Donnerstag, 22. September 2016

Fiona Kidmann: Jean Batten, Pilotin

Schon mal in einer Moth gesessen? Oder in einer Vega Gull? Wahrscheinlich nicht. Es handelt sich hierbei um Flugzeuge aus den 30er Jahren. Diese herrlichen Knatterkisten, die so wenig mit den modernen Flugzeugen unserer Zeit gemein haben. Aber dank Fiona Kidman hat man als Leser nun die Möglichkeit, neben Jean Batten, der Greta Garbo der Lüfte aus den 30er Jahren, im Cockpit dieser alten Schätzchen Platz zu nehmen, Miss Batten auf ihren Flügen zwischen den Kontinenten zu begleiten und so ganz nebenbei noch ein paar Flugrekorde zu brechen. So fühlt es sich zumindest an, wenn man in diesem wundervollen Roman um eine Ikone der Fluggeschichte abtaucht.
Klappentext:
Allein von England nach Neuseeland fliegen, als allererster Mensch überhaupt: Das war ihr Traum. Wie schafft man das, wenn man zwar einen eisernen Willen, aber kein Geld hat? Wenn fast niemand glaubt, dass es gelingen kann? Und wenn man eigentlich Konzertpianistin werden soll? Davon handelt Fiona Kidmans Roman über die neuseeländische Pilotin Jean Batten (1909 bis 1982). 1936 gelang ihr diese Pioniertat, und sie wurde mit einem Schlag die berühmteste Neuseeländerin ihrer Zeit...

Jean Batten ist 1909 in Neuseeland zur Welt gekommen, als Jüngstes von 3 Kindern. Ihre Mutter Nellie, mit einem Hang zu Theater und Schauspielkunst, hat ihr künstlerisches Talent zugunsten von Mann und Kindern auf Eis gelegt. Aber sie hat immer noch ihre Träume und sieht in Tochter Jean die Möglichkeit, diese Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Nellie ist diejenige, die den Traum vom Fliegen in den Kopf ihrer Tochter einpflanzt, sehr zum Unwillen von Vater Fred, der sich für seine Tochter einen für eine Frau angemessenen Lebensweg wünscht.
"Ihre Musiklehrerin sagte, sie habe das Zeug zu einer großen Konzertpianistin; die Tanzlehrerin überlegte, ob Jean nicht nach England gehen sollte, um an der Royal Scholl of Ballet zu studieren. Der Stenolehrer, ein junger Mann mit dünnem Bart, fand, sie würde eine exzellente Sekretärin für einen Mann abgeben, und wurde rot, als sie entgegnete, in Zukunft würden Frauen vielleicht auch Sekretärinnen brauchen." (S. 76)
Die Ehe zwischen Nellie und Fred ist zerrüttet. Fred ist ein Schürzenjäger. Ein Zeit lang duldet Nellie dies. Doch irgendwann erträgt sie sein Fremdgehen nicht mehr und trennt sich von ihm. Von ihren Kindern nimmt sie nur Jean mit, zu ihren Söhnen John und Harold fehlt ihr der Bezug. Sie sieht sie als Ebenbild ihres "verkommenen" Vaters. Das zukünftige Verhältnis zu Fred steht unter ständiger Spannung. Ein wesentlicher Streitpunkt ist die finanzielle Unterstützung durch Fred. Sowohl Nellie als auch Fred haben den Anspruch, Jean die bestmögliche Erziehung für eine Dame zu ermöglichen: Klavierunterricht, Ballett, renommierte Mädchenschule ... an allem wird gespart, nur nicht an Jeans Erziehung. Aber die finanzielle Unterstützung durch Fred reicht einfach nicht aus. So leben Mutter und Tochter in ihren eigenen heruntergekommenen 4 Wänden oft von der Hand in den Mund, nur nach Außen versuchen sie, den Anschein von Wohlstand aufrechtzuerhalten.

Jean ist ehrgeizig und zielstrebig. In allem will sie die Beste sein. Den Traum vom Fliegen hat ihr Nellie eingeimpft. Beide arbeiten darauf hin, dass Jean eines Tages fliegen wird.

In den 20er und 30er Jahren war die Fliegerei eine Männerdomäne. Es gab zwar einige wenige Frauen, die sich in dieser Männerwelt behaupten konnten. Aber diese Frauen mussten deutlich besser sein als ihre männlichen Kollegen, um überhaupt wahr genommen zu werden. So ist es nicht verwunderlich, dass viele der Pilotinnen lediglich aufgrund ihrer Flugrekorde in der Öffentlichkeit die verdiente Anerkennung fanden.
Beryl Markham, Amy Johnson-Mollison, Jackie Cochran, Amelia Earheart sind einige Beispiele für Frauen, die sich in der Luftfahrt zur damaligen Zeit einen Namen gemacht haben und bis heute unvergessen sind. 
"Der London Aeroplane Club hatte noch einen anderen Vorteil: Er hieß weibliche Piloten willkommen. Einige von ihnen waren schon berühmt geworden. Insbesondere die Heldentaten von Lady Sophie Mary Heath faszinierten Nellie. Diese Frau hatte eine internationale Bestimmung angefochten, die besagte, dass Frauen keine kommerziellen Flüge durchführen könnten, weil die Menstruation ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigte. Und - sie hatte gewonnen." (S. 132 f.)

Jean will in die Fußstapfen dieser Frauen treten, ja, sie möchte sie sogar übertrumpfen. Es zieht sie nach England, da sie hier bessere Möglichkeiten für ihre Ausbildung zur Pilotin sieht als in Neuseeland. Und hier gelingt es ihr langsam, in der Welt der Flugpioniere Fuß zu fassen. Dabei wird sie zunächst von ihrer Mutter Nellie begleitet.

Der Einfluss Nellies auf Jean erscheint riesengroß. Jean lebt Nellies Traum und Nellie ist ihr dabei eine unersetzliche Ratgeberin. Zwischen beiden besteht eine sehr intensive Mutter-Tochter-Beziehung. Männer spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Nellie hat generell seit der Ehe mit Fred ein gestörtes Verhältnis zu Männern. Und auf Jean scheint diese Einstellung abzufärben. Mutter und Tochter scheinen sich selbst zu genügen. Im Laufe der Zeit gibt es vermeintliche Partner in Jeans Leben. Doch das Engagement dieser Männer in die Beziehung scheint größer zu sein als das von Jean. Man gewinnt den Eindruck, dass Jean die Männer als Mittel zum Zweck sieht, dass diese Männer als Geldgeber notwendig sind, bzw. sie durch eine Beziehung zu einem Mann dem Anspruch der Öffentlichkeit genügen möchte. So halten ihre Beziehungen nicht besonders lang. Denn Jean verliert nie ihr Ziel aus den Augen: die erste Pilotin zu sein, die in kürzester Zeit von England nach Neuseeland fliegt. Dabei ist die Beziehung zu ihren Männern und den Problemen, die daraus resultieren, eher hinderlich.
"Die Kälte der Nacht schien ihr die Haut abzuziehen, aber der Himmel brannte voller Sterne, der Mond tauchte ihr Flugzeug in Geisterstrahlen. Im Süden blinkten noch ein paar Lichter aus dem Herzen Athens. Als sie hinter ihr lagen und nur noch Dunkelheit um sie war und das Meer unter ihr, war sie überwältigt von der Einsamkeit, als wäre die Kälte zu Eis geworden, die sie mit einem seltsamen Schmerz durchbohrte. Ihre einzige Gesellschaft waren die vier Flammen der Auspuffrohre ihres Moters und das Brummen der Maschine selbst. Sie war umgeben von Sternenbeeten in einer schwarzen Wüstenlandschaft." (S. 213)
Die Momente, in denen Jean sich in ihrem Flugzeug befindet und über die Kontinente fliegt, erscheinen in diesem Buch fast magisch. Fiona Kidman gelingt es, mit ihrer Sprache einen Zauber zu schaffen, der einen insbesondere während der Flugpassagen völlig gefangen nimmt. Es ist aber nicht nur Fliegerromantik, die hier vermittelt wird. Letztendlich wird einem bewusst, dass Fliegen in der damaligen Zeit harte körperliche Arbeit war. Ein Flug musste akribisch geplant sein, erst recht, wenn es darum ging, Strecken zurückzulegen, die in der damaligen Zeit noch utopisch klangen. Der Streckenverlauf mit möglichen Alternativen musste genau festgelegt werden, unter Berücksichtigung der Benzinmenge, die sich an Bord befand. Man (und frau) musste in der Lage sein, das Flugzeug selbst zu reparieren, denn nicht überall, wo man landete, war ein Flughafen oder eine Werkstatt. Proviant musste an Bord sein. Das "kleine Schwarze" durfte auch nicht fehlen, schließlich will frau gut aussehen, wenn sie bei ihren Zwischenstopps auf Parties geht. Eine große Brieftasche musste auch dabei sein ... denn wohin mit den unterschiedlichen Devisen? Schließlich muss man ja in jedem Land, in dem man zwischenlandet, seine Rechnungen in der landeseigenen Währung bezahlen können. Also, wer sich auf eine lange Flugreise begab, musste unzählige Wochen in die Vorbereitung investieren, denn schließlich muss man während des Fluges auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Flüge dieser Größenordnung bedeuteten gleichzeitig ein unkalkulierbares Risiko für das Leben. Sobald man in der Luft war, war man auf sich allein gestellt. Es gab damals noch keinen Funk, somit auch kaum eine Möglichkeit, um Hilfe zu bitten oder eine Statusmeldung abzusetzen. Genauso wenig wie man über mögliche Gefahren, wie Schlechtwetterfronten auf der Strecken informiert werden konnte. Es gab lediglich einen Startpunkt und ein Ziel, dazwischen lag eine lange Strecke voller Risiken, Gefahren und Unbekanntem.
Fiona Kidman lässt den Leser die Torturen, denen sich Jean Batten während ihrer Flüge ausgesetzt hat, fast am eigenen Leib spüren. Es gibt Augenblicke großer Angst, in denen die Hoffnungslosigkeit fast überhand nimmt. Umso befreiender sind die Momente, in denen Jean die Gefahrensituationen bewältigen kann.

Mit dem 3. Versuch schafft es Jean Batten, ihren Traum zu erfüllen. Von da an steht sie im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, immer noch begleitet von ihrer Mutter. Ihre Popularität wird lange Jahre anhalten, ein Zustand, der ihr fast zuviel ist. Sie braucht ihre Auszeiten, in denen sie sich zurückzieht und die Abgeschiedenheit sucht. Ihr Erfolg hat auch dazu beigetragen, dass das Mutter-Tochter-Verhältnis sich ändert. Mittlerweile hat sich diese Beziehung in eine innige Freundschaft zwischen den beiden gewandelt. Beide sind sich die wichtigsten Menschen auf dieser Welt. Umso mehr trifft Jean der Verlust, als ihre Mutter im Alter von 89 Jahren stirbt. Jean, die zu diesem Zeitpunkt 57 Jahre alt ist, wird über diesen Verlust für den Rest ihres Lebens nicht hinwegkommen. 

Ich könnte noch seitenweise über diesen wundervollen Roman berichten. Meine Begeisterung ist riesig. Fiona Kidman entführt den Leser in die faszinierende Welt der Anfänge der motorisierten Fliegerei. Dabei zeichnet sie das Porträt einer ungewöhnlichen Frau, die ihr Ziel niemals aus den Augen verloren hat und sich gegen alle Widerstände durchgesetzt hat. Trotz aller Erfolge Jean Battens' vergisst die Autorin jedoch nicht, in einer einfühlsamen Sprache auf die Verletzlichkeit und innere Einsamkeit dieser Frau hinzuweisen. Jean Batten war eine Frau, die weniger Probleme mit den Gefahren in der Luft als mit den Herausforderungen, die das Leben auf der Erde mit sich bringt, hatte. 

Diese Mischung aus Fliegernostalgie und Porträt einer außergewöhnlichen Frau machen diesen Roman zu etwas Besonderem. Klare Leseempfehlung!

© Renie

Erscheinungsdatum: August 2016
ISBN: 978-3-938803-82-0




Über die Autorin:
Fiona Kidman (1940 in Hawera, Neuseeland geboren) ist eine der profiliertesten Autorinnen ihres Landes. Mit mehr als 25 Romanen, Gedichtbänden und Sachbüchern hat sie ein umfangreiches Werk geschaffen. Sie beschreibt häufig das kleinbürgerliche Leben der unteren Mittelklasse in der Provinz, seine Moral und seine Heucheleien. Ihre Hauptfiguren sind zumeist Frauen, oft Außenseiterinnen in einer engen, konformistischen Gesellschaft.

Ihr Roman über Jean Batten, The Infinite Air, erschien 2013. Fiona Kidman wurde für ihr schriftstellerisches Werk vielfach ausgezeichnet. Sie ist Officer of the British Empire und Dame Companion of the New Zealand Order of Merit sowie Chevalière de la Légion d'Honneur. Sie lebt in Wellington. (Quelle: Weidle Verlag)

Sonntag, 18. September 2016

Ein Tag auf der text & talk - Messe der unabhängigen Verlage NRW

Wer meinen Blog schon länger besucht, wird längst festgestellt haben, dass ich gerne Indie lese. Ich bin ständig auf der Suche nach Neuem, und gerade die Szene der unabhängigen Verlage bietet ein unerschöpfliches Potenzial an außergewöhnlichem Lesestoff. Viele dieser Verlage haben sich spezialisiert und konzentrieren sich mit ihrem Programm auf bestimmte Themengebiete. Die Schwierigkeit, die diese unabhängigen Verlage vereint, ist das Problem der geringen Wahrnehmung durch den Leser. Eine aufwändige Werbemaschinerie kann sich nur ein Verlag leisten, der ein großes Marketingbudget hat. In der Regel sind dies die konzerngeführten Verlage.

Eine Veranstaltung, wie die text & talk, die gestern in Düsseldorf stattgefunden hat, ist daher ein sinnvoller Weg, um das Programm unabhängiger Verlage in die Öffentlichkeit zu tragen.

Wieviele unabhängige Verlage es in Deutschland gibt, ist kaum feststellbar, da die Statistik keinen Unterschied zwischen den beiden Verlagsgruppen macht. Um eine kleine Vorstellung zu bekommen, welches Potenzial im deutschen Indiebook-Verlagswesen vorhanden ist, empfehle ich einen Blick auf die Liste unabhängiger Verlage auf dem Hotlistblog. Der Hotlistblog befasst sich mit der alljährlichen Vergabe des Hotlist-Preises, der ausschließlich unabhängigen Verlagen vorbehalten ist. Aber selbst die Verlagsliste auf dem Hotlistblog erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Insofern wundert es nicht, dass bei der gestrigen Messe in Düsseldorf nur ein Bruchteil der unabhängigen Verlage vertreten war, schwerpunktmäßig Verlage mit Sitz in NRW.

Ich hatte das große Vergnügen, hochinteressante Gespräche mit einigen Verlegern zu führen. Alle, mit denen ich gesprochen habe, hatten eines gemeinsam: ihre Leidenschaft für ihren Beruf und ihre mitreißende Begeisterung für ihr Verlagsprogramm. Ich möchte an dieser Stelle einige Verlage hervorheben, um deutlich zu machen, was für Leseperlen bei einigen zu entdecken sind:

Der Alawi-Verlag, der ausschließlich Werke arabischer Autorinnen veröffentlicht und somit eine Brücke zwischen der europäischen und arabischen Kultur schlägt. Insgesamt hat der Alawi-Verlag gerade mal 9 Titel im Programm, doch die zeugen alle von hoher Qualität. Frau Alawi konnte mir gestern einen interessanten Einblick in das Programm vermitteln. Man merkt, dass das Verlegerehepaar hinter seinen Autorinnen steht. Mit den meisten verbindet sie ein freundschaftliches Verhältnis. Nach meinem Gespräch mit Frau Alawi bin ich überzeugt, dass die verlegten Werke allesamt mit Herzblut geschrieben sind.

Der cass verlag, der sich auf die Veröffentlichung herausragender japanischer Belletristik und Kriminalliteratur spezialisiert hat. Viele Titel aus dem Verlagsprogramm sind in Japan bereits prämiert worden und auch das deutsche Feuilleton hat bereits den einen oder anderen Titel für sich entdeckt und wohlwollend besprochen. Der cass verlag legt großen Wert auf erstklassige Übersetzung und besondere Ausstattung der Bücher. Auch hier konnte mir die Verlagsleitung, Frau Dr. Cassing, einen hervorragenden Überblick über das Programm verschaffen und mich mit ihrer Begeisterung anstecken.

Der Weidle Verlag, dessen Programm sehr vielfältig ist: Literatur der 20er und 30er Jahre, Autobiografien, Sachbücher, Exilliteratur etc. etc. Da ist einiges vorhanden, was in mein Beuteschema passt. Und man kann sicher sein, dass Bücher die aus dem Hause Weidle kommen von hoher Qualität zeugen, wie bereits mehrfache Auszeichnungen beweisen: Krimi-Bestenliste der ZEIT, Bestenliste des SWR, Hotlist-Gewinner 2013, ... Eines der Bücher, das im letzten Jahr auf der Frankfurter Buchmesse große Beachtung gefunden hat - Pulang von Leila S. Chudori - stammt ebenfalls aus dem Hause Weidle. Und auch das aktuelle Programm hält einige Highlights bereit. So lese ich momentan den Roman "Jean Batten, Pilotin" der Neuseeländerin Fiona Kidman. Ein beeindruckender Roman über die neuseeländische "Garbo der Lüfte", die in den 30er-Jahren, der Pionierzeit der Luftfahrt, etliche Flugrekorde geknackt hat. Meine Rezension zu diesem Buch folgt in Kürze.

Und last but not least, der Lilienfeld Verlag, der sich selbst als "Verlag für Entdeckungen" bezeichnet. Der Lilienfeld Verlag konzentriert sich dabei auf "Texte die faszinieren, amüsieren oder ergreifen sollen: Junggebliebenes aus alten Zeiten, Funde aus Archiven und ab und zu auch Allerneuestes."
Ein Bereich des Lilienfeld Verlages, der es mir angetan hat, ist die Reihe "Lilienfeldiana", in der seltene literarische Entdeckungen in besonders schöner Ausstattung präsentiert werden. Da trifft man auf Werke, die in Deutschland bisher unbekannt waren, aber in ihrem jeweiligen Heimatland einen Namen hatten und immer noch haben. Die Reihe "Lilienfeldiana" bildet jedoch nur einen Bruchteil des Gesamtprogramms. Dieses Programm zeichnet sich durch Vielfalt aus. Ein Blick auf die Buchliste lohnt sich allemal. Der Verleger Axel von Ernst konzentriert sich bei seiner Arbeit nicht nur auf das eigene Verlagsprogramm, sondern er widmet einen Großteil seiner Zeit der Szene der unabhängigen Verlage und deren Vermarktung. So ist er seit einigen Jahren für die Organisation der Hotlist verantwortlich und freut sich für jeden Verlag, der es schafft, einen der begehrten 10 Plätze zu ergattern. Nun sollte man meinen, dass der Lilienfeld Verlag mit seinem Programm und seinen Kontakten, gute Chancen hat, bei der Hotlist ganz vorne dabei zu sein. Falsch gedacht. Nicht, dass das Bücher aus dem Verlagsprogramm nicht das Zeug für einen der vorderen Plätze hätten. Doch als Organisator beteiligt sich Axel von Ernst mit seinem Lilienfeld Verlag nicht an diesem jährlichen Wettbewerb. Seine Tätigkeit für das unabhängige Verlagswesen ist demnach "ehrenamtlich" und ich ziehe meinen Hut vor soviel Engagement.

Alles in allem war die Messe text & talk eine sehr gelungene Veranstaltung. Ich hoffe, dass ich mit meinem Bericht den einen oder anderen Leser dazu bewegen kann, sich intensiver mit den Programmen der unabhängigen Verlagen zu beschäftigen. Verdient hat es diese Verlagsszene mit ihrer herausragenden Arbeit auf jeden Fall.

© Renie



Donnerstag, 15. September 2016

Clemens Böckmann, Shyan Siow (Ill.): Wahrscheinlich war es anders

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Mittlerweile lebe ich in einer Großstadt, fahre aber immer wieder gern in meine alte Heimat. Ich schau bei alten Nachbarn vorbei und freue mich, wenn ich zufällig Schulfreunden begegne, die auch gerade zu Besuch sind. Ich lasse mich von Muttern bekochen und schwelge in Erinnerungen. Und ehe man es sich versieht, kommt irgendwann der Moment, in dem die Frage gestellt wird "Weißt du noch?". Dies ist dann der Beginn einer dieser herrlichen Geschichten von früher, in denen man sich so wundervoll verlieren kann.

In dem wundervoll illustrierten Buch „Wahrscheinlich war es anders“ von Clemens Böckmann und Shyan Siow (Ill.) geht es um solch eine Geschichte. 

(Quelle: Kirchner Kommunikation)

Buchbeschreibung
Ein merkwürdiger Gast soll das norddeutsche Dorf besucht haben.
Ein schwerfälliges Tier, das in aller Seelenruhe Äpfel vom Baum des Nachbarn gefressen hat. Oder waren es Birnen? ein tier, so groß, dass es von allen übersehen wurde. Oder war schlicht niemand da, der es hätte sehen können? Nur eines ist sicher, wenn es um diesen Elefanten geht: Sicher ist nichts, denn wahrscheinlich war es anders.


Jeder kennt das: Gerüchte, die zum Selbstläufer werden. Eine unglaubliche Geschichte wird erzählt, jeder hat etwas dazu beizutragen. Komischerweise hat jeder die Geschichte irgendwie anders erlebt. Und so gibt jeder seinen „Senf“ dazu. Und am Ende haben wir zwar eine wundervoll ausgeschmückte Geschichte. Nur ob das Erzählte tatsächlich so passiert ist, bleibt zu bezweifeln. Aber schön war es trotzdem, darüber zu reden.
"Jansens waren schon immer erfinderisch, wenn es ums Arbeiten ging. 
Der Alte brauchte auch immer Geld. So eine Leidenschaft ist halt teuer. 
Um wieder zu arbeiten, kam der jedenfalls nicht. Denn außer ein paar vermeintlichen Spuren zu hinterlassen und ein bisschen Schweinefutter zu essen, hat er nichts gemacht. 
Das hätte er sich auch sparen können. 
Funke behauptet, seine Schweine hätten danach Alpträume gehabt. 
Als ob Schweine Träume hätten. 
Wer weiß. 
Mir wurde es immer so gesagt." (S. 28)

In der vorliegenden Geschichte geht es um den denkwürdigen Tag, als ein Elefant in einem norddeutschen Dorf auftauchte. Als Leser verfolgt man ein Gespräch zwischen mehreren Dorfbewohnern, die an diesem Tag dabei waren … oder auch nicht dabei waren. Auf jeden Fall haben sie eine Meinung zu den Geschehnissen, auch wenn diese auf Hörensagen basieren könnte. Das ist sehr amüsant, zumal hier Dorftratsch in Reinkultur präsentiert wird und man schnell feststellt, dass Erinnerungen seltsame Wege gehen können. Jeder Gesprächsteilnehmer präsentiert seine Version der Geschichte als die einzig Wahre und die Erinnerungen der anderen werden angezweifelt.

Begleitet wird das Gespräch von den wundervollen Illustrationen von Shyan Siow. Die Abbildungen sind in Grautönen gehalten und wirken sehr detailliert. Die Zeichnungen strahlen eine unglaubliche Schlichtheit und Zartheit aus. Dabei konzentrieren sie sich auf den Helden der Geschichte: der Elefant. In jedem Bild steht dieser Elefant im Mittelpunkt.  Dorfbewohner sind nicht zu sehen, dafür einige der tierischen Bewohner. Allein schon die Idee, einen Elefanten in eine menschenleere Umgebung zu verfrachten, wirkt sehr komisch und grotesk. Trotz der Tiere wirkt das Szenario einsam und nahezu ausgestorben. Man stellt sich immer wieder die Frage: „Aber wo sind denn alle hin?“. Der Elefant scheint auf der Suche nach etwas zu sein, das er nicht findet. Von den Zeichnungen geht daher eine Traurigkeit aus, die den Leser in eine melancholische Stimmung versetzt. 
(Auszug aus dem Buch, Seite 19)

Dieses Büchlein, mit seinen gerade mal 40 Seiten, ist für Leser ab 8 Jahren geeignet. Man bekommt ein Kind ganz einfach dazu, sich für dieses Buch zu interessieren. Ich habe meinem Sohn erzählt, dass der Buchrücken sich anfühlt wie Elefantenhaut und schon war er fasziniert. Denn es ist tatsächlich so: der Einband besteht aus geprägtem Skinflex, das an die Struktur einer Elefantenhaut erinnert. Kinder konzentrieren sich bei diesem Buch auf die Zeichnungen, lassen sich von ihnen verzaubern und löchern einen mit Fragen über den einsamen Elefanten. Mit dem Text selbst können sie meines Erachtens nicht viel anfangen, weil sie durch die unterschiedlichen Varianten in der Geschichte und deren Gesprächscharakter verwirrt werden. Dadurch empfiehlt sich ein gemeinsames Lesen und Anschauen dieses Buches. Und am Ende stellt man fest, dass sowohl Kind als auch Erwachsener einen riesengroßen Spaß daran haben, die Geschichte weiter auszuschmücken und der Fantasie freien Lauf zu lassen.

Fazit:
Eine amüsante Geschichte, die sich immer mehr zum Selbstläufer entwickelt und daher großen Spaß macht. Unterstützt wird die Handlung dabei von sehr detaillierten und feinen Zeichnungen, die für sich genommen, dieses Buch schon zu einer Besonderheit machen. Ein tolles Buch für die Familie, das eindeutig dazu einlädt, die erzählte Geschichte weiter zu spinnen.

© Renie

Wahrscheinlich war es anders von Clemens Böckmann und Shyan Siow (Ill.), erschienen in der Edition Büchergilde
Erscheinungsdatum: 15. September 2016
ISBN ISBN 978-3-86406-073-1


Über Clemens Böckmann:
Clemens Böckmann wurde in Düsseldorf geboren und wuchs zwischen Frankfurt und Norddeutschland auf. Er studiert Sprache und Gestalt bei Professor Oswald Egger an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Wahrscheinlich war es anders ist seine erste Veröffentlichung. (Quelle: Edition Büchergilde)

Über Shyan Siow:
Shyan Siow, geboren 1980 in Kuala Lumpur, studierte Kommunikationsdesign an der Muthesius Kunsthochschule Kiel und Chinesische Linguistik und Literatur an der Zhejiang Universität in China. Sie arbeitet freiberuflich als Illustratorin und Künstlerin, wobei sie spielerisch ihre Grenzen und Freiheiten austestet. Elemente des Westens und des asiatischen Ostens bereichern ihre Werke. (Quelle: Edition Büchergilde)




Donnerstag, 8. September 2016

Elizabeth Strout: Bleib bei mir

Es gibt Schriftsteller, deren Namen mir nahezu überall begegnen. Bücher dieser Schriftsteller befinden sich natürlich auch auf meinem SuB. Ich nehme mir ständig vor, endlich eines dieser Bücher zu lesen. Aber immer kommt mir ein anderes Buch dazwischen. Elisabeth Strout ist so eine Schriftstellerin. Die Pullitzer-Preisträgerin von 2009 habe ich schon geraume Zeit im Blick. Der Roman „Bleib bei mir“ lag schon seit langem auf meinem SuB. Aber irgendwie hatte mich bisher dieser doch sehr kitschige deutsche Titel dieses Romans abgeschreckt. Jetzt habe ich diesen Roman endlich doch gelesen. Und ich muss gestehen, dass es mich jetzt ein wenig ärgert, dass ich nicht schon früher zu einem der Bücher von Elizabeth Strout gegriffen habe.

In dem Roman „Bleib bei mir“, der im Jahre 2014 in Deutschland veröffentlicht wurde (Originaltitel: Abide with me*, erstmalig erschienen in 2005) , geht es um Folgendes:

In einer Kleinstadt im einsamen Norden der USA hat Pastor Tyler Caskey nach dem tragischen Tod seiner Frau das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er hadert nicht nur mit sich und der Welt, sondern zweifelt auch an Gott und seinem Glauben. Und in der Gemeinde, in der er bis dahin geliebt und geachtet war, fragen sich immer mehr Leute, ob Tyler sich nicht zu sehr gehenlässt in seinem Schmerz… Mit unnachahmlicher Leichtigkeit und großer Menschenkenntnis zeichnet Elizabeth Strout das Porträt einer ganz gewöhnlichen Kleinstadt. Und sie erzählt von Menschen wie du und ich, von ihren Stärken und Schwächen, von ihrer Warmherzigkeit und Freundlichkeit, aber auch von ihrem Misstrauen und ihrer Engstirnigkeit. (Quelle: Random House/Luchterhand)

Der Roman setzt ca. 1 Jahr nach dem Tod von Tylers Frau Lauren ein. Der Leser erfährt, wie Tyler seinen Alltag meistert. Die jüngste Tochter wächst bei seiner Mutter auf. Die ältere befindet sich in seiner Obhut. In Rückblicken erinnert sich Tyler an seine Ehefrau, die Zeit des Kennenlernens, ihre gemeinsame Ehe und das Verhältnis zu seinen Schwiegereltern.
"Vielleicht war es das, mehr noch als alles andere, was seine anhaltende Beliebtheit in der Gemeinde ausmachte: diese Momente plötzlicher Ratlosigkeit, fundamentaler Verunsicherung. Gerade angesichts seiner sonstigen Beherrschtheit, der sanften, zerstreuten Ergebenheit, mit der er sein Unglück trug, erlaubten es diese Augeblicke offen eingestandenen Nicht-weiter-Wissens den Menschen - besonders den Frauen, aber keineswegs nur ihnen -, ihren Pastor als jäh und ungeahnt verwundbar zu sehen, was ihn die restliche Zeit nur umso stoischer erscheinen ließ. Heldenhaft fast schon." (S. 18)
Tyler war schon immer ein Idealist, eigentlich ist er zu gut für diese Welt. Sein Anspruch ist, ständig Gutes zu tun. Er ist für seine Gemeinde da. Mit der Zeit wird er immer mehr von seiner Gemeinde vereinnahmt und man hat den Eindruck, dass er seinen „Schäfchen“ bald mit Haut und Haar gehört. Insbesondere die Damen des Ortes erweisen sich als wahre Herrscherinnen über das Gemeindeleben. Zu ihren Lebzeiten ist Lauren mehr schlecht als recht mit den Damen der Gemeinde zurechtgekommen. Sie entsprach einfach nicht dem Bild einer Pastorenfrau, was die Gemeinde ihr und ihm - schließlich hat er sie in die Gemeinde gebracht -  krummgenommen hat. Nach Laurens Tod und einer angemessenen Zeit der Anteilnahme, wird Tyler misstrauisch beäugt. Wie wird er sein Leben meistern? Ist er in der Lage, seine Kinder allein großzuziehen? Sollte er nochmal heiraten? Wenn ja, wann und wen? Die Damen der Gemeinde machen sich so ihre Gedanken über ihren Pastor.
"Nicht lange, und Frauen in West Annett, die seit Jahren nicht mehr geweint hatten, standen schluchzend in der Küche. Dass Lauren Caskey sich für etwas Besseres gehalten hatte, war vergessen oder vergeben. Ihr Schicksal ermöglicht ein Schwelgen in Gefühl, wie es sich lange Zeit keiner mehr gegönnt hatte. Das arme, arme Ding, sagten die Leute - wie furchtbar." (S. 107)
Tyler ist überfordert, wenn er auf Widerstand stößt. Insbesondere die anfangs versteckte Kritik der Gemeinde, die mit der Zeit immer gehässiger wird und sogar in böser Nachrede ausartet, macht ihm zu schaffen. Er weiß einfach nicht damit umzugehen, da er sich im Traum nicht vorstellen kann, dass es Menschen gibt, die ihm etwas Böses wollen.

Die Gemeinde treibt es auf die Spitze. Man sollte meinen, dass sie Tylers Unfähigkeit, sich zur Wehr zu setzen, als Ansporn sieht, weiter auf ihn einzudreschen. Zum Ende, als sich die Ereignisse überschlagen, erinnert mich das Szenario an Kinder, die sich prügeln und am Ende erschrocken sind, wenn eines sich dabei eine blutige Nase holt. Genauso geht es Tyler. Nur, dass seine blutige Nase ein Nervenzusammenbruch ist. Die Gemeinde ist zu Tode erschrocken, über das, was sie angerichtet hat. Aber am Ende beruhigen sich alle wieder, lecken ihre Wunden, sind wieder nett zueinander und das Gemeindeleben geht weiter.
"An diesem Tag klingelten nicht viele Telefone, und an den folgenden Tagen auch nicht. Die Leute aßen ihr Sonntagsessen schweigend, ermahnten höchstens einmal ihre Kinder, die Serviette zu benutzen oder beim Abräumen zu helfen. Es war wie bei einem Todesfall, der erst verarbeitet sein wollte, und so wurde über das Vorgefallene ein Mantel neuenglischer Zurückhaltung gebreitet, ein respektvolles Schweigen, vermischt mit einer Portion schlechten Gewissens." (S. 313)
Elizabeth Strout macht diese Geschichte aus dem Kleinstadtleben zu etwas Besonderem. Von Beginn an war ich von ihrer lebhaften und farbenfrohen Sprache fasziniert. Sie hat Spaß daran, fantasievolle Metaphern einzusetzen, die beim Leser ein wunderbares Kopfkino in Gang setzen. Man taucht in der Kleinstadtwelt ab, reibt sich an der Engstirnigkeit und Spießigkeit der Bewohner und leidet mit dem sehr naiven Gutmenschen Tyler. Elizabeth Strouts Charaktere sind hervorragend ausgearbeitet. Das wird einem insbesondere bei den unterschiedlichen Perspektiven bewusst, aus denen die Handlung erzählt wird. Neben Tylers Sicht wird die Geschichte auch aus den Perspektiven anderer Gemeindemitglieder erzählt. Elizabeth Strout lässt den Leser dadurch in das tiefste Innere dieser Charaktere blicken. Und man wundert sich manches Mal über die Denkweise einzelner Charaktere. 

Der Roman hat mich auf den Geschmack gebracht. Elizabeth Strout könnte aufgrund ihrer wundervollen Sprache zu meiner Lieblingsautorin werden. Keine Frage! Dieses Buch bekommt daher von mir eine klare Leseempfehlung!

© Renie



*"Abide with me", der Originaltitel dieses Romans, ist im Übrigen der Titel eines englischen Kirchenliedes:
... Abide with me ist als Abend- und Sterbelied bis heute jedem Briten vertraut. Es erklingt bei Begräbnissen und anderen Anlässen der königlichen Familie, bei den militärischen Gedenkfeiern Festival of Remembrance in der Royal Albert Hall und ANZAC Day, aber auch alljährlich zu Beginn des Finalspiels des FA Cup sowie in zahlreichen Spielfilmszenen. (Quelle: Wikipedia)




Bleib bei mir von Elizabeth Strout, erschienen im Luchterhand Verlag
Erscheinungsdatum: Juli 2014
ISBN: 978-3-630-87445-6


Über die Autorin:
Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren und wuchs in Kleinstädten in Maine und New Hampshire auf. Nach dem Jurastudium begann sie zu schreiben. Ihr erster Roman „Amy & Isabelle“ (1998) wurde für die Shortlist des Orange Prize und den PEN/Faulkner Award nominiert. „Bleib bei mir“ war ihr zweiter Roman (2006) und wurde hoch gelobt. Für „Mit Blick aufs Meer“ bekam sie 2009 den Pulitzerpreis. Alle ihre Romane, auch „Das Leben, natürlich“, waren Bestseller. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City. (Quelle: Random House/Luchterhand)








Sonntag, 4. September 2016

Louise de Vilmorin: Der Brief im Taxi

Was steht nur in dem Brief, den Cécilie, die Protagonistin aus Louise de Vilmorins zauberhaftem Roman "Der Brief im Taxi", verloren hat und deshalb völlig aus der Bahn geworfen wird? Eine Frage, die erst zum Schluss des Buches beantwortet wird. Aber, ob die Antwort der Wahrheit entspricht? Wirklich sicher bin ich mir nicht.

Quelle: Dörlemann

Worum geht es in diesem Roman?
Cécilie ist eine hinreißend unkonventionelle Dame, die in ihrer Bücherhöhle, liebevoll Ali Baba genannt, ihre Tage größtenteils mit dem Schreiben von Artikeln, Reiseberichten und Drehbüchern verbringt. Sie ist verheiratet mit Gustave, einem Bankier, der seine Karriere stetig vorantreibt.
Als Cécilie die Geliebte ihres Bruders Alexandre zum Bahnhof begleitet, rutscht ihr im Taxi unglücklicherweise ein geheimnisvoller Brief aus der Tasche. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf. (Quelle: Dörlemann)

Cécilie ist eine Protagonistin, die mir mit den ersten Sätzen schon ans Herz gewachsen ist. Denn Cécilie lacht über das Leben und die Pariser Gesellschaft. Und als Leser lacht man gern mit. Kaum zu glauben, dass jemand, der solch ein herzerfrischendes Gemüt hat und vor Lebensfreude nur so sprudelt, sein Leben an der Seite eines karrierebewussten Langeweilers verbringt. Doch der karrierebewusste Langeweiler, namens Gustave und Ehegatte von Cécilie, war nicht immer so. Als Cécilie und Gustave sich kennenlernten, hatte er noch Träume, war abenteuerlustig und ließ sich von seiner Herzensdame mitreißen. Doch viele dieser Träume waren kostspielig. Ohne die nötigen finanziellen Mittel, war gar nicht daran zu denken, diese zu erfüllen. Also arbeitete Gustave an seiner Karriere. Doch mit steigendem beruflichen Erfolg, nahmen Träumerei und Abenteuerlust ab. 
"'Dein Mann kann nur noch bewerten. Er ist nicht mehr derjenige, den du geheiratet hast. Du warst für die Freiheit geschaffen, als freie Frau wärst du Schauspielerin geworden.'" (S. 14)
Heute denkt er nur noch an seine Karriere und das Geldverdienen. Cécilie jedoch hat sich den Esprit ihrer Jugend bewahrt. Und damals wie heute geht sie mit einem Lachen durchs Leben. Sie nimmt sich und die anderen nicht besonders ernst. Es scheint, als ob sie und Gustave ein Arrangement getroffen haben, das beide ihr Leben leben lässt. Er schraubt an seiner Karriere und sie macht das, wozu sie gerade Lust hat. Gustave liebt seine Frau abgöttisch, auch wenn er sie sich ein wenig seriöser wünscht. In der Gesellschaft anderer, tut sie ihm oft den Gefallen. Sie versteht es, zu repräsentieren und spielt die Rolle, die man von der Ehefrau eines Bankiers erwartet. Oft kann sie ihr Temperament jedoch nicht zügeln, was zu recht unkonventionellen Situationen führt. Das nimmt ihr jedoch keiner übel, ganz im Gegenteil. Ihre Eskapaden werden als originell betrachtet und sie ist damit ein gern gesehener Gast in der Pariser Gesellschaft.
Das Leben Cécilies könnte also so schön sein, wenn die Sache mit dem Brief nicht gewesen wäre.
Der verschwundene Brief wirft sie aus ihrem seelischen Gleichgewicht und man fragt sich, was der Inhalt dieses Briefes ist. Bis zum Ende der Geschichte baut die Autorin Louise de Vilmorin diverse Andeutungen ein. Als Leser hat man einen Verdacht, der jedoch mal bekräftigt und mal verworfen wird.

Von Beginn an hatte ich das Gefühl, mich in einem Stück aus dem Boulevardtheater zu befinden. Die Dialoge in diesem Roman haben einen hohen Unterhaltungswert. Sie sind geistreich und witzig zugleich. Insbesondere die Gespräche zwischen Cécilie und ihrem Mann haben es mir angetan, da hier ganz besonders der krasse Unterschied zwischen den beiden Charakteren zum Ausdruck kommt. Gustave merkt, dass seine Frau sich auf einmal merkwürdig verhält. Sie baut ein Lügengerüst um den verschwundenen Brief auf, in das sie sich jedoch verheddert. Das macht Gustave natürlich misstrauisch. Cécilie redet sich manches mal um Kopf und Kragen. Und man hat den Eindruck, dass Gustave ausschließlich das glaubt, was er glauben möchte. Er verschließt die Augen vor Cécilies offensichtlichen Schwindeleien und schafft sich somit seine eigene Wahrheit, in der seine Frau ganz gut wegkommt.
"Angesichts dieses vertrauenvollen Mannes, der sich zwar sorgte, aber den Hang hatte, stets nur das Gute zu sehen, das heißt, was für ihn persönlich von Vorteil war, war sie wie vor den Kopf geschlagen." (S. 194)
Diese Tendenz, sich Dinge schön zu reden und seine eigene Wahrheit zu schaffen, scheint dem Zeitgeist der damaligen Pariser High Society zu entsprechen. Die Charaktere, auf die man in diesem Roman trifft, zeichnen sich durch eine Ich-Bezogenheit aus, die ihresgleichen sucht. Man erlebt die Dame, die versorgt sein möchte und daher auf der Suche nach dem Mann für ihr Leben ist - auch, wenn dieser Mann bereits vergeben ist; man erlebt den älteren Mann, der auf der Suche nach einem Jungbrunnen ist und daher keine Skrupel hat, seine Zukunft mit einem Mädchen zu planen, das nur halb so alt ist wie er; man erlebt den Abenteurer, der ohne Rücksicht auf Verluste versucht, bei seiner Suche nach Liebe, Lust und Leidenschaft fündig zu werden. 
Nur Cécilie scheint aus der Art zu schlagen. Zumindest lässt sie ihr eigenes Wohl zugunsten ihres Ehemannes Gustave in den Hintergrund treten.

Louise de Vilmorin betrachtet ihre Charaktere mit einem Augenzwinkern. Sie hat damit eine kleine aber feine Satire auf die Pariser Gesellschaft geschaffen, in der sie übrigens als Adelige selbst zu Hause war.
"Marcelline Doublard-Despaumes hatte jenes Alter erreicht, in dem Frauen erblonden. Sie war üppig und leutselig, liebte Empfänge und Juwelen, Theater und Café crème zu jeder Tageszeit. Ihr Mann ähnelte ihr und schreckte genauso wenig wie sie davor zurück, seinen Reichtum auszustellen." (S. 31)
Der Roman spielt in der Zeit um 1920. Wobei er meines Erachtens auch früher angesiedelt sein könnte. Denn der Sprachstil Louise de Vilmorins hat einen Charme, der durchaus in die Zeit des Belle Epoque passen würde. Der Stil wirkt sehr lebhaft und farbenfroh. Teilweise wählt die Autorin eine sehr schwülstige Ausdrucksweise, die man beim Lesen mit einem Lächeln quittiert. Und es scheint, dass sie sprachlich eine Bewahrerin der Etiquette ist. Ehe ihre Wortwahl kompromittierend wird, greift sie lieber zu einer formvollendeten Umschreibung. Hier ist ein herrliches Beispiel:
Schlafzimmer = "das schattige Zimmer, wo Liebende einander nur finden, um sich zu verlieren"
Fazit:
Ich habe diesen Roman mit großem Vergnügen gelesen, da ich mich in eine geistreiche und zeitlose Boulevardkomödie versetzt fühlte. Man kommt aus dem Schmunzeln nicht mehr raus, die Seiten fliegen nur so dahin und man hat leider schneller das Ende erreicht, als einem lieb ist. 
"Der Brief im Taxi" ist für mich ein weiterer Beweis, dass auch Romane, die schon ein bisschen älter sind, durchaus einen ganz besonderen Charme haben können.

© Renie

Der Brief im Taxi von Louise de Vilmorin, erschienen im Dörlemann Verlag (August 2016)
ISBN: 9783038200338


Über die Autorin:
Louise de Vilmorin, am 4. April 1902 in Verrières-le-Buisson bei Paris geboren, begegnete während ihres Literaturstudiums sie Antoine de Saint-Exupéry und verlobte sich mit ihm. Louise de Vilmorin entstammte dem französischen Adel, was ihr erlaubte, im Stammschloss der Vilmorin, dem Château de Verrières-le-Buisson, führende Künstler ihrer Zeit zu versammeln. Ihr langjähriger Lebensgefährte André Malraux regte sie zum Schreiben an, und in der Folge entstanden nicht nur die Histoire d’aimer, sondern auch die Romane Julietta, La lettre dans un taxi und Les belles amours sowie mehrere Gedichtbände. Bekannt wurde sie vor allem mit ihrem Roman Madame de …, 1953 von Max Ophüls verfilmt. Louise de Vilmorin starb am 26. Dezember 1969 an ihrem Geburtsort. (Quelle: Dörlemann)

Donnerstag, 1. September 2016

Ingvar Ambjørnsen: Aus dem Feuer


Die Schriftsteller, denen ich bisher begegnet sind, habe ich alle als sehr sympathische Zeitgenossen erlebt. Und dann traf ich in dem Roman „Aus dem Feuer“ von Ingvar Ambjørnsen auf einen Krimiautor namens Alexander Irgens. Diesen Alexander Irgens kann man durchaus als echtes Ekel seiner Zunft bezeichnen. Nur gut, dass es sich bei ihm um eine fiktive Person handelt - das hoffe ich zumindest ;-)

Quelle: Edition Nautilus

Worum geht es in diesem Roman?
Norwegens Krimikönig Alexander Irgens schlägt gemeinsam mit seiner Geliebten Vilde einen zudringlichen Fan krankenhausreif - nach einem opulenten Dinner mit elf Buchhändlerinnen. Daraufhin flieht er vor der skandalbegeisterten Presse, seiner Geliebten und seiner Ehefrau und taucht in Island und Deutschland ab. Zurück in Norwegen, scheint er unverhofft zu sich selbst und zu etwas wie Heimat zu finden. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein - und dieser Roman wird selbst zum Krimi. (Klappentext)

Die Reaktionen der Presse auf Alexanders Angriff auf seinen Fan sind Fluch und Segen zugleich. Alexander steht kurz vor der Veröffentlichung eines weiteren Krimis aus seiner Erfolgsserie rund um seinen Helden Stig Hammer. Und scheinbar gibt es seitens des Verlages keinerlei Skrupel, die negative Publicity für den Erfolg seines neuen Buches auszuschlachten. Alexander setzt sich zwar ins Ausland ab, doch Negativ-Werbung ist auch eine Werbung. Und so ist sein Buch in aller Munde. Ein weiterer Bestseller aus der Stig Hammer-Reihe scheint damit vorprogrammiert.
„‚…Solange er nicht den Geist aufgibt, bringt dir das nur jede Menge Aufmerksamkeit. Man könnte fast glauben, das sei so arrangiert worden.’“ (S. 153)
Apropos Skrupel. Skrupel scheint generell für Alexander Irgens ein Fremdwort zu sein. Sein bisheriger Erfolg ist ihm zu Kopf gestiegen. Alexander Irgens gestaltet sein Leben nach seinen eigenen Gesetzen. Ich habe selten einen derart selbstherrlichen, überheblichen und egoistischen Protagonisten in einem Roman erlebt, wie Alexander Irgens. Der Mittelpunkt seiner Welt ist Alexander Irgens. Er ist das Maß aller Dinge, und seiner Ansicht nach ist er zu gut für diese Welt. Schuldempfinden hat er sich abgewöhnt. So ist der Betrug an seiner Ehefrau eine Selbstverständlichkeit für einen Mann seines Kalibers. Und dass er einen seiner Fans krankenhausreif geprügelt hat, ist diesem selbst zuzuschreiben. Warum ist er dem großen Alexander Irgens auch auf die Nerven gegangen? Die Liste der Negativ-Eigenschaften von Alexander Irgens ließe sich endlos weiterführen. Aber eine Schwachstelle hat er doch. Er wäre gern ein „richtiger“ Schriftsteller und nicht nur jemand, der massentaugliche Krimis schreibt. In seinen Anfängen hat er sich mit Novellen versucht, die vielversprechend für seinen weiteren schriftstellerischen Werdegang waren. Nur leider hat er diesen Weg nicht weiterverfolgt. Es ist halt einfacher, Krimis nach Schema F zu produzieren, als ein literarisch anspruchsvolles Werk zu schreiben.

Der Autor Ingvar Ambjørnsen hat mit diesem Roman eine herrliche Satire auf den Literaturbetrieb und das Schriftstellertum geschaffen. Vieles erscheint übertrieben. Doch man wird den Verdacht nicht los, dass mehr Wahres dabei ist, als man sich wünschen möchte. Die Geschichte wird natürlich aus der Sicht von Alexander Irgens erzählt. Man hat den Eindruck, dass Irgens ständig auf der Suche nach neuen Ideen für einen Krimi ist. Man ertappt ihn dabei, wie er häufig versucht, sich und seine Umgebung in mögliche Plots für einen Kriminalroman einzubauen. Er scheint unter einem permanenten Erfolgsdruck zu stehen. Denn mit jedem weiteren erfolgreichen Krimi, den er veröffentlicht hat, scheint die Erfolgsmesslatte für sein nächstes Buch ein Stückchen höher zu liegen. 
„‚ … Es ist nicht so leicht, wenn man dauernd von fremder Aufmerksamkeit verwöhnt wird. Man wird, natürlicherweise, das, was wir auf gut Norwegisch als verwöhntes Arschloch bezeichnet.‘“ (S. 313)
Quelle: Unsplash/Steinar La Engeland
Als Leser kann man keinerlei Sympathien für Alexander Irgens entwickeln. Wie auch? Denn schließlich hat er absolut nichts Nettes an sich. Man schwankt zwischen Sich Wundern, Aufregung und Ärger über diesen Charakter. Aber es gibt auch viele lustige Momente in diesem Roman, die mich völlig unvorbereitet getroffen und mich zum Lachen gebracht haben. Zum Ende nimmt dieser Roman eine überraschende Wendung an, die sich in keiner Weise vorhersagen lässt. Nur soviel sei gesagt: am Ende überwog bei mir die Schadenfreude.

Ich möchte noch auf eine sprachliche Besonderheit Ingvar Ambjørnsen hinweisen. Ambjørnsen versteht es, Naturszenen in einer einzigartigen Weise darzustellen. Man lässt sich durch die Bilder, die dabei hervorgerufen werden, verzaubern. Das Kopfkino läuft dabei auf Hochtouren. Man hat das Gefühl, das beschriebene Szenario mit allen Sinnen wahrzunehmen. Das ist fast wie ein kleiner Urlaub in der Natur Norwegens.
„Aber Luft und Licht gehören dem Oktober, wie ich ihn aus früheren Jahren kenne, so weit ich mich zurückerinnern kann. Der blaue klare Herbsthimmel und das Sonnenlicht, das durch die farbenfrohen Baumwipfel sickert. Der große Laubfall hat noch nicht eingesetzt. Noch ist der Waldboden nackt. Das Gras steht grün an den Hängen. Noch hängen die Farben an den Zweigen, Milliarden, Myriaden von wehenden Wimpeln in Gold, Rot, Braun und Orange, in allen Schattierungen.“ (S. 8)
Ich kann diesen Roman Lesern empfehlen, die sich für den Literaturbetrieb interessieren. Und gerade Leser, die diesen Literaturbetrieb gern mit einem verklärten Blick betrachten, werden durch dieses Buch schnell auf den Boden der Tatsachen geholt. Der Hauptprotagonist ist ein selbstherrlicher Widerling, der seinesgleichen sucht und zum Ende von seinem hohen Ross heruntergeholt wird. Ingvar Ambjørnsen hat damit eine eindrucksvolle Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor geschaffen, die mich großartig unterhalten hat.

© Renie

Aus dem Feuer von Ingvar Ambjørnsen, erschienen bei Edition Nautilus
Erscheinungsdatum: 31. August 2016
ISBN: 978-3-96054-012-0


Über den Autor:
Ingvar Ambjørnsen, geb. 1956 in Tønsberg, Norwegens kneipenreichster Stadt, aufgewachsen in Larvik. Nicht vollendete Gärtnerlehre und mancherlei Jobs in Industrie und Psychiatrie. Erste Buchveröffentlichung 1981: 23-salen, seitdem zahlreiche Romane, Welterfolg mit den Elling-Romanen. Lebt seit 1985 in Hamburg. Bei Edition Nautilus erschienen zuerst der autobiografische Roman Weiße Nigger und zuletzt der Roman Die Nacht träumt vom Tag. Ingvar Ambjørnsen wurde mit dem Willy-Brandt-Preis 2012 ausgezeichnet. (Quelle: Edition Nautilus)





Sonntag, 28. August 2016

Connie Palmen: Du sagst es

Connie Palmen verleiht dem Schriftsteller Ted Hughes in ihrem Roman "Du sagst es" eine Stimme, um auf seine Ehe mit Sylvia Plath zurückzublicken. Man kann nicht gerade behaupten, dass Ted und Sylvia eine harmonische Ehe geführt haben. Und doch haben sie sich geliebt, auch wenn die Liebe etwas Zerstörerisches an sich hatte, und mindestens einer von ihnen am Ende auf der Strecke geblieben ist.


Quelle: Diogenes

Klappentext:
Sylvia Plath und Ted Hughes sind das berühmteste Liebespaar der modernen Literatur - und das tragischste: Denn nach Sylvias Suizid im Jahr 1963 galt sie als Märtyrerin, hingegen ihr Mann als Verräter - eine Schuldzuweisung, zu der er sich zeitlebens nie äußerte. In dieser fiktiven Autobiographie bricht er sein Schweigen. Palmen lässt ihn auf seine leidenschaftliche Ehe zurückblicken und eine Liebe neu beschreiben.


Auf der Rückseite des Buches findet sich der Ausspruch
"'Es ist als würde man eine Nacht lang den intimen Bekenntnissen eines engen Freundes zuhören. ...'" (De Morgen Brüssel)

Ein sehr treffender Satz. Man kann es sich buchstäblich vorstellen. Ein zutiefst verzweifelter Ted Hughes, der auch lange Jahre nach dem Selbstmord von Sylvia Plath nicht über ihren Tod hinwegkommt. Der immer noch nicht versteht, was sie in den Tod getrieben hat, der sich bis jetzt mit den Vorwürfen, die an ihn gerichtet wurden, nicht auseinandersetzen wollte ... und bei dem heute der Punkt erreicht ist, an dem er sein Schweigen brechen möchte.

Genauso kommt dieser besondere Roman von Connie Palmen rüber. Man nimmt ihr die Geschichte ab. Man möchte nicht glauben, dass es sich bei diesem Roman um Fiktion handelt. Was man liest, ist eine Autobiografie von Ted Hughes, in der er die Wahrheit über die sehr spezielle Beziehung zwischen ihm und Sylvia Plath erzählt. 
"Biographen führen sich auf, als könnten sie Besitzansprüche auf dein Leben geltend machen, als wäre es ein Produkt. Ich fand mein gestohlenes Leben in den Büchern wieder, sah meine Liebe, meine Ehe, meine Gefühle, Gedanken und Handlungen von Freunden und Fremden für mich interpretiert, las, wie Fakten geleugnet oder verdreht wurden, wie mir Worte in den Mund gelegt wurden, die ich nie gesagt habe, mir Charaktereigenschaften angedichtet wurden, die ich nicht habe." (S. 270)
Sylvia Plath und Ted Hughes - zwei Seelenverwandte, die sich Anfang 1956, während des Studiums in Cambridge erstmalig begegnen. Innerhalb von 4 Monaten sind sie verheiratet. Im Verlauf ihrer Ehe stellt sich bei Ted Hughes langsam der schriftstellerische Erfolg ein. Doch Sylvia Plaths Literatur stößt eher auf Ablehnung. Es scheint, als ob der Literaturbetrieb noch nicht reif genug für ihr schriftstellerisches Talent ist.

Von Anfang an war Ted bewusst, dass die Liebe zu Sylvia etwas Zerstörerisches hat. Sylvia ist schwer depressiv, dabei unberechenbar und launisch in ihren Handlungen. Wenn Sylvia liebt, liebt sie mit Haut und Haar. Sie opfert sich für ihren Partner auf und erwartet im Gegenzug die gleiche Hingabe. Anderen Frauen misstraut sie, ihre Eifersucht ist fast krankhaft.
Wenn sie schreibt, legt sie eine Besessenheit an den Tag, die sie alles um sich herum vergessen lässt. Jede Zeile, die sie zu Papier bringt, spiegelt ein Stück ihrer Persönlichkeit wieder. Dadurch finden sich viele autobiografische Ansätze in ihren Texten.

Ted Hughes scheint der Ruhepol in dieser Ehe zu sein. Er schafft es immer wieder, Sylvia zeitweise aus ihrem Gefühlschaos zu befreien. Was ich als merkwürdig empfunden habe - ich bin ein Kopfmensch - war seine esoterische Veranlagung. So versucht er, sie z. B. mittels Hypnose zu beruhigen. Und beide scheinen daran zu glauben. Zumindest lässt sich Sylvia auf seine esoterischen Versuche ein.

Das Leben mit Sylvia ist anstrengend und bewegt sich am Limit. Die Beziehung verlangt beiden viel ab. Liebe und Leidenschaft wechseln sich ab mit Aggression und Misstrauen. Irgendwann bricht Ted aus der Ehe aus. Er kann einfach Sylvia's Vereinnahmungen seiner Person nicht mehr ertragen. Dies ist auch der Punkt, warum die Öffentlichkeit davon ausgeht, dass er Sylvia in den Tod getrieben hat.
"Auf der Suche nach einem Seelenverwandten las ich eines Tages Arthur Millers After the Fall, das Theaterstück, mit dem er den Selbstmord von Marilyn Monroe zu verarbeiten versucht. Als ich auf den Satz stieß: 'Wer Selbstmord begeht, will immer zwei töten', wusste ich, dass er damit recht hatte." (S. 272)
Sylvia und Ted haben sich in den Schriftstellerkreisen und der Intellektuellen-Szene der 50er/60er Jahre in England und Amerika bewegt. Als Leser erhält man einen Einblick in die schriftstellerische Arbeit der damaligen Zeit. So kommen z. B. Sylvias Gedichte sehr bedeutungsschwer rüber. Man spürt ihren Anspruch, ein Stück von sich selbst in ihren Texten zu verarbeiten. Es scheint, als ob sie sich nicht einfach damit begnügen wollte, eine gute Geschichte zu erzählen, sondern in erster Linie ging es ihr darum, dem Leser eine Botschaft zu vermitteln.

Der Sprachstil Connie Palmens spiegelt dieses ungeheuerliche Gefühlschaos von Sylvia Plath wieder. Sehr kurze Sätze wechseln sich mit extrem langen Sätzen ab. Das macht das Lesen nicht einfach, bringt aber das Seelenleben der Sylvia Plath und die verstörende Beziehung zwischen Ted und Sylvia sehr authentisch rüber. Sie setzt sich sehr sensibel mit den beiden Figuren auseinander und vermittelt somit dem Leser einen enormen Respekt vor ihren Protagonisten und deren Liebe zueinander.
"Ihr Schmerz war mein Schmerz, ihre Ängste waren meine Ängste, nur reagierte ich anders darauf. Im Nachhinein, nach ihrem Tod, habe ich mich in den schwärzesten Momenten gefragt, ob sie dem Leben vielleicht besser gewachsen gewesen wäre, wenn ich weniger Geduld für die Launen, das strafende Schmollen, die stummen Kriege aufgebracht hätte und wiederständiger, unnachgiebiger gewesen wäre. Solange wir zu zweit waren, ungesehen, abgeschirmt von den Beschauern, die unsere Liebe körten, liebte ich sie urteilsfrei." (S. 157 f.)
Ted Hughes und Sylvia Plath waren 7 Jahre verheiratet. Im Alter von 30 Jahren nimmt Sylvia Plath sich das Leben. Erst nach ihrem Tod gelangen ihre Texte zu posthumen Erfolg. Texte, in denen sie sich bereits zu Lebzeiten mit ihrem Selbstmord auseinandergesetzt hat. Connie Palmen gelingt es mit ihrem Roman, den Leser zu berühren. Denn obwohl man weiß, worauf die Geschichte hinauslaufen wird, ist man am Ende doch zutiefst erschüttert und mitgenommen über die Todesnachricht von Sylvia Plath.

Fazit
Ein sensibler Roman, der das verstörende Gefühlchaos im Eheleben des Paares Ted Hughes und Sylvia Plath widerspiegelt. Connie Palmen beschreibt in einer besonderen Sprache das leidenschaftliche Beziehungsdrama um die beiden Schriftsteller, in dem Schmerz und Liebe sehr dicht beieinander lagen. Klare Leseempfehlung!

© Renie


"Du sagst es" von Connie Palmen, erschienen im Diogenes Verlag
Erscheinungsdatum: 24. August 2016
ISBN: 978-3-257-06974-7




Über die Autorin:
Connie Palmen, geboren 1955, wuchs im Süden Hollands auf und kam 1978 nach Amsterdam, wo sie Philosophie und Niederländische Literatur studierte. Ihr erster Roman, ›Die Gesetze‹, erschien 1991 und wurde gleich ein internationaler Bestseller. Sie erhielt für ihre Werke zahlreiche Auszeichnungen, so wurde sie für den Roman ›Die Freundschaft‹ 1995 mit dem renommierten AKO-Literaturpreis ausgezeichnet. Connie Palmen lebt in Amsterdam. (Quelle: Diogenes)