. Die Erfolgreichen können damit umgehen, die Erfolglosen gehen daran zugrunde.
"Trotz ihrer tropischen Schönheit, hatte die Stadt etwas Reizloses, Hartes, etwas Vulgäres, das so unzweifelhaft amerikanisch war wie die Filmindustrie, die durch die endlosen Wellen arbeitshungriger Migranten florierte und ihnen nichts Handfesteres als Sonnenschein bot. Es war eine Stadt der Fremden, doch, anders als in New York, gründete sich der Traum, den L. A. verkaufte, wie in jeglichem Paradies, nicht auf außergewöhnliche Leistungen, sondern auf unbegrenzte Leichtigkeit; ein Zustand, den nur Wohlhabende oder Tote erreichen konnten." (S. 59)
Nostalgie macht sich beim Lesen breit. Man stößt auf Stars wie Humphrey Bogart, Marlene Dietrich, Joan Crawford etc. etc. etc. und auch hier ist es sehr unterhaltsam, dass O'Nan diese schillernden Berühmtheiten des Filmgeschäfts, an die man mit Ehrfurcht zurückdenkt, von ihrem Podest herunterholt und mit allen möglichen menschlichen Schwächen ausstattet.

Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, das Szenario durch einen Filter zu betrachten. Das Leben in Hollywood hat etwas Unwirkliches, als ob es nicht von dieser Welt ist. Fitzgerald ist auf der Suche nach Normalität. Ein "normales" Familienleben, ein "normaler" Beruf, um seine Familie zu ernähren. Aber mit seinem Wunsch nach Normalität wirkt er in Hollywood deplatziert. Diese Normalität findet er auch nicht mehr in seiner Ehe. Die psychische Erkrankung seiner Frau Zelda macht ein "normales" Eheleben unmöglich. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann er sich in eine andere Frau verguckt, die allerdings große Ähnlichkeit mit Zelda aufweist. Es ist der Versuch, an seinem "alten" Leben mit Frau anzuknüpfen. Aber die Beziehung zu seiner "Neuen" scheint nicht zu funktionieren. Sheila, beruflich erfolgreich und unabhängig, ist ihm deutlich überlegen. Fitzgerald nimmt die Beziehung ernster als sie es tut.
"Er glaubte nicht an Scheidung - nicht als Katholik, denn das war er nur noch dem Namen nach, sondern als Romantiker -, und dennoch begriff er, dass, obwohl eine Verbundenheit blieb, der Aspekt ihrer Liebe vorbei war, zerstört durch Wut, Krankheit und Schmerz, durch zu viele Seitensprünge und zu viele getrennte Nächte." (S. 162)
Fitzgerald wird immer mehr zum Loser. Kein Erfolg im Beruf, kein Erfolg in der Liebe. Fitzgerald zerbricht langsam an seinen Misserfolgen und versinkt immer häufiger in seiner Sucht. 

Stewart O'Nan beschreibt das Scheitern Fitzgerald mit einer Nüchternheit, die eine große Distanz zu seinem Protagonisten aufkommen lässt. Er beschönigt nichts, bewertet nichts und nennt die Dinge beim Namen. Es kommen weder Mitgefühl für den zerplatzten Traum einer gescheiterten Existenz auf der Suche nach Normalität auf, noch Schadenfreude für den Absturz eines Mitgliedes des Vereins der Reichen und Schönen auf. Es scheint fast so, als ob einen die Geschichte Fitzgeralds gleichgültig lässt. Aber das stimmt nicht. Denn mit Fortschreiten der Handlung wird man feststellen, dass einem die Person Fitzgerald doch näher gekommen ist als man gedacht hat. 

Fazit
Dieser Roman liefert eine besondere Mischung aus der Glitzerwelt Hollywoods, Nostalgie und dem Scheitern einer Persönlichkeit. Dabei bedient sich der Autor einer Sprache, die nicht viel mit Glanz und Glamour zu tun hat, sondern eher das Zerstörerische und Unbarmherzige der Stadt der Engel betont. Klare Leseempfehlung!



© Renie


Westlich des Sunset von Stewart O'Nan, erschienen im Rowohlt Verlag
Erscheinungsdatum: März 2016
ISBN: 978-3-498-05045-0



Über den Autor:
Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman Engel im Schnee erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. (Quelle: Rowohlt)








Donnerstag, 11. August 2016

Jens-Michael Volckmann: Neunundneunzig Namen

Als Blogger freut man sich immer wieder, wenn man auf tolle Geschichten und Talente abseits der Bestseller-Listen stößt. Eine wahre Quelle unerschöpflicher Schreiblust ist anscheinend eine Autorengruppe, die sich unter der Bezeichnung #bartbroauthors auf Twitter tummelt. Andreas Hagemann, der Autor der Fantasy-Reihe "Xerubian" (und mittlerweile Bartträger) hat mich darauf gebracht. Danke für den Tipp!
Eine Gruppe Bart-tragender Autoren, wobei das mit dem Bart wohl ein Witz ist. Angeklebte Bärte gehen auch, der eine oder andere Damenbart wird wohl auch vorhanden sein. Aber eines haben sie - ob mit oder ohne Bart - gemeinsam. Alle sind Schriftsteller mit Spaß und Leidenschaft. Da ich mich gerade im Urlaub befand und Lesezeit wie noch nie zur Verfügung hatte, habe ich mich ein wenig durch die Twitter-Posts dieser Gruppe geklickt. Und auf den ersten Blick muss ich sagen, "Hut ab". Da ist doch einiges dabei, was in mein Beuteschema passt. Aber spontan bin ich bei einer Erzählung hängengeblieben. Mir ist die Aktualität des Themas aufgefallen. Ich habe noch nichts gelesen, dass dermaßen zu den Anschlägen im Juli in München passt und den aktuellen Zeitgeist in unserer Medienlandschaft widerspiegelt. Daher ist meine Wahl auf diese Erzählung gefallen:



Die Geschichte ist schnell erzählt: Über Frankfurt/M. stürzt ein Passagierflugzeug ab. Ein ganzer Stadtteil wird verwüstet. Tausende von Tote sind zu beklagen. Im Internet taucht ein Mitschnitt aus dem Cockpit im Moment des Absturzes auf. Die letzten Worte, die zu vernehmen sind, ist das „Allahu Akbar“ eines Passagiers. Alles deutet auf einen terroristischen Anschlag hin. Die Sachlage scheint eindeutig zu sein. Dem Leser ist jedoch schnell klar, dass nichts ist, wie es scheint, zumal auch der Verdacht auf einen terroristischen Anschlag schnell entkräftet wird. Der Absturz ist auf technisches Versagen zurückzuführen. Doch irgendwie zweifelt man doch. Denn der Autor Jens-Michael Volckmann legt ganz fiese Fährten aus, die darauf hindeuten, dass die islamistische Terroristenwelt doch ihre Hände im Spiel hatte.
"Das Fernsehbild wird schwarz. Nur noch die Aufzeichnung ist zu hören. Da sind der dumpfe Schlag gegen die Tür und dann die dunkle Stimme, die zwei Wörter ruft: "Allahu Akbar!"
Die Erzählung reißt den Leser von Anfang an mit. Die Spannung ist unglaublich hoch. Jens-Michael Volckmann hat für seine Geschichte einen ungewöhnlichen Aufbau gewählt: er erzählt in mehreren ständig wechselnden Zeitebenen.

Der Tag des Absturzes: Die Geschichte wird aus der Sicht des mutmaßlichen Täters und dessen Bruder, einem angesehenen Iman aus Köln erzählt. Die beiden geben akribisch die Vorkommnisse am Tag des Absturzes wieder. 

Die Wochen nach dem Absturz, in denen unter Anderem eine Fernsehtalkshow live ausgestrahlt wird. Teilnehmer dieser Talkshow sind eine Überlebende des Absturzes, Politiker sowie wieder der Bruder des angeblichen Attentäters. Man fühlt sich an Sendeformate wie „Hart aber fair“ oder „Anne Will“ erinnert. Die Medienwelt hat ihr Urteil bereits gefällt. Wider jeglicher Vernunft hat die Öffentlichkeit ihren Schuldigen gefunden. Die falsche Schlagzeile im richtigen Moment und schon ist der gemeinsame Feind identifiziert: der Islam.

Ein Jahr nach dem Absturz wird ein Dokumentarfilm ausgestrahlt, der sich mit der tatsächlichen Aufklärung befasst. Neben diversen Zeugen, kommt auch hier der Bruder wieder zu Wort und dem Leser wird schnell bewusst, dass es nicht bei den Opfern des Absturzes geblieben ist. Die manipulative Berichterstattung hat ihr Übriges geleistet. Brennende Moscheen gehören auf einmal zum Nachrichtenalltag dazu.
"'Al-Malik hat ganz klar und deutlich 'Allahu Akbar' gerufen. Wie viele Beweise benötigen Sie denn noch, um sich einzugestehen, dass er ein fanatischer Gotteskrieger war, der mehr als 1200 unschuldige Menschen mit in den Tod gerissen hat.' Das Publikum auf den dunklen Zuschauerrängen applaudiert."
Ich habe diese Erzählung zufällig an dem Tag gelesen, als sich der „islamistische“ 18-jährige Attentäter, der in einem Münchner Einkaufszentrum um sich geschossen hat, als Rechtsradikaler entpuppte, und das nach mehr als einer Woche Ermittlungsarbeit. In dieser Woche stand für Deutschland fest, dass der Terrorismus des IS in Deutschland angekommen ist. Und es bedurfte nur einer Videoaufnahme des Täters, wie er auf einem Parkhausdach angeblich islamistische Äußerungen von sich gab. Der Fall war glasklar. Das allgemeine Misstrauen gegenüber unseren muslimischen Mitbürgern wurde dadurch verstärkt. Und es fehlte nicht viel, um in das Szenario zu schliddern, das Jens-Michael Volckmann in seiner Erzählung „Neuundeunzig Namen“ überzeugend dargestellt hat.

Ich kann diese Erzählung jedem empfehlen, der sich tagtäglich von Medien berieseln lässt, Informationen unkritisch aus dem Internet saugt und somit dahin tendiert, seine eigene Meinungsbildung anderen zu überlassen. Es war noch nie so leicht an Informationen zu geraten wie heute. Es war aber auch noch nie so leicht an Fehlinformationen zu geraten. 

Fazit:
Eine bemerkenswerte Erzählung mit einem top-aktuellem Thema, hervorragend ausgearbeitet. Der Aufbau ist ungewöhnlich, trägt aber zur Spannung bei, die unglaublich hoch ist. Diese Erzählung ist für mich ein Appetithappen, der Lust auf Mehr aus der Feder von Jens-Michael Volckmann macht. Mal sehen, was er sonst noch so schreiben wird ;-)







Donnerstag, 4. August 2016

Brigitte Halenta: Die Breite der Zeit

Ich bin in die Breite gegangen. Freundlich ausgedrückt: Ich habe in den letzten Jahren Gewicht  aufgebaut ;-) Aber das ist nun mal die logische Konsequenz aus einem Missverhältnis zwischen Nahrungsaufnahme und körperlicher Bewegung. Ein unerfreulicher Zustand.
Seit der Lektüre von Brigitte Halentas Roman "Die Breite der Zeit" habe ich gelernt, dass auch die Zeit in die Breite gehen kann. Aber anders als bei meinen Kilos, ist die Breite der Zeit ein durchaus erstrebenswerter Zustand.

Worum geht es in diesem Roman?
Am Abend ihres 70-jährigen Geburtstages bereitet sich Henriette auf eine Auszeit von ihrem bisherigen Leben vor. Am nächsten Morgen will sie eine Reise nach Amerika antreten. Dort wird sie eine Freundin besuchen, die in jungen Jahren einen Amerikaner geheiratet hat und mit ihm ausgewandert ist. Die beiden Freundinnen haben sich seit ihrer Jugend nicht mehr gesehen.
Henriette hat diese Auszeit bitter nötig. Zusammen mit ihrem Mann Achim, der 94-jährigen bösartigen Schwiegermutter und ihrem erwachsenen Sohn, lebt sie auf einem Bauernhof in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein. All die Jahre hat sie ihrem Mann selbstlos den Hof geführt, die Schwiegermutter versorgt und sich um den Sohn gekümmert. Ihre eigenen Bedürfnisse hat sie dabei immer hinten an gestellt. Sie war für andere da, aber nie für sich selbst. Dabei musste sie die Ablehnung und Anfeindung der Schwiegermutter über sich ergehen lassen. Ihr Mann begegnet ihr seit Jahren mit Gleichgültigkeit. Henriettes einziger Lichtblick waren die wöchentlichen Treffen mit Bernd, mit dem sie ein Verhältnis hatte. Doch Bernd ist vor einigen Jahren gestorben.
„Sie hat es immer in dem Blick, mit dem die anderen sie anschauen, gelesen: Ablehnung, Missachtung. Irgendetwas ist grundsätzlich falsch an ihr. Sie hat sich ihr Leben lang Mühe gegeben, alles richtig zu machen, aber zu einer Richtigen hat sie das nicht gemacht.“ (aus "Die Breite der Zeit")
Henriette nimmt also ihr Leben in die Hand und tritt die große Reise ins Unbekannte an. Je länger und weiter sie von zu Hause weg ist, umso selbstständiger und mutiger wird sie. Aus Henriette wird Henny. Sie gewinnt neue Freunde und entdeckt verborgene Talente an sich. Schleswig-Holstein ist weit weg. Nur selten verschwendet sie einen Gedanken an Zuhause. Aber irgendwann ist ihre Zeit in Amerika vorbei. Der Aufenthalt hat ihr gut getan. Sie hat die neue Henny lieben und schätzen gelernt. Die Herausforderung ist jetzt, die Dinge, die ihr wichtig geworden sind, in ihren Alltag auf dem Bauernhof zu integrieren.
Doch alles läuft anders als geplant. Zuhause erwartet sie eine Tragödie, die sie zunächst völlig aus der Bahn wirft. Sie braucht einige Zeit, um wieder zu ihrer neuen Stärke zurückzufinden.
Das Schicksal scheint es gut mit ihr zu meinen. Sie schafft es, den in Amerika begonnen Weg der Selbstfindung in Deutschland fortzusetzen. Sie widmet sich ganz ihrem künstlerischem Talent, das sie in Amerika für sich entdeckt hat. Sie führt auf einmal ein Leben, das ihr auf dem Hof nie vergönnt war und von dem sie noch nicht einmal geträumt hat.
Dieser Roman ist ein Liebesroman. Natürlich darf daher der Passende für Henny nicht fehlen. Sie lernt Carl kennen, ein Mann in den 70ern, der ihre Leidenschaft für die Kunst teilt. Er umwirbt sie und am Ende kriegen sie sich.
„Henriette richtet sich innerlich auf und sagt sich wieder einmal, dass sie siebzig ist und dass es, wenn nicht jetzt, wann dann, Zeit ist, andere Seiten aufzuziehen. Was doch nur heißen kann, die alten hinderlichen Gefühle in den Müll zu kippen und neue auszuprobieren: die Berechtigung, den eigenen Wünschen zu folgen, die aufregende Freiheit zu entscheiden, die Lust, die alleinige Urheberin all dessen zu sein, was in ihrem Leben passiert.“ (aus "Die Breite der Zeit")
Dieser tolle Roman von Brigitte Halenta passt in die derzeitige Diskussion um den Mangel an „Seniorenromanen“ in der aktuellen Literaturszene. Ich stoße häufig auf die Frage nach den Büchern von Alten über Alte für Alte gemacht. „Altenliteratur“ halt! Ein fürchterlicher Begriff. Ich tue mich schwer mit diesem Schubladendenken. Wenn mich ein Roman interessiert, ist das Alter der Protagonisten nebensächlich. Für mich sind andere Kriterien ausschlaggebend. Das sind eine außergewöhnliche Geschichte und bemerkenswerte Charaktere.
Brigitte Halenta hat mit ihrem Roman "Die Breite der Zeit" genau meinen Geschmack getroffen. Sie zeigt die Entwicklung einer mutigen Frau auf, für die mit 70 noch lange nicht Schluss ist. Dabei erzählt sie eine spannende und kurzweilige Geschichte, die den Leser zu den unterschiedlichsten Schauplätzen führt. Und am Ende ist dieses Buch eine romantische Liebesgeschichte, ein bisschen Seniorenroman und ganz viel Entwicklungsgeschichte einer bemerkenswerten Frau. Also einfach ein rundum gelungener Roman, der fesselt, den Leser träumen lässt, aber auch nachdenklich stimmt.
„Die Freude ist jäh geköpft worden. Irgendwie, will ihr scheinen, war das immer so. Kurz bevor eine Freude in ihren Armen angekommen war, so dass sie hätte zugreifen können, in ihren Beinen, so dass sie hätte loslaufen können, kam jemand, der die Freude erstickte. Aus der verlorenen großen Freude wurden dann all die kleinen Freuden der zweiten Wahl, die sie ersetzen sollten.“ (aus "Die Breite der Zeit")
Brigitte Halenta hat mich von Anfang an mit ihrer wundervollen Sprache gehabt. Sie schafft es, durch ihren Sprachstil emotionale und berührende Bilder hervorzurufen. Man nimmt sich gern Zeit beim Lesen und verweilt bei einzelnen Textpassagen, weil es Freude bereitet, diese mehrfach zu lesen. Ihre bildhafte Sprache ist ein Genuss. Und doch musste ich zum Ende feststellen, dass mich das, was ich an dem Sprachstil zu schätzen wusste, zum Ende ins Kitschige abgedriftet ist. "Die Breite der Zeit" ist immer noch ein Roman inklusive Liebe, Lust und Leidenschaft. Und gerade bei einer bildhaften Sprache wird der Grat zwischen Kitsch und Gefühl sehr schmal. Leider hat Brigitte Halenta diese Gratwanderung zum Ende nicht hinbekommen. Ich glaube aber, dass ich hier kein Maßstab sein sollte, da ich mich generell mit Liebesromanen schwer tue. Freunde von Liebesromanen werden hier gewiss zu einer anderen Meinung kommen. Und um es mit Brigitte Halentas Worten zu schreiben:
„Die Bewertung ‚kitschig‘ drückt doch oft nichts weiter als die Angst vor Gefühlen aus. Alle großen Gefühle sind, wenn man über sie redet, kitschig.“ (Auszug aus "Die Breite der Zeit")
Nun, liebe Frau Halenta, ich bin sicher, dass ich keine Angst vor Gefühlen habe. Ich denke nur, dass manchmal weniger mehr ist. Gefühle lassen sich auch in einer weniger bildhaften Sprache darstellen. Ich bin jedoch überzeugt, dass viele andere Leser bei diesem Gefühlsszenario dahinfließen werden. Ich bin halt nicht geflossen, was jedoch meiner Begeisterung für Ihren Roman keinen Abbruch tut.
„ …, dass es zwei Welten gibt, die Welt des Alleszugleich und die Welt des Alleshintereinander; zu der ersten gehört die Breite der Zeit, zu der zweiten ihre Länge. Um alles zugleich haben zu können, muss man einfach nur da sein, weiter nichts, mit allen Sinnen, aber wenn man handeln will, dann geht das nur alles hintereinander. Diese beiden Prinzipien darf man nicht durcheinanderbringen, sonst droht Unglück.“ (aus "Die Breite der Zeit")
Die Autorin verknüpft in ihrem Roman eine großartige Geschichte mit vielen philosophischen und lebensklugen Ansätzen. „Die Breite der Zeit“ - ein Zustand, den jeder anstreben sollte, egal in welchem Alter, je früher desto besser. Auch jetzt noch, einige Tage nachdem ich diesen Roman gelesen habe, ertappe ich mich dabei, nach der Breite der Zeit zu forschen. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich nehme in diesen Momenten des Innehaltens die Dinge um mich herum bewusster wahr, versuche mich auf das Jetzt zu konzentrieren und nicht auf das, was kommen könnte. Wahrscheinlich wird mir dies auf Dauer nicht immer gelingen. Aber ich arbeite daran. Und im Zweifelsfall werde ich immer wieder gern an die Ü70erin Henny denken, die - besser spät als nie - alles richtig gemacht hat und die Breite der Zeit für sich entdeckt hat.

Danke, Brigitte Halenta, für einen besonderen Roman voller Lebensfreude, Hoffnung und Zukunft.


© Renie



Die Breite der Zeit von Brigitte Halenta,
ISBN: 978-1522985662
Verlag: Martin Bühler Publishing



Über die Autorin:
Brigitte Halenta, Jahrgang 1937, lebt und schreibt in Lübeck. Bis 2010 war sie als Psychotherapeutin in ihrer eigenen Praxis tätig. Obwohl sie schon immer geschrieben hat und Texte von ihr in verschiedenen Literaturzeitungen erschienen sind, konnte sie sich erst nach der Aufgabe ihrer Berufstätigkeit ganz dem Schreiben widmen. Im März, 2007 stellte sie ihren ersten Roman DIE BREITE DER ZEIT (Orlanda Verlag, Berlin) in einer stark gekürzten Fassung im Buddenbrookhaus in Lübeck vor. Die Neuauflage des Romans ohne Kürzungen ist 2015 bei Martin Bühler Publishing erschienen. (Quelle: Martin Bühler Publishing)

Freitag, 29. Juli 2016

Hans Christoph Buch: Elf Arten, das Eis zu brechen

„Eissuppe, Eisbrei, Plätzcheneis, Pfannkucheneis, Torteneis, Tafeleisberge, Eisburgen, Eisschlösser, Eispaläste, Eispyramiden und Eiskathedralen …“ - Dies sind die elf Arten Eis, die es in der Antarktis gibt. Es gibt allerdings noch eine 12. Art - das Eis des Schweigens. Der Autor Hans Christoph Buch versucht mit seinem autobiografischen Roman dieses Eis zu brechen. Denn unter Anderem offenbart sich dem Leser in diesem Roman das dunkle Geheimnis der Familie Buch.
Diesen Roman allerdings auf dieses Familiengeheimnis zu reduzieren, wäre ein fataler Fehler.

Selten ist es mir so schwierig gefallen, einen Roman zu beschreiben. Daher konzentriere ich mich zunächst auf seinen Aufbau: es besteht aus 3 Abschnitten (Bücher) mit insgesamt 11 Kapiteln. Diesen 3 Büchern ist ein Vorspann vorangestellt. Der Vorspann führt uns auf einen Eisbrecher auf dem Weg in die Antarktis. Hans Christoph Buch befindet sich auf diesem Schiff. Warum er diese Reise macht, ergibt sich erst zum Schluss des Romanes.

Erstes Buch: Wer bin ich?
In diesem Abschnitt erlebt man den Autor in seiner Funktion als reisender Schriftsteller. Die Geschichten, die er in diesem Abschnitt erzählt, könnten einem Reisetagebuch entnommen sein. Er führt uns dabei in Länder wie Russland, den Kaukasus und Kambodscha. In diesen Ländern hat er während seines Aufenthaltes einiges erlebt, das er teilweise mit einem Augenzwinkern zum Besten gibt. In diesen Reiseanekdoten klingen jedoch auch kritische Töne zu dem jeweiligen Land durch. Er scheut sich nicht, auf Missstände in den einzelnen Ländern hinzuweisen und macht auch nicht Halt vor kritischen Äußeren gegenüber dem jeweiligen Regime. Diese Beschreibungen sind hochinteressant und gewähren dem Leser einen intensiveren Blick auf das jeweilige Land als er es vielleicht von anderer Reiseliteratur gewohnt ist.
„Zusammen mit Vann Nath besuche ich das außerhalb von Phnom Penh gelegene Choeung EK, eins von Hunderten über ganz Kambodscha verstreuten Killing Fields. In der als Mahnmal dienenden Pagode sind 8985 Schädel aufgeschichtet, nach Alter und Geschlecht geordnet, darunter die Köpfe von neun Europäern - die Überreste von den Roten Khmer ermordeter Amerikaner wurden in die USA überführt. Obwohl oder weil erst 86 der 129 Massengräber geöffnet worden sind, habe ich das Gefühl auf einem Leichenberg zu stehen.“ (S. 81)
Zweites Buch: Woher komme ich?
Dieser Abschnitt ist der persönlichste Teil in diesem Roman. Hier geht der Autor auf seine familiären Wurzeln ein. Im Mittelpunkt steht sein Vater - ein außergewöhnlicher Mensch. Die Erinnerungen, die Buch hier wiedergibt, beziehen sich auf die Zeit vor Beginn des zweiten Weltkrieges bis zu seines Vaters Tod im Jahre 2003. Der Autor geht dabei nicht chronologisch vor, sondern erzählt einzelne Episoden aus dem Familienleben, sowohl aus seiner eigenen Erinnerung heraus als auch aus den Erzählungen anderer, insbesondere denen seiner Eltern.Der Leser erfährt auch, dass die Geschichte der Familie Buch noch früher ansetzt. Die Familie hat ein Geheimnis, das in ihren haitianischen Wurzeln begründet ist. Ein Geheimnis, das während des Dritten Reiches zu einer latenten Bedrohung gewachsen ist.
„Ausschlaggebend für den Weggang aus Deutschland aber war die Tatsache, dass er sich als Kind eines Deutschen und einer Haitianerin persönlich bedroht fühlte durch die Rassengesetze der Nazis, für die er ein Mischling mit negroidem Einschlag war: Frau Best, die alte Jungfer, zu der sein Vater ihn als Kind in Pflege gab, hatte die Haut des Jungen mit Ata und Imi geschrubbt, um seinen Teint ‚aufzunorden‘, wie es damals hieß.“ (S. 129)
Buchs Vater war ein Bildungsbürger: Jurastudium, kritischer Umgang mit der Politik der Nationalsozialisten, Politiker, Diplomat, Ratgeber und Freund für Adelige, Künstler und andere Politiker. Und trotzdem immer noch Vater geblieben. 
Aufgrund seiner politischen Arbeit blieb nicht viel Zeit für ein Miteinander zwischen Vater und Sohn. Wenn Buch über seinen Vater spricht klingt großer Respekt und Ehrfurcht vor den Errungenschaften seines Vaters durch. Und dennoch gibt es Momente, die dem Autor in Erinnerung geblieben sind, die auf eine besondere Verbindung zwischen Vater und Sohn hindeuten. Leider haben sich Vater und Sohn mit den Jahren voneinander entfernt. Jetzt, Jahre später startet Buch den Versuch anhand der Erinnerungen seinem Vater posthum näher zu kommen. 

Drittes Buch: Wohin gehe ich?
Dieser dritte Teil führt den Leser wieder auf den Eisbrecher aus dem Vorspann zurück. Langsam offenbart sich, warum Hans Christophs Weg hierhin geführt hat. Hans Christoph Buch begibt sich auf Antarktisexpedition, weil er einem Geheimnis auf der Spur ist. 

Ich bin jetzt ehrlich und gebe zu, dass ich Schwierigkeiten habe, den Roman in seiner Gesamtheit zu verstehen. Ich kann die 3 Abschnitte nicht so ganz miteinander in Einklang bringen und ertappe mich immer wieder bei dem Versuch, eine Verbindung hineinzuinterpretieren. Anhand der Überschriften der einzelnen Abschnitte - "wer bin ich?", "woher komme ich?", "wohin gehe ich?" - ist es natürlich nahe liegend, dass es hier um die Person Hans Christoph Buch geht. Trotzdem fallen meine Antworten auf diese drei Fragen nur dürftig aus. Insbesondere die letzte Frage "wohin gehe ich" ist für mich anhand des Inhalts des dritten Abschnittes nicht zu beantworten. Daher ist der nachfolgende Ausspruch der Süddeutschen Zeitung für mich eine rettende Lösung:

„Hans Christoph Buch ist reisender Schriftsteller, literarischer Reporter, Seelenerkunder, Chronist menschlicher Befindlichkeiten, politischer Kommentator und Geschichtenerzähler.“
Diese Beschreibung ist eindrucksvoll in diesem Roman unter Beweis gestellt worden. Sie ist sehr treffend, gleichzeitig auch unverfänglich, zumal sie nicht den Versuch startet, in den Menschen Buch etwas hineininterpretieren zu wollen. Ein autobiografischer Roman verleitet dazu, den Menschen, um den es in diesem Buch geht, in seiner Gesamtheit erfassen zu wollen. Nicht so in diesem Roman. 

Dieser Roman ist kein gefälliges Buch. Der Schreibstil ist an manchen Stellen sehr speziell und variabel. Gerade im 2. Teil begegnet man immer wieder Aneinanderreihungen von Erinnerungsfetzen, scheinbar willkürlich gewählt. Nicht selten trifft man auf  Auszüge aus geschichtlichen Dokumenten. Der Lesefluss gerät häufig ins Stocken. Dieses Buch erfordert daher die komplette Aufmerksamkeit des Lesers. Wenn man sich jedoch auf diesen Stil eingelassen hat, wird man belohnt - insbesondere in den Momenten, in denen man das Gefühl hat, ein Stück Zeitgeschichte miterleben zu dürfen.

Mein Fazit:
Ein anspruchsvolles Buch, auf das man sich einlassen muss. Wer sich für fremde Länder, geschichtliche Hintergründe und Politik interessiert, sollte es mit diesem Roman versuchen, sich jedoch von dem Gedanken lösen, einen Roman im herkömmlichen Sinne zu erwarten. Dieser Roman ist anders, aber besonders.

© Renie

Elf Arten, das Eis zu brechen von Hans Christoph Buch, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt.
Erscheinungsdatum: Juli 2016
ISBN: 978-3-627-00230-5


Über den Autor:
Hans Christoph Buch, Romancier, Essayist und Reporter, geboren 1955 in Wetzlar, war 1963 mit nur neunzehn Jahren der jüngste Teilnehmer der Gruppe 47. 2004 erhielt er den Preis der Frankfurter Anthologie, 2011 den Schubart-Preis der Stadt Aalen. In der FVA erschienen seine Novelle Tod in Habana (2007). die Romane Reise um die Welt in acht Nächten (2009) und Baron Samstag (2013), gefolgt von der Poetikvorlesung Boat people. Literatur als Geistesschiff (2014) für die er den Ehrendoktor der Universität Bern bekam. (Quelle: Klappentext)

Weitere Informationen finden sich auf der Webseite der Frankfurter Verlagsanstalten sowie auf der Autorenseite von Hans Christoph Buch.

Donnerstag, 21. Juli 2016

Helmut Pöll: Die Krimfahrt

Wilhelm Seidlitz ist ein schwieriger Zeitgenosse. Nichts kann man ihm Recht machen, er ist ein ständiger Bedenkenträger, der nichts dem Zufall überlässt. Spontanität ist ihm suspekt, Flexibilität ist für ihn ein Fremdwort,  Abenteuerlust liegt ihm fern. Er hat immer Recht und verteidigt seine Meinung mit Sturheit und Vehemenz.
Eine Urlaubsreise? Nicht mit Seidlitz. Eine Reise ist zu riskant, wer weiß, was im Urlaub alles passieren kann. Außerdem hat man es Zuhause doch nett. Will man fremde Länder sehen, lässt sich dies hervorragend durch die Lektüre von Reiseführern und Bildbänden bewerkstelligen. Wozu also in die Ferne schweifen? Und dennoch begibt sich Seidlitz auf große Fahrt. Warum er sich auf das „Abenteuer Urlaub“ einlässt, und was ihm während dieser Reise mit seiner Ehefrau Erika widerfährt, erzählt Helmut Pöll in seinem humorvollen und ernsthaften Roman „Die Krimfahrt“.

Quelle: Helmut Pöll
Inhalt:
Nach 20 Jahren Fassade und unglücklicher Ehe fährt das Ehepaar Seidlitz zum ersten Mal wieder in Urlaub. Alle Reisevorschläge, die Erika zunächst macht, lehnt Wilhelm Seidlitz mit fadenscheinigen Begründungen ab. Schließlich überredet sie ihn zu einer Zugfahrt auf die Krim. Die Reise beginnt harmonisch, wird aber bald durch die Eigenheiten der Mitreisenden getrübt. Durch Zufall entdeckt Wilhelm, dass die Reise nicht zur Erholung gedacht ist, sondern ihrer beider Schicksal entscheiden wird. Schließlich bricht sich in der abgelegenen Schönheit der russischen Landschaft die aufgestaute Frustration von 20 Jahren Ehe Bahn. Für einen der beiden wird dieser Ausbruch den Untergang bedeuten, für den anderen vielleicht eine neue Lebensblüte und späte Zukunft. (Quelle: Helmut Pöll)

Als ich diese Inhaltsbeschreibung las, ging ich zunächst davon aus, dass dieser Roman einen sehr ernsthaften Anstrich hat: Eheprobleme, mit dem mehr oder weniger erfolgreichen Versuch, eine Ehe zu retten. Ich habe also ein Beziehungsdrama erwartet und wurde stattdessen mit einer sehr lustigen Geschichte überrascht, die fast schon satirische Dimensionen hat. Die Geschichte entwickelt sich zum Ende zwar doch noch zu einem Drama - dieses ist dann aber eines der besonderen Art. ;-)
„Was war nur in sie gefahren? Seidlitz ahnte wohl, dass das nicht nur eine Laune, ein Fahrenlassen aller Gewohnheiten war, nur um ihn aus der Reserve zu locken und zu ärgern. Dazu schien ihr das Ganze aus seiner Sicht zu viel Freude zu machen. Er hatte nichts dagegen, wenn sie sich amüsierte, nach allem, was vorgefallen war, und sich auf ihrer Urlaubsfahrt nach dem Essen ein Glas Vodka bestellte. Es war dieser Unterton, der in ihrer Geste mitschwang, dieser fröhlich begangene Bruch mit allem Gewohnten, der ihn beunruhigte.“
In diesem Roman sind Humor und Komik hauptsächlich dem Charakter "Ekel" Seidlitz geschuldet. Helmut Pöll skizziert ihn als einen unsympathischen Pedanten und Spießer, über den man nur den Kopf schütteln kann. Dieser Seidlitz ist dermaßen grotesk in seinen Ansichten und seiner Handlungsweise, dass man als Leser nur mit ungläubigem Gelächter reagieren kann. Ein Wunder, dass seine Frau Erika es all die Jahre mit ihm ausgehalten hat. Als Leser genießt man die Momente, in denen Erika es schafft, sich gegenüber ihrem Ehemann zu behaupten. Denn Seidlitz hat einfach verdient, dass ihn jemand in seine Grenzen weist. Auch wenn dadurch die Seidlitzsche Welt ins Wanken gerät.
„Den ganzen Tag würde er sich heute ärgern, das war keine von vornherein beschlossene Sache, aber an diesem Morgen doch irgendwie unausgesprochene Gewissheit, so wie Seidlitz sich aus Erfahrung kannte. Unter diesen Vorzeichen war ihm nichts recht zu machen: Der Sonnenschein wäre mit Sicherheit zu grell, die Klimaanlage der Wagen zu überzogen oder kalt eingestellt, der Tee im Bordrestaurant zu heiß, zu würzig oder in Tassen aus zu dickem Porzellan, sodass der Tee darin zu rasch auskühlte.“
Die Geschichte wird aus der Sicht von Seidlitz erzählt. Was mir hierbei sehr gut gefallen hat, ist der Sprachstil. Mir ist bereits in „Die Elefanten meines Bruders“ - ein weiterer Roman von Helmut Pöll - bewusst geworden, dass der Autor die Fähigkeit besitzt, seinen Sprachstil völlig auf seinen Hauptprotagonisten anzupassen. In „Die Elefanten meines Bruders“ ist es ein 11-jähriger Junge, der an ADHS erkrankt ist, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Dabei verwendet er eine Sprache, die einem 11-Jährigen angemessen ist: manchmal altklug, manchmal naiv, aber immer herzerfrischend ehrlich. In „Die Krimfahrt“ hingegen hat der Sprachstil etwas Überkorrektes, die Wortwahl ist sehr präzise, teilweise wirkt sie sogar altmodisch. Es ist tatsächlich Seidlitz, der hier redet - kein Anderer. Diesen Sprachstil erwarte ich, wenn ich es mit einem Pedanten und Besserwisser zu tun habe. Es ist bewundernswert, wenn ein Autor in der Lage ist, in seiner Sprache wandelbar zu sein und diese glaubhaft auf den jeweiligen Roman anpassen kann. Und genau diese Fähigkeit besitzt Helmut Pöll!*

* er scheint ein Chamäleon unter den Schriftstellern zu sein ;-)

Bemerkenswert sind aber auch diejenigen Momente, in denen der Sprachstil etwas Bildhaftes bekommt und besondere Stimmungen vermittelt. Diese Bilder laden zu der Überlegung ein, dass wohl auch Menschen wie Seidlitz in ihrem tiefsten Inneren Sehnsüchte und Träume haben, sich jedoch scheinbar selbst im Weg stehen, diese Träume zu leben.
„Ein topasblauer See lag vor ihnen, die Oberfläche unter der Sommerbrise leicht gekräuselt, und reckte sich bis zum Horizont, schier endlos in seinen Dimensionen, während der Krimexpress sich am erhöhten Ufer den Weg bahnte, eine endlose Kette mit Perlen fichtengrüner Reisewagen und dem winzigen Malventupfer einer Lokomotive weit vorn, ein rotköpfiger Tausendfüßler , der geschäftig die Uferwindungen entlang krabbelte.“
Die Krimfahrt führt die Reisenden quer durch Europa. Der Zug startet in Prag und macht erst wieder in Jalta halt (von kurzen Zwischenstopps, um Proviant u. ä. aufzunehmen abgesehen). Die Zugfahrt dauert mehrere Tage. Womit beschäftigen sich die Reisenden während der Fahrt? Eingepfercht auf engstem Raum bleiben natürlich nicht viele Möglichkeiten. Die Hauptbeschäftigungen sind daher Schlafen, Essen und Trinken im Überfluss, aus dem Fenster sehen und mit anderen Reisenden plaudern. Die beschriebene Krimfahrt hat Pauschaltourismus-Qualitäten. Als Leser fühlt man sich versucht, diesen Roman nicht nur als Beziehungsdrama der besonderen Art sondern auch als Satire auf den Urlaubsbetrieb zu sehen. Zu lachhaft und klischeehaft ist das Verhalten und die Darstellung der anderen Reisenden. Oder etwa nicht? Denn wenn man es genau nimmt, kommt mancher All-Inclusive-Urlaub locker an Helmut Pölls Darstellung des Urlaubsbetriebes im Krimexpress heran.
„Der Speisewagen war voll wie am Tag zuvor, auch der letzte Platz war noch besetzt mit Hungrigen, die von einer Schar pfeilschnell herumschwirrender Kellner verköstigt wurden. … Viele frühstückten noch, einige orderten bereits ein zweites Frühstück aus Champagner und Erdbeeren, für manche, die mit cremigen Torten beim Tee saßen, war der Nachmittag schon angebrochen, und eine weitere Gruppe schließlich hatte bereits die abendliche Unterhaltung mit Musik und Getränken an der Bar eingeläutet.“
„Die Krimfahrt“ hat mir viel Freude bereitet. Zum Einen, weil ich nicht auf den humorvollen Stil dieses Romans vorbereitet war, zum Anderen, weil die Handlung eine Entwicklung nimmt, die absolut nicht vorhersehbar ist. Gerade das Ende hält für den Leser eine riesengroße Überraschung bereit. Ich werde beim Lesen gern überrascht, insbesondere, wenn sich die Überraschung als Unterhaltung auf hohem Niveau erweist. Und das kann ich diesem Roman aus tiefster Überzeugung bescheinigen.
Helmut Pöll hat sich mit „Die Krimfahrt“ beim diesjährigen Amazon Kindle Storyteller Award beworben. Ich hoffe, dass er mit diesem großartigen Roman ganz weit vorne mitmischen kann (gewinnen wäre natürlich nicht schlecht ;-)). Aber egal, wie weit er kommt, wünsche ich ihm viele Leser, die genauso viel Spaß und Freude an diesem Buch haben wie ich.

© Renie


Die Krimfahrt von Helmut Pöll
erschienen im Juli 2016
ISBN 978-1535196406



Über den Autor:

Helmut Pöll wurde 1964 in Moosburg an der Isar geboren. Nach einer Ausbildung zum Tageszeitungsredakteur arbeitete er als Softwareentwickler und IT Consultant. Helmut Pöll lebt in München. (Quelle: Helmut Pöll)

Freitag, 15. Juli 2016

Jodi Picoult: Bis ans Ende der Geschichte

Eine interessante Erfahrung: Ein Buch zu lesen, ohne zu wissen, worum es geht und warum man dieses Buch überhaupt zur Hand genommen hat. Das ist mir mit Jodi Picoults Roman "Bis ans Ende der Geschichte" passiert. Ich habe mich einfach darauf verlassen, dass es einen Grund geben musste, warum ich es vor einiger Zeit auf meine Leseliste gepackt hatte. So kam ich in den Genuss, diesen Roman völlig unvoreingenommen zu lesen. Keine Buchbeschreibung, keine Rezension. Es gab nichts, was mich auf den Inhalt dieses Buches vorbereitet hat. Und was ich dann gelesen habe, hat mich schlichtweg umgehauen.
Quelle: C. Bertelsmann


Worum geht es in diesem Roman?
Sage Singer ist eine junge Bäckerin. Sie hat ihre Mutter bei einem Autounfall verloren und fühlt sich schuldig, weil sie den Wagen gelenkt hat. Um den Verlust zu verarbeiten, nimmt sie an einer Trauergruppe teil. Dort lernt sie den 90jährigen Josef Weber kennen. Trotz des großen Altersunterschieds haben Sage und Josef ein Gespür für die verdeckten Wunden des anderen, und es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Als Josef ihr eines Tages ein lang verschwiegenes, entsetzliches Geheimnis verrät, bittet er Sage um einen schwerwiegenden Gefallen. Wenn sie einwilligt, hat das allerdings nicht nur moralische, sondern auch gesetzliche Konsequenzen. Sage steht vor einem moralischen Dilemma: Denn wo befindet sich die Grenze zwischen Hilfe und einem Vergehen, Strafe und Gerechtigkeit, Vergebung und Gnade? (Quelle: C. Bertelsmann)

Tatsächlich kratzt die Beschreibung des Verlages nur an der Oberfläche dieses besonderen Romanes.
Josef Weber, ein Name deutscher Abstammung. Ein netter alter Mann, hilfsbereit, beliebt in der Gemeinde, setzt sich für andere Menschen ein, insbesondere Kinder liegen ihm am Herzen. Mit seinen 90 Jahren hat er den 2. Weltkrieg erlebt. Dieser nette alte Mann war bei Hitlers SS und er war gut in seinem Job.
Wie passt das zusammen? Der nette alte Mann von heute, von allen geschätzt, und das erbarmungslose Ungeheuer von damals? Diese Frage wird den Leser während des ganzen Buches beschäftigen.
"Der größte Fehler, den Menschen machen, wenn sie an Kriegsverbrecher des Nationalsozialismus denken, ist der, sie als Monster zu sehen: vor, während und nach dem Krieg. Das waren sie nicht. Sie waren ganz gewöhnliche Menschen mit einem vollkommen funktionsfähigen Gewissen, die schlechte Entscheidungen trafen und dann für den Rest ihres Lebens, wenn sie wieder in den Alltag zurückkehrten, Ausreden erfinden mussten." (S. 100)
Jodi Picoult erzählt diesen Roman aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Geschichte beginnt in der Gegenwart und wird aus der Sicht von Sage erzählt. Zunächst ist noch nicht klar, welche Richtung, die Handlung nehmen wird. Sage steht im Mittelpunkt. Der Leser fragt sich, was bei dem tragischen Autounfall tatsächlich passiert ist und wie sie es schaffen wird, ihre Trauer um die Mutter, für deren Tod sie sich verantwortlich fühlt, zu verarbeiten. Alles deutet auf einen Roman hin, der das Seelenleben von Sage zum Thema hat. Erst mit dem Auftreten von Josef Weber ist schnell klar, dass die Handlung dieses Romanes in eine ganz andere Richtung gehen wird. In Rückblenden und aus der Perspektive von Josef wird der Leser in das Deutschland und Polen des 2. Weltkrieges zurückversetzt. Der Leser erlebt den grausamen Alltag im Konzentrationslager. Teilweise wird er mit Episoden konfrontiert, die an die Grenze des Erträglichen gehen. Neben Josef kommt auch eine andere Beteiligte der damaligen Zeit zu Wort: eine Überlebende aus dem Konzentrationslager.
"Wenn es eine Kugel gibt, dann zielt auf mein Herz, nicht auf meinen Kopf. Es wäre schön, wenn es nicht wehtäte. Ich würde lieber an einem unerwarteten Schlag als an einer Infektion sterben. Würde sogar das Gas willkommen heißen. Vielleicht fühlte sich das an wie Schlafen und nicht mehr Aufwachen. Ich weiß nicht, wann ich dazu übergegangen war, die Massenvernichtung in diesem Lager als human anzusehen - und vermutlich wie die Deutschen zu denken -, aber wenn die Alternative dazu war, dahinzuvegitieren, bis man verreckte, während der Geist aufgrund des Hungers immer weiter nachließ, also, dann wäre es wohl das Beste, es gleich hinter sich zu bringen." (S. 367)
Doch immer wieder holt uns die Autorin in die Gegenwart zurück. Wir erleben, wie Sage und Josef sich kennenlernen und anfreunden, wie sie sich gegenseitig in ihrer Trauer eine Stütze sind. Für Sage ist Josef ein guter Freund, dessen Gesellschaft sie genießt. Als er sich ihr gegenüber über seine Vergangenheit äußert, ist die jüdisch stämmige Sage fassungslos. Für sie bedeutet dieses Wissen um Josef's Vergangenheit einen riesigen Gewissenskonflikt. Sie fühlt sich gegenüber den Opfern des Nazi-Regimes sowie ihrer jüdischen Familie verpflichtet, kann aber den Josef, wie er heute ist, nicht mit dem SS-Offizier von damals in Einklang bringen. Ständig nagen Zweifel an ihr, was seine Vergangenheit angeht.
Josef sucht nach Vergebung. Aber kann man einem Mann, der unzählige Menschen auf dem Gewissen hat, vergeben? Seine Opfer können es nicht mehr. Auch Sage weigert sich, Josef die Absolution zu erteilen. Stattdessen wählt sie einen anderen Weg, um Josef für seine Taten büßen zu lassen.
"Aber wenn man Vergebung sucht, kann man doch wohl kein Ungeheuer sein? Macht einen diese Verzweiflung nicht per definitionem wieder menschlich?" (S. 491)
Mit "Bis ans Ende der Geschichte" hat Jodi Picoult einen sehr vielschichtigen Roman geschaffen, der den Holocaust und seine Nachwirkungen zum Inhalt hat. Gleichzeitig stellt dieser Roman die Frage nach Schuld und Sühne und beleuchtet diese Thematik sowohl aus Täter- als auch aus Opfersicht.  
Es ist auch ein Familienroman, der bewusst macht, welchen Einfluss das Leben unserer Vorfahren auf unser heutiges Dasein hat. Familienwurzeln lassen sich nicht verleugnen und prägen unser eigenes Leben.

Eine Schriftstellerin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, einen Roman über den Holocaust zu schreiben, diesen aber selbst nicht erlebt hat, bewegt sich auf sehr dünnem Eis. Sie möchte authentisch erscheinen. Doch gerade der Grad zwischen Authentizität und reißerischer Darstellung ist sehr schmal. Aber Jodi Picoult hat sich intensiv auf diesen Roman vorbereitet. Man merkt diesem Roman die ausführliche Recherche an. Es gab für mich keinen Moment, in dem ich ihr diese Geschichte nicht abgenommen habe. An manchen Stellen ist sie schonungslos und führt den Leser bis zur Grenze des Erträglichen. Und trotzdem hat man den Eindruck und die Befürchtung, dass diese Geschichte genauso hätte stattfinden können. Damit hat sie es geschafft, den Opfern des Holocausts den nötigen Respekt zu erweisen und hat aus ihrem Roman ein Buch „Gegen das Vergessen“ geschaffen.
"Ich glaube nicht an Gott. Aber als ich hier sitze, in diesem Raum voller Menschen, die das anders empfinden, wird mir klar, dass ich an Menschen glaube. An ihre Kraft, einander zu helfen und trotz allem weiterzumachen. Ich glaube, dass das Außergewöhnliche jeden Tage über das Gewöhnliche triumphiert. Ich glauben, wenn man Hoffnung hat - und sei es nur die auf ein besseres Morgen - ist dies die mächtigste Droge auf diesem Planeten." (S. 447)
Auch wenn ich von diesem Roman sehr angetan bin, gab es doch einen Störfaktor für mich. Jodi Picoult lässt eine angehende Liebesbeziehung von Sage in die Handlung ihres Romanes einfließen. Teilweise bewegt sich Jodi Picoult mit der Darstellung dieser Liebesgeschichte an der Grenze zum Trivialen. Diese manchmal kitschige und blumige Darstellung passt nicht zu dem ernsthaften Thema dieses Romanes. Ich habe den Wechsel zwischen den Handlungsfäden "Leben im KZ" und "Liebesbeziehung Sage" als sehr störend empfunden. Vielleicht liegt es auch an mir. Aber in einem Abschnitt zu lesen, welcher Brutalität die KZ-Insassen ausgesetzt waren und im nächsten Abschnitt über "Liebe, Lust und Leidenschaft" zu lesen, ist verstörend.
Glücklicherweise sind diese Momente in diesem Roman sehr rar gesät. Daher überwiegt bei mir die Bewunderung für diesen großartigen Roman, insbesondere seines Aufbaus, der Tiefgründigkeit der Charaktere und dem Sprachtalent von Jodi Picoult. Von der ersten Seite an konnte sie mich fesseln. Die Spannung hat in keinem Moment nachgelassen. Darüber hinaus ist es ein Buch, das einen beschäftigt, auch nachdem man es aus der Hand gelegt hat. Denn durch die Fragen nach Schuld und Sühne, die einen in diesem Roman begleiten, wird das eigene Gerechtigkeitsempfinden auf die Probe gestellt.
Es gibt noch soviel mehr über dieses Buch zu berichten. Tatsächlich konnte ich mit meiner Buchbesprechung - genau wie die Beschreibung des Verlags - nur an der Oberfläche dieses Romanes kratzen. Je länger ich mich mit meiner Rezension beschäftige, umso mehr fällt mir noch ein. Daher mache ich hier einen Cut und kann nur jedem empfehlen, sich selbst mit diesem besonderen Buch auseinanderzusetzen.

© Renie

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult, erschienen im C. Bertelsmann Verlag
Erscheinungsdatum: August 2015
ISBN: 978-3-570-10217-6

Über die Autorin:
Jodi Picoult, geboren 1967 auf Long Island, New York, lebt heute nach ihrem Studium in Princeton und Harvard mit ihrem Mann und den drei Kindern in Hanover, New Hampshire. Sie gehört zu den faszinierendsten angelsächsischen Erzählern und besitzt die seltene Gabe, die Zerbrechlichkeit und Komplexität menschlicher Beziehungen in ihren Romanen festhalten zu können. 2003 wurde sie mit dem New England Book Award ausgezeichnet. Zuletzt erschienen auf deutsch mit großem Erfolg ihre Romane »Beim Leben meiner Schwester« und die »Die Wahrheit meines Vaters«. (Quelle: C. Bertelsmann)