Montag, 24. Juli 2017

Rebecca Hunt: Everland

Quelle: Pixabay / Mariamichelle
Sommer, Sonne, Portugal bei 36 °C. Ich schwitze und suche Abkühlung bei einem Buch: "Everland" von Rebecca Hunt. Mehr Kälte geht fast nicht mehr. Denn dieser Roman führt mich in die Antarktis, auf eine kleine Insel namens Everland.

Everland ist das Ziel zweier Antarktisexpeditionen. Die erste Expedition findet 1913 statt und scheitert. Die Zweite findet 100 Jahre später als Jubiläumsexpedition statt. Auch sie scheitert.

1913
Das britische Schiff Kismet ist damit beauftragt, die Tier- und Pflanzenwelt der Antarktisinsel zu erforschen. Die Expedition wird von 3 Besatzungsmitgliedern durchgeführt: Ned, 1. Offizier und somit Anführer der Gruppe; Millet-Bass, ein erfahrener Matrose sowie Dinners, ein Wissenschaftler, ohne jegliche Erfahrungen auf dem Gebiet der Feldforschung.
Die drei Männer legen in einem Beiboot der Kismet die letzten Meilen zur Insel zurück. Dabei geraten sie in einen Sturm, der das Boot kurz vor der Küste Everlands zum Kentern bringt. Die Männer schaffen es mehr tot als  lebendig auf die Insel und warten nun auf ihre Rettung. Doch die Kismet ist aufgrund des Packeises, das sich in der Zwischenzeit gebildet hat, nicht mehr in der Lage, die Männer zurückzuholen. Man bedenke: Eisbrecher hatten damals noch nicht die Kraft, die sie heute haben. Funkgeräte gab es noch nicht. Es gibt also keine Kommunikation zwischen den Männern auf der Insel und der Kismet. Stattdessen setzt das lange zermürbende Warten auf Rettung ein, in einer unbarmherzigen Umgebung und mit einer Ausrüstung, die herzlich wenig mit dem Hightec-Equipment der heutigen Zeit zu tun hat.
"Alles war aschgrau, pechschwarz, lehmbraun und rostrot in unterschiedlichen Abstufungen, bis auf den Himmel, der die Farbe von schmutziger Wolle hatte. Der Vulkan, der siebzig Prozent der Insel für sich beanspruchte, war aus der Nähe betrachtet ein trister Schlackehügel. Everland war still, leblos und auf brutale Weise unspektakulär. Mehr als trostlos, es war hässlich." (S. 34)
Quelle: Randomhouse / Luchterhand
Der erste Offizier Ned entwickelt sich nicht nur aufgrund seiner Funktion zum Alphatier in der Gruppe. Er ist willensstark, eine Kämpfernatur, jegliche Zeichen von Schwäche sind ihm zuwider. Womit wir bei Dinners wären. Denn der verkörpert genau diese Schwächen. Er ist unerfahren, ungeschickt, kaum allein überlebensfähig in der Situation, in der sich die drei Männer befinden. Seine Gesundheit hat bei dem Kentern vor der Insel am meisten gelitten. Auf der Insel ist er den anderen Männern ein Klotz am Bein. Für die Drei werden Tage zu Wochen, Wochen zu Monaten, und es ist keine Rettung in Sicht. Die scheinbar ausweglose Situation, in der die Männer sich befinden, verändert sie. Der Aufenthalt auf der Insel entwickelt sich zum Psychodrama. Mit der Zeit lassen sie die schreckliche Gewissheit zu. Wenn sie sich nicht selbst helfen, sind sie verloren.

2013
Einhundert Jahre später wird eine 3-köpfige Crew mit einer Hightec-Ausrüstung per Flugzeug auf Everland abgesetzt. Die mehrwöchige Expedition soll sich mit der Erforschung der Tierwelt befassen. In erster Linie ist diese Aktion jedoch als Gedenkfahrt an die gescheiterte Expedition von 1913 zu sehen. Es gibt einige Parallelen zu der ersten Expedition - teilweise beabsichtigt, teilweise dem Zufall geschuldet. Auch hier besteht das Team aus 3 Personen: Chester, ein erfahrener Antarktisforscher, Jess, die ehrgeizige Feldassistentin und Brix, die Wissenschaftlerin, unerfahren auf dem Gebiet der Feldforschung, die ihren Platz in dem Team durch Beziehungen und einen reichen Onkel ergattert hat. Chester und Jess haben unter der Unerfahrenheit und Unsicherheit von Brix zu leiden. Denn Brixs Schwäche birgt ein ständiges Risiko. Insbesondere Chester ist anfangs permanent damit beschäftigt, die Fehler und Missgeschicke von Brix auszubügeln. Auch wenn sich 100 Jahre später die Ausrüstung erheblich verbessert hat, sind die Gefahren, mit denen die Crew zu kämpfen hat, die Gleichen. Kälte, Schneestürme, Erfrierungen, Verletzungen, die nicht behandelt werden können, weil die Mitglieder auf sich allein gestellt sind.... die Natur ist mörderisch und stellt sich gegen den Menschen. Es passiert das, was passieren muss. Auch diese Expedition wird scheitern. 
"'Die Schwachen werden nicht von den Starken getragen, sonder reißen sie mit in die Tiefe.'" (S. 68)
Rebecca Hunt erzählt die Geschichte der beiden Expeditionen, in dem sie 3 Handlungsstränge parallel verlaufen lässt. Handlungsstrang 1 behandelt die Zeit nach der Rettung von Dinners. Damit beginnt dieser Roman. Die Kizmet hat es geschafft, nach Everland zurückzukehren. Dinners wird gerettet, was mit den anderen beiden Expeditionsmitgliedern passiert ist, bleibt offen. Kapitän, Schiffsarzt und die Crew der Kismet spekulieren, was auf der Insel passiert ist und versuchen auch Ned und Millet-Bas aufzuspüren.
Handlungsstrang 2 schildert den Überlebenskampf der 3 Männer auf Everland (1913). Mit Handlungsstrang 3, der Gedächtnisexpedition schließt sich der Kreis.

Sehr gelungen fand ich die Verknüpfungen zwischen den beiden Expeditionen. So stößt das Team um Chester bei seinen Forschungen auf Überbleibsel und Spuren der ersten Expedition. Spuren, die zunächst Rätsel aufgeben. Da diese Spuren und Überbleibsel auch in Handlungsstrang 2 eine Rolle spielen, ergibt sich dadurch zumindest für den Leser des Rätsels Lösung.
"Es gab Dinge, die Everland verlassen würden, und andere, die zurückblieben und darauf warteten, entdeckt zu werden. Ein Rucksack, der im Eis abgestellt worden war, oder eine Sammlung von sechs Amethysten. Die Geschichte dieser Gegenstände und ihrer Lage würde man eines Tages verstehen oder auch nicht." (S. 410)
Der Sprachstil von Rebecca Hunt ist bildgewaltig. Dadurch lässt sie den Leser den Überlebenskampf der beiden Teams fast schon körperlich spüren. Insbesondere die Beschreibungen der Naturgewalten lassen Bilder im Kopf entstehen, die den Leser ganz klein vor Überwältigung und Ehrfurcht werden lassen. Allein diese Bilder im Kopf sind es wert, diesen spannenden Roman zu lesen.

Fazit:
Ein atemberaubender Abenteuerroman, der nicht nur durch die besondere Geschichte sondern auch durch den bildgewaltigen Sprachstil von Rebecca Hunt überzeugt. Leseempfehlung!

© Renie




Über die Autorin:

Rebecca Hunt wurde 1979 in Coventry geboren und hat am Central Saint Martin's College, einer bekannten Londoner Hochschule für Kunst und Design, studiert. Rebecca Hunt ist Malerin und lebt in London. Ihr erster Roman „Mr. Chartwell“ stand auf der Longlist des Guardian First Book Award und auf der Shortlist des Galaxy National Book Award, ihr zweiter Roman „Everland“ kam auf die Shortlist des Encore Award 2014. (Quelle: Randomhouse/Luchterhand)

Mittwoch, 19. Juli 2017

Gerd Pfeifer: Ana und die Fische (Erzählungen aus Brasilien)

Quelle: Pixabay / sasint

Gerd Pfeifer ist nicht unbedingt ein typisch brasilianischer Name. Bei brasilianischen Namen denke ich an Ronaldo, Rivaldo, Roberto oder Neymar. (Der portugiesisch-affine Leser wird feststellen, dass mein Repertoire an brasilianischen Vornamen sehr begrenzt ist und ich meine Weisheit aus der Welt des Fußballs habe) Wie kommt der Autor mit dem Namen Gerd Pfeifer also dazu, brasilianische Geschichten zu erzählen? Weiß er, wovon er schreibt? Natürlich weiß er das. Denn Gerd Pfeifer hat einige Jahre in Brasilien gelebt, so dass er in seinen Erzählungen aus dem Nähkästchen plaudert.

Die Geschichten, die dabei entstanden sind, sind bunt. Gerd Pfeifer präsentiert eine Vielfalt, die einen besonderen Eindruck von diesem exotischen Land vermittelt. Brasilien wird klischeehaft als der Inbegriff der Lebensfreude angesehen: brasilianischer Karneval und leicht-bekleidete Damen, die zu Samba-Rythmen tanzen. In dem vorliegenden Erzählband findet weder Karneval noch Samba statt. Stattdessen präsentiert der Autor unterschiedliche Aspekte einer Gesellschaft, die herzlich wenig mit diesem Klischee zu tun haben. In den Geschichten finden sich Unmenschlichkeit und Wut, aber auch Liebe, Zauber und Mystik.
"In einem Land, das jedem Ehemann mindesten eine Geliebte gestattete und jede Frau entweder Geliebte oder Ehefrau oder beides zugleich war, herrschte strengste Prüderie." (aus "Ana und die Fische", S. 43)
"Ein Paar Turnschuhe" sind das Objekt der Begierde für João, einem Jungen aus den Favelas. Am Ende werden ihm die Turnschuhe zum Verhängnis. 

"Ana und die Fische" erzählt die Geschichte einer Frau, die nach 11 Monaten ein Kind zur Welt bringt, das jedoch keiner außer ihr zu Gesicht bekommt. Merkwürdig ist, dass sie jede Nacht mit einem Bündel im Arm ins Meer hinausschwimmt und erst Stunden später wiederkommt. Diese Geschichte ist sehr mystisch und erinnert an ein Märchen.

"Die Muse des Malers" ist das Hausmädchen Dalva. Entgegen aller Vorurteile und Standesdünkel heiratet sie den Maler Serge und lebt mit ihm auf einer kleinen Amazonasinsel. Eines Tages verschwindet der Maler unter mysteriösen Umständen. Er wird für tot erklärt. Jahre später taucht Serge wieder auf.
"Ihre Kindheit verlebte sie auf dem Lande in einem Dorf ohne Namen. Als sie fünf Jahre alt war, half sie ihrem Vater auf den Feldern. Mit sieben war sie eine vollwertige Arbeitskraft, die nach der Feldarbeit die bescheidene Hütte der Familie in Ordnung hielt, ihre jüngeren Geschwister erzog und ihrer Mutter bei der Geburt der alljährlich und frohgemut ins Leben tretenden Jüngsten zur Hand ging." (aus "Die Muse des Malers", S. 73)
"Enkelin Tassia und ihr Großvater" haben ein inniges Verhältnis zueinander. Doch Tassia verändert sich auf einmal, wird verschlossen und ablehnend. Dahinter verbirgt sich ein schreckliches Geheimnis.

Fazit:
Ein bemerkenswerter Erzählband, der einen Einblick in ein Land gewährt, der nicht viel mit der klischeehaften Samba-Romantik gemein hat, die gerne mit Brasilien in Verbindung   gebracht wird. Seine Geschichten sind vielfältig, jede für sich ist einzigartig. Ein Buch, das verzaubern, aber auch verstören kann.

© Renie




Über den Autor:
Gerd Pfeifer war weltweit als Investmentbanker tätig, bevor er nach seinem Rückzug ins Privatleben mit dem Schreiben begann. Für »Geneviève – Ein französischer Sommer« erhielt er den Preis der Vontobel-Stiftung in Zürich. (Quelle: Ripperger und Kremers)



Freitag, 14. Juli 2017

Jürgen Vogel: Bittersüße Wahrheiten

Quelle: Pixabay / IWMedien

Endlich kommt die Auflösung eines Rätsels, auf die ich lange gewartet habe. Mit dem Roman "Bittersüße Wahrheiten" endet Jürgen Vogels Trilogie um David Adolphy und seinem geheimnisvollen Doppelgänger.

Inhalt der Trilogie:
Die Geschichte beginnt in Barcelona, auf einem Markt (Band 1). Der Zufall lässt David und Silvia aufeinandertreffen. Es stellt sich heraus, dass David Silvias verstorbenem Manne Philippe zum Verwechseln ähnlich sieht. Auch charakterlich lassen sich die beiden Männer nicht voneinander unterscheiden. Es gibt keinerlei verwandschaftliche Beziehung zwischen den Beiden. Und doch ähneln sie sich wie eineiige Zwillinge. David freundet sich mit Silvia und ihren fast erwachsenen Kindern an. Dem Geheimnis um die Ähnlichkeit von David und Philippe kommen sie jedoch nicht auf die Spur. 
Der zweite Band "Erinnerungen an Philippe" führt die Protagonisten nach Paris - der Ort, an dem Philippe durch ein Verbrechen ums Leben gekommen ist. Silvia ist von den Behörden, die sich mit der Aufklärung des Verbrechens befassen, nach Paris gebeten worden. Sie bittet David, ihr in dieser Situation beizustehen. Dabei lernt David auch die Eltern von Philippe kennen, die genauso erschrocken über seine Ähnlichkeit mit ihrem verstorbenen Sohn sind, wie zuvor Silvia und die Kinder. Der 2. Band konzentriert sich dabei auf die Erinnerungen von Silvia an ihren Mann.
Der dritte Band "Bittersüße Wahrheiten", um den es hauptsächlich in meiner Buchbesprechung geht, führt uns an die Heim- und Wirkungsstätte von David: Köln. Hier erhält er Besuch von Cassius, Philippes Sohn. Er kommt in der festen Absicht nach Köln, um endlich Antworten auf seine Fragen zu erhalten. Gemeinsam kommen David und Cassius dem Geheimnis auf die Spur. Die Dinge, die sie dabei herausfinden, sind insbesondere für David schmerzhaft und verwirrend. Und damit beginnt der Aufarbeitungsprozess um Davids und Philippes Vergangenheit.
"Kurz nachdem ich Silvia kennengelernt und von der Existenz von Philippe erfahren hatte, träumte ich häufig von ihm. Es begann zunächst mit Tagträumen, schon bald waren es eher Visionen oder auch Erscheinungen des Nachts. Stets konnte ich mich haargenau an die Träume erinnern. Zudem schienen sie mir derart real, dass ich beinahe das Gefühl hatte, Philippe wolle hierdurch Kontakt zu mir aufnehmen." (S. 29)
Der Autor Jürgen Vogel ist in "Bittersüße Wahrheiten" seiner Linie treu geblieben. Genau wie in den ersten beiden Bänden wählt er einen Schauplatz aus, den er mit großem Charme und sehr intensiv beschreibt. Der Leser fühlt sich in die Rolle des neugierigen Touristen versetzt, der mit den Protagonisten durch eine beeindruckende Stadt schlendert und dadurch das Flair dieser Stadt auf sich wirken lässt. In "Bittersüße Wahrheiten" ist es Köln. Und obwohl ich selbst schon häufig in Köln unterwegs war, habe ich mich von den Beschreibungen verzaubern lassen. Allein dieser Aspekt macht diesen Roman schon lesenswert.

Hinzu kommt das Wiedersehen Wiederlesen mit bekannten Charakteren, die einem schon in den ersten beiden Bänden ans Herz gewachsen sind. Allen voran natürlich David. Er und alle anderen zeichnen sich durch Tiefgründigkeit aus. Der Leser entwickelt sehr schnell große Sympathien für die Protagonisten.

Ein besonderes Charakteristikum der Trilogie ist die Sprache. Der Autor Jürgen Vogel hat einen ganz eigenen Sprachstil. Er wählt die Worte mit Bedacht, scheint lange an Sätzen zu feilen, bis er endlich zufrieden mit dem Ergebnis ist. Da wird kein Ausdruck leichtfertig verwendet, egal wie banal eine Situation auch sein mag. Auffällig ist seine Vorliebe für die indirekte Rede. Das nimmt manchmal das Tempo aus dem Lesefluss, weil man an vielen Sätzen hängen bleibt. Darauf muss man sich einlassen und diesen Stil als den von Jürgen Vogel akzeptieren.
"Da erzählte ich ihm von den zuvor geführten Telefonaten mit meinem Vater und Silvia. Ich sagte ihm, wie schwer er mir gefallen sei, meinen Vater nicht direkt auf die Verdächtigungen von Cassius anzusprechen. Ich berichtete ihm außerdem, dass ich glaubte, dass ...." (S. 51)
Fazit:
Der Roman "Bittersüße Wahrheiten" vereint den Zauber einer Stadt, sympathische und tiefgründige Charaktere sowie einen Sprachstil, den man fast schon als Jürgen Vogel-Stil bezeichnen kann. Ein schöner Abschluss einer Trilogie, der endlich des Rätsels Lösung präsentiert.

© Renie





Weitere Titel der Trilogie sind





Über den Autor:
Jürgen Vogel, geboren 1967 in Merzig, wuchs unter anderem in Spanien, Australien und Südostasien auf. Als aufmerksamer und sensibler Beobachter sammelte er im Laufe der Jahre zahlreiche Geschichten und Erfahrungen, die er heute mit seinen Lesern teilen möchte. Seit den 90er-Jahren lebt und arbeitet der Autor im Rheinland. (Quelle: tredition)

Sonntag, 9. Juli 2017

Gaye Boralioglu: Der Fall Ibrahim

Ausschnitt aus "Die sieben Todsünden" von Hieronymus Bosch (1450 - 1516)

Viele meiner Bekannten, Freunde und Nachbarn sind türkischer Abstammung. Der beste Freund meines 12-jährigen Sohnes kommt aus einer türkischen Familie. Ganz ehrlich: wenn die Türken, die ich kenne, auch nur einen Hauch der Mentalität zeigen würden, die die Charaktere in Gaye Boralioglus Roman "Der Fall Ibrahim" an den Tag legen, hätten ich und meine Familie nichts mit ihnen zu tun. Denn die türkische Autorin und Journalistin zeichnet ein derart erschreckendes Bild der türkischen Gesellschaft, auf das man als Leser nur mit Ablehnung reagieren kann. 

Der Roman "Der Fall Ibrahim" ist nach einer wahren Begebenheit entstanden und beschäftigt sich mit dem Geheimnis um das mysteriöse Verschwinden des jungen Türken Ibrahim.
"'Wenn ich nichts sage und die ganze Welt die Augen schließt, dann kann niemand, aber auch gar niemand auf der Welt wissen, ob es mich gibt oder nicht.'" (S. 61)

Eine Journalistin reist durch die Türkei und versucht der Spur von Ibrahim zu folgen. Sie beginnt ihre Recherche im Heimatort von Ibrahim. Hier wird zunächst die Familie befragt. Von da aus führt sie die Spur über mehrere Stationen bis hin nach Istanbul.
Der Roman ist eine Ansammlung von Interviews mit Menschen, die Ibrahim gekannt haben.  Die Interviews sind aufgenommen worden. In dem Roman werden lediglich die Antworten der Befragten wieder gegeben. Die Fragestellung ergibt sich für den Leser aus den jeweiligen Antworten der Protagonisten. Dabei fühlt sich der Leser in die Rolle eines Kameramannes versetzt. Man sieht förmlich, wie die Befragten sich drehen und winden, sich bei unangenehmen Fragen herausreden. Denn die Befragten haben alle eines gemeinsam: Sie sind nicht ganz aufrichtig, haben scheinbar viel zu verbergen. Mit jedem weiteren Zeugen entdeckt der Leser Widersprüche in den Aussagen.

Mit der Zeit eröffnet sich das ganze Ausmaß um die Tragödie des Lebens von Ibrahim, der scheinbar ein sehr sensibler und tiefsinniger Mensch ist, von Zweifeln geplagt und immer auf der Suche nach Antworten. Er stellt Fragen, die verstören können und die Weltanschauung seiner türkischen Mitmenschen in Frage stellt. Das kommt in der, von Männern dominierten türkischen Gesellschaft nicht gut an.
"Man konnte ihm nicht längere Zeit ins Gesicht schauen. Vielleicht wusste er das ja und hielt darum seine Augenlider halb geschlossen. Er war wie ein Engel. Genau wie ein Engel. Einem Engel können sie ja auch nicht länger in die Augen schauen, sonst kriegen sie Angst, werden vom Gefühl erfasst, es könnte ihnen etwas passieren. Sie zittern innerlich. So einer war er." (S. 90)
Was tatsächlich mit Ibrahim geschah, lässt dieser Roman offen, so dass der Leser das Buch mit einer Mischung aus Betroffenheit und Hoffnung beenden wird. 

Auffällig ist, wie ich bereits erwähnte, das Bild, das die Autorin von der Türkei transportiert. Am treffendsten lässt sich dieses Bild mit den "7 Todsünden" der katholischen Theologie beschreiben. Es mag merkwürdig erscheinen, ein Buch aus dem islamischen Kulturkreis mit einem Begriff der katholischen Kirche in Verbindung zu bringen. Aber ich konnte einfach nicht anders, da sich mir der Begriff der "7 Todsünden" zwischendurch immer wieder aufdrängte (auch, wenn ich nicht sehr gläubig bin) und nicht mehr aus dem Kopf ging. Die "7 Todsünden" sind: Hochmut, Geiz, Wollust, Jähzorn, Völlerei, Neid, Faulheit. Diese Eigenschaften finden sich in unterschiedlicher Ausprägung in den Charaktere dieses Romanes wieder. Gäbe es noch eine 8. Todsünde, wäre es wohl das bedingungslose Festhalten an dem türkischen Ehrbegriff. 

Der Islam wird in diesem Roman durch einen Scheich vertreten. Dieser berichtet von Ibrahim und den Eindruck, den er bei ihm hinterlassen hat. Er gibt eine detaillierte Zusammenfassung der Gespräche wieder, die zwischen den beiden stattgefunden haben. Dabei offenbart sich eine islamische Weltanschauung, die in Zeiten von IS und Terror einen empfindlichen Punkt beim Leser trifft.
"Was für ein Unterschied besteht zwischen dem Gedanken an ein vereintes Europa und Hitlers Traum von einem Groß-Deutschland? Der verfaulende Gestank des Westens ist bis hierher zu riechen. Ein schwerer, intensiver, säuerlicher Geruch, das bedauernswerte Ende einer großen Zivilisation, die im Todeskampf liegt." (S. 122)
Die Journalistin ist auf ihrer Reise durch die Türkei von einem armenischen Fotografen begleitet worden. Die eindrucksvollen Fotos, die dabei entstanden sind, finden sich in diesem Roman wieder. Die Schwarz-Weiß Fotos beschönigen nichts und dokumentieren die Fremdartigkeit. Sie vermitteln eine düstere und bedrohliche Stimmung. Es gibt kaum ein lachendes Gesicht, stattdessen Ernsthaftigkeit. Es werden Alltagsszenen gezeigt, die den Anschein vermitteln, dass die Fotografierten den Fotografen nicht wahrnehmen (wollen).

Fazit
"Der Fall Ibrahim" ist ein beeindruckendes Buch, das von der Spannung her mit jedem guten Thriller mithalten kann. Es liefert mit seiner Ansammlung von Interviews und den Schwarz-weiß Fotografien leider ein sehr düsteres Bild der türkischen Gesellschaft. 
Der Roman macht fassungslos und zeigt, wie fremd die Türkei uns Europäern ist. Aber eines ist klar. Die von Männern dominierte Gesellschaft, geprägt von Gewalt und Missbrauch, hat herzlich wenig mit den türkischstämmigen Menschen zu tun, die in Deutschand leben. Und das ist gut so.

Leseempfehlung!

© Renie




Über die Autorin:
Gaye Boralıoğlu, 1963 in Istanbul geboren, studierte Philosophie und arbeitete lange Zeit als Journalistin, Werbetexterin und Drehbuchautorin. Unter dem Titel »Hepsi Hikâye« erschien 2001 ihr erster Erzählband gefolgt von ihrem Romandebüt »Meçhul« (2004). Für ihren 2009 veröffentlichten Roman »Aksak Ritim« wurde sie mit dem Literaturpreis Notre Dame de Sion ausgezeichnet, 2013 erschien das Werk unter dem Titel »Der hinkende Rhythmus« im binooki Verlag auf Deutsch. Für den Band »Mübarek Kadınlar« erhielt sie 2015 den Yunus Nadi Preis für Kurzgeschichten, der Band erschien auf Deutsch unter dem Titel »Die Frauen von Istanbul« (Größenwahn Verlag, 2015)

Freitag, 30. Juni 2017

Stephanie Danler: Sweetbitter

"Sweetbitter" von Stephanie Danler ist ein Roman über das Genießen und über das Leben in einer Parallelwelt, welche zwar dicht dran am Alltag von uns Normalos, aber trotzdem fremd und einzigartig ist: die Gastronomie und der Arbeitsalltag in einem "Tempel des Genusses". 
Gleich vorweg: da ich selbst einige Jahre in ähnlicher Position wie die Hauptprotagonistin gearbeitet habe, führt mich Stephanie Danler zurück in meine Vergangenheit. Es ist zwar schon Urzeiten her, aber ich erinnere mich noch daran, als wäre es gestern gewesen. Daher habe ich dieses Buch sozusagen als kritischer Insider gelesen und hatte dadurch so manches Déjavu.

Das erwartet den Leser in diesem Roman:
Tess, ein Mädchen vom amerikanischen Lande, zieht es in die Großstadt. New York ist das Ziel. Hier begibt sie sich auf Jobsuche und landet als Hilfskellerin in einem Nobelrestaurant. Von jetzt an bestimmt die Arbeit ihr Leben. Sie versucht, sich in der Maschinerie des Restaurants zurechtzufinden, zahlt natürlich gerade in der Anfangszeit "Lehrgeld". Doch mit der Zeit wird sie immer sicherer. Die Arbeit fängt an, ihr Spaß zu machen. 
Innerhalb einer Restaurant-Crew gibt es strenge Hierarchien, die notwendig sind, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Es gibt "Despoten" innerhalb dieser Hierarchien, die ihre Tätigkeit als "uneingeschränkte Herrschaft" verstehen (allen voran der Chefkoch) und dementsprechend launisch und aufbrausend mit ihren untergeordneten Mitarbeitern umgehen. Doch dieses Verhalten scheint zu einem Restaurant dazuzugehören. Zumindest nimmt niemand daran Anstoß.
"' ... - alle scheinen im Restaurant geboren und aufgewachsen zu sein. ...'" (S. 95)
Schnell hat Tess gelernt, dass sie und ihre Kollegen sich in einer eigenen Welt befinden, die herzlich wenig mit dem Alltag außerhalb zutun hat. Hier wird die Nacht zum Tag gemacht. Nach Dienstschluss zieht die Crew erst einmal durch die Nachtwelt, wobei der Trip seinen Anfang immer an der Bar des Restaurants nimmt. Die Mitarbeiter beginnen mit einem Feierabend-Drink. Im Laufe der Nacht werden sie sich zudröhnen - mit Alkohol und anderen Drogen. Am nächsten Tag werden sie ihren Rausch ausschlafen, denn am Abend werden sie wieder fit für die Arbeit im Restaurant sein müssen.
Quelle: aufbau

Nur die wenigsten von Tess' Kollegen haben ein Privatleben. Mit der Zeit lernt Tess ihre Kollegen besser kennen. Anfangs als die Neue beäugt, wird sie schnell in die Gemeinschaft integriert. Kaum einer der Restaurantmitarbeiter macht seinen Job aus Berufung. In erster Linie geht es um's Geld verdienen, mit dem Ziel, der Verwirklichung eines persönlichen Traumes näher zu kommen.
"Bei Geschmack, sagte Chef, geht es immer um Ausgewogenheit. Das Saure, das Salzige, das Süße, das Bittere. ... Ein Zeugnis von Geschmack, ein eindeutiger Hinweis darauf, wie du der Welt begegnest, ist die Fähigkeit, das Bittere zu schätzen, ja, danach ebenso zu gieren wie nach dem Süßen." (S. 25)
Der Roman ist in 4 Abschnitte unterteilt - Sommer, Herbst, Winter, Frühling - und schildert somit ein Jahr als Restaurantmitarbeiterin. Die Handlung setzt im Sommer ein, als Tess von der Provinz nach New York kommt. Die Entwicklung, die Tess im Verlauf dieses Jahres von der schüchternen Landpomeranze bis hin zur selbstbewussten New Yorkerin macht, ist dabei bemerkenswert. 

Merkwürdigerweise nehmen die Jahreszeiten keinen Einfluss auf den Tagesablauf der Restaurant-Crew. Einzig, was die Beschreibungen der Speisen und Getränke angeht, die in diesem Roman sehr viel Raum bekommen, wird man einen saisonalen Unterschied feststellen. Als Leser sollte man sich darauf gefasst machen, Appetit zu bekommen. Denn Essen und Trinken werden in einer Bildhaftigkeit geschildert, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.
" ... Oregano aus Mexiko, der verbrannt aussieht und dessen Duft so betörend ist wie der von Marihuana. Große Dosen hinter den riesigen Olivenöl-Behältern - darin versteckt Chef seinen persönlichen Vorrat an Anchovis aus Katalonien. Kisten gefüllt mit grasigem Sencha und winzigen, von Stein gemahlenen Matcha-Kugeln. Gefrierbeutel mit Maseca. In einigen Spinden findet sich Sriracha-Sauce. Diverse Flaschen billiger Whiskey, versteckt zwischen Mehl und Zucker. Schokoladenriegel in den Manager-Büros, zwischen den Büchern im Regal." (S. 107)
Leider hat dieser Roman nicht viel an Handlung zu bieten. Die Geschichte konzentriert sich auf das Restaurantleben, was für mich als Insiderin eine gern unternommene Reise in die Vergangenheit war.

Auch wenn der Restaurantalltag und das Miteinander der Kollegen sehr authentisch geschildert ist, bin ich mir nicht sicher, ob dies ausreicht, um andere Leser begeistern zu können. Die Autorin, die übrigens ebenfalls in einem Restaurant gearbeitet hat, schmückt die Handlung ein wenig aus, indem sie Tess eine Liebesgeschichte zuschreibt. Doch diese Liebesgeschichte nimmt in diesem Roman nicht viel Raum ein und geht in der Schilderung der Tagesabläufe und der Arbeit in einem Restaurant leider unter.

Ich kann diesen Roman Lesern empfehlen, die Freude am Genuss von gutem Essen und Trinken haben. Denn hier werden sie voll auf ihre Kosten kommen. Vielleicht gibt es auch Leser, die "Restaurant-Luft" schnuppern wollen und sich für die Parallelwelt eines "Tempel des Genusses" interessieren. Dann sind auch sie mit diesem Roman bestens bedient. Denn die Authentizität dieses Romanes garantiert einen realitätsnahen Einblick.

© Renie




Über die Autorin:
Stephanie Danler fing im Alter von 15 Jahren an, in Restaurants zu arbeiten. Als sie 2006 nach New York kam, um dort kreatives Schreiben zu studieren, begann sie im edlen Union Square Café zu kellnern. Sie verliebte sie sich in die Arbeit, das Essen, die Leute und die Stadt. Inspiriert durch ihre Erfahrungen aus dieser Zeit, schrieb sie ihr Debüt „Sweetbitter“. Stephanie Danler lebt in Brooklyn, New York. Mehr Informationen zur Autorin unter www.stephaniedanler.com (Quelle: aufbau)

Dienstag, 27. Juni 2017

Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand

Quelle: Pixabay / curiousgeorge77
Die Legende um van Goghs linkes Ohr regt seit jeher die Phantasien an. Wahr ist, dass sein linkes Ohr abgeschnitten wurde. Nur von wem? Einige behaupten, dass sein Kumpel Gauguin das Messer geführt hat.  Gerne wird aber auch angenommen, dass Vincent sein Ohr in einem Anflug von geistiger Umnachtung selbst abgesäbelt hat. Letztere Theorie passt natürlich ganz hervorragend zu van Goghs wahnsinnigem Genie.

Octave Mirbeau, der van Gogh persönlich gekannt hat, erzählt in seinem Roman "Diese verdammte Hand" von einem Maler, der große Ähnlichkeit mit dem berühmten Künstler hat. Wie van Gogh kommt dieser gewaltsam zu Tode. Nur, dass bei ihm am Ende beide Ohren dran bleiben.

In diesem Roman gibt es - man glaubt es kaum - 3 Ich-Erzähler. Zunächst erfährt der Leser von einer anonymen Person, dass diese auf dem Weg zu einem früheren Freund ist: Georges, den er vor einigen Jahren kennengelernt, dann wieder aus den Augen verloren und nun von ihm einen Brief erhalten hat, der einem Hilfeschrei ähnelt. Denn Georges lebt in Abgeschiedenheit auf einer einsamen Bergspitze. Die Einsamkeit bekommt Georges nicht und schlägt ihm auf's Gemüt. Der anonyme Ich-Erzähler verbringt eine Nacht bei seinem Freund. George's Geisteszustand ähnelt dem eines Wahnsinnigen. Wie George an diesen trostlosen Ort gekommen ist, erfährt man durch dessen Aufzeichnungen, die er dem Freund zur Verfügung stellt.

"'... Dort oben ersticke ich, bin ich wie gelähmt, auf dem Kopf spüre ich die Bürde eines ganzen Berges lasten ... Es ist der Himmel, so schwer, so bleischwer! Und dann diese Wolken ... Du hast sie also noch nicht gesehen, diese Wolken? Sie sind leichenblaß, fratzenhaft verzerrt wie das Fieber ... wie der Tod!'" (S. 12)
Von diesem Moment an kommt der 2. Ich-Erzähler auf einer weiteren Handlungsebene ins Spiel: Georges, der in seinen Aufzeichnungen von seiner Kindheit erzählt, und wie er zu dem Menschen geworden ist, der er heute ist. Aufgewachsen in einem strengen Elternhaus, war es für ihn unmöglich, den Ansprüchen seiner Eltern gerecht zu werden. Auf Georges Misserfolge reagierte die Familie mit resigniertem Spott. Seine Familie hat wirklich alles dazu beigetragen, um aus ihn einen Verlierertypen zu machen. Nach dem Tod seiner Eltern, lernte Georges den jungen Maler Lucien kennen. Lucien war ein Besessener, nie zufrieden mit seiner Malerei und ständig auf der Suche nach dem ultimativen Pinselstrich. Mit Hilfe des charismatischen Lucien lernt Georges erstmalig zu leben und auf eigenen Beinen zu stehen. Die Beiden gehen nach Paris, wohnen im selben Mietshaus. Hier widmet sich Georges der Schriftstellerei, macht erste Erfahrungen in Liebesdingen und ist Lucien ein treuer Freund. Lucien verliert sich immer mehr in seiner Besessenheit. Besessenheit wird zum Wahnsinn, das Ende ist katastrophal.

Georges Tagebuch enthält Briefe von Lucien, die dieser ihm geschrieben hat, und der zum 3. Ich-Erzähler wird. Diese Briefe verdeutlichen, dass er an der Unfähigkeit seinen eigenen künstlerischen Ansprüchen gerecht zu werden, verzweifelte.
Kunst bedeutete für ihn "jenes auszudrücken, was man mit eigenen Augen gesehen hat, mit seinen Sinnen gespürt, mit seinem Hirn verstanden ..." (hat) (S. 87) Seine vermeintliche Unfähigkeit, seine Eindrücke und Sinneswahrnehmungen künstlerisch wiederzugeben, stürzten ihn am Ende in den Wahnsinn.
"Ich wollte durch eine Verbindung von Linien und Formen all das ausdrücken, was ein Blinder sehen kann, verstehst Du, all das, was eine Stumme sagen kann, feinsinnig werden. Nun ... es ist nichts dabei herausgekommen! Nichts! Meine Hand hat sich geweigert, das zu malen, was ich empfand, was ich im Innern verstand, all die Gefühle, die meine Seele erfüllten, vor diesem firmamentalen Blick und diesem astralischen Mund." (S. 133)
Die Stimmung in diesem Roman ist geprägt von Melancholie. Der anfangs gewählte geheimnisvolle Schauplatz (Bergspitze) und der Sprachstil von Octave Mirbeau vermitteln eine spürbare Schwermut sowie Verzweiflung und faszinieren den Leser ähnlich wie die Werke eines Edgar Allan Poe.
Dieser Roman wird dadurch zu einem bedrückenden Leseerlebnis, von dem man jedoch nicht lassen möchte. Denn die Figuren, die hier agieren, strahlen eine Leidenschaft aus, die den Leser mitreißt. Somit wird aus diesem Klassiker, das dieses Buch nun mal ist, ein "Wahnsinnsbuch" im doppelten Sinn des Wortes ;-)

© Renie




Über den Autor:
Octave Mirbeau (1848-1917) war Journalist, Kunstkritiker, Dramatiker und Romanautor. Im Weidle Verlag erschien 2013 in der Übertragung von Wieland Grommes Mirbeaus Reisebuch 628-E8, das von der Stiftung Buchkunst als eines der »Schönsten deutschen Bücher« ausgezeichnet wurde.
Diese verdammte Hand (im franz. Original: Dans le ciel) wurde zwischen 1892 und 1893 in der Zeitung »L'Echo de Paris« als Fortsetzungsroman veröffentlicht.
Der 16. Februar 2017 ist Octave Mirbeaus 100. Todestag (Quelle: Weidle)

Freitag, 23. Juni 2017

Friedrich Torberg: ... und glauben, es wäre die Liebe

Quelle: pixabay / Ben_Kerckx
Friedrich Torbergs Tagebuchroman "... und glauben, es wäre die Liebe" ist das Porträt einer Generation in den 30er Jahren in Deutschland. Seine Protagonisten sind allesamt junge Erwachsene, Anfang bis Mitte 20. Sie entstammen dem gehobenen Bürgertum, befinden sich am Anfang ihres Berufslebens oder im Studium. Die Clique, von der Torberg erzählt besteht aus 5 Männern und 3 Frauen. Sind sie befreundet? Teilweise sind sie es, teilweise auch nicht. Eher sind die 8 Personen Gesinnungsgenossen im Kampf gegen die Langeweile. Daher treffen sie sich zum "Mokkakränzchen" - wie sie ihre Zusammenkünfte liebevoll nennen - in Cafés und Bars, auch gerne im Strandbad. Sie geben sich dem Anschein eines intellektuellen Daseins hin. Ihre Treffen sind jedoch von Oberflächlichkeit geprägt. Das bestimmende Thema in dieser Gemeinschaft ist die Liebe. Denn da, wo Männlein und Weiblein in diesem Alter aufeinandertreffen, fangen die Hormone an zu rotieren. Jeder der 8 Protagonisten führt Tagebuch und gewährt somit einen tiefen Einblick in sein Seelenleben. In wechselnder Folge erfährt der Leser auf diese sehr persönliche Weise, wie unterschiedlich jeder der 8 die Liebe empfindet.
Hans liebt Hilde, Peter liebt Hilde und dann Ruth, Viktor und Walter lieben Tanja, Hilde liebt Peter .... so lassen sich die Liebeleien beliebig fortsetzen, zumindest einen Sommer lang. Denn in diesem Sommer sind die Gefühle der Protagonisten einem ständigen Wandel unterworfen.
"Und deshalb meine ich, daß - wenn nur die geringsten inneren Voraussetzungen vorhanden sind - gerade in unserer Zeit nichts leichter entstehen kann als eine unglückliche Liebe, und daß die Beziehung der Geschlechter (oder sollte man Beziehungslosigkeit sagen?) ein Katastrophenboden ist wie eh und je, bloß nach anderen Systemen gedüngt. Besonderer Glücksfall, wenn Einer, der lieben möchte, auf Eine stößt, die wenigstens nichts dagegen hat, und umgekehrt." (S. 33)
Ich gebe zu, dass dieses ständige Liebesgeplänkel, welches mich anfangs amüsiert hat, zum Ende seinen Reiz verloren hat. Ich habe mich für dieses Buch entschieden, weil ich mir einen Einblick in die Denkweise einer Generation in einer Zeit erwünscht habe, in der sich Deutschland im Umbruch befand.

Mich interessiert, welchen Einfluss die damalige Zeit auf die Denkweise der jungen Leute hatte. In den 30er Jahren war politisch viel los in Deutschland. Die NSDAP, mit ihrer verstörenden Rassenpolitik, hatte damals ihre Anfänge. Unser Land litt unter einer sehr hohen Arbeitslosigkeit, die damals andauernde Weltwirtschaftskrise hatte ihre Spuren in Deutschland hinterlassen. Doch davon ist den 8 Protagonisten in diesem Roman nichts anzumerken, was meines Erachtens auf deren Herkunft zurückzuführen ist, die ihnen ein einigermaßen sorgenfreies Leben ermöglichte. Fast scheint es, als ob die damaligen unruhigen Zeiten spurlos an den Charakteren vorbeizogen und sie tatsächlich mit nichts anderem beschäftigt waren als mit der Liebe.

Die Werke des Schriftstellers und Journalisten Friedrich Torberg sind nach 1933 von den Nationalsozialisten verboten worden. Zudem wurde er aufgrund seiner jüdischen Abstammung zur Persona non grata erklärt. Insofern wundert es mich noch mehr, dass er in seinem Roman keinerlei Bezug zur politischen Situation in Deutschland hergestellt hat. Das hätte ich von einem Journalisten, bei dem man aufgrund seines Berufes ein gewisses Interesse am öffentlichen Leben voraussetzt, doch erwartet.
"Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll und wohin mit mir und warum ich es überhaupt dazu kommen ließ, ich will doch schon die längste Zeit nicht mehr, aber ich werde eben immer wieder schwach, und eine Niederlage, die nicht notwendig gewesen wäre, ist doppelt arg." (S. 123)
Der Sprachstil in diesem Roman macht es dem Leser nicht einfach. Torberg schien ein Freund verschachtelter Sätze zu sein. Denn die findet man zuhauf in diesem Roman. Für dieses Buch sollte man sich daher Zeit und Ruhe nehmen, sonst verliert man sich in den Schachtelsätzen des Autors. 

Fazit
Es ist mir ein Rätsel, wie ein journalistisch geprägter Schriftsteller wie Torberg ein derart unpolitisches Buch schreiben konnte. Der Zeitgeist der 30er Jahre kommt meines Erachtens in diesem Roman nicht durch. Das ist schade. Friedrich Torberg hatte Anfang der 30er Jahre mit seinem Erstlingswerk "Schüler Gerber", in dem er das damalige Schulsystem anprangert, großen Erfolg. Mit " ... und glauben, es wäre die Liebe" wollte er wohl an seinen Erfolg anknüpfen. Ich vermute, dass ihm dies nicht gelungen ist.

© Renie



Über den Autor:
Friedrich Torberg (1908–1979) Erzähler, Essayist, Kritiker und Übersetzer. Bis 1938 als Publizist und Theaterkritiker in Prag und Wien tätig, dann Flucht über die Schweiz nach Frankreich und 1940 in die USA, wo er als Drehbuchautor in Hollywood und New York lebte. 1951 Rückkehr nach Wien; 1954 Mitbegründer und bis 1965 Herausgeber der Monatsschrift Forum, Herausgeber der Werke von F. von Herzmanovsky-Orlando. Torbergs Bekanntheit gründet sich vor allem auf den Roman Der Schüler Gerber hat absolviert und die beiden Erzählbände um die Tante Jolesch. Bei Milena erschienen bisher: Auch das war Wien und Hier bin ich, mein Vater. Dieser, Torbergs zweiter Roman, wurde mit dem Julius-Reich-Preis ausgezeichnet. (Quelle: Milena)